Ich habe lange gedacht, ich müsse irgendwann wissen, wer ich bin. Vielleicht brauche ich aber etwas anderes: die Möglichkeit, mich erst auszuprobieren.
Vielleicht ist das der Weg zurück zu mir
22. September 2026

Ich habe lange geglaubt, dass ich irgendwann wissen müsste, wer ich bin. Wenn ich nur genug über mich nachdenke, würde die Antwort schon kommen. In letzter Zeit frage ich mich, ob ich dafür vielleicht etwas anderes brauche: die Möglichkeit, mich überhaupt erst auszuprobieren.
Denn wie soll ich herausfinden, was zu mir gehört, wenn ich lange damit beschäftigt war, herauszufinden, was von mir erwartet wird?
Wenn ich mich selbst aus dem Blick verliere
Anfang dieses Jahres habe ich in einer Aufstellung über meine Kindheit nachgedacht. Dabei tauchte ein Gedanke auf, der mich seither begleitet: Vielleicht wurde ich oft anders angesprochen, als ich mich innerlich erlebt habe. Vielleicht stand manchmal schon fest, wie ich zu sein hatte, bevor jemand neugierig fragte, wer ich eigentlich bin.
Ich möchte damit niemandem eine Absicht unterstellen. Aber ich merke, was solche Erfahrungen in mir ausgelöst haben könnten. Ich habe früh gelernt, Stimmungen zu lesen. Zu spüren, wann etwas willkommen ist und wann nicht. Mich anzupassen, bevor ich überhaupt wusste, ob das, was aus mir herauskam, Platz haben durfte.
So wird man vielleicht ziemlich gut darin, andere wahrzunehmen. Und gleichzeitig unsicher darin, den eigenen Impulsen zu vertrauen.
Wenn Lernen zur Gefahr wird
In der Schule hatte ich oft das Gefühl, langsamer zu sein als andere. Ich verstand etwas nicht sofort, verlor den Anschluss und dachte irgendwann: Vielleicht bin ich einfach dumm.
Heute sehe ich dieses Gefühl anders. Wenn ich Angst habe, etwas falsch zu machen, kann ich nicht unbeschwert fragen, ausprobieren und nochmals anfangen. Während ich eigentlich lernen möchte, bin ich innerlich damit beschäftigt, mich vor dem nächsten Fehler zu schützen.
Ich erinnere mich daran, wie ich im Unterricht gemalt habe. Von aussen sah das womöglich so aus, als würde ich nicht aufpassen. Für mich könnte es ein Weg gewesen sein, mich zu beruhigen und überhaupt noch dazubleiben. Meine Hände hatten etwas zu tun, während es in mir zu viel wurde.
Wenn dann auch dieser Versuch als falsch wahrgenommen wird, bleibt eine schwierige Frage zurück: Darf ich darauf vertrauen, was mir hilft? Oder muss ich zuerst prüfen, ob es für andere richtig aussieht?
Was das mit Beziehungen zu tun hat
Diese Frage begegnet mir nicht nur beim Lernen. Auch in Beziehungen kenne ich die Angst, dass etwas, das ich sage oder tue, plötzlich zu viel sein könnte.
Ich denke laut, frage nach, suche Kontakt und probiere manchmal eine Idee aus, bevor sie fertig ist. Das gehört zu meiner Lebendigkeit. Gleichzeitig habe ich erlebt, dass ein Verhalten von mir scharf zurückgewiesen wurde. Sätze wie «Dein Verhalten geht gar nicht» treffen dann nicht nur eine einzelne Handlung. In mir kommt schnell die Angst an, dass ich als Mensch falsch bin und die Verbindung verlieren könnte.
Natürlich darf mein Gegenüber eine Grenze setzen oder mir sagen, wenn ich etwas übersehen habe. Das möchte ich hören und verstehen können. Doch dafür brauche ich eine Beziehung, in der wir über das Geschehene sprechen können, ohne dass gleich alles auf dem Spiel steht.
Wenn ich diese Sicherheit nicht spüre, werde ich vorsichtig. Ich frage weniger, halte Gedanken zurück und nehme weniger Raum ein. Nicht, weil ich nichts zu sagen hätte, sondern weil ich fürchte, mit dem, was aus mir kommt, die Beziehung zu gefährden.
Im Studium darf ich etwas Neues erleben
Vielleicht berührt mich mein Studium gerade deshalb so sehr. Ich lerne dort nicht nur, wie ich einmal Kinder begleiten möchte. Ich erlebe selbst, wie es sich anfühlt, beim Lernen begleitet zu werden.
Ich darf gestalten, bauen, sprechen, singen, mich bewegen und etwas ausprobieren, ohne vorher zu wissen, ob es gelingt. Ich bekomme Rückmeldungen. Manchmal merke ich, dass ich etwas noch nicht kann oder anders angehen möchte. Aber eine Rückmeldung fühlt sich hier oft wie eine Einladung an, weiterzudenken: Was hast du beobachtet? Was hat funktioniert? Was probierst du beim nächsten Mal?
Das verändert etwas in mir. Ein Fehler muss nicht sofort ein Urteil über mich sein. Ich darf einen zweiten Versuch machen. Ich darf entdecken, dass mir manches leichtfällt und anderes Zeit braucht. Und ich darf herausfinden, auf welche Weise ich eigentlich lerne.
Vielleicht hole ich gerade etwas nach, das früher wenig Platz hatte: neugierig zu sein, ohne mich dabei ständig abzusichern.
Kleine Versuche statt einer fertigen Antwort
Ich weiss noch immer nicht genau, wer ich bin. Aber die Frage fühlt sich inzwischen anders an. Ich muss keine Antwort finden, die ein für alle Mal gilt. Ich darf Erfahrungen machen und darauf achten, was sie in mir auslösen.
Was macht mir Freude? Was hilft mir, wenn es schwierig wird? Wo werde ich lebendig? Und bei welchen Menschen kann ich mich zeigen, auch wenn etwas noch unfertig ist?
Vielleicht finde ich so nicht plötzlich die Antwort auf die Frage nach mir. Vielleicht lerne ich mich kennen, indem ich wieder anfänge, meiner Stimme, meinen Händen und meiner Neugier Raum zu geben. Mit kleinen Versuchen. Mit Fehlern. Mit Menschen, die mit mir im Gespräch bleiben.
Vielleicht ist das der Weg zurück zu mir.
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