Nach der Aufstellung: Wenn das Heilwerden wehtut, der Boden schwankt und die eigene Sprache erst wieder Raum braucht.

Nach der Aufstellung: Wenn das Heilwerden wehtut und der Boden schwankt

1. Oktober 2026

Nach der Aufstellung: Wenn das Heilwerden wehtut und der Boden schwankt

„Nach der Aufstellung ist doch alles geheilt, oder? Dann geht es dir doch jetzt gut?“

Diese Vorstellung begegnet mir immer wieder, wenn es um emotionale Arbeit geht. Aber meine Realität sieht heute anders aus. Heute tut es weh. Verdammt weh. Weil ich zum ersten Mal wirklich zulasse, etwas zu fühlen, das sich am Freitag in der Aufstellung gezeigt hat.

Die Erlaubnis beim morgendlichen Kaffee

Beim Kaffee mit meiner Freundin hatte ich eine Erkenntnis. Erst im Gespräch wurde mir klar: Es ist okay, wenn ich Angst habe. Wenn mir Vertrauen fehlt, darf ich auf mich hören und mich aus einer Verbindung zurückziehen.

Das habe ich mir bisher nicht erlaubt. Ich habe mir kaum zugestanden, überhaupt zu fühlen, dass ich Angst vor Menschen habe. Dass ich ihnen manchmal nicht vertraue und mich deshalb nicht zeige.

Dabei habe ich es sogar als Szene in mein Buch geschrieben: Suna versteht das Meer, aber die Menschen oft nicht.

Suna versteht das Meer, aber die Menschen oft nicht

Tja. Manchmal schreibe ich etwas auf, bevor ich begreife, wie viel es mit mir selbst zu tun hat.

Wie vor 15 Jahren im Bus

Später sitze ich im Bus auf dem Weg zur Uni und fühle mich plötzlich wie vor 15 Jahren. Damals bekam ich die Diagnose soziale Phobie. Ich traute mich zeitweise nicht mehr, in einen Bus einzusteigen, aus Panik davor, was die anderen über mich denken könnten. Ich bekam Tabletten und ging in Gesprächstherapie.

Diagnosen sind für mich ein schmaler Grat. Auf der einen Seite können sie helfen, etwas einzuordnen und sich selbst besser zu verstehen. Auf der anderen Seite können sie zu einer Schublade werden.

Auch die spirituelle Bezeichnung „Kristallkind“ hat mir eine Sprache für manches gegeben, das ich an mir erlebe. Natürlich ist das keine medizinische Diagnose. Aber auch so ein Begriff kann irgendwann wieder eng werden. Ich möchte mich verstehen, ohne mich gleich auf eine Erklärung festzulegen.

Mir scheint einfach, dass ich vieles anders erlebe als manche Menschen um mich herum. Ohne daraus jetzt wieder etwas Besonderes machen zu wollen.

Die Tabletten und die Gesprächstherapie haben mir damals aus meiner Sicht wenig geholfen. Unter den Medikamenten fühlte ich mich von meinen Gefühlen abgeschnitten. In der Therapie versuchten wir, über den Verstand und meine Kindheit zu erörtern, woher meine Angst kam. Vieles von dem, was mich innerlich beschäftigte, fand darin keinen Platz.

Das Bild, mich selbst verloren zu haben

In der Aufstellung am Freitag tauchten Bilder auf, die ich mit früheren Leben verbinde. Für mich erzählten sie davon, wie schmerzhaft es sein kann, andere Menschen zu irritieren. So schmerzhaft, dass ich irgendwann anfange, so zu sein, wie die anderen es für richtig halten.

Bis ich selbst nicht mehr weiss, wer ich eigentlich bin.

Das Merkwürdige war: In der Aufstellung hatte ich zunächst GAR KEIN Problem mit mir und meinem Weltbild. Ich war einfach da. Irgendwann kippte es, und die Reaktionen der anderen bekamen mehr Gewicht als mein eigenes Gefühl für mich.

Dieses Bild beschäftigt mich. Es berührt etwas, das ich auch aus meinem heutigen Leben kenne: mich anzupassen, um Verbindung nicht zu verlieren.

