Über den Abschied aus der Wirtschaft, eine junge Generation, die längst verstanden hat – und die Frage, ob ich Brückenbauerin bin.

Vielleicht muss ich die Wirtschaft verlassen, um meine Aufgabe in ihr zu erkennen

25. August 2026

Vielleicht muss ich die Wirtschaft verlassen, um meine Aufgabe in ihr zu erkennen

Am vergangenen Freitag hatte ich meinen letzten Arbeitstag.

Jetzt bin ich im Urlaub. Ende August endet mein Arbeitsverhältnis auch offiziell und am 7. September beginnt mein Studium.

Ich habe gekündigt. Ich habe mich entschieden. Das ist kein Gedankenspiel mehr und keine offene Tür, vor der ich noch immer unschlüssig stehe. Mein Weg führt zunächst aus der Wirtschaft hinaus und in die Bildung.

Eigentlich könnte ich damit einen sauberen Schlussstrich ziehen.

Ich könnte sagen: Das war meine Zeit in der Wirtschaft. Ich habe dort gearbeitet, gelernt, mich gerieben und irgendwann erkannt, dass ich etwas anderes möchte. Nun werde ich studieren und ein neues Kapitel beginnen.

Doch ausgerechnet während ich gehe, taucht eine Frage auf, mit der ich nicht gerechnet habe:

Habe ich vielleicht doch noch eine Aufgabe in der Wirtschaft?

Nicht unbedingt als Angestellte. Nicht, indem ich meine Kündigung rückgängig mache oder meinen neuen Weg aufgebe.

Vielleicht muss ich die Wirtschaft sogar erst verlassen, um freier erkennen zu können, was ich dort eigentlich gesehen und gelernt habe.

Und wann gehst du in die Verantwortung?

Vor Kurzem saß ich mit einem Kollegen bei einem Kaffee. Er gehört zu den Menschen, mit denen ich nicht nur über Strategien, Projekte und Zahlen sprechen kann. Mit ihm kann ich auch über Spiritualität, gesellschaftlichen Wandel und die Frage sprechen, ob unsere Arbeit tatsächlich dem Leben dient oder lediglich ein bestehendes System beschäftigt hält.

Irgendwann fragte er mich:

Und wann gehst du in die Verantwortung?

Dieser Satz ist in mir geblieben.

Verantwortung klingt für mich zunächst nach Pflicht. Nach noch mehr Arbeit, noch mehr Erwartungen und noch mehr Aufgaben, für die ich mich zuständig machen soll.

Aber vielleicht meinte er etwas anderes.

Vielleicht bedeutet Verantwortung an dieser Stelle nicht, alles retten zu müssen. Vielleicht bedeutet sie, das, was ich wahrnehme und kann, nicht länger kleinzureden.

Ich sehe, dass die bisherige Form des Wirtschaftens an ihre Grenzen gerät. Ich sehe, dass es nicht reichen wird, dieselben Produkte und Strukturen mit einer emotionaleren Geschichte, einer grüneren Verpackung oder ein bisschen künstlicher Intelligenz zu versehen.

Ich sehe aber auch, dass es nicht genügt, die alte Welt abzulehnen und von außen nach einer vollkommen neuen zu rufen.

Zwischen einer Vision und ihrer Umsetzung liegen Menschen, Strukturen, wirtschaftliche Zwänge, gewachsene Machtverhältnisse, Erfahrungen und Ängste.

Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort:

Nicht nur zu erkennen, was sich verändern müsste, sondern bereit zu sein, einen Teil des Übergangs mitzugestalten.

Eine Siebzehnjährige, die längst verstanden hat

Kurz vor meinem Abschied begann eine siebzehnjährige Praktikantin bei uns.

Und sie versteht längst, dass unsere Wirtschaft so nicht einfach weiterfunktionieren kann.

Sie versteht, dass Menschen Werbung nicht mehr glauben, nur weil sie professionell produziert wurde. Sie versteht, dass authentisches Marketing mehr sein muss als eine Kampagne, die Authentizität behauptet. Sie versteht, dass ihre Generation nicht einfach kaufen, arbeiten und funktionieren möchte, ohne nach dem Sinn und den Folgen zu fragen.

