Über ein Jahr, das sich wie eine Prüfung anfühlte – und den Moment, in dem die Härte mir selbst gegenüber nachlässt.

Ich glaube, ich verstehe mich gerade

3. November 2026

Ich glaube, ich verstehe mich gerade

Während ich das schreibe, weine ich. Da ist eine Zartheit mir selbst gegenüber, die ich so lange nicht gespürt habe.

In mir ist dieses Gefühl: Ich habe überlebt.

Es war ein krasses Jahr. Es war wirklich hart. Was ich erlebt habe, hat sich zeitweise wie eine Prüfung angefühlt, von der ich dachte, dass ich sie nicht schaffen werde.

Jetzt sitze ich hier und beginne zu verstehen, warum ich handle, wie ich handle. Und während ich das verstehe, lässt etwas nach. Diese Härte, mit der ich mich selbst betrachtet habe.

Mein Studium hat gerade viel damit zu tun. Ich beschäftige mich mit Erziehung, mit Menschenbildern und mit der Frage, wie Lernen möglich wird. Dabei erkenne ich etwas von meinem eigenen Leben wieder.

Als wir uns mit Bernhard Bueb beschäftigt haben, dachte ich: So ähnlich habe ich manche meiner Lehrpersonen erlebt. Mit einer starken Betonung von Autorität, Disziplin und Gehorsam. Erwachsene gaben vor, Kinder sollten folgen. Manche Situationen habe ich als Machtspiele empfunden.

Ob meine Lehrpersonen sich tatsächlich an Bueb orientiert haben, weiss ich nicht. In dem, was wir über seinen Ansatz besprechen, erkenne ich Erfahrungen wieder. So ordne ich es heute für mich ein.

Mir schien, dass viel um Leistung und Anerkennung von aussen ging. Darum, etwas richtig zu machen und Erwartungen zu erfüllen. Es gab einen Weg, den die Lehrperson kannte: So hast du das zu rechnen, damit du zu diesem Ergebnis kommst.

Wie viel Raum ich dabei hatte, eigene Herangehensweisen zu entwickeln, kann ich rückblickend nicht vollständig beurteilen. Aber ich kenne das Gefühl sehr gut, bei einer Schwierigkeit sofort an mir selbst zu zweifeln.

Das habe ich gerade wieder bei einem Rätsel im Unterricht erlebt.

Teile sollten zusammengefügt beziehungsweise getrennt werden. Ich kam nicht weiter. Es gab keine Hinweise, und ich probierte immer wieder dasselbe. Mit demselben Ergebnis.

Sehr schnell war da der Gedanke: Ich kann nichts.

Ich wurde frustriert und gab auf.

Später konnte ich genauer betrachten, was passiert war. Ich hatte ein Rätsel nicht gelöst und daraus ein Urteil über mich gemacht. Aus «Ich finde gerade keinen Weg» war «Ich bin unfähig» geworden.

Wenn ich vor allem gelernt hatte, vorgegebene Wege anzuwenden, musste ich das Entwickeln eigener Strategien vielleicht überhaupt erst üben. Ein Hinweis, eine Frage oder ein gemeinsamer Versuch hätte mir helfen können, weiterzukommen.

Ich entdecke nämlich gerade, dass ich gerne lerne. Ich möchte Dinge verstehen, aus Erfahrungen etwas mitnehmen und neue Möglichkeiten finden.

Was mir Mühe macht, ist die Erwartung, etwas schon können zu müssen, bevor ich Gelegenheit hatte, es zu lernen.

Bei Montessori beschäftigt mich die Möglichkeit, selbst tätig zu werden und das eigene Lernen mitzugestalten. Die freie Wahl innerhalb einer vorbereiteten Umgebung spricht mich an. Für mich öffnet sich damit auch die Frage: Was möchte ich eigentlich lernen? Welches Ziel möchte ich mir setzen?

Ich lerne gerade zwei Instrumente. Ich suche mir Lieder aus, die ich spielen können möchte. Ich übe einzelne Stellen, spiele langsamer und versuche es erneut. Irgendwann gelingt etwas, das vorher nicht gelungen ist.

Das Ziel gibt mir eine Richtung. Ich muss heute noch nicht dort sein.

Wenn es um den Weg des Lernens geht, merke ich: Ich bin Team Dewey.

