Über das Ende eines Abschnitts, das Ja zum Leben, Erschöpfung, Klarheit – und die Stille, die entsteht, wenn niemand mehr im Glas herumrührt.
Wenn der Schlamm absinkt
22. August 2026

Gestern war mein letzter Arbeitstag.
Und heute sitze ich in Dijon.
Meine Partnerin und ich sind heute mit dem Zug in den Urlaub gefahren und eigentlich müsste sich das vermutlich irgendwie leicht anfühlen. Frei. Geschafft. Neuer Abschnitt. Jetzt erst einmal Urlaub.
Und irgendwie tut es das auch.
Nur mein Körper sieht das offenbar ein bisschen anders.
Seit zwei Tagen ist mir hundeelend. Mir ist ständig schlecht und ich habe dauernd dieses Gefühl, dass mein Körper irgendetwas von mir möchte.
Nur was?
Essen?
Schlafen?
Ruhe?
Bewegung?
Irgendein Vitamin?
Bitte einmal komplett herunterfahren und wieder hochfahren?
Keine Ahnung.
Ich suche die ganze Zeit ein bisschen danach und finde es nicht.
Vielleicht gibt es aber auch gar nichts zu finden.
Vielleicht holt mich gerade schlicht die Erschöpfung ein, für die vorher keine Zeit war.
Und gleichzeitig ist da etwas ganz anderes.
Erleichterung.
Leichtigkeit.
Sehr viel Lebensfreude.
Nicht laut.
Nicht dieses euphorische Juhu, jetzt wird alles anders.
Eher ganz ruhig.
Wie etwas, das in mir sitzt und einfach weiss: Es ist gut.
Es erinnert mich ein bisschen an die Zeit nach der Abgabe meiner Bachelorthesis.
Man arbeitet auf etwas hin. Hält durch. Funktioniert. Macht noch dieses fertig und jenes. Und dann ist es plötzlich vorbei.
Fertig.
Und statt dass sofort etwas Neues kommt, entsteht erst einmal eine merkwürdige Leere.
Fast wie ein Vakuum.
Aber vielleicht ist dieses Vakuum gar nicht leer.
Vielleicht ist darin einfach endlich wieder Platz.
Heute, als wir durch die Fussgängerzone gelaufen sind, habe ich meine Partnerin irgendwann gefragt, warum sie eigentlich damals mit mir zusammen sein wollte.
Ihre Antwort:
„Weil ich eine Partnerschaft wollte."
Okay.
Das könnte man jetzt ziemlich unromantisch finden.
Nicht:
Weil ich dich wollte.
Nicht:
Weil du die Liebe meines Lebens bist.
Nicht einmal irgendeine kleine romantische Ausschmückung.
Nein.
Sie wollte eine Partnerschaft.
Ich musste lachen.
Und gleichzeitig liebe ich genau diese Klarheit an ihr.
Irene kann sehr schlecht etwas sagen, das sie nicht meint. Wenn ich sie etwas frage, antwortet sie meistens einfach aufrichtig. Manchmal könnte man da aus Gründen der Romantik durchaus noch ein bisschen Lametta dranhängen, aber gut.
Ich glaube ihr.
Und je länger ich über ihre Antwort nachgedacht habe, desto schöner wurde sie für mich.
Denn plötzlich habe ich etwas verstanden.
Da war bereits ein Ja.
Ein Ja zur Partnerschaft.
Und vielleicht steckt darin für mich etwas viel Grösseres als die Frage, ob sie damals unbedingt mich wollte.
Es war ein Ja zum Leben.
Das klingt jetzt vielleicht etwas gross, aber genau so fühlt es sich für mich an.
Denn Partnerschaft bedeutet ja nicht nur: Ich finde dich toll und möchte gerne viel Zeit mit dir verbringen.
Es bedeutet auch: Ich lasse mich ein.
Ich lasse mich berühren.
Ich riskiere, verletzt zu werden.
Ich riskiere, jemanden zu verlieren.
Ich riskiere, dass all meine wunderbaren ungeklärten Beziehungsthemen irgendwann aus ihren Löchern gekrochen kommen und mit am Frühstückstisch sitzen.
Und trotzdem sage ich Ja.
Vielleicht erlebe ich das Leben gerade überhaupt immer stärker so.
Das Leben sagt Ja.
Es geht hinein.
Es macht Erfahrungen.
Es versucht nicht vorher herauszufinden, ob alles gut ausgehen wird.
Und plötzlich ist mir aufgefallen, dass ich lange etwas anderes gesucht habe.
Ich dachte, ich würde in Partnerschaften nach einem Ja zu mir suchen.
Willst du mich wirklich?
Entscheidest du dich für mich?
Bleibst du?
Vielleicht war das aber gar nicht die eigentliche Sehnsucht.
