21 Jahre, ein Lied und eine Nachricht, die ich so lange hören wollte.
What do you think?
5. November 2026

Vor 21 Jahren traf ich meine erste grosse Liebe.
Eine brasilianische Schönheit. Meine Gastschwester. Eine von drei Gastschwestern, die ich während meines Austauschjahres in Brasilien hatte.
Wir waren beide Fische. Und wer sich ein bisschen mit Astrologie beschäftigt, weiss vielleicht, was ich meine, wenn ich sage, dass wir eine unglaublich feine Wahrnehmung füreinander hatten.
Wir hatten ein Spiel.
„What do you think?“
Das fragten wir uns immer wieder. Obwohl wir eigentlich längst wussten, was die andere dachte.
Von Anfang an waren wir unzertrennlich. Wir gingen in dieselbe Schulklasse, sie nahm mich in ihre Clique auf, und wir verbrachten praktisch jeden Tag miteinander.
Bis zu jener Nacht.
Wir spielten wieder unser Spiel.
„What do you think?“
Und irgendwann küsste ich sie.
Am nächsten Morgen schlich ich mich zurück in mein Zimmer. Ich hatte schreckliche Angst davor, was passieren würde, wenn wir uns in der Küche wieder begegneten.
Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass sie durchaus dort weitermachen wollte, wo wir in der Nacht aufgehört hatten.
Und ich?
Ich war auf Wolke sieben.
Zum ersten Mal verstand ich, wovon meine Freundinnen immer erzählten.
Dieses Kribbeln. Dieses Verliebtsein. Dieses vollkommen verrückte Gefühl, wenn man jemanden küsst, den man wirklich mag.
Ich hatte das vorher nie so empfunden. Jedenfalls nicht bei den Jungen, von denen meine Freundinnen schwärmten.
Aber bei ihr.
Da war plötzlich eine Tür aufgegangen.
Und ich hatte keine Ahnung, wohin sie führen würde.
Zwischen Kirche, Kino und Küssen
Die Sache hatte allerdings einen kleinen Haken.
Sie hatte einen Freund.
Und Eifersucht war zwischen den beiden ohnehin ein Dauerthema.
Für mich stand ausser Frage, dass wir kein Paar werden würden. Ich war mitten in der Pubertät, probierte mich aus und versuchte überhaupt erst herauszufinden, wer ich war.
Dazu kam das kulturelle Umfeld.
Brasilien habe ich damals als sehr katholisch erlebt. Gleichzeitig begegnete mir eine Doppelmoral, die ich bemerkenswert fand.
Kein Sex vor der Ehe. Treue. Anstand.
Und gleichzeitig gab es rund um die Stadt unzählige Motels. Wenn jemand sagte, er gehe ins Kino, fragte niemand genauer nach. Schliesslich wussten alle, dass damit nicht unbedingt ein Kinobesuch gemeint war.
Jeden Sonntag gingen wir mit der ganzen Familie in die Kirche.
Meine arme Gastschwester lief in jener Zeit immer vor uns hinein.
Ich hatte meine ganz eigene Theorie dazu: Wenn ihre Eltern nicht sahen, dass sie nicht zur Kommunion ging, konnten sie auch nicht merken, dass sie sich möglicherweise einer Sünde bewusst war.
Ob das tatsächlich ihr Grund war, weiss ich bis heute nicht.
Jedenfalls war unsere kleine Liebesgeschichte alles andere als unkompliziert.
Sie wollte Alibimänner.
Also gingen wir feiern und küssten nebeneinander irgendwelche Typen.
Während sie hinter deren Rücken nach meiner Hand griff und meine Nähe suchte.
Ich konnte das nicht.
Und irgendwann beendete ich die Sache.
Im Wein liegt die Wahrheit
Ein paar Monate später war sie betrunken.
Und wie heisst es so schön?
Im Wein liegt die Wahrheit.
Sie gestand mir, dass sie mich vermisste.
Ich vermisste sie auch.
Aber ich traute dem Braten nicht.
Ich wollte nicht noch einmal so tief in etwas hineingeraten, das für sie vielleicht nur ein bisschen Ausprobieren war und für mich so viel mehr bedeutete.
Also beschloss ich, es diesmal locker anzugehen.
Ich ging auf ein Date.
Als ich nach Hause kam, hatte ich einen riesigen Knutschfleck am Hals.
Was ich allerdings nicht wusste.
Sie fragte mich, wo ich gewesen sei.
