Über Projektion, Wahrnehmung und die vielleicht tröstliche Erkenntnis, dass ein anderer Mensch immer ein Geheimnis bleiben darf.
Was wäre, wenn wir aufhören würden, einander so sicher zu kennen?
19. August 2026

Ich beschäftige mich schon sehr lange mit Projektion.
Und je länger ich mich damit beschäftige, desto weniger habe ich das Gefühl, irgendetwas endgültig verstanden zu haben.
Vielleicht ist das inzwischen sogar das Spannendste daran.
Früher dachte ich noch viel häufiger in Kategorien wie:
Das ist meine Projektion.
Oder:
Nein, diesmal nehme ich das wirklich richtig wahr.
Heute fällt mir diese Trennung zunehmend schwer.
Denn natürlich gibt es Projektion. Ich kenne inzwischen einige meiner Muster gut genug, um mich dabei zu erwischen. Ich merke schneller, wenn mich etwas unverhältnismässig stark trifft. Wenn ich einen Menschen plötzlich sehr gross mache. Oder sehr klein. Wenn ich glaube, genau zu wissen, was der andere denkt, fühlt oder beabsichtigt.
Und trotzdem bleibt da meine Wahrnehmung.
Manchmal nehme ich tatsächlich etwas wahr.
Vielleicht stimmt sogar ein Teil davon.
Und gleichzeitig mischt sich etwas Eigenes hinein.
Meine Geschichte. Meine Ängste. Meine Wünsche. Meine bisherigen Erfahrungen mit diesem Menschen. Meine Erfahrungen mit anderen Menschen. Das, was ich erwartet habe. Das, was ich fürchte.
Und irgendwann stehe ich vor einer ziemlich unbequemen Frage:
Wie kann ich eigentlich behaupten, einen anderen Menschen wirklich zu sehen, wenn ich schon Schwierigkeiten damit habe, mich selbst vollständig zu erkennen?
Ich würde das inzwischen nicht einmal mehr eine Überzeugung nennen.
Eher eine Wahrheit in Bewegung.
Etwas, das sich verändert, je länger ich damit lebe.
Lange hat mich dieser Gedanke traurig gemacht.
Fast einsam.
Wenn ich den anderen nie vollkommen erkennen kann – wenn zwischen ihm und mir immer auch meine eigene Wahrnehmung, meine Geschichte und meine Projektionen stehen –, wie nah können wir uns dann überhaupt kommen?
Heute empfinde ich es anders.
Vielleicht muss ich einen Menschen gar nicht vollständig durchschauen können.
Vielleicht wäre es sogar schrecklich, wenn ich es könnte.
Vielleicht liegt genau darin etwas Schönes:
Der andere bleibt ein Mensch, den ich immer wieder neu entdecken kann.
Ich kann neugierig bleiben.
Ich kann fragen.
Habe ich dich richtig verstanden, dass …?
Ich kann meine Wahrnehmung anbieten, ohne sie zur Wahrheit über den anderen zu erklären.
Ich nehme dich gerade sehr weit weg wahr.
Das ist etwas anderes als:
Du ziehst dich von mir zurück.
Ich habe das Gefühl, dass etwas zwischen uns steht.
ist etwas anderes als:
Du bist wütend auf mich.
Das eine lässt den anderen noch existieren.
Das andere hat ihn bereits erklärt.
Vielleicht beginnt Begegnung genau dort.
Wo ich bereit bin, meinen eigenen Blick nicht für das Ganze zu halten.
Und vielleicht verändert sich dadurch auch die Bedeutung von Projektion.
Projektion muss nicht nur eine Falle sein.
Sie kann ein Spiegel sein.
Wenn mich ein Mensch ungeheuer beschäftigt, kann ich natürlich meine gesamte Energie darauf verwenden, ihn zu analysieren.
Hast du gesehen, was Frau Müller schon wieder gemacht hat?
Unfassbar.
Immer macht sie …
Sie ist einfach …
Wir kennen solche Gespräche wahrscheinlich alle.
Und vielleicht gibt es manchmal sogar gute Gründe, sich über Frau Müller aufzuregen.
Trotzdem interessiert mich inzwischen eine andere Frage mindestens genauso sehr:
Was hat das eigentlich mit mir zu tun, dass ich mich so an ihr störe?
