Über drei Wörter, die ich schon tausendmal benutzt habe – und die plötzlich etwas ganz anderes mit mir machen.
Selbst. Bewusst. Sein.
4. Oktober 2026

Manchmal lerne ich an der Uni etwas und plötzlich geht es gar nicht mehr nur um das, was auf der Folie steht.
Gerade beschäftige ich mich mit Morphologie. Also damit, wie Wörter aufgebaut sind und wie sie sich in bedeutungstragende Bestandteile zerlegen lassen. Und während ich versuche, genau das zu verstehen, bleibe ich an drei Wörtern hängen:
Selbstbewusstsein. Selbstvertrauen. Selbstwert.
Wörter, die ich schon tausendmal benutzt habe. Und die plötzlich etwas ganz anderes mit mir machen, wenn ich anfange, mit ihnen zu spielen.
Selbst. Bewusst. Sein.
Das ist keine saubere morphologische Analyse mehr. Aber genau dieses Auseinandernehmen öffnet für mich gerade etwas.
Was bedeutet es eigentlich, meiner selbst bewusst zu sein?
Mich wahrzunehmen. Zu spüren, was in mir geschieht. Meine Gedanken, meine Gefühle, meine Reaktionen. Zu unterscheiden: Was gehört gerade zu mir? Was kommt von außen? Was fühle ich wirklich – bevor ich mich daran orientiere, was jemand anderes über mich denkt?
Diese Fragen berühren etwas, das in meiner Aufstellung sehr deutlich geworden ist.
Ich habe in meinem Leben immer wieder Abwertung von außen erlebt. Und irgendwann habe ich begonnen, diesen Bewertungen mehr zu glauben als meiner eigenen Wahrnehmung. Das Außen wurde wichtiger als das Innen. Andere schienen besser zu wissen, wer ich bin, was richtig ist und wie ich sein sollte.
Irgendwo darin habe ich mich selbst verloren.
Und plötzlich bekommt auch das nächste Wort eine ganz andere Bedeutung.
Selbst. Vertrauen.
Mir selbst vertrauen.
Mich trauen.
Mir etwas zutrauen.
Meiner eigenen Wahrnehmung wieder trauen.
Wie soll ich mir selbst vertrauen, wenn ich immer wieder im Außen überprüfe, ob das, was ich fühle, denke oder wahrnehme, überhaupt richtig sein darf?
Und dann ist da noch der Selbstwert.
Vielleicht ist das für mich sogar der schwierigste Teil. Ich kenne beides: mich unter andere zu stellen und mich über andere zu stellen. Erst langsam begreife ich, dass beides dasselbe System braucht. Eine Skala, auf der Menschen miteinander verglichen werden können.
Mehr wert. Weniger wert.
Als gäbe es irgendwo ein unsichtbares Bankkonto, auf das ich durch Leistung, Anerkennung, Erfolg oder richtiges Verhalten einzahlen könnte. Und von dem bei Fehlern, Ablehnung oder Scheitern wieder etwas abgezogen wird.
Aber vielleicht gibt es dieses Konto gar nicht.
Vielleicht hat das Selbst einen Wert.
Punkt.
Nicht mehr. Nicht weniger.
Und wenn das stimmt, entsteht etwas, das mich gerade sehr beschäftigt: Augenhöhe.
Beziehung neu lernen
Denn all diese Gedanken hören für mich nicht beim Selbst auf.
Im Gegenteil.
Je mehr ich mich mit mir selbst beschäftige, desto mehr beschäftigt mich Beziehung.
Bisher war Beziehung für mich auch mit viel Angst verbunden. Mit der Angst, dass Verbindung verloren gehen kann. Dass Irritation gefährlich wird. Dass ich mich vielleicht anpassen muss, damit jemand bleibt.
Mit meinem besten Freund habe ich etwas anderes erfahren.
Bei ihm wusste ich irgendwann: Auch wenn es schwierig zwischen uns wird, er bleibt.
Nicht, weil wir uns immer einig sind. Nicht, weil wir uns nie irritieren oder verletzen. Sondern weil ich darauf vertraue, dass er bereit ist, seine Themen anzuschauen – und ich meine.
