Ein Lied hat mich zu diesem Gedanken bewegt.

Sympathy Magic

26. Juli 2026

Sympathy Magic

Ich zeige mich – und vielleicht erkennst du etwas von dir darin.

Ich war in Mailand auf einem Konzert von Florence + the Machine. Als Florence Welch die Bühne betrat, erschrak ich.

Was dort geschah, fühlte sich für mich wie schwarze Magie an. Ihre Bewegungen, ihre Stimme und die Wirkung, die sie auf die Menschen hatte, erschienen mir machtvoll und manipulativ. Ich konnte nicht einordnen, was sie verkörperte. Und ich wusste nicht, warum ihre Art etwas so Unmittelbares in mir auslöste.

Also tat ich etwas, das mir Sicherheit gab: Ich steckte sie in eine Schublade.

Mit einer Bewertung konnte ich Abstand herstellen. Wenn das, was ich wahrnahm, Manipulation war, musste ich mich nicht weiter davon berühren lassen. Ich konnte etwas benennen, das ich noch gar nicht verstanden hatte, und hatte dadurch wieder das Gefühl zu wissen, woran ich war.

Doch während des Konzerts veränderte sich meine Wahrnehmung.

Ich begann, hinter das Bild zu schauen, das ich mir von ihr gemacht hatte. Ich nahm nicht mehr nur ihre Wirkung wahr, sondern etwas von ihrem Kern. Ich sah, wie sie sich mit dem Publikum verband. Sie wirkte nicht mehr wie eine unnahbare Gestalt, die von der Bühne aus Macht über andere ausübte. Sie wurde für mich menschlich.

Beim letzten Lied ging sie hinunter zu den Menschen. Sie ließ sich anfassen und berührte sie selbst.

Die Frau, die mir zunächst wie eine gefährliche Magierin erschienen war, ließ Nähe zu.

Vielleicht berührte mich genau das: Ihre Kraft und ihre Menschlichkeit widersprachen sich nicht.

Ich versuche nicht länger, gut zu sein

Nach dem Konzert begann ich, mich weiter mit Florence Welch und ihrer Musik zu beschäftigen. Dabei begegnete mir das Lied „Sympathy Magic". Darin gibt es den Satz:

„I no longer try to be good"

Ich versuche nicht länger, gut zu sein.

Dieser Satz traf etwas in mir. Nicht, weil ich beschlossen hätte, ein schlechter Mensch zu werden. Ich möchte andere Menschen nicht bewusst verletzen. Ich möchte Verantwortung für mein Handeln übernehmen und wahrnehmen, welche Wirkung ich auf mein Gegenüber habe.

Aber die Einteilung in gut und böse fühlt sich für mich heute eng an. Ich verbinde sie mit einer christlichen Welt, in der Himmel und Hölle, Schuld und Tugend darüber entscheiden, wer richtig und wer falsch ist.

Vielleicht möchte ich aus diesem Urteilssystem heraustreten.

Lange glaubte ein Teil von mir, Gutsein könne mich beschützen. Wenn ich verständnisvoll, angepasst und rücksichtsvoll genug wäre, würde ich nicht abgelehnt. Wenn ich mich richtig verhielte, dürfte ich meinen Platz behalten.

Ich versuchte, kontrolliert, hilfreich und möglichst angenehm zu sein. Nicht zu viel. Nicht so, dass ein anderer Mensch sich durch mich bedrängt oder überfordert fühlen könnte.

Doch dieses Gutsein hat mich nicht vor Verletzung, Ablehnung oder Verlassenwerden bewahrt. Stattdessen brachte es mich dazu, Teile von mir zurückzuhalten. Ich erschuf eine Version von mir, von der ich hoffte, dass sie angenommen wird.

Erst jetzt erkenne ich, wie sehr ich ein Gutmensch sein wollte – mehr, als ich bisher dachte.

Diese Erkenntnis bricht etwas in meinem Selbstbild auf.

Die Abhängigkeit vom Außen

Ich bin noch immer abhängig von der Reaktion anderer Menschen. Ablehnung im Außen schmerzt mich. Ich weiß nicht, ob wir uns jemals vollkommen davon lösen können. Wir sind soziale Wesen. Wir brauchen Beziehung, Resonanz und ein Gegenüber.

Ich erinnere mich jedoch daran, wie Erika davon sprach, dass sie sich vom Außen gelöst habe. Ihre Worte sprachen mich sofort an. Etwas in mir dachte: Das will ich auch.

Vielleicht bedeutet diese Bewegung nicht, niemanden mehr zu brauchen. Für mich würde das auch nicht stimmen. Ich habe eine Handvoll Menschen, die mich verstehen und mein Weltbild teilen. Menschen, bei denen ich mit dem, was ich bin, nicht allein dastehe.

Vielleicht geht es deshalb um etwas anderes: Ich muss nicht von allen angenommen werden, um meinen Platz zu behalten.

Trotzdem bleibt die Versuchung, meine Wirkung zu kontrollieren. Gerade dieser Blog könnte zu einem Ort werden, an dem ich versuche, eine besonders reflektierte Version von mir zu zeigen. Eine Susann, die kluge Zusammenhänge erkennt, ihre Verletzungen bereits verstanden hat und aus jeder Erfahrung etwas Wertvolles oder Heilsames machen kann.

