Über Kunst, innere Frauenbilder – und die Frage, wie viel von dem, was ich über Frauen glaube, eigentlich wirklich mit der Frau vor mir zu tun hat.

Was sehe ich eigentlich, wenn ich eine Frau sehe?

27. August 2026

Was sehe ich eigentlich, wenn ich eine Frau sehe?

Ich bin gerade ziemlich überfordert.

Vielleicht ist es die kommende Mondfinsternis in den Fischen.

Vielleicht bin ich einfach ich.

Wahrscheinlich beides.

Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass gerade sehr viel gleichzeitig an die Oberfläche möchte. Alte Themen, die ich gut kenne. Neue Themen, bei denen ich noch überhaupt nicht weiss, wohin damit.

Und weil ich mich damit selbst gerade ziemlich hervorragend überfordere, wollte ich diesen Text bewusst auf ein einziges Thema reduzieren.

Frau sein.

Was vermutlich schon wieder nicht das kleinste Thema ist, das ich mir hätte aussuchen können.

Ich verbringe im Moment unglaublich viel Zeit in Museen.

Und irgendwie hat sich mein Blick auf Kunst verändert.

Ich sehe inzwischen nicht mehr nur ein Bild und frage mich, ob es mir gefällt.

Ich frage mich:

Was für ein inneres Bild hängt da eigentlich vor mir?

Denn ein Künstler malt ja nicht im luftleeren Raum.

Er lebt in einer bestimmten Zeit.

In einer Gesellschaft.

Mit Vorstellungen über Moral, Religion, Sexualität, Liebe, Schuld, Macht, Männer und Frauen.

Und etwas davon kommt nach aussen.

Nicht unbedingt als objektive Wahrheit über diese Zeit.

Aber als Bild.

Und plötzlich stand ich in den vergangenen Tagen vor all diesen Frauen und dachte:

Die kenne ich.

Nicht diese Frauen.

Nicht einmal unbedingt diese Gemälde.

Aber die Bilder dahinter.

Und dabei interessiert mich gar nicht so sehr die Frage:

Was hat die Gesellschaft aus Frauen gemacht?

Das wäre mir inzwischen zu einfach.

Viel unangenehmer und gleichzeitig viel interessanter finde ich:

Was mache ich selbst aus „Frau"?

Denn diese Bilder sind ja nicht nur irgendwo draussen.

Sie wirken auch in mir.

Ich bin selbst eine Frau.

Und ich liebe Frauen.

Ich begehre Frauen.

Ich führe Partnerschaften mit Frauen.

Damit wirken meine inneren Frauenbilder in zwei Richtungen.

Auf mich.

Und auf die Frau, die mir gegenübersteht.

Vielleicht sehe ich irgendwann gar nicht mehr sie.

Vielleicht sehe ich mein Bild von ihr.

Und genau deshalb interessieren mich diese alten Gemälde gerade so sehr.


Eva

Pierre-Claude-François Delorme, Ève tentée par le serpent, 1834

Eva, versucht von der Schlange – Pierre-Claude-François Delorme, 1834

Bildquelle und hochauflösende Abbildung: Wikimedia Commons

Bild: Pierre-Claude-François Delorme, „Ève tentée par le serpent", 1834, Musée Fabre, Montpellier. Quelle: Wikimedia Commons.

Da steht Eva.

Nackt.

Die Schlange um sie herum.

Die Frucht.

Das Wissen darum, wie diese Geschichte weitergeht, habe ich natürlich schon mitgebracht, bevor ich das Bild überhaupt richtig angesehen habe.

Eva.

Die Frau.

Die Verführerin.

Diejenige, wegen der alles schiefging.

Interessanterweise zeigt Delormes Bild genau das gar nicht.

Adam ist nicht einmal da.

Eva wird selbst versucht.

Sie steht vor etwas.

Sie schaut.

Sie greift.

Und plötzlich merke ich, wie schnell ich selbst aus Eva etwas gemacht habe, bevor ich wirklich hingesehen habe.