Gleichzeitig sucht sie Orientierung.

Diese Begegnung hat etwas in mir berührt.

Die junge Generation braucht vermutlich keine Erwachsene, die ihr erklären, wie die Welt funktioniert. Sie sieht selbst sehr deutlich, an welchen Stellen sie nicht mehr funktioniert.

Was ihr möglicherweise fehlt, sind Menschen, die ihre Wahrnehmung ernst nehmen. Menschen, die das bestehende System von innen kennen und trotzdem nicht behaupten, es sei alternativlos. Menschen, die unbequeme Fragen nicht sofort mit wirtschaftlichen Sachzwängen zum Schweigen bringen.

Vielleicht besteht meine Aufgabe nicht darin, jungen Menschen die neue Welt zu erklären.

Vielleicht darf ich ihnen helfen, ihrer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen – und ihnen gleichzeitig das Wissen zur Verfügung stellen, das sie brauchen, um ihre Vorstellungen eines Tages in tragfähige Strukturen zu übersetzen.

Mein Mentor sagte einmal zu mir, meine Aufgabe sei es, ein Leuchtturm für andere zu sein.

Mit diesem Bild habe ich mich lange schwergetan. Es klingt schnell groß oder sogar größenwahnsinnig. Als würde ich mich auf einen Felsen stellen und anderen Menschen den richtigen Weg zeigen.

Aber ein Leuchtturm befiehlt keinem Schiff, wohin es fahren soll.

Er macht etwas sichtbar.

Er zeigt, wo Land ist, wo Gefahren liegen und wo eine mögliche Einfahrt beginnt. Welche Richtung ein Mensch wählt, bleibt seine eigene Entscheidung.

Vielleicht bedeutet Orientierung nicht, die Antwort für andere zu besitzen.

Vielleicht bedeutet sie manchmal nur:

Ich sehe etwas. Ich stelle mein Licht zur Verfügung. Was du darin erkennst, gehört dir.

Zwei Bilder: alte und neue Welt

In den vergangenen Tagen habe ich zwei Bilder gezeichnet.

Das erste zeigt die alte Welt der Wirtschaft, wie ich sie kennengelernt habe: lineare Strukturen, voneinander getrennte Abteilungen, Produktfokus, Umsatzvorgaben und Kommunikation, die vor allem in eine Richtung verläuft.

Ein Unternehmen entwickelt ein Produkt. Das Marketing baut eine Geschichte darum. Der Vertrieb bringt es in den Markt. Am Ende soll ein Mensch davon überzeugt werden, dass er genau dieses Produkt braucht.

Dabei ist nicht alles an dieser Welt falsch.

Sie hat Wissen, Wohlstand, Innovationen, Arbeitsplätze und eine enorme organisatorische Leistungsfähigkeit hervorgebracht. Die Menschen, die in ihr arbeiten, sind nicht einfach gierig, dumm oder rückständig. Auch sie handeln innerhalb von Strukturen, die sie kennengelernt haben und die lange funktioniert zu haben schienen.

Und doch trägt diese Welt eine grundlegende Trennung in sich.

Die Abteilungen sind voneinander getrennt. Das Unternehmen ist von seinen Kundinnen und Kunden getrennt. Die Hersteller sind von den langfristigen Folgen ihrer Produkte getrennt. Der Gewinn ist von den ökologischen und sozialen Kosten getrennt, die an anderer Stelle entstehen.

Kundinnen und Kunden erscheinen darin vor allem als Zielgruppen. Ihre Bedürfnisse werden analysiert, damit Produkte besser verkauft werden können. Beziehung wird zum Instrument des Absatzes.

Das zweite Bild zeigt eine mögliche neue Welt.

Dort steht nicht mehr das Produkt im Mittelpunkt, sondern die Beziehung.

Ein Unternehmen beginnt nicht mit der Frage:

Was können wir verkaufen?

Sondern:

Welches tatsächliche Problem können wir lösen? Was brauchen die Menschen? Was dient ihnen wirklich? Und wie können wir gemeinsam mit ihnen etwas entwickeln, das einen sinnvollen Wert schafft?

