Ein Fach, das «Vielfalt wahrnehmen» heisst – und ein Tag, der mich lehrt, Beobachtung und Interpretation auseinanderzuhalten.
Ein Fach namens Wahrnehmen
24. September 2026

Über den Wunsch, gesehen zu werden, und darüber, wie ich lerne, mir selbst treu zu bleiben.
Als wäre dieses Studium nicht ohnehin schon grossartig genug, habe ich tatsächlich ein Fach, das «Vielfalt wahrnehmen» heisst. Heute ging es darum, wie wir Menschen sehen: Welche Reize überhaupt bei uns ankommen, worauf wir achten und wie unsere Erfahrungen und Erwartungen beeinflussen, was wir daraus machen.
Ich sass da und war berührt. Denn in meinem letzten Beitrag habe ich davon erzählt, wie es sich für mich als Kind angefühlt hat, falsch angesprochen zu werden. Ich hätte mir Lehrpersonen gewünscht, die bei mir genauer hinschauen. Wenn ich im Unterricht malte, sah das von aussen vielleicht nach Nichtaufpassen aus. Für mich könnte es ein Versuch gewesen sein, mit der Anspannung umzugehen und überhaupt noch dazubleiben.
Und nun werde ich selbst Lehrerin und lerne, genau an dieser Stelle innezuhalten. Ein Kind wippt mit den Beinen: Das kann ich beobachten. Ob es nervös ist, weiss ich dadurch noch nicht. Vielleicht konzentriert es sich gerade. Vielleicht braucht es Bewegung. Wie schnell machen wir aus einem Verhalten eine Eigenschaft, aus einem Moment ein Urteil über ein ganzes Kind?
Wir haben über Wahrnehmungsfehler gesprochen, über erste Eindrücke, die haften bleiben, und über Erwartungen, die unseren Blick lenken. Das Studium verlangt von uns, Beobachtung und Interpretation auseinanderzuhalten. Mich begeistert, dass diese Reflexion so früh in der Ausbildung beginnt. Nach drei Jahren werden wir Kindern begegnen, deren Leben und Bedürfnisse in keinem Lehrbuch vollständig stehen. Um sie gut begleiten zu können, müssen wir bereit bleiben, unsere eigenen Urteile zu prüfen.
Wie viel das mit mir persönlich zu tun hat, merkte ich, als wir auf Noten zu sprechen kamen. Ich fragte die Dozentin, wie eine Zahl einer Leistung gerecht werden kann, wenn menschliche Beurteilungen von Eindrücken beeinflusst werden können. Forschung zeigt, dass solche Einflüsse vorkommen und klare Kriterien helfen, sie zu verringern.¹
Während wir darüber redeten, fiel mir meine eigene Schulzeit ein. Ich spürte oft den Druck, etwas sofort richtig machen zu müssen. Wenn ich nicht mitkam, dachte ich irgendwann, ich sei dumm. Eine Note fühlte sich für mich nicht immer wie die Beurteilung einer einzelnen Leistung an. Sie konnte sich anfühlen wie ein Urteil über mich. Ich begreife gerade erst, was dieser Druck mit meiner Freude am Lernen gemacht hat.
In unserer Diskussion kam auch auf, dass manche Eltern Hausaufgaben und Noten erwarten. Ich verstehe den Wunsch nach Orientierung. Gleichzeitig wünsche ich mir für Kinder Rückmeldungen, die ihnen zeigen, wo sie stehen, was ihnen schon gelingt und wie sie weiterlernen können. In Graubünden können die ersten beiden Primarklassen statt eines Notenzeugnisses auch ein Wortzeugnis oder ein Zeugnis in Textform erhalten.² Ich weiss noch nicht, wie die einzelnen Schulen damit arbeiten. Aber dass diese Möglichkeit besteht, finde ich bemerkenswert.
Das Thema blieb auch nach dem Unterricht bei mir. Ich merkte, dass ich mit dem Wort «Wahrnehmung» noch eine andere Erfahrung verbinde. In der Aufstellungsarbeit schliesse ich manchmal die Augen und achte darauf, welche Bilder, Gedanken oder Körperempfindungen auftauchen. Manchmal passt das, was ich daraus formuliere, erstaunlich gut zum Erleben meines Gegenübers. Wie das zustande kommt, ist für mich weiterhin ein Phänomen. Im Studium sprechen wir vor allem über Sinnesreize, Aufmerksamkeit und deren Verarbeitung. Heute konnte ich klarer sehen, dass ich von unterschiedlichen Erfahrungen spreche, wenn ich «Wahrnehmung» sage.