Vielleicht ist das schon mein erstes Frauenbild.

Die Frau, die etwas will und dadurch gefährlich wird.

Die Frau, die wissen möchte.

Die eine Grenze überschreitet.

Die neugierig ist.

Die greift.

Und wie schnell wird aus weiblichem Wollen etwas Verdächtiges?

Ich merke, dass diese Frage nicht nur theoretisch ist.

Was passiert in mir, wenn ich etwas will?

Wenn ich begehre?

Wenn ich eine Entscheidung treffe, die jemand anderem nicht gefällt?

Wann mache ich mich selbst zur Eva und denke:

Jetzt war ich zu viel.

Zu fordernd.

Zu neugierig.

Zu eigenwillig.

Vielleicht sehe ich nicht nur andere Frauen durch diese alten Bilder.

Vielleicht richte ich sie genauso auf mich selbst.


Die bittende Frau

Claude-Marie Dubufe, La Suppliante, 1829

La Suppliante – Die Bittende, Claude-Marie Dubufe, 1829

Bildquelle und CC0-Abbildung: Paris Musées

Bild: Claude-Marie Dubufe, „La Suppliante", 1829, Musée de la Vie romantique, Paris. Bildquelle: Paris Musées, CC0.

Dann diese Frau.

Der Titel lautet:

La Suppliante.

Die Bittende.

Und sofort merke ich, wie viel dieses Wort mit mir macht.

Die Frau, die bittet.

Die hofft.

Die etwas vom Gegenüber braucht.

Die vielleicht darauf wartet, dass jemand Ja sagt.

Und plötzlich bin ich nicht mehr nur im Museum.

Ich bin mitten in meinen eigenen Beziehungen.

Darf eine Frau etwas brauchen?

Darf ich etwas brauchen?

Oder wird daraus in meinem Inneren sehr schnell:

abhängig.

schwach.

zu viel.

bedürftig.

Ich habe lange geglaubt, Freiheit müsste bedeuten, möglichst wenig zu brauchen.

Mich möglichst unabhängig zu machen.

Nichts einzufordern.

Nicht zu ziehen.

Nicht zu klammern.

Und inzwischen merke ich:

Vielleicht ist das gar keine Freiheit.

Vielleicht darf ich sagen:

Ich wünsche mir etwas.

Und trotzdem bleibt der andere frei.

Vielleicht muss ich die bittende Frau in mir nicht loswerden.

Vielleicht muss ich nur aufhören, sie dafür zu verachten, dass sie bittet.


Venus

Alessandro Allori, Vénus et l'Amour, ca. 1575–1580

Vénus et l'Amour – Alessandro Allori, ca. 1575–1580

Bildquelle und hochauflösende Abbildung: Wikimedia Commons

Bild: Alessandro Allori, „Vénus et l'Amour", ca. 1575–1580, Musée Fabre, Montpellier. Quelle: Wikimedia Commons.

Venus ist wieder eine vollkommen andere Frau.

Schön.

Sinnlich.

Erotisch.

Aber sie liegt nicht einfach nur herum und wartet darauf, begehrt zu werden.

Sie greift nach Amors Bogen.

Sie kennt die Macht des Begehrens.

Und vielleicht kennt sie auch ihre eigene.

Das finde ich interessant.

Denn Schönheit ist eine Sache.

Zu wissen, dass man schön ist, offenbar eine andere.

Begehrt zu werden, ist erlaubt.

Die eigene erotische Wirkung zu kennen, wird schon schwieriger.

Und plötzlich taucht wieder dieses Bild auf:

Die gefährliche Frau.

Die Frau, die weiss, was sie auslöst.

Die verführen könnte.

Die vielleicht sogar entscheidet, wen sie an sich heranlässt.

Was mache ich selbst mit solchen Frauen?

Bewundere ich sie?

Misstraue ich ihnen?

Vergleiche ich mich?

Und darf ich selbst meine Wirkung kennen, ohne daraus sofort etwas Moralisches zu machen?

