Eine Rückkehr an einen Ort, der einmal ein gebrochenes Herz bedeutete.
Paris und das Leben, das ich nicht gelebt habe
1. September 2026

Ich bin gerade in Paris und ich liebe Paris. Oh mein Gott, wie sehr ich diese Stadt liebe.
Dabei war ich vor dieser Reise ziemlich aufgeregt. Meine letzte Erfahrung hier war, sagen wir es einmal so, eher mäßig. Dieser Aufenthalt endete mit einem gebrochenen Herzen und einer Heimfahrt am 31. Dezember mit dem ersten Zug nach Hause.
Ich war damals in einem Zustand, in dem mein Vater mir das Versprechen abnahm, eine Schlaftablette zu nehmen, ins Bett zu gehen und mir nichts anzutun, während ich Silvester allein bei meinen Eltern verbrachte.
So habe ich Paris verlassen.
Nun bin ich wieder hier – und alles ist anders.
Dieselbe Stadt, eine andere Frau
Wir lassen uns von einem Ort zum nächsten treiben. Wir gehen los, ohne den Tag vollständig durchzuplanen, und landen immer wieder genau dort, wo es schön ist. Eine Straße öffnet sich, ein Café taucht auf, ein Gebäude zieht meinen Blick an und schon verändert sich die Richtung.
Ich fühle mich getragen und vom Leben geführt.
Es ist dieses seltene Gefühl, nicht ständig herausfinden zu müssen, was als Nächstes richtig ist. Ich muss den Weg nicht erzwingen. Er entsteht beim Gehen.
Und dann ist da dieses kaum erklärbare Empfinden:
Ich bin hier zu Hause.
Nicht nur: Paris gefällt mir. Nicht nur: Paris ist wunderschön. Die Stadt fühlt sich vertraut an, obwohl ich hier gar keinen Alltag habe.
Vielleicht berührt sie meine französische Seite. Vielleicht ist es die Sprache, die Schönheit, die Kultur oder diese besondere Mischung aus Größe und Intimität. Vielleicht erlaubt mir Paris, eine Version von mir zu erleben, für die an anderen Orten weniger Raum ist.
Damals bin ich mit gebrochenem Herzen aus dieser Stadt geflohen. Heute gehe ich durch ihre Straßen und begreife langsam: Der Schmerz von damals gehörte zu einer Geschichte, die sich hier ereignet hatte.
Er war nicht die ganze Stadt.
Das heilige Herz
Heute war ich wieder in Sacré-Cœur.
Ich war bereits bei meiner damaligen Reise dort gewesen und auch damals hatte mich dieser Ort tief berührt. Das ist insofern erstaunlich, als ich mit Kirche eigentlich nicht besonders viel anfangen kann. Trotzdem geschieht dort etwas mit mir, das sich meinem Verstand entzieht.
Auch diesmal musste ich viel weinen.
Irene sagte irgendwann:
Ah ja – Sacré-Cœur. Das heilige Herz.
Und plötzlich verstand ich, was ich an diesem Ort erlebe.
Ja, genau das geschieht dort:
Mein Herz wird geöffnet.
Vielleicht berührt mich Sacré-Cœur nicht deshalb, weil ich mich einer Kirche oder ihren Glaubenssätzen zugehörig fühle. Vielleicht wirkt der Ort auf einer anderen Ebene. Menschen haben dort über viele Generationen hinweg gebetet, gehofft, gelitten und nach etwas gesucht, das größer ist als sie selbst. Möglicherweise ist es diese Verdichtung, die ich wahrnehme.
Beim ersten Mal saß dort eine junge Frau, deren Herz wenig später zerbrechen würde.
Heute kehrte ich als die Frau zurück, die aus diesem Schmerz hervorgegangen ist.
Ich weinte wieder. Doch diesmal musste mich niemand mit dem ersten Zug nach Hause holen. Ich musste niemandem versprechen, die Nacht zu überleben. Ich saß dort mit offenem Herzen und konnte mich von dem berühren lassen, was war und was heute ist.
