Über Schuld, Täter und Opfer – und die Frage, warum es in meiner inneren Welt scheinbar nichts gibt, was verziehen werden muss.

Gibt es so etwas wie Vergebung in einer Welt, in der es Seelenverträge gibt?

11. August 2026

Gibt es so etwas wie Vergebung in einer Welt, in der es Seelenverträge gibt?

In mir kam eine alte Erinnerung hoch

Ich hatte einen Menschen getroffen.

In sehr kurzer Zeit kamen wir uns sehr nahe.

Dann kam der Knall und unsere Wege haben sich wieder getrennt.

Sie hatte gerade eine Krebsdiagnose bekommen und eine wichtige Operation vor sich. Deshalb habe ich sie ganz bewusst in Ruhe gelassen und ihr diesen Raum gegeben.

Nach einer gewissen Zeit habe ich mich wieder bei ihr gemeldet.

Für mich hatte es sich so angefühlt, als wäre alles okay zwischen uns.

Und irgendwann kam als Rückmeldung nur noch, dass sie mit mir abgeschlossen hat und keinen Kontakt mehr möchte.

Das war wie ein Schlag ins Gesicht.

Und gleichzeitig realisiere ich erst jetzt, Jahre später, etwas ganz anderes daran:

Vielleicht ist meine innere Welt an dieser Stelle überhaupt nicht besonders gesellschaftskonform.

Denn für mich gab es nichts, was ich ihr hätte verzeihen müssen.

Es gibt für mich nichts zu vergeben

Das beschäftigt mich gerade.

Denn scheinbar ist Vergebung etwas, das für viele Menschen zu Heilung dazugehört.

Jemand verletzt mich.

Ich arbeite das auf.

Und irgendwann vergebe ich.

Nur finde ich diesen Schritt in mir oft überhaupt nicht.

Selbst mein Mentor ist an dieser Stelle anderer Meinung als ich und nennt meine Sicht darauf dann auch gerne mal spirituelle Masturbation.

Vielleicht hat er sogar einen Punkt.

Vielleicht kann man sich mit Spiritualität auch verdammt viel schönreden.

Und trotzdem bleibt in mir dieses Gefühl:

Da gibt es nichts zu vergeben.

Ich habe Dinge erlebt, bei denen die Gesellschaft wahrscheinlich sagen würde:

Das geht gar nicht.

Gewisse Menschen gehören dafür ins Gefängnis.

Und in mir fühlt es sich trotzdem nicht so an.

Genauso wenig, wie ich damals gefühlt hätte, dass ich traumatisiert bin, als meine damalige Therapeutin für Tiefenpsychologie genau das zu mir gesagt hat.

Für mich lag das Schwierige an einer ganz anderen Stelle.

Darin, dass ich es meiner Mama nicht sagen konnte.

Das war für mich schwer.

Und dennoch:

Wenn ich heute in mich hineinspüre, gibt es da nichts, was ich vergeben müsste.

Für mich gibt es Seelenverträge

Vielleicht liegt genau dort der Unterschied.

Für mich gibt es Seelenverträge.

Das ist meine innere Welt.

Meine Art, bestimmte Begegnungen und Erfahrungen zu verstehen.

Und wenn ich von dort darauf schaue, verändert sich für mich etwas.

Dann ist eine Begegnung nicht nur:

Du hast mir etwas angetan.

Oder:

Ich habe dir etwas angetan.

Dann kann da noch etwas anderes sein.

Etwas, das wir miteinander bewegen.

Etwas, das durch diese Begegnung sichtbar wird.

Etwas, das vielleicht überhaupt erst durch diesen Menschen in mein Leben kommen konnte.

Und vielleicht tue ich mich deshalb auch so schwer mit diesen neumodischen Worten wie toxisch oder Narzissmus.

Was ist schon toxisch?

Natürlich weiß ich, was Menschen meinen, wenn sie von toxischen Beziehungen sprechen.

Aber ich merke, dass ich mit diesem Wort wenig anfangen kann.

Was ist schon toxisch?

Es wäre wahrscheinlich sehr naheliegend gewesen, meine eigene Partnerschaft so zu bezeichnen.