Ich weiss schon lange, dass ich viele Dinge anders sehe als andere, gerade wenn es um Täter und Opfer geht. Wie sehr das auch meine Art betrifft, Verbindung und Kommunikation zu erleben, wird mir aber erst nach und nach bewusst.

Manchmal fühle ich mich Menschen sehr verbunden, obwohl wir im Alltag kaum etwas miteinander teilen. Für dieses innere, schwer in Worte zu fassende Erleben benutze ich den Begriff „5D“. Das alltägliche Miteinander ist dann meine „3D“. So versuche ich, etwas zu beschreiben, wofür mir sonst die Wörter fehlen.

In meinem inneren Erleben gibt es keine Zeit. Ich erlebe alles gleichzeitig. Was ich als andere Leben oder Dimensionen verstehe, fühlt sich für mich gegenwärtig an.

Deshalb entsteht für mich manchmal Verwirrung, wenn ich Menschen begegne, zu denen ich innerlich ein anderes Verhältnis erlebe als in unserem tatsächlichen Alltag. Es fühlt sich an, als würde ich ihnen parallel in einer anderen Dimension begegnen und dort vielleicht eine andere Beziehung zu ihnen haben.

Seit der Arbeit in Eisenbuch lasse ich Stück für Stück mehr von diesen inneren Erfahrungen zu. Und ich bin dankbar für die Handvoll Menschen, bei denen ich mich damit zeigen kann: meine Partnerin, meine zwei besten Freunde und die Menschen an dem Ort in Linden, an dem ich mich angenommen fühle.

Wenn der Boden schwankt

Geht es mir deshalb jetzt wunderbar?

Nein.

Ein Teil von mir möchte das „Erstverschlimmerung“ nennen. Sicher weiss ich zunächst nur: Heute bin ich sehr verunsichert. Teilweise fühlt sich mein Misstrauen wie Paranoia an. Meine Gedanken erzählen mir Dinge, die mir Angst machen, und ich kann gerade nicht immer sicher unterscheiden, was ich wahrnehme, was ich befürchte und was ich hineininterpretiere.

Das fühlt sich schlimm an.

Ich versuche, mich zu beruhigen. Mir zu sagen, dass ich heute nicht alles klären muss. Dass manche Dinge, an denen ich mich bisher orientiert habe, vielleicht neu betrachtet werden dürfen.

Trotzdem: Ich bin Fische. In meiner Sprache heisst das, dass sehr viel über Wahrnehmung läuft. Wenn ich meinem eigenen Erleben nicht mehr sicher vertrauen kann, wackelt mein Fundament. Dann fehlt mir der Anschluss an mich selbst.

Und dann wird’s übel.

Vielleicht beginnt Fürsorge heute damit, mir einzustehen, wie sehr mich das belastet, und Unterstützung zuzulassen. Ich muss da nicht allein durch.

Ich darf gehen und wiederkommen

Die Erkenntnis vom morgendlichen Kaffee bekommt dadurch noch einmal mehr Bedeutung: Wenn mir Vertrauen fehlt, darf ich auf mich hören und mich aus einer Verbindung zurückziehen.

Und ich wünsche mir, darauf vertrauen zu können, dass ich wiederkommen darf. Dass der andere mich dann nimmt, wie ich bin, und mir nicht die Tür vor der Nase zuschlägt.

Natürlich ist das in der Realität nicht auszuschliessen. Ich habe durchaus schon erlebt, dass die Tür dann zu war. Meine Angst hat also auch mit Erfahrungen zu tun, die ich tatsächlich gemacht habe.

Jetzt schliesst sich für mich ein Kreis zu einer anderen Aufstellung. Dort habe ich mich nicht getraut, zu einem Zeitpunkt von meiner Mama wegzugehen, der sich für mich sinnvoll angefühlt hat. Mir fehlte das Vertrauen, dass ich jederzeit auch einfach wiederkommen darf.

Gehen dürfen, wenn es für mich stimmt. Und wissen, dass ich damit meinen Platz nicht verliere.

Ich merke, wie sehr ich mir das wünsche. Und wie schwer es mir fällt, meinem Bedürfnis nach Abstand zu folgen, wenn ich nicht weiss, ob die Verbindung das aushält.