Nur ein hartes Herz kann brechen
Dieser Satz begleitet mich:
Nur ein hartes Herz kann brechen. Ein weiches Herz nicht.
Ein weiches Herz kann verletzt werden. Es kann schmerzen, trauern und weinen. Aber es bleibt beweglich. Es kann sich dehnen, nachgeben und eine Erfahrung durch sich hindurchfließen lassen.
Was hart geworden ist, kann dagegen zerspringen.
Vielleicht war mein Herz damals nicht zu offen, sondern zu fest an eine bestimmte Vorstellung gebunden. An einen Menschen, eine Hoffnung und eine Zukunft, von der ich glaubte, dass sie genau so eintreten müsse. Als diese Vorstellung zerfiel, zerbrach nicht nur eine Beziehung. Für einen Moment zerbrach die ganze Wirklichkeit, an der ich mich festgehalten hatte.
Ich sage das nicht als Vorwurf an mein jüngeres Ich. Ein Herz wird nicht ohne Grund hart. Vielleicht hatte es gelernt, sich an etwas festzuhalten, weil es sich ohne diesen Halt nicht sicher fühlte. Vielleicht musste eine Beziehung tragen, was ich damals noch nicht in mir selbst halten konnte.
Heute verstehe ich Heilung deshalb nicht mehr als den Versuch, mein Herz so gut zu schützen, dass es nie wieder verletzt werden kann.
Der größere Schutz liegt möglicherweise in seiner Weichheit.
Ein weiches Herz liebt, ohne den anderen festhalten zu müssen. Es kann etwas verlieren, ohne sich selbst vollständig zu verlieren. Es kann weinen, ohne in den Tränen unterzugehen. Es kann sich berühren lassen, ohne aus jeder Berührung einen Anspruch an das Leben zu machen.
Vielleicht habe ich deshalb auch diesmal in Sacré-Cœur so viel geweint.
Nicht weil mein Herz erneut zerbrach.
Sondern weil es weich wurde.
Das heilige Herz ist für mich daher nicht das unverwundete Herz. Es ist auch nicht das Herz, dem nichts geschehen ist. Es ist ein Herz, das vom Leben berührt wurde und trotzdem nicht verschlossen bleiben muss.
Vielleicht besteht Heilung nicht darin, an einen früheren Ort zurückzukehren und nichts mehr zu fühlen.
Vielleicht zeigt sie sich darin, dass sich das Herz am selben Ort wieder öffnen kann, ohne daran zu zerbrechen.
Ach, wäre ich doch noch einmal Anfang zwanzig
Mitten in dieses Glück mischt sich eine Wehmut, die ich von mir bisher kaum kenne.
Ich hatte nie ein großes Thema mit Reue. Natürlich hätte mein Leben an vielen Stellen anders verlaufen können. Aber ich saß nicht da und dachte ständig:
Hätte ich doch nur.
Diesmal ist dieser Gedanke plötzlich da:
Ach, wäre ich doch noch einmal Anfang zwanzig und könnte jetzt in Paris Psychologie studieren.
Ich sehe dieses mögliche Leben beinahe vor mir. Eine kleine Wohnung, vermutlich viel zu teuer und winzig. Bücher auf dem Tisch. Vorlesungen über die menschliche Psyche. Kaffee in irgendeinem Café. Französisch um mich herum. Das Gefühl, mitten in einer großen Stadt langsam herauszufinden, wer ich bin.
Und für einen Moment tut es weh, dass ich dieses Leben nicht gelebt habe.
Nicht so, als sei mein wirkliches Leben deshalb falsch gewesen. Eher wie die Begegnung mit einer früheren Abzweigung, die ich damals nicht einmal gesehen habe.
Dort steht eine andere Susann. Sie ist Anfang zwanzig, lebt in Paris und studiert Psychologie.
Ich schaue sie an und denke:
Du wärst auch möglich gewesen.
Die ungelebten Leben
Vielleicht ist das gar keine Reue.