„Im Kino.“
😬
Tja.
Damit war auch die zweite Runde beendet.
Ein Aquarium gegen die Einsamkeit
Was ich damals nicht verstand und heute zunehmend erkenne:
Sie war eine von den Menschen, denen ich hinterherlief.
Eine von denen, denen ich die ganze Welt zu Füssen legen wollte.
Mein Gott, was habe ich alles für diese Frau gemacht.
Einmal hatte sie Migräne und wirkte auf mich unglaublich traurig.
Also legte ich ihr mit ihren Lieblingssüssigkeiten einen Weg zu einem Tisch voller Schokolade.
Ich dachte damals in meiner kindlichen Art offenbar, dass Schokolade jeden Kummer heilen könnte.
Als sie später für ihr Studium wegzog, schenkte ich ihr ein Aquarium mit Fischen.
Warum?
Weil ich als Kind stundenlang vor dem Aquarium meines Opas gesessen hatte.
Ich konnte den Fischen zuschauen und fühlte mich dabei irgendwie weniger allein.
Und ich wollte ihr dieses Gefühl schenken.
Ich schrieb ihr Gedichte.
Ich dachte mir immer wieder etwas aus, womit ich ihr eine Freude machen könnte.
Heute berührt mich das.
Nicht nur, weil ich sehe, wie liebevoll ich war.
Sondern weil ich auch sehe, wie sehr ich versucht habe, mir einen Platz im Herzen eines anderen Menschen zu sichern.
Vielleicht hoffte ich, dass ich nur genügend lieben, genügend geben und genügend besonders sein müsste, damit jemand mich genauso liebte.
Und ich glaube, dass mir damals überhaupt nicht bewusst war, was ich da eigentlich tat.
Es waren unbewusste Mechanismen.
Ein Tanz im Regen
Es gibt eine Erinnerung, die ich niemals vergessen werde.
Damals lief ein brasilianisches Poplied, Tomar um Banho de Chuva.
Im Regen duschen.
Am Tag meiner Rückreise nach Deutschland lief dieses Lied.
Und es regnete.
Wer schon einmal in Brasilien einen tropischen Regenschauer erlebt hat, weiss vielleicht, was ich meine: Die Regentropfen erscheinen einem viel grösser als in Europa. Und der Regen ist warm.
Nicht dieser kalte, unangenehme Regen, vor dem man sich am liebsten in Sicherheit bringt.
Nein. Ein Regen, in dem man einfach stehen bleiben möchte.
Ich rannte auf die Strasse, zog sie mit mir und wir tanzten gemeinsam im warmen brasilianischen Regen.
Es war einer dieser Momente, die sich ins Gedächtnis einbrennen.
Ein Abschied.
Ein Lied.
Ein Mädchen, in das ich verliebt war.
Und zwei Teenager, die im Regen tanzten.
Wenn ich heute daran denke, wird mir ganz warm ums Herz.
Und es gibt so viele weitere Momente. So viele kleine Erinnerungen an unser gemeinsames Jahr, an unsere Vertrautheit, unser Lachen und all die Dinge, die wir miteinander erlebt haben.
Denn ungeachtet all dessen, was zwischen uns schwierig war, war da auch unglaublich viel Schönes.
Und das möchte ich bei all meinen heutigen Erkenntnissen über meine unbewussten Muster nicht vergessen.
Es war meine erste grosse Liebe.
Und sie war wunderschön.
21 Jahre später
Heute ist sie mit einem Mann verheiratet und hat zwei Kinder.
Wir haben nie wirklich offen darüber gesprochen, was damals zwischen uns war.
Ich habe es immer wieder versucht.
Natürlich.
Schliesslich war ich ja Meisterin darin, Menschen hinterherzulaufen und Antworten einzufordern.
„Sag mal, ich habe mir das doch nicht eingebildet, oder?“
„Du hast das doch auch gefühlt?“
Ich wollte unbedingt wissen, was ich ihr bedeutet hatte.
Und wenn ich heute darauf zurückblicke, muss ich auch ein wenig über mich selbst schmunzeln.
Denn ja, ich habe durchaus auch fishing for compliments betrieben.
Ich wollte hören, dass ich besonders war.
Dass ich wichtig war.
Dass sie mich geliebt hatte.
Vielleicht wollte ich einfach bestätigt bekommen, dass das, was für mich so gross gewesen war, auch für sie gross gewesen war.