Vielleicht ist Begehren nicht automatisch Manipulation.

Vielleicht ist Sinnlichkeit nicht automatisch Verführung.

Vielleicht darf eine Frau wissen, dass sie wirkt.


Maria von Ägypten

Jusepe de Ribera, Sainte Marie l'Égyptienne, 1641

Sainte Marie l'Égyptienne – Jusepe de Ribera, 1641

Bildquelle und Abbildung: Wikimedia Commons

Bild: Jusepe de Ribera, „Sainte Marie l'Égyptienne", 1641, Musée Fabre, Montpellier. Quelle: Wikimedia Commons.

Dieses Bild hat mich besonders beschäftigt.

Maria von Ägypten soll zunächst als Prostituierte gelebt und sich später als Eremitin in die Wüste zurückgezogen haben.

Ribera zeigt keine junge schöne Frau.

Er zeigt Alter.

Auszehrung.

Einen Schädel.

Vergänglichkeit.

Und sofort entsteht diese alte Spannung:

Körper oder Geist.

Sexualität oder Spiritualität.

Begehren oder Askese.

Die Frau mit einem sexuellen Körper.

Und die Frau, die diesen Körper hinter sich lässt.

Ich merke, wie sehr mich diese Trennung stört.

Warum sollte ich mich entscheiden müssen?

Warum sollte eine sexuelle Frau weniger spirituell sein?

Warum sollte eine spirituelle Frau ihren Körper überwinden müssen?

Und dann merke ich:

Auch das ist nicht nur eine Frage, die ich an irgendeine alte religiöse Tradition stelle.

Ich kann genau diese Trennung selbst machen.

Bei mir.

Bei anderen Frauen.

Ich kann eine Frau sexualisieren und dadurch plötzlich weniger von ihrer Tiefe sehen.

Oder ich kann eine Frau auf ein spirituelles Podest stellen und vergessen, dass sie gleichzeitig einen Körper, Begehren, Widersprüche und vielleicht auch ziemlich banale menschliche Bedürfnisse hat.

Vielleicht ist die eigentliche Herausforderung gar nicht, eine Seite zu wählen.

Vielleicht besteht sie darin, beide gleichzeitig auszuhalten.


Judith

Filippo Vitale, Judith und Holofernes, 17. Jahrhundert

Judith und Holofernes – Filippo Vitale, 17. Jahrhundert

Bildquelle und Abbildung: Wikimedia Commons

Bild: Filippo Vitale, „Judith und Holofernes", 17. Jahrhundert, Musée Fabre, Montpellier. Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain.

Und dann Judith.

Da wird es schwierig mit der sanften Weiblichkeit.

Judith handelt.

Sie ist nicht die, die gerettet wird.

Sie rettet.

Und sie tut das mit Gewalt.

Das Bild hat mich sofort an ein Thema gebracht, das mich schon länger beschäftigt:

weibliche Aggression.

Darf eine Frau wirklich wütend sein?

Nicht ein bisschen bestimmt.

Nicht „klar in ihrer Grenze".

Nicht wütend, solange sie dabei schön formuliert und emotional angenehm bleibt.

Sondern richtig wütend.

Darf sie Kraft haben?

Darf sie Nein sagen?

Darf sie zerstören?

Darf sie etwas beenden?

Und was mache ich selbst mit einer Frau, die mir aggressiv begegnet?

Sehe ich ihre Aggression?

Oder mache ich aus ihr sofort eine aggressive Frau?

Das ist ein Unterschied.

Und genauso bei mir selbst.

Vielleicht ist Aggression eine Bewegung in mir.

Vielleicht muss daraus nicht sofort eine Identität werden.

Ich bin nicht Judith, nur weil ich wütend bin.

Und die Frau vor mir ist nicht gefährlich, nur weil sie sich mit Kraft gegen etwas stellt.


Adam und Eva

Guido Reni, Adam et Ève au paradis, um 1620

Adam und Eva im Paradies – Guido Reni, um 1620

Bildquelle und Abbildung: Wikimedia Commons

Bild: Guido Reni, „Adam et Ève au paradis", um 1620, Musée des Beaux-Arts de Dijon. Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain.