Aus voneinander getrennten Abteilungen könnten vernetzte Teams werden, die gemeinsam Verantwortung für die gesamte Erfahrung eines Menschen übernehmen.

Aus einer einseitigen Kommunikation könnte ein Dialog werden.

Aus einer Zielgruppe könnte ein Gegenüber werden.

Aus dem Verkauf eines einzelnen Produkts könnte eine langfristige Begleitung entstehen, bei der Beratung, Lernen, Service, Austausch und gemeinsames Entwickeln zusammengehören.

Technologie und künstliche Intelligenz verschwinden aus dieser neuen Welt nicht. Im Gegenteil: Sie können Routinen übernehmen, Wissen verbinden, Prozesse vereinfachen und helfen, Bedürfnisse früher zu erkennen.

Aber sie stehen nicht im Zentrum.

Im Zentrum bleibt die menschliche Beziehung.

Human Relationships powered by AI.

Nicht: Menschen im Dienst der Technologie.

Sondern: Technologie im Dienst der Menschen und ihrer Beziehungen.

Handel als Beziehung

Vielleicht müsste die neue Wirtschaft zunächst zu einem sehr einfachen Gedanken zurückkehren:

Du hast ein Problem oder ein Bedürfnis. Ich habe etwas entwickelt, das dir wirklich hilft. Wir tauschen Geld gegen diesen Wert.

Handel muss nicht bedeuten, einem Menschen möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Er kann ein fairer Austausch sein.

Doch selbst dieser scheinbar faire Austausch greift noch zu kurz.

Denn zwischen uns beiden stehen unsichtbar viele weitere Beteiligte: die Menschen, die das Produkt entwickelt, gefertigt, verpackt und transportiert haben. Die Gesellschaft, deren Infrastruktur diesen Handel überhaupt ermöglicht. Die Natur, aus der sämtliche Rohstoffe stammen und in die am Ende auch Abfälle, Emissionen und verbrauchte Produkte zurückkehren. Und die kommenden Generationen, die mit den Folgen unserer heutigen Entscheidungen leben müssen.

Ein Handel ist deshalb nicht schon fair, weil der Käufer zufrieden ist und das Unternehmen Gewinn erzielt.

Wenn ein Produkt mein Problem löst, während bei seiner Herstellung Menschen ausgebeutet werden, ist die Beziehung nicht in Ordnung.

Wenn Anbieter und Kunde profitieren, die ökologischen Kosten aber der Allgemeinheit überlassen werden, ist der Tausch nicht wirklich ausgeglichen.

Wenn wir heute Wohlstand erzeugen, indem wir die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen verbrauchen, bezahlen nicht wir den vollständigen Preis. Wir reichen die Rechnung an Menschen weiter, die diesem Geschäft niemals zugestimmt haben.

Eine neue Wirtschaft müsste deshalb den Beziehungsraum erweitern.

Sie müsste fragen:

Hilft unser Produkt den Menschen wirklich? Werden diejenigen fair behandelt, die daran arbeiten? Dient unser Handeln auch der Gesellschaft, die es ermöglicht? Bleibt unsere Beziehung zur Natur in einem tragfähigen Gleichgewicht? Und können wir verantworten, was wir kommenden Generationen hinterlassen?

Beziehungsorientiertes Wirtschaften bedeutet für mich daher mehr als Customer Experience oder eine freundlichere Kommunikation.

Es bedeutet, die bislang unsichtbaren Beziehungen wieder sichtbar zu machen.

Die Natur ist kein kostenloses Rohstofflager.

Die Gesellschaft ist nicht nur ein Absatzmarkt.

Mitarbeitende sind keine Ressourcen.

Und zukünftige Generationen sind kein Ort, an den wir die Kosten unseres heutigen Wohlstands verschieben dürfen.

Ein Unternehmen steht nicht nur seinen Kundinnen und Kunden gegenüber. Es befindet sich in einem lebendigen Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten. Jede wirtschaftliche Entscheidung wirkt in dieses Geflecht hinein.

Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zwischen alter und neuer Welt:

Die alte Welt betrachtet vor allem den einzelnen Tausch und fragt, ob er profitabel war.

Die neue Welt betrachtet das gesamte Beziehungsgefüge und fragt:

War dieser Austausch auch dann noch fair, wenn wir alle einbeziehen, die seine Folgen tragen?

Erst wenn wir diese Frage ehrlich beantworten können, wird aus einem Geschäft tatsächlich ein fairer Handel.

Authentisches Marketing beginnt vor dem Marketing

Damit verändert sich auch die Bedeutung von Marketing.

Authentisches Marketing kann nicht einfach eine neue Art der Kommunikation sein. Es genügt nicht, wärmere Bilder zu verwenden, Geschichten über Nachhaltigkeit zu erzählen oder auf Social Media menschlicher zu wirken.

Authentisches Marketing beginnt lange bevor eine Kampagne entsteht.

Es beginnt bei der Frage, ob ein Produkt einen sinnvollen Wert schafft.

Es beginnt bei den Bedingungen, unter denen es hergestellt wird.

Es beginnt bei der Art, wie ein Unternehmen mit Mitarbeitenden, Partnern, Kundinnen und Kunden umgeht.

Es beginnt bei der Bereitschaft, ökologische und gesellschaftliche Folgen nicht aus der eigenen Rechnung herauszuhalten.

Erst danach kann glaubwürdig darüber gesprochen werden.

Ein Unternehmen müsste also nicht länger versuchen, authentisch zu erscheinen.

Es müsste Strukturen schaffen, aus denen eine authentische Kommunikation überhaupt erst hervorgehen kann.

Dafür müsste es den Elfenbeinturm verlassen.

Es dürfte nicht zuerst etwas entwickeln und anschließend nach einer Geschichte suchen, mit der sich dieses Produkt verkaufen lässt. Es müsste zuhören, beobachten, fragen und die Menschen, für die es arbeitet, als Gegenüber mit eigener Kompetenz ernst nehmen.

Der Wandel läge deshalb nicht nur in neuen Kampagnen, Kanälen oder Technologien.

Er läge in einer grundlegenden Verschiebung:

vom Produkt zur Beziehung, von Abteilungen zu gemeinsam verantworteten Erfahrungswegen, von der Zielgruppe zum Gegenüber, von einseitiger Kommunikation zum Austausch, von kurzfristigem Absatz zu langfristigem Wert, von ausgelagerten Kosten zu umfassender Verantwortung, von künstlicher Intelligenz als Selbstzweck zu Technologie im Dienst des Lebens.

Charles Eisenstein und die Wirtschaft der Trennung

Beim Nachdenken über diese beiden Welten musste ich an Charles Eisenstein denken.

In seinem Buch Sacred Economics beschreibt er, wie unser Geld- und Wirtschaftssystem Trennung, Konkurrenz, künstliche Knappheit und den Zwang zu endlosem Wachstum verstärkt. Gleichzeitig sucht er nach einer Wirtschaftsform, die Verbundenheit, Gemeinschaft, Großzügigkeit und ökologische Verantwortung widerspiegelt.

Sein Gedanke berührt für mich etwas Wesentliches:

Wir können keine verbundene Welt mit Strukturen hervorbringen, die auf Trennung beruhen.

Wir können nicht von Beziehung sprechen und Menschen gleichzeitig nur als Zielgruppen behandeln.

Wir können nicht Nachhaltigkeit versprechen und weiterhin darauf angewiesen sein, immer mehr Dinge in die Welt zu bringen.

Wir können nicht Augenhöhe bewerben, während alle wichtigen Entscheidungen fernab der Menschen getroffen werden, die sie betreffen.

Wir können nicht authentisch kommunizieren, wenn das Unternehmen selbst nicht bereit ist, sich durch den Kontakt mit seinen Kundinnen und Kunden verändern zu lassen.

Und wir können einen Handel nicht fair nennen, wenn ein Teil seines Preises von Menschen, Gesellschaft oder Natur getragen wird, die in der wirtschaftlichen Rechnung gar nicht vorkommen.