Mich begeistert die Verbindung von Erfahrung, Ausprobieren und Nachdenken. Ich tue etwas, beobachte das Ergebnis und überlege, was ich verändern könnte. Dabei können Herangehensweisen und Lösungen entstehen, an die ich vorher noch gar nicht gedacht habe.

Und ich mag es, gemeinsam mit anderen zu lernen. Ich werde gerne in einer Gruppe angeregt. Jemand bringt eine Idee mit, jemand stellt eine Frage, und bei mir entsteht daraus ein neuer Gedanke. Wir können etwas gemeinsam entwickeln, das keiner von uns allein so gefunden hätte.

Vielleicht verändert sich unterwegs sogar das Ziel, weil wir etwas entdecken, von dem wir vorher noch nichts wussten.

Das macht mir Freude. Ich muss den ganzen Weg am Anfang noch nicht kennen. Ich kann ihn mitgestalten, Unterstützung annehmen und beim Ausprobieren dazulernen.

Was ich darüber verstehe, lässt sich auf alle Lebensbereiche übertragen.

Es gibt vieles, an das ich mich bisher gar nicht herangetraut habe. Ich war schon vorher überzeugt, dass ich es nicht kann. Damit war die Entscheidung gefallen, bevor ich Erfahrungen sammeln konnte.

Gerade spiele ich mit dem Gedanken, mich für einen Poetry Slam zu bewerben. Ich schreibe gerne. Die Vorstellung, mit einem eigenen Text auf einer Bühne zu stehen, reizt mich. Gleichzeitig taucht die vertraute Frage auf: Bin ich dafür gut genug?

Ich habe es bisher nicht ausprobiert. Ich kann einen Text entwickeln, ihn laut sprechen, seine Wirkung erproben und Rückmeldungen einholen. Auch das Auftreten darf ich lernen.

Wenn ich vor dem ersten Versuch bereits von mir verlange, es zu beherrschen, halte ich mich von den Erfahrungen fern, durch die ich es lernen könnte.

Wie hoch meine Anforderungen an mich selbst waren, wird mir erst allmählich bewusst. Was ich alles schon verstanden, verarbeitet und im Griff haben sollte. Auch in Beziehungen, im Umgang mit meinen Gefühlen und mit mir selbst.

Als müsste ich irgendwann fertig sein.

Dabei ist Lernen ein lebenslanger Prozess. Ich kann etwas verstehen und trotzdem Zeit brauchen, um anders zu handeln. Ich kann in eine vertraute Situation geraten und erst hinterher bemerken, was da passiert ist. Dann kann ich überlegen, wie ich beim nächsten Mal damit umgehen möchte.

So beginne ich gerade, meinen Selbstwert besser zu verstehen.

Ich habe meinen Wert lange stark an den Reaktionen anderer festgemacht. War jemand zufrieden mit mir, konnte ich mich richtig fühlen. Blieb die Anerkennung aus, zweifelte ich an mir. Dann musste ich mich offenbar noch mehr anstrengen, noch besser werden oder genauer herausfinden, was von mir erwartet wurde.

Besonders schmerzhaft habe ich das im Kontakt mit einer Frau erlebt, die ich toll fand.

Ich wollte so unbedingt mit ihr befreundet sein. Ich wünschte mir, dass auch sie Interesse an mir hätte und Nähe zwischen uns entstehen könnte.

Für mich schien es oft, als würde sie das kaum interessieren. Ich fühlte mich von oben herab behandelt und immer wieder auflaufen gelassen. Was sie tatsächlich empfunden hat, weiss ich nicht. Aber mir hat dieser Kontakt sehr wehgetan.

Trotzdem habe ich weiter versucht, ihre Freundschaft zu gewinnen. Ich bin ihr hinterhergerannt und habe weiter gehofft. Ihre Reaktion bekam immer mehr Gewicht. Ich wollte so sehr, dass sie mich auch mögen würde.

Dabei habe ich mich selbst zunehmend als würdelos erlebt. Ich merkte, wie sehr mich das verletzte, und konnte trotzdem nicht davon lassen.

Anschliessend verurteilte ich mich dafür.

Warum habe ich immer weiter gehofft? Warum bin ich wieder auf sie zugegangen? Warum konnte ich nicht einfach aufhören?

Zu dem Schmerz über die erhoffte Freundschaft kam die Scham über mein eigenes Verhalten. Damit habe ich es für mich noch schwerer gemacht.

