Über das Festhalten, das Versteckspiel mit verdeckten Karten und eine Freundschaft, die mir zeigte, dass ich verbunden geblieben bin.
Beziehung üben
1. November 2026

Ich merke gerade, wie anstrengend es sein kann, an jemandem festzuhalten. Innerlich ständig mit diesem Menschen beschäftigt zu sein. Auf eine Reaktion zu warten, Nachrichten zu deuten und mich zu fragen, wie wichtig ich dem anderen eigentlich bin.
Früher fand ich mich deshalb ziemlich uncool. In meiner Wahrnehmung war ich die Schwache. Diejenige, die mehr wollte, mehr brauchte und offenbar nicht einfach loslassen konnte.
Wie oft war ich neidisch auf die scheinbare Leichtigkeit des anderen. Gefühlt war dort alles cool und easy, während ich stundenlang darüber nachdachte, was zwischen uns passierte.
Das fing schon damit an, wie oft ich an den anderen dachte. Er war in meinem Kopf ständig dabei. Und ich fragte mich: Denkst du überhaupt auch mal an mich? Oder beschäftige nur ich mich die ganze Zeit mit uns?
Was ich tatsächlich wusste, war allerdings nur, wie viel mich diese Verbindung beschäftigte. Was beim anderen vorging, konnte ich von aussen gar nicht sehen. Trotzdem machte ich aus seiner scheinbaren Leichtigkeit und meinem vielen Nachdenken einen Beweis dafür, dass ich die Schwächere war.
Mittlerweile sehe ich, dass dieses Festhalten manchmal gegenseitig ist. Es sieht nur auf beiden Seiten anders aus. Einer sucht Nähe, der andere zieht sich zurück. Sobald der eine loslässt, kommt der andere hinterher. Dann wechseln die Rollen.
Hin und her. Hin und her.
Dabei liegen die Karten selten offen auf dem Tisch. Wie wichtig bin ich dir? Kommst du hinterher, wenn ich gehe? Kann ich mich wieder nähern, ohne zu zeigen, wie sehr ich mir das wünsche?
Schon an diesen Fragen merke ich, wie sehr ich wieder in den Taschen des anderen suche. Nach Sicherheit. Nach einer Bestätigung, dass ich wichtig bin und bleiben darf.
Aber ich bin müde, mich auch noch dafür zu verurteilen. Ich kann es inzwischen auch anders. Nur eben nicht immer. Manchmal vertraue ich einer Verbindung, manchmal suche ich wieder nach Zeichen und zerdenke jede Nachricht. Beides kommt in mir vor.
Deshalb wünsche ich mir, dass wir ehrlich zu uns selbst und miteinander werden. Dass ich sagen kann: Ich merke gerade, wie sehr ich bei dir nach Sicherheit suche. Ich habe Angst und weiss noch nicht so richtig, wie ich damit umgehen kann.
Ich möchte das aussprechen dürfen, während ich noch darinstecke. Und hören dürfen, was beim anderen los ist. Vielleicht können wir dann zusammen etwas ausprobieren, statt voreinander so zu tun, als hätten wir alles im Griff.
Ich erinnere mich an eine Dame, die einmal ganz stolz zu mir sagte: «Hast du gehört, was Erika gesagt hat, als sie meine Schrift analysiert hat?»
«Nee.»
«Dass ich mir nicht in die Karten schauen lasse.»
Dieser Stolz ist mir in Erinnerung geblieben. Was daran soll erstrebenswert sein? Was daran soll cooler sein? Wenn wir einander begegnen wollen und gleichzeitig stolz darauf sind, nichts von uns erkennen zu lassen – wie soll das gehen?
Für mich hat dieses bewusste Verdecken etwas Trennendes. Ich stehe vor dem anderen und darf raten. Dabei betrifft das, was zwischen uns passiert, doch uns beide.
In diesem Spiel mit Masken bin ich selbst selten gut. Ich trage mein Herz auf der Zunge. Erika hat einmal zu mir gesagt, dass ich ein reines Herz habe und so aufrichtig bin. Ähnliches habe ich schon öfter gehört. Trotzdem fühlt es sich für mich oft so an, als käme man damit in dieser Welt nicht besonders weit.
Wenn ich offen zeige, dass mir jemand wichtig ist, mache ich mich verletzlich. Und wenn der andere seine Karten verdeckt hält, stehe ich da mit allem, was ich empfinde, und weiss kaum, was bei ihm passiert. Dann fühle ich mich schnell wieder wie die Schwache, die zu viel will und zu viel von sich gezeigt hat.
