Über die Sehnsucht, Weiblichkeit nicht als Schwäche zu verstehen – und die Frage, ob ich Klarheit und Zartheit gleichzeitig leben kann.

Vielleicht habe ich mehr Angst vor meiner Weichheit

7. August 2026

Vielleicht habe ich mehr Angst vor meiner Weichheit

Vor ungefähr acht Wochen habe ich T-Shirts für meine Ausbildungsgruppe konzipiert.

Und jetzt wieder.

Als ich die Entwürfe nebeneinander sah, ist mir etwas aufgefallen.

Die neuen waren weicher.

Feiner.

Weiblicher.

Nicht nur für mich.

Auch im Außen wurde mir gespiegelt, wie sehr ich mich in den letzten Monaten verändert habe.

Weicher.

Zarter.

Weiblicher.

Meine Herzmenschen nennen mich inzwischen liebevoll die Venus, die aus dem Meer steigt.

Oder die kleine Meerjungfrau.

Und jedes Mal, wenn ich das höre, muss ich lächeln.

Vielleicht auch, weil ich mich darin inzwischen selbst ein Stück weit erkenne.

Und gleichzeitig denke ich an einen Satz, den ich einmal selbst ausgesprochen habe und später zurückgespielt bekam:

Ich weiß nicht, wovor ich mehr Angst habe – vor deiner Härte oder vor deiner Weichheit.

Heute höre ich diesen Satz anders.

Vielleicht ging es nie nur um den anderen.

Vielleicht war die eigentliche Frage immer:

Wovor habe ich in mir mehr Angst?

Vor meiner Härte?

Oder vor meiner Zartheit?

Weiblichkeit ist für mich nicht einfach weich

Ich möchte dabei nicht behaupten, dass mein innerer Mann für Härte steht und meine innere Frau für Weichheit.

Das würde sich für mich falsch anfühlen.

Ich kann mich sehr gut an eine Aufstellung meines inneren Mannes und meiner inneren Frau erinnern.

Mein innerer Mann war gut drauf.

Richtig gut.

Er wollte mit dem Cabrio und dem Surfbrett ans Meer.

Er war voller Lebensfreude.

Leicht.

Bei sich.

Und meine innere Frau?

Sie war tief verletzt.

Wie kann er so sein?

Wie kann er einfach Spaß haben?

Wie kann er mit dem Cabrio ans Meer fahren wollen, während es ihr so schlecht geht?

Warum kümmert er sich nicht um sie?

Damals habe ich dieses Bild sehr deutlich gesehen.

Und heute sehe ich darin noch viel mehr.

Die verletzte Frau und der freie Mann

Ich habe diese Dynamik in Aufstellungen immer wieder gesehen.

Eine Frau, tief verletzt.

Ein Mann, der sein Ding macht.

Und ich habe mich oft gefragt:

Was ist nur los mit uns Frauen?

Warum wirken wir manchmal wie kleine Kinder?

Warum warten wir darauf, dass der andere etwas macht?

Etwas versteht.

Etwas wiedergutmacht.

Uns sieht.

Uns hält.

Während der Mann gefühlt mehr bei sich bleibt.

Diese Frage hat mich lange beschäftigt.

Und sie war für mich auch ein Ansporn.

Ich wollte erwachsen werden.

Ich wollte nicht warten.

Nicht ziehen.

Nicht festhalten.

Nicht erwarten, dass jemand anderes meinen inneren Zustand verändert.

Und irgendwann durfte ich etwas erkennen, das viel einfacher klingt, als es sich angefühlt hat:

Ich bin erwachsen.

Ich muss es nicht erst werden.

Vielleicht wird die Weiblichkeit gerade deshalb weicher

Vielleicht ist das sogar ein Teil von dem, was sich in mir verändert hat.

Ich muss nicht mehr hart werden, um erwachsen zu sein.

Ich muss nicht unabhängig wirken, um frei zu sein.

Ich muss meine Zartheit nicht verlieren, damit ich bei mir bleiben kann.

Vielleicht darf ich weich sein und trotzdem erwachsen.

Zart und klar.

Empfänglich und frei.

Vielleicht ist das viel näher an der Weiblichkeit, die sich gerade in mir zeigt.

Ein Bild von Elba

Vor einiger Zeit habe ich auf einer Reise auf Elba ein 3D-Mapping gelegt.

Wenn ich heute auf das Bild schaue, berührt es mich noch einmal anders.

Da liegt eine Muschel.

Feine Blumen.

Bergkristalle.

Ein pinker Stift.

Alles davon war mein Potenzial.

Nicht nur ein einzelnes Symbol.

Alles.

Die Muschel.

Die Blumen.

Der Bergkristall.

Der pinke Stift.

Und auch die Anordnung selbst.

Der Bergkristall steht für einen Teil dieses Potenzials, der mir besonders wichtig ist:

Klarheit.

Und der pinke Stift erinnert mich daran, dass all das Form bekommen möchte.

Worte.

Ausdruck.

Sichtbarkeit.

Vielleicht ist das gerade genau das, was geschieht.

Meine Weiblichkeit wird nicht nur weicher.

Sie wird sichtbarer.

Sie bekommt Form.

Aber meine Klarheit kann auch hart werden

Und dann fällt mir ein Gedicht ein, das für mich schon lange wichtig ist.

Darin steckt der Gedanke, dass Wahrheit ohne Liebe hart und kritisierend werden kann.

Ich übersetze das für mich oft so:

Klarheit ohne Liebe kann zur Härte werden.

Und das kenne ich sehr gut.

Meine Klarheit ist eine große Kraft.

