Wie Rosa eine innere Wand berührt

2. August 2026

Wie Rosa eine innere Wand berührt

In Anne Cathrine Bomanns Roman Rosa lebt Vigga hinter einer inneren Wand.

Sie sehnt sich nach Verbindung und bleibt für andere trotzdem schwer erreichbar. Dann begegnet sie Rosa, einem Oktopus. Rosa verlangt keine Erklärung von ihr. Sie nähert sich und legt einen Arm auf Viggas Hand.

Eine Berührung erreicht einen Ort, zu dem Worte bisher keinen Zugang gefunden haben.

Vielleicht ist mir diese Szene deshalb geblieben.

Ich kenne die innere Wand.

Lange erlebte ich sie als etwas, das zwischen mir und anderen Menschen stand. Ich fühlte mich nicht erreicht, nicht verstanden und manchmal vollkommen abgeschnitten. Ich wartete darauf, dass jemand bemerkte, wie es mir ging, und einen Weg zu mir fand.

Tiere zeigten mir eine andere Seite: Ich war es, die nicht aufmachte. Ich war es, die sich von der Verbindung abschnitt.

Diese Erkenntnis wertet meinen Rückzug nicht. Er war eine Bewegung, die mir einmal zur Verfügung stand, wenn Nähe zu viel, zu unsicher oder zu schmerzhaft wurde. Doch eine Bewegung ist nicht dasselbe wie eine unverrückbare Mauer.

Eine erste Ahnung davon bekam ich durch meine Therapeutin. Während der Anamnese erzählte ich ihr, wie anstrengend Gruppen für mich sein können. Sobald mehrere Menschen zusammenkommen, drehe ich häufig auf. Ich lache, bringe Energie hinein und versuche, gute Stimmung zu erzeugen. Manchmal überdrehe ich dabei regelrecht.

Als es während unseres Gesprächs stiller in mir wurde, sagte sie:

„Vielleicht ist das ja auch das Echte.“

Der Satz öffnete eine Tür.

Bis dahin kannte ich vor allem meine lebendige, laute Seite. Meine Stille hatte ich oft mit Rückzug verwechselt. Doch was, wenn ich still sein konnte, ohne mich abzuschneiden?

Bei meiner ersten Herdenzeit bei Katharina Philipp begann ich, diesen Unterschied zu erfahren. Über mehrere Tage verbrachten wir Zeit mit Pferden in der Herde. Es wurde wenig gesprochen, und niemand musste der Gruppe erzählen, was gerade in ihm vorging.

Ich konnte auf der Wiese sitzen oder im Gras liegen, während sich die Pferde um mich herum bewegten.

Ihre Gemeinschaft verschwand nicht, nur weil niemand sprach. Und auch ich verschwand nicht, wenn ich nichts sagte.

In der Herde entdeckte ich eine Seite von mir, die schon immer da gewesen sein musste: Ich bin auch still.

Nicht verschlossen. Nicht verschwunden.

Still und verbunden.

Auf der Wiese begann ich, mit den Pferden zu sprechen. Nicht unbedingt so, wie Menschen miteinander sprechen. Ich konnte mich ihnen öffnen, ohne vorher die richtigen Worte finden zu müssen. Manchmal stellte ich ihnen Fragen.

Bea war die Leitstute. Eines Tages fragte ich sie:

„Was ist Liebe?“

Ich schwöre, sie sah mir direkt in die Augen.

In ihrem Blick lag für mich eine Antwort, die ich damals noch nicht vollständig verstand. Es fühlte sich an, als wollte sie mich an etwas erinnern, das ich außerhalb von mir suchte und doch längst kannte.

Du bist es.

Oder vielleicht noch einfacher:

Liebe ist. Ich bin.

Heute muss ich darüber lachen, wie lange ich gebraucht habe, um diese Antwort zu verstehen. Ich hatte nach einer Definition gefragt, und Bea sah mich einfach nur an.

Eine andere Erinnerung an sie liegt noch tiefer in meinem Körper. Ich lag rückwärts auf Bea, mit dem Bauch auf ihr und dem Kopf auf ihrem Hinterteil. In dieser merkwürdigen Position musste ich nichts kontrollieren und mich nicht einmal aufrecht halten.

Ich gab mein Gewicht ab.

Bea trug mich.

Vielleicht war Liebe in diesem Augenblick keine Antwort auf eine philosophische Frage. Vielleicht war sie ein Körper unter meinem Körper, stark genug, mich zu halten.

Bei einer späteren Herdenzeit war meine Partnerin dabei. Menschen und Pferde umgaben mich, und trotzdem kehrte das alte Abgeschnittensein zurück.

Meine Partnerin war da. Die Gruppe war da.

Und ich fühlte mich einsam.

Es war jene Einsamkeit, die nicht durch die Abwesenheit anderer entsteht. Etwas zieht sich im Inneren zurück, und obwohl die Menschen noch sichtbar sind, wirken sie plötzlich unerreichbar.

Ich saß auf dem Boden, als Moritz zu mir kam.

Er schob seine Schnauze nah an mein Gesicht und schnaubte seinen warmen Atem in meinen Nacken.

Für mich fühlte es sich an, als würde er sagen:

Du bist nicht allein.

Es war magisch.

Moritz machte meine Einsamkeit nicht ungeschehen. Er fügte ihr eine weitere Wirklichkeit hinzu: seine Nähe, seinen Körper und die Wärme seines Atems.

Ich fühlte mich abgeschnitten und konnte gleichzeitig wahrnehmen, dass Verbindung noch da war.

Moritz musste mich nicht hinter einer Wand hervorholen. Er ließ mich erkennen, dass ich mich zurückgezogen hatte – und dass ich mich dem Kontakt wieder zuwenden konnte.

Diesen unmittelbaren Zugang erlebe ich bis heute bei Pferden, Katzen und Hunden. Sie zeigen mir sehr deutlich, wann ich anwesend bin und wann ich mich innerlich entferne. Sie bleiben dabei in ihrer eigenen Bewegung. Sie versuchen nicht, mich von etwas zu überzeugen.

Bei ihnen muss ich Verbindung nicht herstellen.

Ich kann sie zulassen.

Vielleicht denke ich deshalb darüber nach, während meines Studiums einen Welpen aufzunehmen und ihn später zum Therapiehund auszubilden. Noch ist das keine fertige Entscheidung. Zuerst wäre er ein junger Hund mit einem eigenen Wesen und eigenen Bedürfnissen. Alles Weitere dürfte sich entwickeln.

Der Gedanke berührt mich: Vielleicht könnte ein Hund einem Kind einmal eine stille Gegenwart anbieten, in der es nichts erklären und sich zu nichts zwingen muss.

Rosa legt einen Arm auf Viggas Hand.

Bea trägt meinen Körper.

Moritz atmet Wärme in meinen Nacken.

Keines dieser Tiere reißt eine innere Wand ein.

Sie berühren sie.

Und manchmal genügt diese Berührung, damit sich auf der anderen Seite etwas öffnet.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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