Dabei wünsche ich mir offene Karten und die Möglichkeit, miteinander Beziehung zu üben. Wir dürfen doch unsicher sein. Angst haben. Nähe wollen und dann merken, dass sie uns überfordert. Ich verstehe oft einfach nicht, warum wir uns das nicht sagen.
Natürlich brauche auch ich manchmal Zeit, bis ich etwas aussprechen kann. Manchmal verstehe ich selbst noch gar nicht, was in mir vorgeht. Aber auch das könnte ich sagen: Ich weiss gerade nicht, was los ist. Ich brauche noch einen Moment.
Letzte Woche habe ich mit meinem besten Freund etwas erlebt, das mich dazu sehr berührt hat.
Er hatte etwas zu mir gesagt, das mich maximal getriggert hat. Der Schmerz war heftig. Gleichzeitig konnte ich richtig beobachten, wie ich innerlich eine Mauer hochzog. Ich wurde eng. Machte zu. Ich war ihm nicht mehr offen.
Trotzdem konnte ich ihm kurz schreiben: Ich bin dir gerade nicht mehr offen. Ich melde mich.
Danach bin ich ins Fitnessstudio gegangen und habe mich erst einmal abreagiert. Ungefähr drei Stunden später habe ich ihn angerufen.
Seine erste Frage war: «Redest du noch mit mir?»
Ich wollte mit ihm reden. Und ich wollte ihm zeigen, was in mir passiert war.
Wir beide wissen um Projektion. Ich weiss, dass mein Erleben von ihm in einem solchen Moment davon geprägt sein kann, was in mir gerade berührt wird. Und ich vertraue darauf, dass auch er weiss: Meine momentane Reaktion ist nicht die ganze Wahrheit über ihn oder über uns.
Ich kann ihn gerade richtig scheisse finden und trotzdem wissen, dass unsere Verbindung besteht.
Das gibt mir unglaublich viel Sicherheit. An diesem Abend war da dieser heftige Schmerz, aber nicht gleichzeitig die Verlustangst. Ich wusste, dass ich erst einmal herausfinden durfte, was mit mir passiert war.
Am Telefon habe ich ihm erzählt, was seine Worte mit mir gemacht hatten. Was sie berührt hatten und weshalb ich so stark darauf reagiert hatte. Ich habe ihn daran teilhaben lassen, auch dort, wo es mir schwerfiel.
Dieses Gespräch hat uns unglaublich in die Tiefe geführt. Es ist eine Bindung entstanden, die ich so in einem solchen Moment bisher kaum kannte.
Bis dahin hatte ich oft erlebt, dass aus solchen Situationen Trennung entsteht. Etwas tut weh, einer macht zu, und zwischen uns wird es stiller oder der Kontakt bricht ab. Hier konnte ich mich nach dem Zumachen wieder zeigen. Und wir sind uns dadurch nähergekommen.
Das war für mich eine neue Erfahrung. Gerade dort, wo ich bisher Trennung erlebt hatte, entstand tiefe Verbundenheit.
Später erinnerte er mich an etwas, das ich einmal zu ihm gesagt hatte: dass ich nicht weiss, wie Beziehung geht. Wie dieses Sich-Einlassen eigentlich geht.
Dann sagte er sinngemäss: Schau, du bist nicht aus der Beziehung gegangen. Du hast mir gesagt, dass du dich meldest. Und drei Stunden später hast du mich angerufen und dich gezeigt.
Ich hatte mich ihm zugemutet. Zuerst mit der Nachricht, dass ich ihm gerade nicht mehr offen war. Und später mit meinem Wunsch, mit ihm zu sprechen. Mit meinem Schmerz, meinen Gedanken und dem, was seine Worte in mir ausgelöst hatten.
Genau das hatte er gemeint.
Ich hatte vor allem meine Mauer gesehen. Er hatte auch gesehen, dass ich ihn wieder an mich herangelassen hatte. Dass ich bereit gewesen war, ihm zu zeigen, was hinter dieser Mauer passiert war.
Seine Frage hatte etwas Verkrustetes in mir aufgebrochen. Im ersten Moment hatte das einfach nur wehgetan. Im gemeinsamen Gespräch konnten daraus neue Perspektiven entstehen. Und ich konnte erleben, dass ich mit diesem Schmerz in unserer Verbindung Platz hatte.
Das berührt mich. Weil ich offenbar nicht erst an einem bestimmten Punkt angekommen sein muss, damit Beziehung möglich ist. Ich darf Angst haben, mich verschliessen und Zeit brauchen. Und ich darf mich zeigen, während mich das alles noch beschäftigt.
