„Eiskönigin.“ „Arrogant.“ „Unnahbar.“ Diese Rückmeldungen habe ich früher öfter bekommen.

Vom Podest gestürzt

28. Juli 2026

Vom Podest gestürzt

„Eiskönigin." „Arrogant." „Unnahbar." Diese Rückmeldungen habe ich früher öfter bekommen. Und wenn ich heute ehrlich zu mir bin, weiß ich auch, warum.

Vor nicht allzu langer Zeit hielt ich mich tatsächlich für etwas Besseres. Ich sprach verächtlich von den „schlafenden Schafen" da draußen. Wenn ich zu meiner Ausbildung fuhr, nannte ich sie scherzhaft meine Zauberschule und die Menschen außerhalb davon „Muggel". Ich fühlte mich wach. Bewusst. Weiter. Ich glaubte, etwas verstanden zu haben, das andere Menschen noch nicht verstanden hatten.

Heute sehe ich: Ein Teil meines vermeintlichen Wachseins war kein Ankommen im Leben. Es war ein Schutz davor.

Ich wollte alles verstehen

Ich habe mich lange gefragt, was mich dazu trieb, so tief hinzuschauen und alles wissen zu wollen. Meine innere Arbeit begann, weil ich litt. Im Therapiezentrum in Eisenbuch absolvierte ich bei meiner Mentorin Erika Schäfer eine Ausbildung in Regressionstherapie und Familienstellen. Im Seminarhaus Linden mache ich bei Chiara und Andreas eine weitere Ausbildung, um mein Wissen zu vertiefen und Supervision zu erhalten. Dabei arbeite ich mit inneren Kindern, Seelenbildern, Stellvertreterrollen und Rückführungen.

Diese Arbeit öffnete mir Welten. Immer wieder zeigte sich ein Zusammenhang, auf den ich mit meinem Verstand allein vermutlich nie gekommen wäre. Eine Angst bekam eine Geschichte. Ein Verhalten, für das ich mich zuvor verurteilt hatte, wurde verständlich. Solche Momente waren für mich oft heilsam.

Doch unter meiner Suche lag noch etwas anderes. Ich wollte mich entwickeln, damit das Leben endlich weniger wehtut. Ich wollte rechtzeitig erkennen, was geschieht, die richtigen Entscheidungen treffen und verhindern, dass Menschen mich verlassen. Meine innere Arbeit war deshalb nicht nur ein Weg zu mir. Sie war teilweise auch eine Schmerztablette.

Erika lachte während meiner Ausbildung bei ihr häufig und sagte sinngemäß:

Ihr wollt immer glücklich sein.

Ja. Genau das wollte ich. Durch mein Verstehen sollte das Leben sanfter, sicherer und berechenbarer werden. Ich wollte seine schmerzhaften Seiten so lange bearbeiten, bis sie mich nicht mehr erreichen konnten. Das war lange mein Bild von Entwicklung.

Wachsein als Überlebensstrategie

In einer Rückführung zeigte sich mir ein Satz, der sich durch mein Leben zu ziehen scheint:

Ich muss wach bleiben.

In meiner inneren Erfahrung war dieser Satz mit dem Gefühl verbunden, in einem Sterbeprozess nicht einschlafen zu dürfen: Wenn ich einschlafe, sterbe ich.

Zugleich bedeutete er für mich: Ich muss bewusst bleiben, alles durchschauen und Gefahren rechtzeitig erkennen. Denn wenn ich es nicht tue, geschieht etwas, das ich nicht kontrollieren kann. Plötzlich bekamen meine Schlaflosigkeit und mein starker Druck, mich möglichst schnell entwickeln zu müssen, für mich einen anderen Zusammenhang.

Vielleicht entstand daraus auch mein innerer Auftrag, eine Art Jesusnummer durchziehen zu müssen: besonders bewusst, weit und klar zu sein. Und vielleicht erklärt das mein Unverständnis gegenüber Menschen, die diesen Weg vermeintlich nicht gingen. Ich glaubte, sie würden schlafen. Dabei war mein eigenes Wachsein teilweise eine Überlebensstrategie.

Das Podest

In meiner inneren Arbeit begegnete mir auch das Thema Projektion. Andere sahen in mir vielleicht etwas Besonderes: eine Wissende, eine Starke, eine besonders Bewusste. Ich ließ mich auf dieses Podest stellen, weil ein Teil von mir genau dort stehen wollte. Ich wollte gesehen, vielleicht sogar bewundert werden.

Doch wer auf einem Podest steht, darf nicht gewöhnlich sein. Nicht klein, eifersüchtig, abhängig, unsicher oder verwirrt. Er muss das Bild bewahren und ständig verhindern, herunterzufallen.