Reue würde bedeuten, dass ich glaube, mich falsch entschieden zu haben. Aber wie hätte ich mich damals für ein Leben entscheiden sollen, das in meinem Bewusstsein noch gar nicht existierte?
Ich wusste mit Anfang zwanzig nicht, was ich heute weiß. Ich hatte nicht meinen heutigen Zugang zur Seele, zum Unbewussten und zu menschlichen Beziehungen. Ich hatte noch nicht die Ausbildungen, Begegnungen, Zusammenbrüche und Erkenntnisse hinter mir, durch die ich überhaupt erst zu der Frau geworden bin, die heute durch Paris läuft.
Manchmal erkennen wir eine Möglichkeit erst in dem Moment, in dem es für ihre ursprüngliche Form zu spät ist.
Ich werde nicht noch einmal Anfang zwanzig sein und genau diese Studentin in Paris werden. Das lässt sich nicht durch positives Denken oder einen besonders mutigen Neuanfang ändern.
Vielleicht gehört zum Erwachsenwerden auch, um die eigenen ungelebten Leben zu trauern.
Wir sprechen häufig davon, dass uns alle Türen offenstehen. Aber das stimmt nicht ganz. Manche Türen schließen sich. Jede wirkliche Entscheidung führt nicht nur in ein Leben hinein, sondern auch an anderen Leben vorbei.
Das macht das gewählte Leben nicht falsch.
Es macht es kostbar.
Und vielleicht kann gerade ein weiches Herz diese Wahrheit aushalten: dass ich ein anderes Leben schön finden darf, ohne mein eigenes dafür abzuwerten. Dass ich um eine ungelebte Möglichkeit weinen kann, ohne daraus sofort eine Korrektur machen zu müssen.
Habe ich meinen Weg zu spät gefunden?
In wenigen Tagen beginnt mein Studium zur Primarlehrerin.
Ich habe meinen Job gekündigt, ein vertrautes berufliches Feld verlassen und mich noch einmal für einen neuen Weg entschieden. Eigentlich stehe ich gerade selbst an einem Anfang.
Und ausgerechnet jetzt sitze ich in Paris und frage mich, wie mein Leben ausgesehen hätte, wenn ich Psychologie studiert hätte.
Vielleicht ist das kein Zufall. An Schwellen tauchen nicht nur Zukunftsbilder auf. Auch die nicht gegangenen Wege melden sich noch einmal.
Natürlich könnte ich aus diesem Gefühl sofort die nächsten Lebensfragen produzieren:
Habe ich das falsche Studium gewählt? Sollte ich eigentlich Psychologie studieren? Müsste ich nach Paris ziehen? Verpasse ich gerade schon wieder mein eigentliches Leben?
Aber ich möchte die Schönheit dieser Begegnung nicht sofort durch eine Entscheidung zerstören.
Ich muss nicht aus jeder Sehnsucht einen Plan machen.
Vielleicht zeigt mir Paris nicht, dass mein kommender Weg falsch ist. Vielleicht erinnert mich die Stadt an eine Frau in mir, die auch auf diesem Weg vorkommen möchte: die Forschende, die Fragende, die Schreibende, die sich mit der Seele beschäftigt und den Menschen verstehen will.
Diese Frau verschwindet nicht, nur weil auf meinem Studienausweis etwas anderes steht.
Mein Leben muss nicht so geradlinig sein, wie ein Lebenslauf es gern hätte.
Bin ich ein Kind der Großstadt?
Auch meine Begeisterung für Paris enthält einen Widerspruch.
Als ich damals aus München wegzog, war es eine große Erleichterung, mir einzugestehen:
Ich bin kein Kind für die Großstadt.
Die Dichte, der Lärm, die ständige Bewegung und all die Menschen waren mir irgendwann zu viel. Ich brauchte mehr Ruhe, Natur und Raum.
Nun sitze ich hier und möchte am liebsten gar nicht mehr zurück.
Natürlich weiß ich nicht, wie es wäre, dauerhaft in Paris zu leben. Im Urlaub muss ich hier keine Rechnungen bezahlen, keine überfüllte Metro am frühen Morgen nehmen und keinen Alltag bewältigen. Sich einige Tage durch eine Stadt treiben zu lassen, ist etwas anderes, als in ihr zu wohnen.
