Über Geben, Annehmen, Geld – und die ziemlich irritierende Erkenntnis, dass Fülle keine Einbahnstrasse ist.

Wie viel darf ich eigentlich nehmen?

18. August 2026

Wie viel darf ich eigentlich nehmen?

Am Sonntag beim Bogenschiessen ging es ums Geben und Nehmen. Eigentlich ganz körperlich. Beim Einatmen nehme ich auf. Alles, was mir zusteht. Beim Ausatmen gebe ich. Alles, was ich habe. Ein. Nehmen. Aus. Geben.

Irgendwann sagte Norbert in einem Nebensatz, dass es Menschen gibt, die sich mit dem Nehmen schwertun. Der Satz blieb hängen. Denn mit dem Geben habe ich überhaupt kein Problem. Ich gebe sehr, sehr gerne. Ich schenke, weil ich viel zu geben habe. Das trifft es wahrscheinlich am besten. Da ist viel in mir, das irgendwohin möchte.

Ich bastle gerne etwas für Menschen. Ich schreibe ihnen Geschichten. Ich sehe etwas und denke an jemanden. Oder ich habe etwas bei mir und plötzlich dieses ganz klare Gefühl: Das gehört zu dir. Dafür brauche ich keinen Geburtstag. Kein Weihnachten. Keinen Anlass. Meine Sprache der Liebe sind Geschenke.

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich jemandem etwas geschenkt, bei dem genau dieses Gefühl da war. Es war meins. Ich wusste nicht einmal, was es gekostet hatte. Ich wusste nur, dass es sich vollkommen stimmig anfühlte, es ihr zu geben. Und in mir war dieser Gedanke: Das ist im Universum schon bezahlt.

Ich glaube daran, dass unser Geben und Nehmen nicht erst mit diesem Leben begonnen hat. Dass wir uns vielleicht schon lange begegnen. Dass wir schon gegeben haben. Genommen haben. Uns getragen haben. Uns etwas schuldig geblieben sind oder vielleicht auch gar nicht. Ich weiss es natürlich nicht. Aber ich mag den Gedanken, dass nicht jede Rechnung in diesem einen Leben ausgeglichen werden muss. Vielleicht hat sie längst jemand bezahlt. Irgendwann. Irgendwo. Und deshalb war für mich dieses Geschenk einfach ihres.

Sie konnte das allerdings nicht so leicht annehmen. Für sie war es offenbar unverhältnismässig teuer und sie bat mich um meine Bankdaten, damit sie mir Geld dafür überweisen könne. Ich war vollkommen schockiert. Und verletzt. Ich wusste gleichzeitig, dass ihre Reaktion vermutlich viel mehr mit ihr zu tun hatte als mit mir. Trotzdem tat sie weh.

Denn ein Geschenk ist für mich eben nicht nur ein Gegenstand. Da steckt etwas von mir drin. Meine Aufmerksamkeit. Meine Freude. Mein Gedanke an diesen Menschen. Vielleicht auch meine Liebe. Und wenn jemand sagt: Das ist zu viel. Das kann ich nicht nehmen. kommt bei mir schnell etwas an wie: Das von dir ist zu viel. Auch wenn das wahrscheinlich überhaupt nicht gemeint ist.

Beim Bogenschiessen kam plötzlich die Gegenfrage: Wie gut bin eigentlich ich im Nehmen? Äh. Ja. Nächstes Thema bitte. Denn wenn ich ehrlich bin, war es schon an Weihnachten immer schöner für mich zu schenken als beschenkt zu werden. Und gerade bekomme ich ein ziemlich gutes Übungsfeld.