Lange hätte ich von mir gesagt, dass ich innerlich recht wertfrei sei. Heute nehme ich das zurück. In mir gibt es Abwertung, Überheblichkeit, Vergleiche und Härte. Zugleich gibt es Momente, in denen ich einen Menschen sehen kann, ohne ihn festzulegen. Beides ist in mir: die Wertung und die Wertfreiheit, die Arroganz und die Augenhöhe.

Ich wollte jedoch vor allem die Seiten sehen, die zu meinem Bild von Bewusstsein passten. Solange ich die Wertfreie war, musste ich mich nicht mit meiner Härte auseinandersetzen. Heute möchte ich meine Wertungen weder ausleben noch zu Wahrheiten über andere Menschen machen. Aber ich will sie auch nicht länger verleugnen, um mich für liebevoller oder weiter zu halten, als ich bin.

Zeig mir den Weg zu den Sternen

Es gibt ein Lied von Torch, das einen Teil meiner damaligen Sehnsucht beinahe unheimlich genau beschreibt: „Zeig mir den Weg".

Darin richtet sich der Blick zu den Sternen, zu den Planeten und Göttern. Weg von der Erde und hin zu einem Ort, der sich vielleicht mehr nach Heimat anfühlt als dieses menschliche Leben.

Eine Zeile daraus berührt mich besonders:

„Auf der Erde hält mich nichts."

Wenn ich das Lied heute höre, erkenne ich mich darin. Auch ich wollte dieser Erde auf eine Weise entfliehen. Nicht unbedingt körperlich. Ich floh in Bewusstsein, Erkenntnis, Spiritualität und größere Zusammenhänge. Ich suchte nach etwas Höherem, weil mir das Menschliche oft zu begrenzt, chaotisch und schmerzhaft erschien.

Vielleicht wollte ich nicht nur verstehen, was über mir liegt. Vielleicht wollte ich dorthin zurück. Zu den Göttern. Auf den Olymp. Zu einer Vorstellung von mir, in der ich nicht gewöhnlich, bedürftig oder verletzlich sein musste.

Das Lied fragt nach dem Weg zu den Sternen. Mein Weg führt gerade in die andere Richtung. Nicht fort von dieser Erde, sondern tiefer in sie hinein. In den Körper. In Beziehungen. In eine Wirklichkeit, die ich nicht vollständig kontrollieren kann.

Vielleicht muss ich die Sterne dafür nicht verleugnen. Ich darf sie sehen, mich von ihnen berühren lassen und an größere Zusammenhänge glauben. Aber ich möchte sie nicht länger benutzen, um dem Leben hier unten zu entkommen.

Zeig mir den Weg

Aus dem Olymp verbannt

In einer Stellvertreterrolle während eines Ausbildungsmoduls im Seminarhaus Linden fand ich ein weiteres Puzzlestück. Ich erlebte mich, als wäre ich aus dem Olymp verbannt worden. Empört stolzierte ich zwischen all den stinkenden, unvollkommenen Menschen umher. Und dann sollte ich mir auch noch von einem Menschen Hilfe holen – von Chiara, die mich in dieser Arbeit begleitete.

Ich war innerlich außer mir:

Soll ich jetzt wirklich hier mit dem Pöbel leben?

Heute kann ich darüber lachen. Gleichzeitig war diese Erfahrung erschreckend präzise. Sie zeigte mir, was ich so lange nicht hatte sehen wollen: Ich wollte mich auf das Menschsein nicht wirklich einlassen. Ich wollte nicht einfach ein Mensch unter Menschen sein. Ich wollte über dem Chaos, der Bedürftigkeit und der Unvollkommenheit stehen.

Meine Arroganz richtete sich deshalb nicht nur gegen andere. Sie richtete sich gegen das Menschsein selbst.

Wenn Eifersucht auftauchte, wollte ich sie verstehen, transformieren oder überwinden. Das klang nach Entwicklung, war aber manchmal auch Ablehnung. Ich wollte nicht einfach ein Mensch sein, der gerade eifersüchtig ist. Ich wollte das Gefühl analysieren, bis ich mich wieder über ihm befand.

So machte ich aus menschlichen Erfahrungen Aufgaben, Themen und Prozesse – etwas, das sich bearbeiten und irgendwann abschließen ließ.

Manifestieren gegen die Wirklichkeit

Ich muss bei meiner damaligen Haltung an eine Szene aus Matrix denken. Agent Smith spricht voller Abscheu über die Menschen, ihren Geruch, ihren Schweiß und ihre Angst. Ich erkenne darin etwas von mir. Auch ich wollte die unkontrollierbare Wirklichkeit nicht vollständig an mich heranlassen.

