Vielleicht habe ich nicht die Menschen vermisst, sondern die Kunst – und mich selbst.
Von einem Loch im Herzen zu einem Herzen, das überfliesst
28. September 2026

Am Donnerstag schrieb ich meinem besten Freund eine Frage, die mich selbst überraschte: Habe ich vielleicht die ganze Zeit, wenn ich dachte, ich vermisse Menschen, eigentlich die Kunst vermisst?
Ich hatte oft das Bild von einem Schwan an Land in mir. Besonders dann, wenn ich mich in schicke Kleidung quälte, ins sterile Büro fuhr und in langweiligen Nonsense-Meetings sass. «Was mache ich nur hier?», fragte ich mich. Ich frage mich heute immer öfter, was ich überhaupt in der Wirtschaft wollte. Ich konnte dort mein Potenzial nicht entfalten. Die Wirtschaft erlebe ich bis heute vielerorts als trennend, geprägt von separatistischem Denken. Damit passten Innen und Aussen zusammen: Das trennende Denken um mich herum traf auf mein altes Gefühl, kein Recht auf Zugehörigkeit zu haben.
Natürlich kann man sich auch in der Wirtschaft künstlerisch ausdrücken. Für mich gelang das im Angestelltenverhältnis nicht. Was für ein Trick von mir, dann wenigstens ins Marketing zu gehen! Aber auch dort erlebte ich immer mehr Berechnung und immer weniger Kunst. Umso schöner finde ich, dass sich viele Menschen auf den Weg machen, um genau das zu ändern.
Heute würde ich sagen: Ich war eine Verdurstende in der Wüste. Ich hatte zwar die Kunst vermisst. Vor allem aber hatte ich vermisst, mich selbst künstlerisch auszudrücken.
Sogar meine Ex-Freundin schrieb mir vor Kurzem in einer Mail: «Freut mich sehr, dass du für dich immer mehr Klarheit finden konntest und deinem Potenzial weitergehst und der Künstlerin in dir noch mehr Raum gibst (weil gegeben hat es die schon immer)». Ich musste lachen. Offenbar wussten es alle ausser mir, dass die Künstlerin längst da war.
Dabei sass mein Vorbild sogar zu Hause: Meine Mum ist Künstlerin und malt wunderschöne Aquarellbilder. Sie hat uns früh gefördert. Schon als Kinder haben wir Radierungen gemacht und waren immer mit dabei, wenn sie einen VHS-Kurs machte. Die Kunst war also nicht nur um mich herum, ich durfte sie selbst ausprobieren. Eigentlich verrückt, dass ich mich später trotzdem so lange nicht getraut habe, meiner eigenen künstlerischen Stimme Raum zu geben.
Schon länger fühlte es sich an, als wäre ein Loch in meinem Herzen. Ich wusste, dass ich auch mich selbst vermisste. Seit mehreren Jahren arbeite ich daran, mich zu finden und bei mir anzukommen. Und trotzdem blieb da dieses Rätsel: Warum gelang es mir nicht, wirklich in mir anzukommen? Was hielt mich zurück?
Am Freitag habe ich als Klientin eine Aufstellung gemacht. Stellvertretend standen dort «Ich bin autonom», «Ich bin persönlich», «Schuld» und «Ich habe ein Recht auf Leben». Diese Aufstellung war für mich sehr, sehr wichtig. Die Stellvertretenden hatten so schöne innere Bilder. «Ich bin persönlich» sagte: «Alle wollen auf die Party, aber ich kann auch im Tempel sein.»
Dieses Bild ist so stimmig für mich. Ich bin gerne unter Menschen, feiere und verbinde mich. Und dann tauche ich wieder tief, sinke in mich hinein und forsche in meinen eigenen Meeren. Beides gehört zu mir.
In der Aufstellung zeigte sich auch, dass das Kreative, das Schöpferische für mich bisher mit Schuld verbunden war.
Denn wenn ich etwas erschaffe, zeige ich mich. Ich gebe etwas von mir nach aussen, drücke aus, was in mir ist. Und Kunst kann irritieren. Sie kann Fragen stellen, etwas berühren, auch unangenehm werden. Mein Ausdruck bleibt nicht bei mir. Er berührt andere Menschen und kann etwas in ihnen auslösen.