Vielleicht habe ich mit ihm schon angefangen, etwas zu üben, für das ich damals noch gar keine Worte hatte.
Beziehung als Lernraum.
Und genau damit experimentiere ich gerade weiter.
Mich interessiert, ob wir Beziehungen schaffen können, in denen wir gemeinsam lernen, neu in Beziehung zu gehen.
Nicht mehr nach dem alten Deal:
Du verhältst dich so, wie ich es brauche, und dafür bekommst du meine Nähe.
Du erfüllst meine Erwartungen, und dafür bist du richtig.
Du irritierst mich zu sehr, also entziehe ich dir den Kontakt.
Ich möchte wissen, was passiert, wenn wir stattdessen Räume schaffen, in denen jeder wirklich anders sein darf.
Du darfst mich irritieren.
Ich darf dich irritieren.
Du musst nicht weniger du werden, damit ich mit dir sein kann. Und ich muss nicht weniger ich werden, damit du bleibst.
Vielleicht muss Irritation dann gar nicht immer beseitigt werden. Vielleicht darf sie etwas aufbrechen. Vielleicht zeigt sie mir etwas über dich – und gleichzeitig etwas über mich.
Das bedeutet für mich nicht, dass Menschen keine Grenzen haben oder jede Beziehung für immer bestehen muss. Es bedeutet etwas anderes: Der Wert eines Menschen steht nicht jedes Mal zur Verhandlung, wenn Beziehung schwierig wird.
Und vielleicht können wir uns genau darin gegenseitig unterstützen: nicht darin, einander zu formen, sondern darin, immer mehr bei uns selbst anzukommen und trotzdem miteinander verbunden zu sein.
Und plötzlich bin ich wieder an der PH
Vielleicht berührt mich deshalb gerade auch mein Studium so sehr.
Ich habe im Moment unglaublich viel Freude am Lernen.
Und das überrascht mich teilweise selbst.
Abends bin ich manchmal komplett Matsch in der Birne. Mein Kopf fühlt sich an, als würde er gerade irgendwo anbauen. 😄 Und trotzdem möchte ich Zusammenhänge verstehen. Ich möchte wissen, wie Sprache funktioniert, wie Kinder lernen, was Entwicklung bedeutet, was beim Gestalten passiert, wie Wahrnehmung funktioniert.
Ich merke gerade: Anstrengung und Freude sind überhaupt keine Gegensätze.
Vor Kurzem sagte jemand zu mir sinngemäß, dass der Mensch durch Schmerz lernt.
Und ich dachte: Ich erlebe gerade etwas anderes.
Ich lerne durch Freude.
Nicht ausschließlich. Nicht immer bequem. Natürlich stoße ich an Grenzen, bin überfordert, verstehe Dinge nicht und muss wieder von vorne anfangen.
Aber darunter liegt Neugier.
Und vielleicht liegt das auch daran, wie Lernen hier immer wieder gedacht wird.
In vielen Leistungsnachweisen geht es nicht einfach darum, etwas auswendig zu lernen, wiederzugeben und dafür eine Bewertung zu bekommen. Unsere Dozierenden wollen sehen, dass wir uns mit etwas auseinandersetzen. Dass ein Prozess stattfindet. Dass wir ausprobieren, reflektieren, Verbindungen herstellen und Entwicklung sichtbar wird.
Und auf einmal verstehe ich etwas von dem, was wir später selbst mit Kindern machen sollen.
Ein Kind gestaltet etwas.
Ein Kind schreibt.
Es singt.
Es bewegt sich.
Es beobachtet.
Es probiert eine Lösung aus und merkt, dass sie nicht funktioniert.
Es versucht etwas anderes.
Natürlich lernt es dabei etwas über Sprache, Material, seinen Körper oder die Welt.
Aber gleichzeitig passiert noch etwas:
Das Kind erlebt sich selbst in dieser Welt.
Das ist meine Idee.
Das gefällt mir.
Das irritiert mich.
Das kann ich noch nicht.
Das möchte ich anders machen.
Das habe ich selbst herausgefunden.