Und dann stehen sie plötzlich beide vor mir.

Adam und Eva.

Die Frucht zwischen ihnen.

Und ich musste darüber nachdenken, wie sehr ich diese Geschichte bereits kenne, bevor ich überhaupt hinschaue.

Eva verführt Adam.

Aber auf dem Bild sehe ich zwei Menschen.

Zwei Körper.

Zwei Blicke.

Eine Bewegung zwischen ihnen.

Und plötzlich frage ich mich:

Wann mache ich aus einem Geschehen zwischen zwei Menschen eine Geschichte über eine Frau?

Sie hat verführt.

Sie hat manipuliert.

Sie hat jemanden dazu gebracht.

Sie hat etwas ausgelöst.

Und das wird für mich noch interessanter, weil ich Beziehungen mit Frauen führe.

Da gibt es keinen Mann, auf den ich die eine Rolle legen und keine Frau, auf die ich automatisch die andere legen könnte.

Und trotzdem kann ich dieselben Bilder reproduzieren.

Eine ist die Verführerin.

Eine die Vernünftige.

Eine die Bedürftige.

Eine die Starke.

Eine diejenige, die zieht.

Eine diejenige, die sich entzieht.

Vielleicht sind diese alten Geschichten viel flexibler, als wir denken.

Sie brauchen nicht einmal mehr Mann und Frau.

Es reichen zwei Menschen und meine inneren Rollenbilder.


Und plötzlich merke ich, dass mein eigentliches Thema gar nicht lautet:

Welches Frauenbild ist richtig?

Ich möchte kein neues Frauenbild bauen.

Nicht die starke Frau.

Nicht die unabhängige Frau.

Nicht die wilde Frau.

Nicht die spirituelle Frau.

Nicht die sinnliche Frau.

Nicht irgendeine neue, zeitgemässe Superfrau, die gleichzeitig erfolgreich, frei, sexuell befreit, spirituell tief, emotional reguliert und bitte auch noch vollkommen bei sich ist.

Das wäre doch nur die nächste Schablone.

Vielleicht geht es um etwas ganz anderes.

Darum zu bemerken, wann ein Bild in mir auftaucht.

Eva.

Venus.

Judith.

Die Bittende.

Die Eremitin.

Und dann nicht sofort zu glauben:

Das bin ich.

Oder:

Das bist du.

Vielleicht darf ich all diese Bewegungen kennen.

Ich kann begehren.

Bitten.

Wütend sein.

Mich hingeben.

Mich zurückziehen.

Wissen wollen.

Wirkung haben.

Und keine dieser Bewegungen muss vollständig definieren, wer ich bin.

Das Gleiche gilt für die Frau vor mir.

Und genau da wird es für mich unbequem.

Denn es ist leicht zu sagen:

Die Gesellschaft soll Frauen nicht in Schubladen stecken.

Viel schwieriger ist:

Ich möchte Frauen nicht in Schubladen stecken.

Auch nicht unbewusst.

Auch nicht die Frau, mit der ich zusammen bin.

Auch nicht die Frau, in die ich mich verliebe.

Auch nicht meine Mutter.

Auch nicht mich selbst.

Vielleicht besteht meine Verantwortung nicht darin, dafür zu sorgen, dass keine alten Bilder mehr in mir existieren.

Das wäre vermutlich unmöglich.

Vielleicht besteht sie darin, zu bemerken, wenn eines zwischen mich und einen Menschen tritt.

Und dann noch einmal hinzusehen.

Nicht:

Welche Frau bist du für mich?

Sondern:

Wer bist du eigentlich, wenn ich mein Bild von dir für einen Moment zur Seite stelle?

Vielleicht gilt dieselbe Frage auch für mich.

Wer bin ich, bevor ich weiss, was eine Frau sein sollte?

Ich glaube, genau das möchte ich gerade herausfinden.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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