Vielleicht habe ich nach einem Menschen gesucht, der Ja zum Leben sagt.
Und dieser Gedanke entlastet mich gerade unfassbar.
Denn dann muss ich nicht der Grund für dieses Ja sein.
Ich muss nicht besonders genug sein.
Nicht liebenswert genug.
Nicht interessant genug.
Nicht so richtig sein, dass ein anderer Mensch meinetwegen endlich bereit ist, sich einzulassen.
Das Ja muss nicht durch mich entstehen.
Es darf schon vorher da sein.
Und aus diesem Ja heraus können zwei Menschen einander begegnen und sagen:
Okay.
Dann schauen wir mal, was das hier mit uns wird.
Vielleicht ist genau das auch etwas, das sich zwischen Irene und mir in den vergangenen Monaten verändert hat.
Wir haben uns immer wieder füreinander entschieden.
Nicht einmal.
Immer wieder.
Und nein, das sah nicht immer nach einem besonders gelungenen Liebesfilm aus.
Es waren Drohungen im Raum.
Zweifel.
Der Wunsch auszuweichen.
Der Wunsch wegzulaufen.
Momente, in denen wahrscheinlich beide gedacht haben: Müssen wir uns diesen Scheiss eigentlich wirklich antun?
Und trotzdem ist keiner wirklich gegangen.
Oder vielleicht genauer:
Wir sind immer wieder zurückgekommen.
Mit jedem Sturm haben wir uns ein Stück mehr für die Tiefe entschieden.
Nicht für Harmonie um jeden Preis.
Nicht für dieses Wir lieben uns und deshalb ist alles schön.
Sondern dafür, noch einmal hinzuschauen.
Noch ein Stück tiefer.
Noch ein Stück weniger auszuweichen.
Und vielleicht braucht es genau dafür dieses grundsätzliche Ja.
Nicht: Ja, solange es angenehm bleibt.
Sondern:
Ja, ich bin hier.
Das bedeutet nicht, dass man alles mitmachen muss.
Es bedeutet nicht, dass Grenzen verschwinden.
Und es bedeutet ganz sicher nicht, dass jede Beziehung auf Biegen und Brechen erhalten werden sollte.
Es bedeutet für mich gerade eher: Ich bin bereit, dem zu begegnen, was tatsächlich da ist, bevor ich entscheide, dass ich weg muss.
Und irgendwie führt mich das wieder zur Klarheit.
Auf Elba habe ich zum ersten Mal sehr deutlich gespürt, wie viel Klarheit eigentlich längst in mir ist.
Ich glaube, ich hatte sie vorher nur nicht immer ernst genommen.
Oder sie wieder relativiert.
Noch einmal darüber nachgedacht.
Noch eine Schleife gedreht.
Noch einmal überlegt, ob ich vielleicht zu deutlich bin.
Zu entschieden.
Zu wenig offen für sämtliche denkbaren Perspektiven.
Inzwischen gelingt mir das immer schlechter.
Ich habe in letzter Zeit durchaus wieder Menschen mit meiner Klarheit erschreckt.
Das tut mir teilweise leid.
Aber ich merke auch: Ich kann sie nicht mehr verstecken.
Und eigentlich möchte ich es auch nicht mehr.
Dabei verwechsle ich Klarheit nicht mit Wahrheit.
Meine Klarheit ist nicht die Wahrheit.
Das finde ich einen wichtigen Unterschied.
Sie bedeutet nur:
So sehe ich es gerade.
Das möchte ich.
Das möchte ich nicht.
Hier gehe ich mit.
Hier gehe ich nicht mit.
Das kann sich ändern.
Ich kann mich irren.
Ich kann morgen etwas erkennen, das ich heute noch nicht sehe.
Aber heute muss ich deshalb nicht so tun, als hätte ich keine Position.
Dieses permanente Rumeiern zwischen Ja, Nein und Vielleicht macht mich zunehmend müde.
Wasch mich, aber mach mich nicht nass.
Komm her, aber bitte nicht zu nah.
Ich möchte es, aber ich möchte mich nicht dafür entscheiden müssen.
Ich möchte Veränderung, solange sich bitte nichts verändert.
Damit kann ich immer weniger anfangen.
Vielleicht hat das gerade auch mit der besonderen Konstellation am Himmel zu tun.
Vielleicht brauche ich dafür überhaupt keine astrologische Erklärung.
Ich spüre einfach sehr deutlich:
Es gibt Dinge, die nehme ich nicht mehr mit.
Nicht in meinen nächsten beruflichen Abschnitt.
Nicht in meine Beziehungen.
Nicht in meine Arbeit.
Nicht in das, was jetzt kommt.
Und vielleicht ist mein letzter Arbeitsplatz deshalb gerade ein ziemlich interessantes Abschlussbild für mich.
Denn dort gab es in den vergangenen Monaten sehr viel Unklarheit.