Eine halb erleuchtete Version von mir.

Vielleicht könnte ich versuchen, mir damit meine Würdigkeit zu verdienen. Meine Texte wären dann der Beweis, dass ich tief, hilfreich und weit genug entwickelt bin, um sichtbar sein zu dürfen.

Doch auch eine sorgfältig dargestellte Unvollkommenheit kann zu einem kontrollierten Bild werden.

Ich kann meine Widersprüche zeigen und trotzdem versuchen, genau zu steuern, wie andere mich darin wahrnehmen. Ich kann offen erscheinen und dennoch nur das preisgeben, was zu der Geschichte passt, die ich über mich erzählen möchte.

Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung nicht nur darin, mich zu zeigen. Vielleicht liegt sie darin, das Bild loszulassen, das durch dieses Zeigen entstehen soll.

Die zusammengerollte Frau im Ballkleid

In „Sympathy Magic" erscheint das Bild einer Frau im Ballkleid, die zusammengerollt, ängstlich und beschämt ist.

Es berührt mich, weil darin zwei Wirklichkeiten gleichzeitig existieren. Da ist das große Kleid, die sichtbare Erscheinung, vielleicht sogar etwas Kraftvolles oder Bewundertes. Und darin ist ein Mensch, der Angst hat und sich schämt.

Vielleicht irritierte mich Florence Welch auf der Bühne auch deshalb so sehr. Sie ließ sich nicht eindeutig einordnen. Sie konnte Raum einnehmen und sich zugleich berühren lassen. Sie konnte etwas in anderen Menschen bewegen und dabei selbst vollkommen menschlich bleiben.

In ihr begegnete mir etwas, das ich in mir noch nicht vollständig zusammendenken kann: Ich kann sichtbar sein und trotzdem Angst haben. Ich kann stark wirken und mich innerlich klein fühlen. Ich kann Einfluss haben, ohne deshalb über einen anderen Menschen bestimmen zu müssen.

Vielleicht muss ich mich nicht zwischen Stärke und Verletzlichkeit entscheiden.

Vielleicht gehören das Ballkleid und die zusammengerollte Frau zusammen.

Sich aufreißen lassen

An einer anderen Stelle des Liedes stehen die Worte:

„tear me wide open"

Reiß mich weit auf.

Diese Worte klingen nicht nach einer kontrollierten Öffnung. Nicht danach, genau so viel zu zeigen, wie ich bereits überblicken kann. Sie enthalten die Möglichkeit, dass etwas in mir aufbricht und ich danach nicht mehr dieselbe bin.

Für mich bedeutet das nicht, grenzenlos zu werden oder jedem Menschen Zugang zu meinem Innersten zu geben. Es bedeutet auch nicht, Verletzung zu suchen.

Es bedeutet, mein bisheriges Selbstbild aufbrechen zu lassen.

Vielleicht ist das Bild vom guten, reflektierten und hilfreichen Menschen selbst zu einer Hülle geworden. Es hat mir Orientierung gegeben und mich glauben lassen, dass ich meine Zugehörigkeit sichern kann. Doch in dieser Hülle ist wenig Platz für alles, was nicht zu ihr passt: meine Wertungen, meinen Wunsch nach Kontrolle, meine Bedürftigkeit und die Möglichkeit, dass auch ich manipuliere.

Vielleicht möchte ich nicht nur gut sein. Vielleicht möchte ich wirken.

Vielleicht möchte ein Teil von mir durch Worte etwas im Gegenüber auslösen, es in eine bestimmte Richtung bewegen oder dafür sorgen, dass es mich auf eine bestimmte Weise sieht.

Dann taucht die Magierin wieder auf.

Wie viel Magierin bin ich?

Am Anfang des Konzerts glaubte ich, die Magierin auf der Bühne zu sehen. Ich nahm ihre Macht wahr und bekam Angst vor ihr. Ich nannte ihre Wirkung manipulativ und schuf damit Abstand zwischen ihr und mir.

Später begegnete ich ihrem menschlichen Kern.

Doch vielleicht verschwand die Magierin dadurch nicht. Vielleicht zeigte sich nur, dass Kraft und Menschsein im selben Menschen existieren können.

Heute richtet sich die Frage nicht mehr nur auf Florence Welch. Sie kehrt zu mir zurück.

Wie viel Magierin bin ich noch?

Wie oft versuche ich, mein Gegenüber durch mein Gutsein, meine Reflexion, meine Hilfsbereitschaft oder meine Worte zu lenken? Wie oft zeige ich mich wirklich – und wie oft erschaffe ich ein Bild, das eine bestimmte Reaktion hervorrufen soll?

Und wie viel Menschsein lasse ich zu?

Wie viel Unsicherheit darf sichtbar werden, ohne dass ich sie sofort in eine Erkenntnis verwandle? Wie viel Nähe kann ich zulassen, ohne vorher festzulegen, was sie mit mir machen darf? Wie viel Raum gebe ich dem anderen, mich anders wahrzunehmen, als ich wahrgenommen werden möchte?

Ich kenne die Antwort nicht.

Vielleicht muss ich sie auch noch nicht kennen.

Vielleicht beginnt Menschsein genau dort, wo ich aufhöre, mir vorschnell eine zu geben.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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