Wir hatten wirklich schwierige zweieinhalb Jahre miteinander.

Eigentlich hatten wir kaum eine Phase, die einfach nur leicht war.

Sehr viel Prozess.

Sehr viel Reibung.

Sehr viel, was uns beide immer wieder an unsere Grenzen gebracht hat.

Und seit wenigen Tagen fühlt es sich plötzlich so an, als wären wir durch den gröbsten Prozess miteinander durchgegangen.

Als hätte sich ein Zyklus geschlossen.

Und auf einmal haben wir eine Honeymoon-Phase.

Nach zweieinhalb Jahren.

Eine Phase, die wir vorher eigentlich nie wirklich miteinander hatten.

Für mich war während dieser ganzen Zeit immer klar:

Sie versucht, mich in meine Kraft zu bringen.

Und ich helfe ihr auf ihre Weise genauso.

Das heißt nicht, dass alles angenehm war.

Ganz und gar nicht.

Aber „toxisch" hätte für mich nie beschrieben, was ich in dieser Beziehung wahrgenommen habe.

Es hätte etwas abgeschlossen, das sich für mich noch mitten in einer Bewegung befand.

Was ist dann mit Täter und Opfer?

Vielleicht führt mich genau das zu einer noch unbequemeren Frage.

Was ist eigentlich mit Täter und Opfer?

Gibt es das überhaupt so eindeutig, wie wir es gerne hätten?

Natürlich gibt es Taten.

Natürlich gibt es Menschen, denen etwas widerfährt.

Ich meine etwas anderes.

Ich meine diese festen Positionen.

Du bist Täter.

Ich bin Opfer.

Und damit ist die Geschichte erzählt.

In meiner Arbeit gehen wir anders damit um.

Wenn Klienten in diesem Leben sehr stark in einer Opferposition gelandet sind, führen wir sie in Rückführungen manchmal in ein Leben, in dem sie auf der anderen Seite stehen.

In einem Täterleben.

Ich habe das selbst auch schon oft erlebt.

Und etwas daran stärkt mich.

Nicht weil eine Tat dadurch plötzlich gut wird.

Sondern weil sich die Position verändert.

Die Opferrolle schwächt mich

Ich merke das sehr deutlich:

Die Opferrolle schwächt mich.

Wenn ich dort bleibe, ist der andere derjenige, der handelt.

Der andere hat die Macht.

Der andere tut etwas.

Und ich bin diejenige, mit der etwas geschieht.

Die Täterrolle hat für mich eine völlig andere Energie.

Schon in dem Wort steckt etwas:

Tat.

Da ist Handlung.

Da ist Kraft.

Da ist Bewegung.

Und vielleicht geht es für mich gar nicht darum, diese Täterkraft abzulehnen.

Vielleicht geht es darum, sie wiederzufinden.

Sie zurückzunehmen.

Und sie heute anders zu kanalisieren.

Denn heute habe ich ein anderes Bewusstsein als damals.

Heute kann ich entscheiden, was ich mit meiner Kraft mache.

Ich kann handeln, ohne zu zerstören.

Ich kann Grenzen setzen.

Ich kann Nein sagen.

Ich kann gehen.

Ich kann etwas verändern.

Ich kann Verantwortung übernehmen.

Vielleicht ist genau das für mich die Bewegung raus aus dem Opfer.

Nicht zu leugnen, was passiert ist.

Sondern mich nicht für immer darüber zu definieren, dass es mir passiert ist.

Und wo bleibt dann die Vergebung?

Vielleicht ist genau das der Punkt.

Wenn es in meiner inneren Welt keine Schuld gibt, was soll ich dann vergeben?

Schuld ist für mich ein Konzept der Kirche.

Da ist jemand schuldig geworden.

Und irgendwann braucht es Vergebung, um diese Schuld wieder aufzulösen.

Aber diese ganze Bewegung existiert in mir nicht.

Ich fühle keine Schuld.

Nicht bei mir.

Und auch nicht beim anderen.

Wenn ich auf die Dinge schaue, die ich erlebt habe, dann sehe ich Erfahrungen.

Begegnungen.

Seelenverträge.