Nicht im Sinne von:
Frau Müller hat nichts gemacht und alles ist nur meine Projektion.
Das wäre mir inzwischen genauso zu einfach.
Sondern:
Was passiert in mir?
Warum genau trifft mich das?
Warum bleibt dieser Satz hängen und zehn andere nicht?
Warum beschäftigt mich dieses Verhalten noch Stunden später?
Was wird da in mir berührt?
Und vielleicht liegt darin für mich inzwischen eine der grössten Aufgaben des Erwachsenseins:
die Verantwortung für das zu übernehmen, was in mir geschieht.
Wenn ich verletzt bin, bin ich verletzt.
Wenn ich wütend bin, bin ich wütend.
Wenn ich Angst habe, habe ich Angst.
Natürlich kann ein anderer Mensch etwas getan haben, das diese Gefühle ausgelöst hat.
Aber das Gefühl findet in mir statt.
Und damit liegt zumindest ein Teil der Verantwortung dafür auch bei mir.
Nicht die Schuld.
Die Verantwortung.
Das ist für mich ein gewaltiger Unterschied.
Ich kann den anderen für meine Gefühle verantwortlich machen und sagen:
Du machst mich wütend.
Oder ich kann merken:
Das, was gerade zwischen uns passiert, löst Wut in mir aus.
Und dann beginnt meine Aufgabe.
Was brauche ich?
Was passiert gerade in mir?
Kann ich mich regulieren?
Kann ich bleiben, ohne meinen Schmerz sofort auf den anderen zu werfen?
Das klingt sehr erwachsen.
Ich kann das natürlich auch nicht immer.
Manchmal bin ich einfach verletzt.
Manchmal möchte ich mich auskotzen.
Manchmal brauche ich jemanden, der neben mir sitzt und mit mir aushält, dass es gerade weh tut.
Und ich glaube überhaupt nicht, dass wir alles alleine mit uns ausmachen sollten.
Im Gegenteil.
Menschen regulieren sich miteinander.
Wir brauchen Beziehung.
Wir brauchen jemanden, der sagt:
Ich bin da.
Aber vielleicht liegt genau dort die nächste Schwierigkeit.
Denn auch beim Trösten können wir einander wunderbar dabei helfen, unsere Projektionen zu zementieren.
Ich erzähle einer Freundin, was passiert ist.
Ich bin verletzt.
Vielleicht wütend.
Und meine Freundin sagt:
Boah, ja. Das ist wirklich total daneben. Was für ein unmöglicher Mensch.
Für einen Moment tut das gut.
Ich fühle mich verstanden.
Ich bin nicht alleine.
Nur wird aus meinem Schmerz dabei manchmal innerhalb weniger Minuten eine komplette Anklageschrift gegen den anderen.
Eckhart Tolle nennt diese alte emotionale Ladung den Schmerzkörper.
Und ich finde dieses Bild hilfreich.
Denn Schmerz will manchmal Nahrung.
Er sucht Beweise.
Siehst du. Ich wusste doch, dass ich nicht wichtig bin.
Siehst du. Menschen verlassen mich immer.
Siehst du. Man kann niemandem vertrauen.
Und dann kann ein Gespräch, das eigentlich Verbindung schaffen sollte, genau diesen Schmerz immer weiter füttern.
Vielleicht ist deshalb nicht jede Bestätigung wirklich hilfreich.
Vielleicht besteht Freundschaft manchmal gerade darin, meinen Schmerz ernst zu nehmen, ohne meine Geschichte über den anderen sofort mit zu unterschreiben.
Zu sagen:
Ich sehe, dass dich das wahnsinnig verletzt.
ohne automatisch hinzuzufügen:
Und deshalb ist der andere ein Arschloch.
Das klingt nach einem kleinen Unterschied.
Für mich ist es inzwischen ein riesiger.
Denn mein Schmerz darf da sein.
Aber er muss nicht zur Waffe werden.
Und dann gibt es noch eine zweite Art, mit der wir häufig auf Verletzlichkeit reagieren:
Wir helfen.
Sofort.
Man erzählt etwas und noch bevor man überhaupt richtig ausgesprochen hat, kommt:
Also ich würde …
Du musst einfach …
Mach doch …
Ich kenne das auch von mir.
Es ist schwer auszuhalten, wenn ein Mensch, den wir lieben, leidet.