Nach dem Unterricht redete ich mit meinen Mädels noch über etwas Persönliches. Ich erzählte von einer Frau, bei der ich Anziehung gespürt hatte. Eine Kommilitonin, ebenfalls Fisch – was sonst? –, lachte: «Been there, done that.» Sie hatte einmal eine Anziehung so deutlich wahrgenommen, dass sie einen Mann darauf ansprach. Er stritt es ab. Die andere Kommilitonin kannte eine ähnliche Situation.
Da musste ich lachen. Es gibt offenbar auch hier auf der Erde Menschen, die etwas verneinen. Ich weiss von mir selbst, dass ich schon einmal verleugnet habe, verliebt zu sein. Weshalb jemand etwas verneint, muss ich gar nicht herausfinden. Mir half der Gedanke, dass das Nein eines anderen meine eigene Wahrnehmung nicht einfach auslöscht. Ich kann hören, was der andere sagt, und zugleich ernst nehmen, was ich erlebt habe.
Später sass ich vor dem Englischunterricht draussen vor den Musikräumen. Aus einem hörte ich eine Kommilitonin singen, aus einem anderen wunderschöne Klaviermusik. Für einen Augenblick fühlte es sich an wie ein Kunststudium. Ich war einfach glücklich, dort zu sitzen.
Bei uns wird gesungen, gestaltet, geschrieben, gebaut und gefragt, wie wir all das einmal mit Kindern machen können. Vielleicht habe ich mich so lange nach einem anderen Menschen gesehnt, weil ich einen Ort gesucht habe, an dem ich ganz da sein und mich ausdrücken darf. Heute fragte ich mich zum ersten Mal, ob ein Teil dieser Sehnsucht immer schon der Kunst galt.
Passenderweise lernte ich auch noch If You're Happy and You Know It – «Clap your hands» – im Gitarrenunterricht. Nach zwölf Stunden fuhr ich müde und erfüllt nach Hause. Ich hatte das Gefühl, in mir angekommen zu sein.
Am Abend sah ich ein astrologisches Video über die Masken, die Menschen in Beziehungen tragen. Da fiel mir die Verbindung zu diesem Tag auf. Wenn mir jemand sagt, meine Wahrnehmung stimme nicht, kann ich darüber sprechen und zuhören. Ich möchte dafür nicht so tun müssen, als hätte ich selbst nichts gespürt.
Die Frau, von der ich meinen Kommilitoninnen erzählt hatte, hat mir eine Zusammenarbeit angeboten, während eine Freundschaft für sie nicht möglich ist. Ihre Grenze kann ich respektieren. Die Zusammenarbeit würde mich allerdings zurück in die Wirtschaft führen, und ich merke gerade sehr deutlich, dass das nicht mein Weg ist. Ausserdem bleibt für mich eine Spannung unausgesprochen. Einfach beruflich weiterzumachen, als wäre damit alles geklärt, würde sich für mich anfühlen, als setzte ich eine Maske auf.
Ich weiss, dass Aufrichtigkeit möglich ist. Ich habe wunderbare Beziehungen, in denen wir die Karten auf den Tisch legen, auch wenn ein Gespräch weh tut oder Angst macht. Dafür bin ich umso dankbarer. Man kann mit mir über Schwieriges reden. Ich komme mit vielem zurecht. Ich bin ja kein Monster.
Im Studium übe ich, genauer hinzusehen, bevor ich über ein Kind urteile. Heute hat mich dieses Hinsehen auch zu mir selbst geführt: zu meiner Wahrnehmung, zu meinem Wunsch nach ehrlichem Kontakt und zu der Freude, die ich vor den Musikräumen gespürt habe. In der Kunst finde ich Raum für meinen Ausdruck. In Beziehungen wünsche ich mir Raum für ein aufrichtiges Gespräch. Beides gehört zu mir.
Und so setze ich mich auch nach 16 Stunden Tag nun noch ans Klavier, weil ich so inspiriert bin. Ich liebe mein Leben.
¹ Studie zu Beurteilungseinflüssen und klaren Kriterien (2024). ² Kanton Graubünden: Erläuterungen zum Zeugnis ab Schuljahr 2025/26.
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