Meine Partnerin lädt mich nach Südfrankreich ein. Zum Urlaub. Einfach so. Das ist tatsächlich das erste Mal in meinem Leben, dass mich eine Partnerin zum Urlaub einlädt. Im Mai habe ich ihr eine Reise nach Malta geschenkt. Das ging hervorragend. Ich schenke eine Reise? Kein Problem. Ich werde auf eine Reise eingeladen? Systemfehler. Denn plötzlich sitze ich auf der anderen Seite. Ich darf einfach bekommen. Nicht organisieren. Nicht ausgleichen. Nicht sofort überlegen, wie ich das irgendwann zurückzahle. Einfach nehmen. Und ich merke: Fuck. Das kann ich wirklich schlechter als Geben.

Mein bisheriges System funktioniert ungefähr so: Ich gebe. Du nimmst. Sehr schön. Alle glücklich. Bis jemand auf die verrückte Idee kommt, mir etwas geben zu wollen. Dann wird es interessant.

Vor allem, weil ich in zwei Wochen selbstständig bin. Und ab nächsten Monat bekomme ich kein Gehalt mehr. Damit bekommt die Frage nach dem Nehmen plötzlich noch eine ganz andere Dimension. Vor einigen Jahren hat mein Mentor einmal bei mir ausgetestet, welchen Stundenlohn ich innerlich überhaupt bereit war anzunehmen. Das Ergebnis war ziemlich absurd. Ich war ungefähr an dem Punkt, an dem ich für meine eigene Arbeit noch hätte bezahlen wollen. Mein Mentor fand das erwartungsgemäss grossartig und forderte die Gruppe sofort dazu auf, Verträge mit mir abzuschliessen. Schliesslich könnten sie mich arbeiten lassen und gleichzeitig noch Geld an mir verdienen. Sehr witzig. Leider auch ziemlich treffend.

Ich bin seitdem sicherlich besser geworden. Aber ich frage mich: Wo liegt mein innerer Stundenlohn heute? Ich kann inzwischen durchaus sehen, dass meine Arbeit einen Wert hat. Aber zwischen Das ist etwas wert. und Ich nehme dafür Geld. liegt offenbar noch ein Stück Weg.

Und genau deshalb fühlt sich diese Selbstständigkeit gerade so spannend an. Ich dachte nämlich lange, dass ich das nur mit jemand anderem könnte. Mit einem Geschäftspartner. Mit jemandem, der mitträgt. Vielleicht auch mit jemandem, hinter dem ich mich ein bisschen verstecken kann, wenn ich mir selbst etwas nicht zutraue. Allein? Das habe ich mir nicht zugetraut.

Und jetzt entsteht das alles einfach. Ich mache es. Und zu meiner eigenen Überraschung macht mir gerade genau das unfassbar viel Freude. Ich liebe es, bei allem überprüfen zu können: Aus welcher Quelle mache ich das eigentlich? Warum will ich das? Welcher Gedanke steckt dahinter? Ist das wirklich meins? Habe ich darauf Bock? Oder glaube ich nur, dass man das eben so macht, wenn man selbstständig ist?

Vielleicht ist genau das das Schönste daran: Überall steckt ganz viel ich drin. Nicht nur in meiner Arbeit mit Menschen. Nicht nur in meinen Geschichten. Sogar in einem Poster. In einem Malbuch. In einem Kuscheltier.

Im Oktober veröffentliche ich mein Kinderbuch. Und während es entsteht, entstehen drum herum schon die nächsten Dinge. Ein Malbuch. Poster. Vielleicht irgendwann Kuscheltiere. Von aussen könnte man das natürlich schlicht als Produktpalette bezeichnen. Für mich fühlt es sich vollkommen anders an.

Die Poster tragen eine Erinnerung aus meiner Kindheit in sich. Mein Opa hatte ein Aquarium. Ich konnte davor sitzen und einfach schauen. Auf das Wasser. Die Bewegung. Die Fische. Es hat mich beruhigt. Dieses ruhige Versinken in eine andere kleine Welt. Und genau daran erinnern mich die Poster.