Ich hatte mir einen Ponyhof gebaut: eine innere Traumwelt, in der alles so sein sollte, wie ich es mir wünschte. Genau deshalb triggern mich manche Formen der New-Age-Spiritualität heute so stark. Ich wollte selbst manifestieren, affirmieren, Vision Boards erstellen, mich entwickeln und bewusst werden – damit die richtigen Menschen kommen und bleiben, ich alle Zeichen rechtzeitig erkenne und das Leben so verläuft, wie ich es mir wünsche.

Es klingt spiritueller, von Manifestation, Schwingung und Bewusstsein zu sprechen. Aber manchmal verbirgt sich darunter der Versuch, die Wirklichkeit zu kontrollieren, ohne es Kontrolle nennen zu müssen.

Ich wollte eine Realität, in der Menschen nicht plötzlich verschwinden, Beziehungen nicht an Missverständnissen zerbrechen und Ablehnung mich nicht unvorbereitet trifft. Eine Welt, in der Schmerz immer einen Sinn hat und ich nur bewusst genug sein muss, um geschützt zu sein.

Doch das Leben gibt mir diese Garantie nicht. Alle Bauteile sind einsturzgefährdet.

Wirklich inkarnieren

Jetzt geht es für mich darum, wirklich zu inkarnieren. Damit meine ich nicht nur, einen Körper zu besitzen. Ich möchte im menschlichen Leben ankommen: im Körper, in Beziehungen, in Gefühlen und in einer Wirklichkeit, die ich nicht vollständig kontrollieren kann.

Hier gibt es Trennungen, körperliche Grenzen, Existenzangst, Langeweile, Überforderung, Scham, Begehren, Wut und Verlust. Nicht alles lässt sich lösen. Nicht alles verhindern. Nicht alles verstehen, bevor es geschieht.

Mit 37 Jahren bin ich idealerweise erwachsen und reif genug, mich diesem Leben zu stellen. Ich brauche keine Eltern mehr, die mich vor jeder schmerzhaften Erfahrung beschützen – und auch keine Gurus oder Lehrer, die mir versprechen, dass ich sicher bin, wenn ich nur bewusst genug werde.

Menschen dürfen mich begleiten. Sie dürfen mir etwas zeigen, und ich darf mir Hilfe holen. Aber niemand kann mir das Menschsein abnehmen.

Dieses Erwachen fühlt sich weniger lichtvoll an als meine früheren Vorstellungen davon. Es ist ungeschönt und unbequem. Vielleicht geht es gerade deshalb zum ersten Mal nicht darum, sofort nach der nächsten inneren Schmerztablette zu greifen, sondern Verantwortung zu übernehmen.

Nicht im Sinn von Schuld. Schuld gehört nicht zu meiner Welt. Verantwortung bedeutet für mich: Was mache ich mit dem, was mir begegnet? Wie bleibe ich da, wenn etwas wehtut? Wie begegne ich einem Menschen auf Augenhöhe, ohne mich über oder unter ihn zu stellen? Und wie lasse ich zu, dass ich nicht alles verstehe?

Vom Podest auf die Erde

Vielleicht war mein vermeintliches Aufwachen lange ein Versuch, nicht vollständig hier sein zu müssen. Heute möchte ich vom Podest herunter.

Nicht, weil meine innere Arbeit falsch war. Sie hat mir Türen geöffnet, Zusammenhänge sichtbar gemacht und mir geholfen, mit Erfahrungen anders umzugehen. Aber ich möchte sie nicht länger benutzen, um mich vor dem Leben zu schützen.

Ich möchte den Menschen in die Augen sehen. Mich in ihnen erkennen. Die Realität erleben, ohne sie schönzureden oder mit einer neuen Vorstellung zu übermalen. Ohne mir einzureden, dass Schmerz nur ein Zeichen dafür ist, dass ich noch nicht bewusst genug bin.

Vielleicht ist das mein eigentliches Erwachen: nicht mehr aus dem Menschsein aufwachen zu wollen. Nicht mehr über Angst, Wertung, Bedürftigkeit und Unvollkommenheit stehen zu müssen. Nicht mehr etwas Besonderes sein zu müssen.

Vielleicht brauche ich keinen Weg mehr zu den Sternen. Vielleicht brauche ich den Mut, auf der Erde zu bleiben.

Ich möchte hierbleiben. Im Körper. In der Wirklichkeit. Unter Menschen. Und endlich im Menschsein ankommen.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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