Jetzt beginne ich zu verstehen, warum ich so schwer davon lassen konnte. Es scheint mir, als hätte an ihrem Interesse längst auch die Frage gehangen, ob ich selbst interessant und liebenswert bin. Entsprechend viel stand für mich auf dem Spiel.

Ob und wie meine Erziehung dazu beigetragen hat, kann ich nicht eindeutig sagen. Aber für mich wird ein Zusammenhang sichtbar. Ich erkenne, wie viel Gewicht die Bestätigung von aussen bekommen konnte, wenn ich meinen Wert von innen kaum spürte.

Und plötzlich kann ich auf mich schauen und denken: Schau mal, wo ich herkomme. Was ich alles erlebt habe. Wie hart dieses Jahr für mich war.

Da ist gerade vollstes Verständnis für mich.

Ich sehe, dass mir dieses Hinterherrennen wehgetan hat. Ich möchte meine Wünsche nach Freundschaft ernst nehmen und zugleich darauf achten, ob mir jemand entgegenkommt. Ich kann heute bewusster wahrnehmen, wie es mir in einem Kontakt geht und was ich daraus machen möchte.

Dabei muss ich mich für das, was war, nicht weiter verurteilen.

Ich habe mir diese Freundschaft sehr gewünscht. Dass ich dabei so lange weitergehofft habe, muss ich nicht noch mit meiner eigenen Härte beantworten.

Ich habe mich würdelos gefühlt. Meine Würde habe ich dadurch nicht verloren.

Während ich das schreibe, weine ich. Weil ich mich gerade mit einer Zartheit betrachten kann, die so lange unter all diesen Anforderungen verborgen war.

Ich hatte selbst aus dem Loslassen noch eine Aufgabe gemacht. Ich sollte endlich weiter sein. Unabhängiger. Ich sollte meinen Wert kennen und mich entsprechend verhalten.

Jetzt geschieht etwas, ohne dass ich es von mir erwarte.

Ich verstehe mich, und die Härte geht weg. Ich komme aus der Verkrampfung. Dadurch kann ich gerade loslassen. Auch dieses Hinterherrennen lässt nach.

Ich muss es nicht erzwingen.

Und jetzt kann ich tatsächlich fühlen: Es ist kein Drama, wenn jemand kein Interesse an einer Freundschaft mit mir hat.

Das ist diesmal keine Gefühlskälte. Ich rede mir auch nicht ein, dass mir die Freundschaft nie wichtig gewesen wäre. Ich habe sie mir gewünscht, und es hat wehgetan, dass sie nicht entstanden ist. Aber gerade spüre ich, dass damit nichts über meinen Wert entschieden wurde.

Schau mal, wie viele neue Freundschaften über die Uni entstanden sind. Mit welcher Leichtigkeit ich Menschen kennengelernt habe, mit denen Interesse und Austausch einfach da sind. Ich bin auf Menschen zugegangen, und sie sind mir entgegengekommen.

Dadurch bekommt diese eine Freundschaft, die nicht geklappt hat, ein anderes Gewicht. Sie muss nicht mehr die Antwort darauf liefern, ob ich liebenswert bin.

Ich kann mir Nähe wünschen und zugleich sehen, wo sie erwidert wird. Wenn jemand diese Freundschaft nicht möchte, darf das so sein. Ich muss die Person nicht davon überzeugen.

Gerade fühlt sich das ruhig und selbstverständlich an. Ich bin weiterhin offen. Es gibt Menschen, denen ich gerne begegne und die mir gerne begegnen.

Das erlebe ich längst.

Bisher konnte ich mir oft Verständnis zugestehen, wenn ich aufzählte, was ich trotz allem geschafft hatte. Was ich ausgehalten, geleistet und bewältigt habe.

Aber selbst wenn ich nichts geleistet hätte in diesem Leben, wäre ich wertvoll.

Gerade kann ich das fühlen.

Auch mein Lernen und meine Entwicklung muss ich nicht zu einem neuen Beweis meines Wertes machen. Ich darf neugierig sein, mir Ziele setzen und mein Leben bewusster gestalten. Mein Studium eröffnet mir dafür Möglichkeiten. Ich erkenne Muster und kann neue Wege ausprobieren.

Und für diesen Moment muss ich daraus nichts Weiteres machen.

Ich bin hier. Nach diesem Jahr, nach allem, was war.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mir so begegnen kann.

So zart.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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