Auch das Malen hat mich schon als Kind beruhigt. Gerade in der Schule. Während um mich herum irgendetwas passierte, konnte ich malen. Meine Hand war beschäftigt. Und irgendwie konnte ich dadurch bei mir bleiben. Also gibt es ein Malbuch.

Und das Kuscheltier ist für mich auch nicht einfach irgendein niedliches Ding, das man zusätzlich verkaufen könnte. Ich mag die Vorstellung, dass es bei jemandem liegt, der gerade einsam ist. Dass ein Kind – oder meinetwegen auch ein Erwachsener – es nehmen und an sich drücken kann. Nicht weil ein Kuscheltier einen Menschen ersetzt. Sondern weil manchmal etwas Weiches in den Armen schon ein kleines bisschen hilft.

Plötzlich merke ich: Selbst in solchen Dingen liegt eine Geschichte von mir. Etwas, das mich einmal beruhigt hat. Getröstet hat. Begleitet hat. Und das jetzt in einer anderen Form wieder nach draussen möchte.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb mir diese Selbstständigkeit gerade so viel Freude macht. Ich baue nicht einfach etwas, womit ich Geld verdienen kann. Ich schaue überall: Bin ich da drin? Und wenn die Antwort Nein ist, interessiert es mich zunehmend weniger.

Neben dem Kinderbuch liegen da meine Sachbücher. Texte, die teilweise schon lange als Skripte in meiner Schublade lagen und plötzlich anfangen, sich zu bewegen. Da ist meine Arbeit in der Praxis. Rückführungen. Playmobil-Aufstellungen. Inneres-Kind-Turnen. Und gerade kommt auch die Astrologie wieder stärker in mein Leben zurück.

Ich liebe Astrologie. Aber dieses ganze fünftes Haus dies, achtes Haus das, Saturn im Trigon zu Mars geht mir irgendwann auf die Nerven. Nicht die Astrologie. Das Fachgelaber. Ich hätte gerne, dass jeder Astrologie verstehen kann. Dass man kein Wörterbuch braucht, um etwas über sich selbst zu erfahren. Vielleicht möchte ich deshalb kleine Geschichten daraus machen. Nicht erklären: Saturn steht hier und deshalb bedeutet das jenes. Sondern erzählen, wie sich eine Konstellation anfühlen könnte. Welche Figur sie wäre. Welche Geschichte sie erlebt. Welche Frage sie mitbringt. Und während ich darüber nachdenke, liegt plötzlich auch mein altes Astrologie-Spiel wieder vor mir.

Überall beginnt etwas zu fliessen. Und genau dieses Wort mag ich gerade: Geldfluss. Nicht Einkommen. Geldfluss. Denn zum ersten Mal gibt es ab nächstem Monat nicht mehr diesen einen grossen Strom, der zuverlässig als Gehalt auf meinem Konto landet. Stattdessen entstehen überall kleine Flüsse. Das Kinderbuch. Weitere Bücher. Meine Arbeit mit Menschen. Astrologie. Spiele. Geschichten. Vielleicht irgendwann Poster und Kuscheltiere. Manche dieser Flüsse werden vielleicht grösser. Andere verschwinden wieder. Vielleicht kommt irgendwo Wasser aus einer Richtung, mit der ich heute überhaupt nicht rechne. Und ich muss gar nicht wissen, welcher Fluss mich irgendwann wie weit trägt. Das fühlt sich erstaunlicherweise nicht nur beängstigend an. Es fühlt sich lebendig an.

Eine Freundin hat mir in diesem Zusammenhang die Geschichte vom Fischer und dem Touristen geschickt. Der Tourist erklärt dem Fischer, was er alles tun könnte. Mehr fischen. Mehr verdienen. Ein grösseres Boot kaufen. Menschen einstellen. Noch mehr verdienen. Expandieren. Und irgendwann könnte er sich dann zur Ruhe setzen und entspannt am Meer sitzen. Woraufhin der Fischer sinngemäss fragt: Warum sollte ich den ganzen Umweg machen? Ich sitze doch bereits am Meer.