Die neue Welt beginnt daher nicht mit einer schöneren Geschichte über das bestehende Produkt.

Sie beginnt mit einer anderen Beziehung zwischen Unternehmen, Menschen, Geld, Gesellschaft und Erde.

Eisenstein schreibt über eine Bewegung von einer Ökonomie der Trennung hin zu einer Ökonomie, die unsere Verbundenheit wieder sichtbar macht. Für mich ist das keine romantische Vorstellung davon, dass künftig alles kostenlos sein oder niemand mehr Geld verdienen dürfe.

Es ist die viel grundlegendere Frage:

Welcher Austausch dient dem Leben – und welcher verbraucht Leben, damit ein System weiterwachsen kann?

Charles Eisenstein: Sacred Economics – Money, Gift, and Society in the Age of Transition.

Ervin László und die Verantwortung des Einzelnen

Während ich Ervin László lese, begegnet mir dieselbe Bewegung aus einer anderen Richtung.

László betrachtet die großen Krisen unserer Zeit nicht als voneinander getrennte Einzelprobleme. Ökologische Zerstörung, soziale Spaltung, wirtschaftliche Ungleichheit und unsere Vorstellungen von Fortschritt gehören zu einem miteinander verbundenen System.

Wenn alles miteinander verbunden ist, genügt es nicht, nur an einzelnen Symptomen zu arbeiten. Dann braucht es einen Bewusstseins- und Kulturwandel.

Aber genau an dieser Stelle kann die Idee einer besseren Welt überwältigend werden.

Was soll ein einzelner Mensch angesichts globaler Krisen schon tun?

Vielleicht liegt die Antwort nicht darin, dass jeder von uns die ganze Welt retten muss.

Vielleicht liegt sie darin, den Ort ernst zu nehmen, an dem wir tatsächlich Einfluss haben.

Mein Ort war über Jahre die Wirtschaft. Ich habe ihre Sprache gelernt. Ich kenne ihre Strukturen, ihre Möglichkeiten und ihre blinden Flecken. Ich kann abstrakte Ideen in Prozesse, Bilder, Strategien und konkrete Angebote übersetzen.

Vielleicht ist genau das mein Beitrag.

Nicht die gesamte Wirtschaft neu zu erfinden.

Sondern dort, wo sich eine Tür öffnet, einen anderen Gedanken einzubringen.

Eine andere Frage zu stellen.

Eine Beziehung sichtbar zu machen, wo vorher nur eine Zielgruppe gesehen wurde.

Die Natur und die Gesellschaft wieder in eine Rechnung hineinzuholen, aus der sie zu lange ausgeschlossen waren.

Einen jungen Menschen darin zu bestärken, dass seine Irritation kein Zeichen von Naivität sein muss, sondern vielleicht der Anfang eines neuen Denkens ist.

Lászlós Frage nach der Veränderung der Welt wird dadurch für mich persönlich:

Wo bin ich in der Lage, einen Übergang mitzugestalten – und wann höre ich auf, meine eigene Wirksamkeit kleinzureden?

Ervin László: Wie kann ich die Welt verändern? Ein Report des Club of Budapest. Ullstein, 2005.

Die Metamoderne: nicht entweder – oder

Auch die von Maik Hosang und Gerald Hüther herausgegebene Metamoderne passt für mich zu dieser Frage.

Metamodernes Denken versucht nicht, einen Pol einfach durch seinen Gegenpol zu ersetzen. Es geht nicht darum, die Moderne mit ihrem Fortschrittsdenken, ihren Technologien und Institutionen vollständig zu verwerfen. Ebenso wenig geht es darum, die Kritik der Postmoderne an Macht, Wahrheit und großen Erzählungen zu vergessen.

Die Metamoderne sucht nach einer nächsten Bewegung.

Sie versucht, scheinbare Gegensätze miteinander in Beziehung zu bringen: Vernunft und Gefühl, Wissenschaft und Spiritualität, Individualität und Gemeinschaft, Fortschritt und Verantwortung.

Für mich bedeutet das auf die Wirtschaft bezogen:

Wir müssen uns nicht zwischen wirtschaftlicher Tragfähigkeit und Menschlichkeit entscheiden.