Also wollen wir etwas tun.
Nur ist ein gut gemeinter Ratschlag manchmal tatsächlich genau das, was das Wort verspricht:
ein Rat-Schlag.
Ich bin ohnehin gerade verunsichert.
Vielleicht ohnmächtig.
Vielleicht weiss ich selbst nicht, was ich tun soll.
Und dann erklärt mir jemand, was jetzt richtig wäre.
Damit entsteht schnell noch eine zweite Botschaft:
Du bekommst das offenbar selbst nicht hin.
Vielleicht brauchen wir viel häufiger etwas vollkommen anderes.
Keine Lösung.
Keinen klugen Satz.
Keine Analyse.
Sondern einen Menschen, der da bleibt.
Der meine Gefühle nicht wegmachen muss.
Der nicht vor meiner Hilflosigkeit davonläuft, indem er sofort Aktivität produziert.
Vielleicht geschieht sehr viel Heilung überhaupt nicht dadurch, dass jemand ein Problem für mich löst.
Vielleicht geschieht sie dadurch, dass ich eine Erfahrung mache, die ich viel seltener kenne:
Ich darf gerade so sein. Und du bleibst trotzdem.
Du musst mich nicht retten.
Ich muss dich nicht retten.
Und vielleicht ist auch das eine Projektion, die wir irgendwann loslassen können:
die Vorstellung, der andere brauche unsere Lösung.
Vielleicht braucht er nur unsere Gegenwart.
Je länger ich darüber nachdenke, desto grösser wird dieses Thema für mich.
Denn Projektion findet ja nicht nur zwischen zwei Menschen in einer Partnerschaft statt.
Wir projizieren auf Familien.
Auf Gruppen.
Auf Generationen.
Auf Männer.
Auf Frauen.
Auf politische Lager.
Auf Länder.
Auf Kulturen.
Auf Menschen, deren Leben wir überhaupt nicht kennen.
Und vielleicht beginnt Krieg genau an einer ähnlichen Stelle wie ein Streit in einer Beziehung.
Mit der Gewissheit:
Ich weiss, wer du bist.
Du bist egoistisch.
Du bist gefährlich.
Du bist falsch.
Du bist schuld.
Und auf der anderen Seite entsteht dieselbe Gewissheit über mich.
Je sicherer wir einander kennen, desto weniger müssen wir einander noch begegnen.
Deshalb frage ich mich inzwischen:
Was würde eigentlich passieren, wenn wir mit Projektion nicht vollkommen aufhören – vielleicht können wir das gar nicht –, aber wenn wir aufhören würden, ihr so bedingungslos zu glauben?
Wenn wir ein Fragezeichen hinter unsere Urteile setzen würden.
Wenn wir häufiger sagen könnten:
So erlebe ich dich gerade.
Statt:
So bist du.
Vielleicht wäre das bereits ein Schritt weg von Trennung.
Hin zu Verbindung.
Nicht, weil plötzlich alle Menschen gut sind.
Nicht, weil es keine Grenzen mehr gibt.
Nicht, weil wir alles entschuldigen müssen.
Sondern weil wir dem anderen wieder zugestehen, mehr zu sein als das Bild, das gerade in unserem Kopf von ihm entstanden ist.
Kein Mensch ist nur das, was ich in ihm sehe.
Ich selbst bin ja auch nicht nur das, was ein anderer in mir sieht.
Vielleicht spiegeln wir einander tatsächlich unser ganzes Leben lang.
Manchmal zeigen mir andere meine Ängste.
Manchmal meine ungelebten Seiten.
Manchmal meine Verletzungen.
Manchmal meine Schönheit.
Und manchmal zeigen sie mir vermutlich tatsächlich etwas von sich.
Ich weiss nur nicht immer sofort, was was ist.
Vielleicht muss ich es auch gar nicht sofort wissen.
Vielleicht genügt es manchmal, die Hand vom ausgestreckten Zeigefinger zurückzunehmen.
Nicht mehr sofort auf den anderen zu zeigen.
Sondern sie für einen Moment auf die eigene Brust zu legen und zu fragen:
Was geschieht gerade in mir?
Und dann wieder aufzuschauen.
Nicht mit der Gewissheit, den anderen nun verstanden zu haben.
Sondern vielleicht mit etwas viel Wertvollerem:
Neugier.
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