Und jetzt?
21 Jahre später schreibt sie mir plötzlich offen, wie sie die Zeit erlebt hat.
Dass es ihr schon damals schwerfiel, einem Menschen zu zeigen oder zu sagen, wie viel er ihr bedeutete.
Dass sie mich unglaublich gernhatte und sehr viel für mich empfand, es aber damals nicht richtig ausdrücken konnte.
Und dass sie selbst bis heute spürt, wie ihre Erfahrungen aus der Kindheit ihre Fähigkeit beeinflussen, Gefühle zu zeigen.
Wie verrückt ist das bitte?
So viele Jahre wollte ich genau das von ihr hören.
Und heute schreibt sie es mir einfach.
Es liegen ja auch nur schlappe 20’000 Kilometer und ein Atlantik zwischen uns.
Da lässt sich manches offenbar leichter aussprechen. 😂
Und plötzlich verstehe ich etwas.
Unsere Muster haben einfach perfekt zueinander gepasst.
Ich wollte unbedingt hören, dass ich geliebt werde.
Und sie hatte Schwierigkeiten, ihre Gefühle auszudrücken.
Ich fragte.
Sie schwieg.
Ich versuchte noch mehr.
Und sie konnte mir offenbar trotzdem nicht das geben, wonach ich suchte.
Was für eine Kombination.
Und dabei waren wir damals gerade einmal Teenager.
Zwei junge Menschen mit ihren eigenen Geschichten, Verletzungen, Sehnsüchten und unbewussten Mustern.
Heute kann ich viel liebevoller auf uns beide schauen.
Vielleicht mussten wir damals gar nicht mehr verstehen, als wir eben verstehen konnten.
Und vielleicht ist es gerade deshalb so berührend, dass wir heute, 21 Jahre später, endlich darüber sprechen können.
Wenn einer loslässt, wird der andere frei
Es gibt diesen Gedanken, dass der andere freier wird, sobald wir aufhören, ihn festhalten zu wollen.
Und ja, ich glaube, da ist viel Wahres dran.
Aber für mich ist das nur eine Seite der Medaille.
Denn wir sprechen so oft darüber, wie befreiend es für denjenigen ist, der losgelassen wird.
Und so selten darüber, wie existenziell das Festhalten für den Menschen sein kann, der nicht loslassen kann.
Ich war dieser Mensch.
Ich habe mich so abhängig von anderen Menschen gefühlt, dass ich teilweise meine eigenen Bedürfnisse überhaupt nicht mehr wahrgenommen habe.
Ich richtete mich nach ihnen.
Nach ihren Wünschen.
Nach ihren Stimmungen.
Nach ihren Reaktionen.
Ich konnte unglaublich gut wahrnehmen, was der andere brauchte.
Aber was ich selbst brauchte?
Keine Ahnung.
Eine Susann als eigenständige Persönlichkeit schien es in diesen Momenten kaum zu geben.
Ich wusste nicht, was ich wollte.
Ich wusste nicht, wer ich war.
Und heute beginne ich zu verstehen, wie traurig mich das eigentlich macht.
Nicht, weil ich diese Menschen geliebt habe.
Sondern weil ich mich dabei selbst so oft verlassen habe.
Die fünf Sprachen der Liebe – oder fünf Konditionierungen?
Geschenke sind meine Sprache der Liebe.
Zumindest sagt man das so, wenn man sich mit den fünf Sprachen der Liebe beschäftigt.
Heute frage ich mich allerdings, ob diese fünf Sprachen überhaupt etwas mit Liebe zu tun haben.
Oder ob sie nicht vielmehr beschreiben, wie wir konditioniert wurden. Was wir brauchen, um uns geliebt zu fühlen. Und auf welche Weise wir gelernt haben, anderen Menschen unsere Zuneigung zu zeigen.
Denn wenn ich genauer hinschaue, entdecke ich darin manchmal einen Deal.
Ich gebe dir etwas, damit du mir etwas gibst.
Ich schenke dir Aufmerksamkeit, damit du mich siehst.
Ich mache dir eine Freude, damit ich für dich wichtig bin.
Ich liebe dich auf eine bestimmte Weise und hoffe, dass du mich dafür zurückliebst.
Nur ist das wirklich Liebe?
Oder versuche ich damit, ein Bedürfnis zu erfüllen, das ich selbst noch nicht stillen kann?
Ich glaube keineswegs, dass die Geschenke, die ich damals gemacht habe, unecht waren.