Menschen, die etwas in meinem Leben bewegt haben.

Manchmal auf eine Weise, die unglaublich wehgetan hat.

Aber selbst im Schmerz entsteht in mir nicht dieses:

Du hast Schuld auf dich geladen.

Und deshalb entsteht auch nicht:

Ich muss dir irgendwann vergeben.

Vielleicht ist genau deshalb Vergebung für mich so schwer zu verstehen.

Nicht weil ich nicht vergeben kann.

Sondern weil es für mich nichts gibt, das vorher vergeben werden müsste.

Es war eine Erfahrung

Auch bei diesem Menschen von damals.

Ihre Nachricht hat mich getroffen.

Wie ein Schlag ins Gesicht.

Aber daraus entstand in mir keine Schuldgeschichte.

Nicht:

Wie konntest du mir das antun?

Nicht:

Das werde ich dir niemals verzeihen.

Und auch nicht:

Irgendwann werde ich so weit sein, dir zu vergeben.

Es war einfach etwas, das geschehen ist.

Etwas zwischen zwei Menschen.

Für sie war etwas abgeschlossen.

Für mich fühlte es sich vollkommen anders an.

Und das hat wehgetan.

Mehr muss ich daraus vielleicht gar nicht machen.

Vielleicht verändert ein Seelenvertrag alles

Wenn es für mich Seelenverträge gibt, dann kann ich eine Begegnung kaum noch nur danach betrachten, wer wem was angetan hat.

Dann interessiert mich viel mehr, was sich durch diese Begegnung bewegt.

Warum taucht genau dieser Mensch in meinem Leben auf?

Warum berührt er genau diese Stelle?

Warum entsteht genau diese Dynamik?

Warum begegnen wir uns überhaupt?

Ich muss darauf nicht einmal immer eine Antwort finden.

Aber meine Wahrnehmung verändert sich.

Der Mensch vor mir wird nicht zu jemandem, der mir etwas schuldet.

Und ich werde nicht zu jemandem, der darüber entscheiden muss, ob ich ihn irgendwann davon freispreche.

Vielleicht waren wir einfach Teil einer Bewegung, die größer ist als das, was mein Verstand daraus machen kann.

Vielleicht gibt es deshalb für mich nichts zu vergeben

Und genau das fühlt sich gerade so klar an.

Nicht:

Ich habe alles vergeben.

Sondern:

Es gibt für mich nichts zu vergeben.

Das ist etwas vollkommen anderes.

Vielleicht wirkt das von außen befremdlich.

Vielleicht nennt mein Mentor genau das spirituelle Masturbation.

Vielleicht passt es überhaupt nicht in die Vorstellung davon, wie man bestimmte Erfahrungen verarbeiten sollte.

Aber ich kann nur beschreiben, was tatsächlich in mir ist.

Und dort finde ich keine Schuld.

Ich finde auch nicht das Bedürfnis, einen Menschen innerlich zu verurteilen und mich später wieder von diesem Urteil zu lösen.

Ich finde Erfahrungen.

Ich finde Bewegungen.

Ich finde Menschen, die mich verändert haben.

Ich finde Seelenverträge.

Und ich finde dieses seltsame Wissen in mir, dass selbst Dinge, die von außen vollkommen anders bewertet würden, in meiner inneren Welt einen anderen Platz haben.

Vielleicht ist genau deshalb die Frage nach Täter und Opfer für mich so spannend.

Denn wenn es keine Schuld gibt, was bleibt dann von diesen Rollen übrig?

Vielleicht die Tat.

Vielleicht die Erfahrung.

Vielleicht die Kraft.

Vielleicht die Bewegung zwischen zwei Seelen.

Aber dieses endgültige:

Du bist der Täter. Ich bin das Opfer.

Das finde ich in mir nicht.

Und vielleicht brauche ich deshalb auch keine Vergebung.

Nicht weil ich schon so weit bin.

Nicht weil ich besonders spirituell bin.

Sondern weil dieses Konzept in meiner inneren Welt offenbar schlicht keinen Platz hat.

Wo keine Schuld ist, gibt es vielleicht auch nichts zu vergeben.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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