Über einen flapsigen Satz beim Abendessen, alte Bilder vom Heiraten – und die Frage, ob ein Ja erst dann gilt, wenn der Staat es unterschrieben hat.

Sind wir eigentlich schon verheiratet?

19. August 2026

Sind wir eigentlich schon verheiratet?

Heute Abend beim Essen erzählte ich meiner Partnerin von meiner nächsten Buchidee. Offenbar werden es gerade immer mehr. Irgendwann schaute sie mich an und meinte ziemlich trocken:

„Ich hab eine Autorin geheiratet.“

Äh.

Geheiratet?

Ich habe sie sofort korrigiert. Nicht einmal absichtlich. Es kam einfach aus mir heraus: Wir sind doch gar nicht verheiratet.

Und gleichzeitig war ich irritiert darüber, wie sehr mich dieser eine Satz berührt hatte.

Das Thema Heiraten ist bei mir nämlich nicht vollkommen unbelastet. Sagen wir es so. Ich hätte durchaus schon gerne geheiratet. Bisher hatte ich allerdings nicht unbedingt Partnerinnen an meiner Seite, die bei diesem Vorhaben begeistert mit einem Blumenstrauss Richtung Standesamt gerannt wären.

Vielleicht haben sie mich damit auch geschont.

Keine Ahnung.

Ich habe das tatsächlich noch nie im Detail aufgestellt. Wer von uns beiden – oder von uns allen, wenn ich meine vergangenen Beziehungen dazunehme – sich eigentlich wirklich nicht auf das Heiraten einlassen wollte. Denn nur weil ich bewusst dachte Ich will heiraten, bedeutet das noch lange nicht, dass in mir nicht gleichzeitig etwas ziemlich entschieden die Handbremse gezogen hat.

Meine Partnerin jedenfalls liess sich von meinem Einwand überhaupt nicht beeindrucken.

Sie meinte sinngemäss: Ja gut, es gibt halt nichts Schriftliches auf einem Dokument, das von Vater Staat genehmigt wurde.

Und plötzlich blieb ich daran hängen.

Denn wenn ich ehrlich bin, fühlt sich unsere Beziehung gerade tatsächlich anders an.

In den letzten vier Wochen hat sich unglaublich viel zwischen uns verändert. Ich fühle mich ihr so nah wie noch nie einem Menschen in einer Partnerschaft. Nicht dieses dramatische Wir gehören für immer zusammen und werden jetzt eins-Nah. Eher etwas Ruhiges.

Etwas Selbstverständliches.

Fast so, als hätte in mir längst jemand unterschrieben.

Und da musste ich mich plötzlich fragen:

Was genau würde eine Hochzeit eigentlich noch verändern?

Ein Ring?

Ein Dokument?

Eine Unterschrift?

Ein Mensch vom Zivilstandsamt, der offiziell bestätigt, was wir beide vielleicht längst wissen?

Natürlich weiss ich, dass eine Ehe ganz reale rechtliche Auswirkungen hat. Das ist nicht nichts. Wenn meiner Partnerin etwas passiert, bin ich als unverheiratete Partnerin eben nicht automatisch die Person, die Auskunft bekommt, Entscheidungen treffen darf oder rechtlich an erster Stelle steht.

Das beschäftigt mich.

Aber gleichzeitig möchte ich auch nicht heiraten, weil ich mir denke: Dann bekomme ich wenigstens Informationen im Krankenhaus.

Das erscheint mir als Begründung für ein Ja irgendwie ein bisschen dürftig.

Ich kann mich schliesslich auch ohne Ehe voll und ganz für einen Menschen entscheiden.

Und vielleicht liegt genau dort meine eigentliche Frage.

Will ich heiraten, weil ich heiraten möchte – oder weil irgendwo in mir noch ein altes Bild davon lebt, wie eine vollständig gewählte Beziehung auszusehen hat?

Denn natürlich gibt es dieses Bild.

Wir haben uns getraut.

Allein diese Formulierung finde ich inzwischen interessant.

Sich trauen.

Als wäre da tatsächlich eine Schwelle.

Vorher und nachher.

Unverheiratet und verheiratet.

Noch nicht ganz und jetzt wirklich.

Und offenbar trägt dieser eine Schritt für mich mehr Bedeutung in sich, als ein Vertrag eigentlich haben dürfte.

Vielleicht macht mir genau das auch ein bisschen Angst.

Ich habe nämlich schon erlebt, was Worte mit einem System machen können.

Man kann monatelang miteinander sein. Sich nah sein. Sich lieben. Gemeinsam einschlafen. Gemeinsame Pläne machen. Eigentlich längst eine Beziehung führen.

Und dann sagt jemand:

„So. Wir sind jetzt zusammen.“

Und plötzlich geht irgendwo eine Klappe auf.

Auf einmal tauchen Themen auf, die fünf Minuten vorher offenbar noch friedlich geschlafen haben.

Verlustangst. Erwartungen. Bindung. Kontrolle. Alte Erfahrungen. Die Vorstellung davon, was ein Partner tun muss, darf oder auf gar keinen Fall tun sollte.

Als hätte das Unterbewusstsein nur auf das offizielle Startsignal gewartet.

Ah.

Beziehung.

Kenne ich.