Vielleicht bedeutet Orientierung in der Welt deshalb immer auch ein Stück Orientierung in sich selbst.
Und plötzlich verstehe ich noch einmal anders, warum ich Kindern nicht sofort die Lösung geben möchte.
Nicht, weil Hilfe schlecht wäre.
Sondern weil zwischen einer Frage und ihrer Lösung ein Raum liegt.
Und in diesem Raum kann ein Kind sich selbst begegnen.
Und dann ist da KI
Mein bester Freund erzählt mir viel darüber, was mit KI gerade möglich wird und noch möglich werden könnte. Manches davon hat mir auch Angst gemacht.
Was passiert mit uns, wenn Maschinen immer mehr können?
Aber ausgerechnet das, was ich gerade beim Lernen und in meinen Beziehungen erlebe, lässt mich inzwischen anders auf diese Frage schauen.
Unser Rektor hat zwischen drei Möglichkeiten unterschieden: selbst machen, mit KI ko-kreieren oder einfach sagen: „Mach, KI.“
Ich merke gerade sehr deutlich, dass ich lernen will.
Ich könnte einer KI sagen: Schreib mir den Text. Erklär mir die Folie. Gib mir die Antwort.
Aber das ist nicht das, was mir gerade Freude macht.
Ich möchte widersprechen. Nachfragen. Einen Gedanken verwerfen. Plötzlich eine Verbindung zu meiner Aufstellung sehen. Einen Satz lesen und merken: Nein, das bin ich noch nicht. Noch einmal suchen. Etwas verstehen. Und irgendwann dieses wunderbare Gefühl haben:
Ah. Jetzt ergibt es für mich Sinn.
Vielleicht unterschätzen wir den Menschen, wenn wir davon ausgehen, dass er nur deshalb selbst denkt, weil er bisher keine Maschine hatte, die es für ihn tun konnte.
Ich glaube, wir haben ein Interesse am Leben.
Wir wollen erfahren. Entdecken. Spielen. Verstehen. Uns erleben.
Und genau deshalb glaube ich inzwischen auch nicht, dass die Antwort auf KI darin liegt, Menschen noch stärker zu kontrollieren oder ihnen mit noch mehr Leistung zu beweisen, dass sie gebraucht werden.
Vielleicht brauchen wir etwas ganz anderes.
Räume, in denen Lernen wieder Freude machen darf.
Und noch etwas wird für mich durch KI wichtiger:
Beziehung.
Je mehr KI kann, desto bedeutsamer könnte das werden, was zwischen Menschen geschieht.
Und wenn Beziehung wichtiger wird, müssen wir vielleicht auch Beziehung neu lernen.
Wir brauchen Räume, in denen wir ausprobieren dürfen, wie Verbindung aussehen kann, wenn Wert nicht mehr an Leistung gebunden ist. Wenn Unterschiedlichkeit nicht beseitigt werden muss. Wenn ein Mensch den anderen nicht passend machen muss. Wenn Irritation nicht automatisch Ausschluss bedeutet.
Räume, in denen wir miteinander und aneinander lernen.
Vielleicht wird genau das eine der spannenden Aufgaben unserer Zeit: nicht gegen KI darum zu kämpfen, wer mehr weiß oder mehr kann, sondern wieder neugierig darauf zu werden, wie wir Menschen miteinander sein wollen.
Und damit lande ich wieder bei den drei Wörtern, mit denen alles angefangen hat.
Selbst. Bewusst. Sein.
Mich selbst wahrnehmen, während ich der Welt begegne.
Selbst. Vertrauen.
Meiner Wahrnehmung trauen und mich trauen, mit ihr in Beziehung zu gehen.
Selbst. Wert.
Zu wissen, dass mein Wert nicht davon abhängt, was ich leiste, ob du mich verstehst oder ob ich deinen Erwartungen entspreche.
Vielleicht brauchen wir Menschen, die immer mehr bei sich selbst ankommen, nicht damit jeder für sich allein bleibt.
Vielleicht brauchen wir sie gerade deshalb, damit wirkliche Beziehung möglich wird.
Menschen, die verschieden sein dürfen.