Vielleicht bin ich gerade einfach verliebt.
Aber auch eine Urlaubsverliebtheit kann etwas Wahres zeigen.
Offenbar brauche ich nicht nur Rückzug und Weite. Ich brauche ebenso Schönheit, Sprache, Kultur, Bewegung und das Gefühl, dass hinter jeder Straßenecke eine weitere Welt beginnt.
Die Frage muss deshalb nicht lauten:
Großstadt oder Natur?
Vielleicht geht es darum, beides in meinem Leben ernst zu nehmen. Ich muss Paris weder zu meinem neuen Schicksal erklären noch meine Sehnsucht mit dem Hinweis auf den Alltag kleinreden.
Ich darf eine Stadt lieben, ohne sofort in sie zu ziehen.
Ich habe Paris zurückbekommen
Vielleicht ist es das, was mich an dieser Reise am stärksten berührt:
Ich habe Paris zurückbekommen.
Jahrelang hätte die Erinnerung an diese Stadt mit dem gebrochenen Herzen enden können. Mit dem ersten Zug am 31. Dezember. Mit meinem Vater am Telefon. Mit einem Jahreswechsel, den ich irgendwie überstehen musste.
Nun schreibt sich eine neue Erinnerung daneben.
Nicht über die alte hinweg. Die junge Frau von damals hat wirklich so sehr gelitten. Ich möchte ihren Schmerz nicht nachträglich verklären, nur weil ich heute glücklich durch Paris laufe.
Aber sie ist nicht mehr die Einzige, der diese Stadt gehört.
Paris gehört nun auch der Frau, die sich treiben lässt. Die staunt. Die liebt. Die sich getragen fühlt. Die in Sacré-Cœur weinen kann, weil ihr Herz weich wird. Die auf ein ungelebtes Leben schaut, ohne ihr wirkliches dafür wegzuwerfen.
Vielleicht musste ich nicht nach Paris zurückkehren, um die Stadt zu heilen.
Vielleicht bin ich zurückgekehrt und habe bemerkt, dass etwas in mir bereits geheilt ist.
Was von Paris bleiben darf
Ich weiß nicht, ob ich dauerhaft in Paris leben könnte.
Ich weiß auch nicht, ob die Sehnsucht nach einem Psychologiestudium eine konkrete neue Möglichkeit ist oder das Bild für eine Seite von mir, die stärker gelebt werden möchte.
Das muss ich heute nicht entscheiden.
Ich möchte diese Wehmut weder wegargumentieren noch ihr sofort mein ganzes Leben übergeben. Ich kann sie wie eine leise Stimme neben mir sitzen lassen.
Sie erzählt mir von Schönheit, Bildung, Sprache und einem geistig lebendigen Leben. Sie erinnert mich daran, dass ich nicht nur funktionieren möchte. Sie zeigt mir, wie sehr ich mich danach sehne, mich vom Leben überraschen zu lassen.
Vielleicht muss ich nicht in Paris bleiben, um etwas von Paris mitzunehmen.
Vielleicht kann ich mich auch zu Hause häufiger fragen:
Wo darf ich mich treiben lassen? Wo darf Schönheit wichtiger sein als Effizienz? Wo bekommt die Forschende in mir Raum? Und wie kann ich so leben, dass ich mich nicht selbst aus meinem eigenen Leben herausplane?
Noch bin ich hier.
Also sitze ich in dieser unglaublichen Stadt und lasse die verschiedenen Versionen meines Lebens für einen Moment nebeneinander existieren:
die junge Frau, deren hart gewordenes Herz zerbrach,
die Psychologiestudentin, die ich nie geworden bin,
und die Frau, die heute in Sacré-Cœur sitzt und weint, weil ihr Herz wieder weich genug ist, sich vom Leben berühren zu lassen.
Vielleicht muss ich keine von ihnen fortschicken.
Paris hat Platz für uns alle.
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