In der Aufstellung am Freitag gab es auch das Bild einer Prostituierten. Dieses innere Bild ist mir schon früher auf meinem Schattenweg begegnet. Lange habe ich nach einer Erklärung dafür gesucht.

Heute verbinde ich es damit, wie oft ich mich anderen zur Verfügung gestellt habe. Als Dienstleisterin für ihre Entwicklungsschritte. Als Projektionsfläche, an der sie sich abarbeiten konnten.

Als hätte ich kein Recht auf ein eigenes Leben.

Das zu erkennen tut weh. Ich wünsche mir Beziehungen, in denen auch meine Grenzen und mein Rückzug Platz haben. Und ich möchte mir erlauben, auf mich zu hören, auch wenn ich nicht sicher wissen kann, wie der andere darauf reagiert.

Wenn aus einem Verhalten plötzlich meine ganze Person wird

Heute sitze ich wieder im Fach „Vielfalt wahrnehmen“. Wir lernen, Beobachtung und Interpretation voneinander zu unterscheiden. Und plötzlich sehe ich, wie durch Sprache aus einem Verhalten eine Aussage darüber wird, wer ich angeblich bin.

Wie aus mir „eine Narzisstin“ wird.

Das trifft mich. Denn ich war schon „die Narzisstin“. Ich war schon „das Mädchen, das sich im Skilager an die Jungs ranwirft“. Ich war schon alles Mögliche für andere.

Da wird etwas gesehen, gedeutet und irgendwann zu einem Bild meiner ganzen Person. Was ich dabei gefühlt habe, was ich wollte und wie ich die Situation erlebt habe, ist in diesem Bild vielleicht gar nicht mehr enthalten.

Und ich stehe dann da und soll mich dazu verhalten. Mich erklären. Mich rechtfertigen. Oder irgendwie beweisen, dass ich anders bin.

Das verbindet sich für mich mit dem Bild aus der Aufstellung: mich so sehr nach den Vorstellungen anderer auszurichten, dass ich irgendwann den Kontakt zu mir selbst verliere.

Ich möchte verstehen, wie ich auf andere wirke. Aber ich möchte auch gefragt werden. Ich möchte mit meiner eigenen Sicht vorkommen dürfen.

Denn zwischen dem, was jemand an mir beobachtet, und dem, wer ich bin, liegt noch ziemlich viel.

Wenn Wörter zu eng werden

Vielleicht beschäftigt mich deshalb so sehr, dass Wörter eng werden können. Weil ich erlebt habe, wie ein Wort über mich plötzlich mehr Gewicht bekommt als ich selbst.

An der Pädagogischen Hochschule, wo ich vor einem Monat angefangen habe, lernen wir gerade, wie Kinder Lesen und Schreiben lernen. Wie wir Laute, Schriftzeichen und Bedeutungen miteinander verbinden.

Aus meiner Ausbildung wusste ich schon, wie stark uns innere Bilder prägen. Jetzt checke ich auch, wie das mit einem Baum läuft: Wir lernen das Wort, verbinden es mit dem, was wir sehen und erleben, und irgendwann ist ganz selbstverständlich ein inneres Bild da. Das ist ein Baum. So sieht er aus.

So verstehe ich auch unsere Bilder von Beziehung. Wir sehen unsere Eltern und erleben, wie sie Beziehung führen. Wie sie miteinander sprechen, streiten, Nähe suchen oder sich zurückziehen. Wir machen innerlich so etwas wie ein Foto davon: So ist Beziehung.

Und jetzt verstehe ich besser, warum es irritieren kann, wenn ein Kind wie ich kommt und sagt: „Ich habe keine Ahnung, was das ist. Aber für mich fühlt es sich blau mit Gold an. Ich erlebe, wie die Blätter mich streicheln und ich mich am Stamm gehalten fühle.“

Da ist für mich zunächst ein Erleben. Die Farbe, die Berührung, das Gefühl, gehalten zu sein. Das Wort „Baum“ erzählt davon nur einen kleinen Teil.

Am Wochenende habe ich das Verknüpfen auch bei Rosa erlebt, dem Kind einer Freundin. Sie hat gelernt, dass die grüne Flasche Susann gehört. Ich habe die Flasche dort vergessen. Und obwohl ich schon weg bin, hüpft Rosa, wenn sie sie sieht, und ruft meinen Namen.