Nicht zwischen Technologie und Beziehung.

Nicht zwischen wirtschaftlichem Erfolg und ökologischer Verantwortung.

Nicht zwischen Erfahrung und Erneuerung.

Nicht zwischen den älteren Generationen und den jungen Menschen.

Nicht zwischen der bestehenden Organisation und der Vision einer anderen Welt.

Die neue Welt entsteht nicht dadurch, dass wir die alte demütigen.

Sie entsteht auch nicht dadurch, dass wir behaupten, die ältere Generation habe nichts verstanden und die jüngere besitze bereits sämtliche Antworten.

Die alte Welt trägt Erfahrung, Wissen, Strukturen und die Fähigkeit in sich, große Vorhaben umzusetzen. Sie trägt aber auch Ordnungen in sich, die nicht mehr zukunftsfähig sind.

Die junge Generation bringt neue Fragen, ein anderes Bewusstsein und eine geringere Bereitschaft mit, offensichtlich zerstörerische Systeme einfach hinzunehmen. Sie braucht jedoch Zugänge, Erfahrung und reale Gestaltungsmöglichkeiten.

Dazwischen steht eine Übergangsgeneration.

Menschen, die das bestehende System von innen kennen, aber nicht mehr vollständig an seine Erzählungen glauben.

Menschen, die gelernt haben, wie Organisationen funktionieren, und gleichzeitig spüren, dass Funktionieren allein nicht mehr reicht.

Menschen, die weder alles Alte verteidigen noch jedes Neue romantisieren.

Vielleicht sind das die Brückenbauerinnen und Brückenbauer unserer Zeit.

Die Metamoderne – Neue Wege zur Entpolarisierung und Befriedung der Gesellschaft, herausgegeben von Maik Hosang und Gerald Hüther.

Vielleicht bin ich eine Brückenbauerin

Vielleicht liegt genau hier mein Platz.

Ich komme aus der Wirtschaft. Ich kenne ihre Sprache, ihre Abläufe und ihre Widersprüche. Ich weiß, wie viel Intelligenz, Engagement und gute Absicht in Unternehmen vorhanden sein können. Ich weiß aber auch, wie schnell Menschen innerhalb von Strukturen Dinge tun, deren Sinn sie selbst nicht mehr erkennen.

Gleichzeitig bewege ich mich seit Jahren in anderen Welten: in Spiritualität, Therapie, Aufstellungsarbeit, Philosophie, Kreativität und der Frage, was Menschen im Innersten bewegt.

Und nun führt mein Weg in die Bildung.

Lange erschienen mir diese Bereiche wie verschiedene Leben:

Auf der einen Seite Strategie, Marketing, Prozesse und Wirtschaft.

Auf der anderen Seite Seele, Beziehung, Bewusstsein und Verbundenheit.

Und künftig Kinder, Lernen, Entwicklung und Schule.

Möglicherweise bestand mein Irrtum darin, mich für eines dieser Leben entscheiden zu wollen.

Vielleicht muss ich meine Zeit in der Wirtschaft nicht zurücklassen, um Lehrerin zu werden.

Vielleicht nehme ich sie mit.

Vielleicht werde ich jungen Menschen nicht nur Unterrichtsstoff vermitteln, sondern ihnen helfen, ihrer Wahrnehmung, ihrer Kreativität und ihrer Gestaltungskraft zu vertrauen.

Vielleicht werde ich später punktuell wieder mit Unternehmen arbeiten – nicht mehr abhängig von einer festen Position, sondern projektbezogen und dort, wo ich einen wirklichen Sinn erkenne.

Vielleicht entstehen Workshops, in denen verschiedene Generationen miteinander nachdenken.

Vielleicht verbinde ich Bildung, Wirtschaft, Philosophie und Spiritualität auf eine Weise, für die ich heute noch keinen Namen habe.

Ich weiß es nicht.

Aber vielleicht ist genau das die Aufgabe einer Brücke: Sie gehört nicht vollständig zu einer der beiden Seiten.

Ist das Größenwahn?