Meine Zuneigung war echt.
Aber möglicherweise war sie mit einer unbewussten Hoffnung verbunden.
Wenn ich nur genügend gebe, werde ich geliebt.
Und damit komme ich zu einem Missverständnis, das mich offenbar mein ganzes bisheriges Leben begleitet hat.
Liebe muss man sich verdienen
Ich habe sehr früh gelernt, Liebe mit Leistung und Anerkennung zu verknüpfen.
In meiner Erziehung.
In der Schule.
Und später in vielen anderen Lebensbereichen.
Wenn ich etwas leiste, bekomme ich Anerkennung.
Wenn ich besonders gut bin, werde ich gesehen.
Wenn ich anderen etwas gebe, werde ich gebraucht.
Und wenn ich gebraucht werde, fühle ich mich wertvoll.
Was für ein Missverständnis.
Denn irgendwann habe ich diese Bedingungen auch auf meine Beziehung zu mir selbst übertragen.
Selbstliebe bedeutete für mich offenbar lange Zeit, stolz auf mich sein zu können, weil ich etwas geleistet hatte.
Weil ich erfolgreich war.
Weil ich fleissig war.
Weil ich etwas geschafft hatte.
Und so zog sich dieses Muster durch mein Leben.
Ich wollte Karriere machen.
Ich wollte erfolgreich sein.
Ich wollte Anerkennung.
Ich wollte anderen Menschen zeigen, was ich alles erreicht hatte.
Und in Beziehungen wollte ich diejenige sein, die besonders liebevoll, besonders aufmerksam und besonders grosszügig war.
Immer wieder ging es darum, meinen Wert irgendwo im Aussen bestätigt zu bekommen.
Nur konnte mir niemand dauerhaft geben, wonach ich suchte.
Denn ich selbst war nicht davon überzeugt, wertvoll zu sein.
Und dann kam Irene
Aus diesen unbewussten Geschäften wollte ich schon lange aussteigen.
Während meines Singledaseins hatte ich mir deshalb ganz fest vorgenommen, nie wieder eine Partnerschaft auf dieser Grundlage einzugehen.
Herrlich naiv, wie ich heute finde. 😂
Denn dann kam Irene um die Ecke.
Und ehe ich Piep sagen konnte, steckte ich wieder mitten in meinen alten Mustern.
Offenbar reicht es nicht, sich etwas fest vorzunehmen.
Wir können unsere Konditionierungen noch so gut verstehen. Sobald uns ein anderer Mensch wirklich nahekommt, werden sie plötzlich wieder lebendig.
Früher hätte ich darin vielleicht einen Rückschritt gesehen.
Heute habe ich meinen Frieden damit geschlossen.
Denn ich muss nicht erst alle meine Muster auflösen, um eine Beziehung führen zu dürfen.
Ich darf innerhalb einer Beziehung lernen.
Ich darf erkennen, wann ich mich anpasse.
Wann ich etwas schenke, weil ich Freude daran habe.
Und wann ich etwas schenke, weil ich mir insgeheim erhoffe, dafür Liebe zu bekommen.
Ich darf lernen, Nein zu sagen, obwohl mein Gegenüber vielleicht lieber ein Ja hören würde.
Ich darf herausfinden, was ich möchte, selbst wenn mein Wunsch nicht mit dem meiner Partnerin übereinstimmt.
Und ich darf mich zeigen, ohne vorher sicherzustellen, dass das, was ich zeige, auch willkommen ist.
Vielleicht ist genau das mein gegenwärtiger Lernprozess.
Nicht weniger zu lieben.
Sondern mich selbst beim Lieben nicht mehr zu verlieren.
Was willst eigentlich du?
Das Verrückte ist, dass ich dieses Muster noch heute im Alltag entdecke.
Wenn Irene mich fragt:
„Machen wir das?“
Kommt von mir ganz automatisch:
„Ja!“
Nun muss man fairerweise sagen, dass ich wirklich eine grosse Offenheit in mir trage.
Ich bin neugierig.
Ich probiere gerne Dinge aus.
Ich lasse mich auf vieles ein und erlebe dadurch unglaublich viel.
Nicht jedes Ja ist also ein Ja aus Anpassung.
Manchmal bin ich einfach begeistert vom Leben.
Aber wenn sie mich ganz konkret fragt:
„Was möchtest du heute essen?“
Dann wird es interessant.