Die Flasche ist für sie mit mir verbunden. Für mich fühlt es sich an, als würde sie darin auch meine Energie wiedererkennen. Da ist plötzlich mehr als eine grüne Flasche: eine Erinnerung an mich und an das, was sie mit mir erlebt hat.

So wird für mich greifbar, wie Dinge eine persönliche Bedeutung bekommen. Wir sehen etwas, und eine ganze Verbindung wird lebendig.

Ich liebe das Schreiben. Ich liebe Wörter.

Und manchmal möchte ich weder schreiben noch sprechen, weil mit den Wörtern sofort die vertrauten inneren Bilder kommen. Dann scheint schon festzustehen, was etwas ist. Und das, was ich gerade erlebe, findet darin vielleicht gar keinen Platz.

Jetzt finde mal Menschen, mit denen du dich auch jenseits dieser Wörter verständigen kannst.

Für mich ist es ein Wunder, dass meine Freundin vieles versteht, ohne dass ich es erst ausführlich erklären muss. Ich fühle mich von ihr angenommen und wertgeschätzt, auch dort, wo ich schwer zu verstehen bin.

Gleichzeitig will ich hier auf der Erde klarkommen. Unser Miteinander funktioniert nun mal zu einem grossen Teil über Wort und Schrift. Ich suche noch, wie ich darin meine eigene Sprache finden kann.

Hallo mit den Fussspitzen

Mir wird gerade bewusst, wie oft ich mit dem Körper spreche.

Meiner Freundin sage ich am liebsten mit den Füssen Hallo: Ich tippe mit meinen Fussspitzen an ihren Fuss. Tschüss sage ich manchmal mit dem, was sich für mich wie eine energetische Umarmung anfühlt.

Ich weiss, dass das seltsam klingen kann. Für mich ist es eine vertraute Art, Nähe auszudrücken.

Generell laufe ich zum Beispiel am liebsten barfuss. Ich bin halt gut sozialisiert, weshalb ich meistens mit Schuhen rumlaufe.

Ich habe es gefeiert, als ich mit dem Rucksack in Sri Lanka unterwegs war: kurze Hosen, ein T-Shirt, keine Schuhe, keine Unterwäsche, kein Make-up. Ich habe mich einfach wohlgefühlt. Ich gehe ja auch sehr gerne in die Sauna.

Es ist deshalb aber nicht schlimm für mich, anderen zuliebe Kleidung zu tragen. Ich leide nicht darunter, dass ich hier nicht nackt rumlaufen kann. Kleidung schützt ja auch vor Kälte und hat ihren Sinn.

Ich merke nur, wie sich etwas für mich ganz selbstverständlich und angenehm anfühlen kann, während ich mich im Alltag anders bewege. Beides gehört zu meinem Leben. Und ich möchte besser wahrnehmen, wo ich mich gut anpassen kann und wo ich dabei den Kontakt zu mir verliere.

Vielleicht beschäftigt mich deshalb auch das Begrüssungsritual in der Schule. Ich habe noch nie ganz verstanden, weshalb Kinder mir als Lehrerin die Hand geben und dabei meinen Namen sagen müssen. Ich möchte ihnen begegnen und wahrnehmen, dass sie da sind. Welche Formen dafür möglich sind, möchte ich ausprobieren.

Mal sehen, ob ich mir erlaube, auch hier etwas anders zu machen.

Meine Freundin hat schon gesagt, dass ich beim Wandern manchmal unhöflich wirke, weil ich nicht „Grüezi“ sage. Mein Kompromiss ist ein Kopfnicken und ein Blick in die Augen. Das ist meine Art zu sagen: Ich sehe dich.

Mir wird klar, dass mein Gegenüber meine Absicht auch erkennen können muss. Da suche ich noch nach einer Form, die sich für mich stimmig anfühlt und beim anderen ankommt.

Heute habe ich auf vieles keine fertige Antwort. Heute tut es weh, und der Boden schwankt.

Aber beim Kaffee war da dieser eine klare Moment: Ich darf auf mich hören. Ich darf Angst haben, Abstand brauchen und mir Unterstützung wünschen.

Und ich darf hoffen, dass die Tür offen bleibt, wenn ich wiederkomme.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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