Ich sehe oft sehr schnell, worum es für mich eigentlich geht.

Ich kann Dinge benennen.

Ich kann direkt sein.

Manchmal vielleicht zu direkt.

In meinem inneren Bild sehe ich mich dann wie den Ritter der Stäbe.

Ich komme mit Anlauf.

Reite direkt in dein Wohnzimmer.

Mein Pferd rutscht über den Teppich.

Eine Pflanze kippt um.

Staub wirbelt durch den Raum.

Ich sage, was ich zu sagen habe.

Drehe mich um.

Und gehe wieder.

Für mich war es Klarheit.

Und vielleicht sitzt der andere danach mitten in seinem Wohnzimmer und denkt:

Was zur Hölle war das?

Vielleicht ist es gar nicht meine Klarheit, die weniger werden muss.

Vielleicht geht es darum, wie ich sie in die Welt bringe.

Ich möchte den Bergkristall nicht weglegen.

Ich möchte weiterhin klar sehen.

Klar sprechen.

Benennen.

Aber vielleicht darf zu dieser Klarheit etwas dazukommen.

Liebe.

Weichheit.

Ein Gespür dafür, ob der andere gerade überhaupt eine Tür geöffnet hat, bevor ich mit dem Pferd durchs Wohnzimmer galoppiere.

Vielleicht ist das die eigentliche Veränderung

Dann wäre meine Entwicklung gar nicht:

von hart zu weich.

Sondern eher:

von Klarheit allein zu Klarheit mit Liebe.

Von Direktheit allein zu Direktheit mit Beziehung.

Von Stärke allein zu Stärke mit Zartheit.

Und vielleicht ist genau das die Weiblichkeit, die gerade sichtbarer wird.

Nicht weil Weiblichkeit automatisch weich wäre.

Sondern weil etwas in mir zusammenkommt, das lange stärker getrennt war.

Die Klarheit des Bergkristalls.

Die Zartheit der Blumen.

Die Weiblichkeit der Muschel.

Die schöpferische Kraft des pinken Stifts.

Alles gehört zu meinem Potenzial.

Und dann kam wieder meine Mutter

Am Wochenende hatten wir in meiner Ausbildung eine Übung mit einer Stellvertreterin für die Mutter.

Jeder durfte schauen:

Kann ich zu ihr gehen?

Auf den ersten Blick fiel es mir leicht.

Ich ging auf sie zu.

Ich konnte ihr in die Augen schauen.

Ich konnte mein Herz verbinden.

Von außen hätte man wahrscheinlich sagen können:

Da ist doch alles gut.

Aber innerlich lief viel mehr.

Ich musste prüfen.

Wie ist es, wenn ich aufmache?

Wie ist es, wenn ich zumache?

Wie ist es, wenn ich zu ihr hingehe?

Wie ist es, wenn ich wieder weggehe?

Und irgendwann wurde mir etwas sehr deutlich.

Ich konnte zu ihr gehen.

Aber ich hatte ihr nicht wirklich zugetraut, dass ich auch wieder gehen darf.

Dass ich frei gehen kann.

Dass ich ihr zumuten kann, dass ich mich verbinde – und mich danach wieder entferne.

Vielleicht lag genau dort der Knoten.

Nähe ist nicht dasselbe wie Bleiben

Deshalb habe ich die Übung später noch einmal innerlich wiederholt.

Nach einem Gespräch mit meinem besten Freund war etwas bei mir hängen geblieben:

Es braucht zwei für Co-Abhängigkeit.

Dieser Satz hat etwas verändert.

Denn wenn ich innerlich frei bin, kann ich den anderen dort lassen.

Ich kann zu meiner Mutter gehen.

Ich kann mein Herz öffnen.

Ich kann mich verbinden.

Und ich kann wieder gehen.

Nicht aus Härte.

Nicht aus Abwehr.

Nicht hinter eine Wand.

Sondern frei.

Vielleicht ist genau das etwas, das ich bisher nicht wirklich verstanden hatte.

Nähe heißt nicht:

Ich muss bleiben.

Liebe heißt nicht:

Ich muss tragen.

Verbindung heißt nicht:

Ich darf nicht gehen.

Vielleicht ist das meine neue Weiblichkeit

Wenn ich heute auf all diese Bilder schaue – die T-Shirts, die Venus aus dem Meer, die kleine Meerjungfrau, die Muschel auf Elba, die feinen Blumen, den Bergkristall, den pinken Stift – dann sehe ich darin keine Frau, die einfach nur weicher geworden ist.

Ich sehe eine Frau, in der etwas zusammenkommt.

Klarheit und Liebe.

Zartheit und Freiheit.

Nähe und Eigenständigkeit.

Form und Fluss.

Vielleicht hatte ich deshalb so viel Angst vor meiner Weichheit.

Weil Weichheit für mich lange mit Verletzbarkeit verbunden war.

Mit Bedürftigkeit.

Mit dem Risiko, mich im anderen zu verlieren.

Und vielleicht hatte ich ebenso Angst vor meiner Klarheit.

Weil ich weiß, dass sie hart werden kann.

Dass sie schneiden kann.

Dass sie manchmal schneller im Raum ist als mein Herz.

Vielleicht geht es also gar nicht darum, mich zwischen beiden zu entscheiden.

Vielleicht geht es darum, beides zu halten.

Klar zu sein, ohne zu überfahren.

Weich zu sein, ohne mich zu verlieren.

Vielleicht ist das die Frau, die gerade aus dem Meer steigt.

Nicht weniger klar.

Nicht weniger kraftvoll.

Aber weicher.

Verbunden.

Und frei.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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