Ich brauche manchmal erstaunlich lange, um überhaupt in mich hineinzuspüren.
Und bin selbst immer wieder überrascht.
Stimmt.
Was möchte ich eigentlich?
Was mag ich?
Worauf habe ich Lust?
Was tut mir gut?
Es sind so banale Fragen.
Und gleichzeitig sind es für mich gerade einige der wichtigsten Fragen überhaupt.
Und wenn ich nichts leiste?
Während ich diesen Artikel schreibe, liege ich krank im Bett.
Ich kann keinen Sport machen.
Horror, sage ich euch. 😂
Morgen müsste ich eigentlich an der Universität sein und bei einer Gruppenarbeit helfen.
Gleichzeitig findet in Linden gerade ein Seminar statt.
Auch dort müsste ich doch eigentlich mitarbeiten.
Ich müsste.
Ich müsste.
Ich müsste.
Und plötzlich frage ich mich:
Wer verlangt das eigentlich gerade von mir?
Ich selbst.
Mein Körper braucht Ruhe.
Aber ich erlaube es mir nicht, einfach krank im Bett zu liegen und nichts zu tun.
Ist das nicht verrückt?
Ich beschäftige mich gerade intensiv mit Selbstliebe und erkenne gleichzeitig, dass ich mich selbst offenbar noch immer an Bedingungen knüpfe.
Ich darf zufrieden mit mir sein, wenn ich etwas geschafft habe.
Wenn ich produktiv war.
Wenn ich Sport gemacht habe.
Wenn ich anderen geholfen habe.
Wenn ich einen Beitrag geleistet habe.
Aber einfach nur daliegen?
Nichts tun?
Nicht gebraucht werden?
Offenbar fällt mir genau das unglaublich schwer.
Und dabei liegt hier vielleicht die eigentliche Herausforderung.
Kann ich mich auch dann lieben, wenn ich gerade nichts leiste?
Wenn ich niemandem helfe?
Wenn ich nichts erreiche?
Wenn ich einfach nur bin?
Vielleicht muss ich erst lernen, dass ich nicht ständig etwas tun muss, um meine Existenz zu rechtfertigen.
Dass ich dazugehören darf, ohne etwas beizutragen.
Dass ich geliebt werden darf, ohne etwas dafür zu geben.
Und dass mein Wert nicht davon abhängt, ob ich gerade funktioniere.
What do I think?
Ich bin heute 37 Jahre alt.
Und ausgerechnet jetzt, während meines Studiums, beginne ich an einem Punkt anzukommen, an dem ich offenbar noch nie wirklich war.
Bei mir selbst.
Ich erkenne langsam, wie sehr ich meinen eigenen Wert im Blick anderer Menschen gesucht habe.
Wie sehr ich darauf angewiesen war, gemocht, geliebt oder gebraucht zu werden.
Und wie viel Energie ich investiert habe, um mir diese Zuneigung zu verdienen.
Ich sehe heute dieses 16-jährige Mädchen, das einer anderen Frau Schokolade auf den Tisch legte, ihr ein Aquarium schenkte und Gedichte schrieb.
Und ich empfinde ganz viel Mitgefühl.
Denn sie hatte so viel Liebe zu verschenken.
Sie wusste nur noch nicht, dass sie selbst genauso viel davon verdient hatte.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, weshalb mich diese Nachricht nach 21 Jahren so berührt.
Nicht nur, weil meine erste grosse Liebe endlich über ihre Gefühle spricht.
Sondern weil ich heute etwas erkenne, das ich damals nicht sehen konnte.
Ich musste ihr die Welt nicht zu Füssen legen.
Ich hätte einfach ich sein dürfen.
Mit meiner Liebe.
Meiner Sehnsucht.
Meinen Wünschen.
Meinen Grenzen.
Und vielleicht beginnt genau dort das, was ich gerade so mühsam zu lernen versuche.
Meinen Wert nicht länger davon abhängig zu machen, was ein anderer Mensch in mir sieht.
Sondern mich selbst kennenzulernen.
Denn während ich damals immer wieder wissen wollte, was sie dachte und fühlte, habe ich eine andere Person kaum gefragt.
Mich selbst.
Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, mein altes Spiel ein wenig zu verändern.
Aus „What do you think?“ wird „What do I think?“
Und aus der Frage, was ich tun muss, damit mich jemand liebt, wird eine andere:
Wer bin ich, wenn ich nichts mehr tun muss, um geliebt zu werden?
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