Mit meinem besten Freund und auch mit meiner Partnerin erlebe ich, dass ich etwas noch nicht können darf. Dass ich es üben darf. Mit ihnen, mitten in unserer Beziehung.
Dazu passt ein Gedanke, mit dem ich mich gerade im Studium beschäftige. Am Dienstag halte ich mit meiner Gruppe eine Lerneinheit über den Philosophen und Pädagogen John Dewey. Über Lernen durch Erfahrung.
An Deweys Gedanken interessiert mich besonders, dass sich auch unsere Zwecke im Handeln entwickeln können. Wir wissen nicht immer schon vorher genau, was wir erreichen wollen. Manchmal entdecken wir erst im Tun, was überhaupt erstrebenswert sein könnte.
Genau das macht Gestaltung für mich so besonders. Ich beginne mit einer Idee, begegne dem Material, probiere etwas aus. Dabei entsteht etwas, das ich vorher noch gar nicht vor Augen hatte. Und meine Vorstellung verändert sich mit dem, was ich erfahre.
Vielleicht passiert beim Lernen von Beziehung etwas Ähnliches.
Ich hatte meinen Freund an diesem Abend nicht angerufen, um eine bestimmte Vorstellung von gelungener Beziehung umzusetzen. Ich wollte mit ihm sprechen und ihm erzählen, was in mir passiert war. Dass daraus eine solche Tiefe und Bindung entstehen würde, wusste ich vorher nicht.
Erst durch unser Gespräch und seine spätere Rückmeldung habe ich deutlicher verstanden, was wir miteinander erlebt hatten.
Ich konnte zumachen und es ihm mitteilen. Ich konnte Zeit brauchen und wieder auf ihn zugehen. Ich konnte ihm meinen Schmerz zeigen und erfahren, dass er damit bei mir blieb.
Für mich wird darin ein Zusammenhang zwischen Erfahrung und Lernen greifbar: Etwas passiert, ich handle, der andere antwortet, und wir schauen gemeinsam darauf zurück. Daraus kann eine neue Möglichkeit für das nächste Mal entstehen.
Dieses Erlebnis gibt mir etwas, auf das ich zurückgreifen kann. Ich habe erfahren, dass aus einem schmerzhaften Moment Nähe wachsen kann. Dass mein Mich-Zeigen eine Verbindung vertiefen kann, auch wenn ich vorher zugemacht habe.
Dabei wird mir bewusst, wie schnell ich mir selbst eine Vorstellung mache, wo ich zu sein habe. Unabhängig. Bei mir. Fähig loszulassen. Als müsste ich erst lernen, mich jederzeit selbst über Wasser zu halten, bevor ich mich wirklich auf jemanden einlassen darf.
Aber ich weiss von mir, dass ich komisch werde, wenn ich zu lange allein bin. Gespräche regen mich an. Jemand stellt eine Frage oder sieht etwas anders, und in mir kommt etwas in Bewegung. Manchmal verstehe ich erst im Austausch, was mich eigentlich beschäftigt.
Ich erkenne mich durch ein Du.
Vielleicht gehört zum Lernen von Beziehung deshalb auch, anzuerkennen, dass wir ein Stück weit aufeinander angewiesen sind. Dass wir uns gegenseitig etwas ermöglichen können. So wie mein bester Freund mir an diesem Abend geholfen hat, etwas wahrzunehmen, das mir allein entgangen war.
Es gibt vier Menschen in meinem Leben, mit denen ich dieses gemeinsame Hinschauen und Üben erlebe.
Was für ein Geschenk, dass es sogar vier sind.
Ich wünsche mir Menschen, die mit mir Beziehung üben wollen. Mit denen ich sagen kann, wenn ich unsicher bin. Die mir ebenfalls zeigen, was in ihnen passiert. Mit denen wir ausprobieren dürfen, wie wir nach einem schwierigen Moment wieder aufeinander zugehen können.
Vielleicht entdecken wir dabei auch erst, welche Art von Beziehung wir miteinander gestalten möchten. Was uns trägt. Was wir brauchen. Was möglich wird, wenn wir uns ein wenig mehr zeigen.
Ich weiss noch nicht immer, wie das geht. Mich einlassen. Verbunden bleiben. Gerade dann, wenn es in mir eng wird.
Aber an diesem Abend habe ich ihm geschrieben. Drei Stunden später habe ich ihn angerufen und ihm gezeigt, was in mir passiert war.
Und dort, wo ich bisher oft Trennung erlebt hatte, ist zwischen uns eine tiefe Bindung gewachsen.
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