Sobald ich diese Gedanken ernst nehme, meldet sich eine Stimme in mir:

Jetzt wirst du größenwahnsinnig.

Wer bin ich, dass ich glaube, etwas zur Veränderung der Wirtschaft beitragen zu können?

Wer bin ich, dass ich von alter und neuer Welt spreche?

Wer bin ich, dass ich mich als Leuchtturm oder Brückenbauerin bezeichne?

Vielleicht ist diese Stimme nicht nur mein Feind. Sie bewahrt mich davor, mich über andere zu stellen und meine Wahrnehmung zur einzigen Wahrheit zu erklären.

Aber Demut darf nicht zu einer Ausrede werden, mit der ich mich vor meiner Verantwortung drücke.

Ich muss nicht wissen, ob meine großen inneren Bilder eines Tages Wirklichkeit werden. Ich muss niemandem beweisen, dass ich hellsichtig bin oder einen besonderen Auftrag erhalten habe.

Die viel bodenständigere Frage lautet:

Was sehe ich – und welchen konkreten Beitrag kann ich daraus leisten?

Vielleicht irre ich mich in Teilen.

Vielleicht sind manche Ideen zu groß, zu früh oder noch nicht ausgereift.

Aber ich darf sie prüfen. Ich darf andere Menschen einladen, mitzudenken. Ich darf meine Erfahrung, meine Wahrnehmung und meine Kreativität zur Verfügung stellen.

Verantwortung bedeutet nicht, dass ich die neue Welt allein erschaffen muss.

Sie bedeutet vielleicht nur, dass ich meinen möglichen Beitrag nicht länger zurückhalte, weil ich Angst habe, mich damit lächerlich oder zu groß zu machen.

Mein letzter Arbeitstag ist vorbei

Mein letzter Arbeitstag war am vergangenen Freitag.

Ich bin jetzt im Urlaub. Ende August endet mein Arbeitsverhältnis und am 7. September beginnt mein Studium.

Ich nehme diese Entscheidung nicht zurück.

Ich gehe.

Aber ich gehe nicht mehr mit dem Gefühl, meine Jahre in der Wirtschaft seien ein Umweg gewesen oder ich müsste alles, was ich dort gelernt habe, hinter mir lassen.

Vielleicht muss ich meinen Platz in der Wirtschaft nicht behalten, um weiterhin etwas in ihr zu bewegen.

Vielleicht liegt meine Freiheit gerade darin, ihr künftig anders begegnen zu können.

Nicht mehr aus der Abhängigkeit von einem monatlichen Gehalt.

Nicht mehr als Teil einer Struktur, mit der ich mich vollständig identifizieren muss.

Sondern punktuell, projektbezogen und mit einer klareren Vorstellung davon, welchen Vorhaben ich meine Kraft geben möchte.

Vielleicht führt mein Weg nun in die Bildung und von dort irgendwann an einzelnen Stellen wieder zurück in Unternehmen.

Vielleicht werde ich junge Menschen begleiten, die längst spüren, dass eine andere Welt nötig ist.

Vielleicht werde ich Organisationen helfen, ihre Beziehungen zu Menschen, Produkten, Technologie, Gesellschaft und Natur neu zu denken.

Vielleicht verbindet sich beides auf eine Weise, die ich heute noch nicht kennen kann.

Die alte Welt liegt nicht einfach hinter mir.

Die neue Welt liegt auch nicht fertig vor mir.

Ich stehe dazwischen.

Und vielleicht ist genau dort mein Platz.

Nicht als jemand, der bereits weiß, wie die bessere Welt aussieht.

Sondern als jemand, der beide Sprachen spricht, Zusammenhänge sichtbar machen und Menschen miteinander ins Gespräch bringen kann.

Vielleicht bin ich tatsächlich eine Brückenbauerin.

Und vielleicht besteht meine Verantwortung nicht darin, schon zu wissen, wohin die ganze Brücke führt.

Vielleicht besteht sie zunächst darin, das Wissen aus der alten Welt mitzunehmen – und den ersten begehbaren Abschnitt in Richtung einer neuen zu bauen.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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