Gerade darin liegt jetzt aber auch etwas Schönes für mich: Wenn ich mich über die Kunst ausdrücke und damit in die Welt gehe, bin ich in Beziehung. Ich muss mit allem, was in mir ist, nicht mehr isoliert bleiben. Mein Ausdruck kann eine Verbindung schaffen.
In der Aufstellung hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, einen Schlüssel zu diesem Rätsel gefunden zu haben. Dass ich mich selbst vermisste, wusste ich längst. Neu war die Ahnung, weshalb ich mich vielleicht bisher nicht getraut habe, ganz bei mir anzukommen: Mein eigener schöpferischer Ausdruck war mit Schuld verbunden. Bei mir anzukommen könnte auch bedeuten, mich zu zeigen, mit allem, was durch mich in die Welt will.
Genau das wird in meinem Studium gerade gefördert. Ich bekomme Raum, das nachzuholen, was ich mir lange nicht erlaubt habe: mich mit meinem eigenen Ausdruck auszuprobieren. Und gleich werde ich wieder an der Stickmaschine sitzen und schauen, was durch meine Hände entsteht.
In der Aufstellung zeigte sich für mich noch etwas: In vielen alten Leben wurde es zum Problem, wie ich bin und was ich in anderen auslöste. Irgendwann wusste ich selbst gar nicht mehr, was ich bin. Vielleicht erklärt das ein Stück weit, warum ich mich so lange gesucht und mich gleichzeitig davor gefürchtet habe, mich wirklich zu finden.
Der Schwan an Land. Das Gefühl, nicht dazuzugehören. Die Angst, mit meinem Ausdruck etwas auszulösen. Und gleichzeitig dieser Wunsch, endlich ganz ich selbst zu sein. Gerade fügen sich diese Teile für mich wie ein Puzzle zusammen.
Und dann schaue ich auf das, was trotzdem entstanden ist. Ich habe ein Buch geschrieben, das diese Woche in den Druck geht. Ich habe diesen Blog begonnen. Ich habe geschrieben und mich gezeigt, während in jeder Zelle meines Körpers noch die Angst sass, dass jemand all das sehen könnte. Was für ein Wunder, dass ich es trotzdem getan habe.
Aufstellungsarbeit ist für mich auch Kunst. Und ich spüre, dass ich endlich bereit bin, selbst aufzustellen. Da ist so viel mehr in mir, das Ausdruck finden möchte: mein Astrologie-Spiel, das Lehren der Astrologie, astrologische Geschichten und vier weitere Bücher, die ich bereits begonnen habe. Bisher war damit auch der Wunsch nach Bestätigung im Aussen verbunden. Jetzt fühlt es sich anders an. Ich möchte diesen Reichtum in mir nicht länger zurückhalten. Ich möchte ihm Ausdruck geben, weil er Ausdruck finden will. Weil ich mich darin selbst erfahre.
Seit Freitag fühle ich mich so leicht wie noch nie in meinem Leben. Alles sieht tatsächlich bunter aus. Schärfer. Ich schaue mich um und mein Herz fliesst fast über, weil es so schön ist hier auf der Erde. Weil Menschen so schön sind. Aus dem Gefühl eines Lochs im Herzen ist gerade ein Herz geworden, das überfliesst.
Ich denke an Florence + The Machine und «Spectrum»: «And every colour illuminates». Genau so fühlt es sich gerade an, als hätte jemand das ganze Farbspektrum hereingelassen. Und mit den Farben kommt auch der Mut, mich nicht mehr vor meinem eigenen Ausdruck zu verstecken.
Und das, obwohl gestern Abend noch ein Brief vom Amt kam: Mein Antrag auf ein Stipendium wurde abgelehnt. Die Frage, wie es finanziell weitergeht, ist real. Doch während ich das schreibe, sind auch die Farben noch da. Ich bin noch da.
Ich weiss nicht, wie sich dieses Gefühl weiterentwickeln wird. Gerade möchte ich es nicht festhalten oder erklären müssen. Ich möchte schreiben, Geschichten erzählen, aufstellen, lehren, spielen und schauen, was dadurch entsteht. Zur Party gehen, im Tempel sein und wieder in meine eigenen Meere tauchen. Mich in all dem immer tiefer erfahren.
Ich bin hier. Ich habe ein Recht auf Leben. Und ich darf mich ausdrücken.
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