Ich mag diese Geschichte. Denn ich will tatsächlich kein mehr, mehr, mehr. Ich träume nicht davon, möglichst viel Geld anzuhäufen. Ich möchte meine Fixkosten decken können. Ich möchte Dinge erschaffen können. Ich möchte investieren können, wenn mir etwas wichtig ist. Und ohne existentielle Ängste leben zu können, fände ich durchaus hervorragend. Mehr muss es für mich gar nicht sein. Aber auch dieses Genug muss ich erst einmal bereit sein zu nehmen.

Denn natürlich möchte ich weiterhin geben. Wer Mittel hat, darf sehr gerne für meine Arbeit bezahlen. Und wer keine Mittel hat, soll deswegen nicht automatisch draussen bleiben. Gerade bei Begleitungen ist mir das wichtig. Geld soll für mich keine unüberwindbare Hürde zwischen einem Menschen und etwas sein, das ihm vielleicht gerade helfen könnte.

Aber genau hier wird es wieder interessant. Denn Grosszügigkeit bedeutet nicht, dass ich selbst nichts nehmen darf. Ich kann jemandem entgegenkommen, ohne meine Arbeit wertlos zu machen. Ich kann etwas verschenken, ohne alles verschenken zu müssen. Und nur weil ich viel zu geben habe, bedeutet das nicht, dass ich nichts bekommen darf.

Vielleicht habe ich Geben lange ganz selbstverständlich mit Fülle verbunden. Ich gebe, weil ich habe. Und Nehmen unbewusst viel schneller mit Mangel. Ich nehme, weil mir etwas fehlt. Aber vielleicht stimmt das überhaupt nicht. Vielleicht kann auch Nehmen aus Fülle geschehen. Vielleicht kann ich etwas annehmen, ohne bedürftig zu sein. Ein Geschenk. Eine Einladung. Geld. Liebe. Unterstützung. Nicht, weil ich leer bin. Sondern weil etwas zu mir kommen möchte. Und vielleicht muss ich nicht jedes Mal sofort etwas zurückschicken.

Denn wenn ich anderen nicht erlaube, mir etwas zu geben, verweigere ich ihnen möglicherweise genau die Freude, die ich selbst beim Geben empfinde. Ich möchte schenken dürfen, weil ich viel zu geben habe. Warum sollte das für andere nicht genauso gelten?

Vielleicht ist etwas tatsächlich schon bezahlt. Nicht im buchhalterischen Sinn. Nicht Euro für Euro. Geschenk für Geschenk. Liebe für Liebe. Sondern auf eine viel grössere Weise, die ich weder kontrollieren noch nachrechnen kann. Vielleicht muss ich gar nicht wissen, woher etwas kommt und wohin es irgendwann weiterfliesst. Vielleicht muss ich nur lernen, meinen Teil der Bewegung nicht zu blockieren.

Beim Bogenschiessen war es eigentlich ganz einfach. Einatmen. Alles aufnehmen, was mir zusteht. Ausatmen. Alles geben, was ich habe. Den zweiten Teil kann ich ziemlich gut. Ich habe viel zu geben. Und ich will auch weiterhin viel geben. Vielleicht besteht meine Übung gerade einfach darin, nicht schon wieder auszuatmen, bevor ich überhaupt richtig eingeatmet habe.

Südfrankreich. Eine Rechnung. Ein verkauftes Buch. Ein Mensch, der meine Arbeit bezahlt. Eine Einladung. Ein Geschenk. Etwas, das zu mir zurückfliesst. Und statt sofort zu überlegen, wie ich es wieder ausgleiche, vielleicht einfach einmal: Danke. Ich nehme das.

Ein. Nehmen. Aus. Geben. Vielleicht ist Fülle tatsächlich keine Einbahnstrasse.

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