Die sich irritieren dürfen.
Die voneinander und aneinander lernen.
Die miteinander spielen, ausprobieren, scheitern, lachen, streiten, entdecken und sich entwickeln.
Und vielleicht ist genau das die Art von Raum, die ich später Kindern geben möchte – und die ich gerade selbst erst kennenlerne.
Einen Raum, in dem ich die Welt entdecken darf, ohne mich selbst darin zu verlieren. Und in dem ich dir begegnen darf, ohne dass einer von uns aufhören muss, er selbst zu sein.
Und jetzt möchte ich noch mehr verstehen
Vielleicht ist das gerade das Schönste an meinem Studium: Je mehr ich lerne, desto mehr Fragen entstehen.
Ich möchte mich deshalb noch viel tiefer damit beschäftigen, wie der Mensch eigentlich lernt.
Nicht nur damit, wie Wissen aufgenommen und gespeichert wird. Mich interessiert, unter welchen Bedingungen Menschen wirklich lernen wollen. Was Neugier entstehen lässt. Was Freude am Entdecken ermöglicht. Was wir brauchen, um uns auf etwas Neues einzulassen.
Und vor allem interessiert mich, wie wir solche Räume gestalten können.
Lernräume.
Beziehungsräume.
Räume, in denen Menschen sich selbst und anderen begegnen können.
Denn ich glaube, dass genau das in Zukunft enorm wichtig werden wird.
Die Welt um uns herum verändert sich. Und KI wird diese Veränderung vermutlich nicht langsamer machen. Deshalb glaube ich auch nicht, dass wir einfach so weitermachen können wie bisher.
Wir brauchen Veränderung.
Aber wenn wir Veränderung brauchen, können wir nicht gleichzeitig ständig Angst vor ihr haben.
Denn Veränderung im Außen bringt auch Bewegung im Inneren mit sich. Wenn sich die Welt verändert, werde auch ich immer wieder aufgefordert sein, Gewohntes zu hinterfragen, etwas neu zu lernen, mich neu zu orientieren, eine Vorstellung loszulassen und eine andere entstehen zu lassen.
Veränderung verlangt Lernen.
Und vielleicht ist genau deshalb die Freude am Lernen so wichtig.
Wenn Lernen für mich vor allem mit Angst, Bewertung, Anpassung oder dem Gefühl verbunden ist, nicht zu genügen, dann kann Veränderung schnell bedrohlich werden.
Wenn ich aber erfahren habe, dass Lernen Freude machen kann, dass ich ausprobieren darf, dass ich nicht sofort wissen muss, wie etwas geht, dass ich mich verändern kann, ohne dadurch meinen Wert zu verlieren, dann kann etwas völlig anderes entstehen.
Dann muss Veränderung nicht nur etwas sein, vor dem ich mich schützen möchte.
Sie kann etwas sein, das ich mitgestalten möchte.
Vielleicht brauchen wir deshalb nicht Menschen, die gelernt haben, möglichst lange in einer einmal gefundenen Ordnung zu funktionieren.
Vielleicht brauchen wir Menschen, die Freude daran haben, immer wieder neu zu entdecken.
Die Welt.
Andere Menschen.
Und sich selbst.
Und dafür möchte ich verstehen, wie solche Räume entstehen können.
Räume, in denen Lernen Freude macht.
Räume, in denen Beziehung gelernt werden darf.
Räume, in denen Unterschiedlichkeit nicht stört, sondern etwas in Bewegung bringen darf.
Räume, in denen Veränderung nicht bedeutet, sich selbst zu verlieren.
Vielleicht beschäftigt mich das gerade deshalb so sehr:
Weil ich selbst zum ersten Mal bewusst erlebe, wie viel Freude Veränderung machen kann, wenn ich mich dabei nicht verlassen muss.
Selbst. Bewusst. Sein.
Vielleicht ist das für mich gerade nicht nur ein Wortspiel aus dem Morphologieunterricht.
Vielleicht ist es der Ausgangspunkt dafür, wie ich lernen, Beziehungen leben und irgendwann Kinder durch eine Welt begleiten möchte, die sich immer wieder verändern wird.
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