Viel Verwirrung.
Dinge waren schwer greifbar.
Aussagen standen im Raum und verschoben sich wieder.
Und ich habe gemerkt, wie schnell auch ich selbst dadurch in Verwirrung geraten bin.
Vielleicht ist Verwirrung manchmal tatsächlich ansteckend.
Wenn um mich herum permanent bewegt wird, verliere ich irgendwann das Gefühl dafür, was eigentlich stillsteht.
Und genau deshalb freue ich mich gerade auf etwas ziemlich Unspektakuläres.
Ruhe.
Nicht sofort die nächste grosse Erkenntnis.
Nicht den perfekten Plan für mein neues Leben.
Nicht die Antwort darauf, wie alles weitergeht.
Einfach Ruhe.
Ich habe dabei dieses Bild von einem Glas vor Augen.
Wasser.
Unten liegt Schlamm.
Und darin steckt ein Löffel.
Solange jemand mit diesem Löffel ständig herumrührt, ist das ganze Wasser trüb.
Man kann noch so angestrengt hineinschauen.
Man sieht trotzdem nichts.
Vielleicht kann man dann analysieren.
Meditieren.
Aufstellen.
Nachdenken.
Noch jemanden fragen.
Noch ein Buch lesen.
Oder einfach besonders konzentriert in dieses Glas starren.
Das Wasser wird davon nicht klarer.
Vielleicht muss irgendwann einfach der Löffel raus.
Das Glas stehen.
Und der Schlamm darf absinken.
Ich glaube, genau dort bin ich gerade.
Gestern war mein letzter Arbeitstag.
Heute sitze ich in Dijon.
Mein Körper ist erschöpft.
In mir ist diese merkwürdige Leere.
Und gleichzeitig ist da Leichtigkeit.
Erleichterung.
Lebensfreude.
Ganz ruhig.
Fast so, als wäre in mir längst etwas weitergegangen, während mein Körper noch hinterherkommt.
Morgen fahren wir weiter nach Montpellier.
Und ich habe das ziemlich sichere Gefühl, dass das Meer den Rest erledigen wird.
Das Meer hat mich schon immer geheilt.
Nicht im Sinne von: Danach ist alles weg.
Eher so, dass ich am Meer wieder weiss, wie gross das Leben eigentlich ist.
Wie wenig ich festhalten muss.
Wie viel Bewegung sein darf.
Das Wasser nimmt nichts persönlich.
Es kommt.
Es geht.
Es trägt.
Es zieht sich zurück.
Und es kommt wieder.
Vielleicht ist genau deshalb gerade so viel Vorfreude in mir.
Nicht weil ich denke, dass ich morgen ans Meer fahre und dann plötzlich ein neuer Mensch bin.
Sondern weil ich weiss, wie leicht es mir dort fällt, wieder bei mir anzukommen.
Vielleicht entsteht Klarheit nicht immer dadurch, dass noch etwas dazukommt.
Vielleicht entsteht sie manchmal dadurch, dass endlich etwas aufhört.
Das Rühren.
Die Verwirrung.
Das permanente Vielleicht.
Und vielleicht ist dieses Vakuum deshalb gar kein Loch, das ich möglichst schnell wieder füllen muss.
Vielleicht ist es der Raum zwischen zwei Dingen.
Das Alte bewegt sich nicht mehr.
Das Neue ist noch nicht da.
Und dazwischen darf ich stehen.
Mit einem erschöpften Körper.
Mit einem ziemlich leichten Herzen.
Und mit sehr viel Lust auf das, was kommt.
Ich weiss nicht, was ich sehen werde, wenn das Wasser wieder klar ist.
Aber ich weiss inzwischen zumindest etwas mehr darüber, von wo aus ich schauen möchte.
Aus einem Ja zum Leben.
Aus einem Ja zu dem, was ich tatsächlich will.
Und aus einem Nein zu Dingen, bei denen ich längst merke, dass sie nicht mehr mitkommen.
Vielleicht reicht das gerade vollkommen.
Und bis der Schlamm abgesunken ist, versuche ich ausnahmsweise einfach, den Löffel nicht wieder ins Glas zu stecken.
Morgen kommt ohnehin erst einmal das Meer.
Weiter lesen
Mehr aus dieser Welt
What do you think?
21 Jahre, ein Lied und eine Nachricht, die ich so lange hören wollte.
Was mein Löwe mich nicht sehen liess
Über die Löwe-Energie, die mich durch vieles getragen hat – und das, was sie lange verdeckt hat.
Ich glaube, ich verstehe mich gerade
Über ein Jahr, das sich wie eine Prüfung anfühlte – und den Moment, in dem die Härte mir selbst gegenüber nachlässt.
Was dich bewegt hat
Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.
Noch ist dieser Raum still.
Schreib mir