Hier ist der dazugehörige Ordner.

Und bitteschön: sämtliche ungeklärten Themen der letzten drei Generationen.

Ich übertreibe ein bisschen.

Aber eben nur ein bisschen.

Ich habe in meiner Arbeit sogar schon erlebt, dass eine zukünftige Braut kurz vor ihrer Hochzeit einen Notfalltermin wollte, weil plötzlich ein akutes Thema hochkam.

Das erstaunt mich bis heute nicht wirklich.

Denn wir heiraten ja vermutlich niemals nur einen Menschen.

Wir heiraten auch unsere Vorstellung von Ehe.

Unsere Eltern heiraten ein bisschen mit. Unsere Grosseltern vielleicht auch. Geschichten darüber, wie Beziehungen funktionieren. Wer bleiben muss. Wer gehen darf. Was Treue bedeutet. Was Freiheit bedeutet. Was eine Ehefrau ist. Was ein Ehemann ist. Was passiert, wenn man sich bindet. Was man verliert, wenn man Ja sagt.

Und irgendwo dazwischen stehen zwei Menschen und glauben, sie würden einfach nur heiraten.

Vielleicht ist es deshalb gar nicht so verwunderlich, dass eine Hochzeit etwas in Bewegung bringen kann.

Was würde also bei mir passieren?

Keine Ahnung.

Das ist vermutlich der Teil, bei dem mein inneres System gerade vorsichtig auf den Boden schaut und so tut, als hätte es die Frage nicht gehört.

Denn natürlich gibt es in mir auch Angst davor.

Was, wenn wir etwas benennen, das gerade wunderbar funktioniert – und allein durch dieses Benennen plötzlich all die alten Bilder wach werden?

Was, wenn aus diesem ruhigen Wir gehören zusammen auf einmal ein Jetzt musst du aber wird?

Was, wenn Erwartungen auftauchen, von denen wir heute noch gar nichts wissen?

Oder vielleicht noch unangenehmer:

Was, wenn gar nichts passiert?

Was, wenn wir heiraten und danach sitzen wir wieder am Küchentisch, trinken Kaffee und streiten darüber, wer vergessen hat, Toilettenpapier zu kaufen?

Vielleicht wäre das sogar ziemlich schön.

Denn während ich darüber nachdenke, merke ich, dass ich Ehe bisher möglicherweise selbst ein wenig aufgeladen habe.

Als Beweis.

Als Entscheidung.

Als dieses endgültige: Wir meinen es wirklich.

Aber vielleicht ist genau diese Entscheidung längst gefallen.

Nicht an einem bestimmten Tag.

Nicht mit einem Ring.

Nicht vor einem Standesbeamten.

Sondern in diesen vielen kleinen Momenten, in denen wir geblieben sind.

Gerade die letzten Wochen fühlen sich für mich sehr danach an.

Nicht weil plötzlich alles konfliktfrei wäre. Ganz im Gegenteil. Wir hatten Momente, in denen wir uns ziemlich hervorragend gegenseitig an unsere Grenzen gebracht haben.

Und trotzdem ist etwas anders.

Ich habe nicht mehr ständig das Gefühl, dass unsere Beziehung auf dem Spiel steht, nur weil es gerade schwierig wird.

Da ist mehr Boden.

Mehr Wir.

Vielleicht ist das die Form von Ehe, die ich eigentlich gesucht habe.

Nicht das Versprechen, niemals mehr wegzugehen.

Sondern das Gefühl, dass ich nicht bei jedem Sturm sofort meine Koffer innerlich in den Flur stellen muss.

Und trotzdem wünsche ich mir einen Ring.

Das darf vielleicht auch gleichzeitig wahr sein.

Ich muss die Sehnsucht nach einer Hochzeit nicht wegtherapieren, nur um mir zu beweisen, dass ich frei bin.

Vielleicht ist Freiheit gar nicht: Ich brauche das nicht.

Vielleicht ist Freiheit eher: Ich darf es wollen, ohne dass mein Glück davon abhängt.

Ich darf heiraten wollen.

Ich darf mich über einen Ring freuen.

Ich darf dieses Ritual schön finden.

Und ich darf gleichzeitig wissen, dass ein Ring keine Beziehung erschafft.

Dass eine Unterschrift keine Liebe garantiert.

Und dass ein staatlich genehmigtes Dokument nicht der Moment sein muss, in dem ich mich zum ersten Mal wirklich für einen Menschen entscheide.

Vielleicht wäre eine Hochzeit dann gar kein Beweis mehr.

Sondern einfach ein Ausdruck von etwas, das längst da ist.

Heute Abend jedenfalls sagte meine Partnerin:

„Ich hab eine Autorin geheiratet.“

Und vielleicht war meine spontane Korrektur gar nicht so wichtig.

Vielleicht hat sie in diesem Moment etwas ausgesprochen, das ich selbst erst langsam begreife.

Auf dem Papier sind wir nicht verheiratet.

In mir fühlt es sich gerade erstaunlich danach an.

Ob wir irgendwann noch unterschreiben?

Keine Ahnung.

Aber falls wir es tun, würde ich gerne nicht heiraten, damit aus uns endlich ein richtiges Wir wird.

Ich würde gerne heiraten können, weil das Wir längst da ist.

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