Über den Abschied aus der Wirtschaft, den Beginn eines Lehramtsstudiums – und die Vorfreude auf ein Leben, in dem alles, was mich bewegt, einen Platz bekommen darf.

Morgen beginnt mein neues Leben

6. September 2026

Morgen beginnt mein neues Leben

Morgen beginnt ein neuer Lebensabschnitt – und es fühlt sich vollkommen surreal an.

Die Einführungswoche an der Pädagogischen Hochschule beginnt. Ich werde in Vollzeit Primarschullehrerin für die erste bis sechste Klasse studieren.

Wenn ich diesen Satz schreibe, kann ich es selbst kaum glauben.

Vor wenigen Tagen war ich noch Teil einer Arbeitswelt, die mich lange begleitet hat. Ich zog etwas Schickes an, fuhr in ein steriles Büro und verbrachte einen großen Teil meines Tages vor einem Bildschirm. Ich hatte Verantwortung, verdiente gutes Geld und wusste, wie diese Welt funktioniert.

Dann habe ich gekündigt.

Am Freitag hatte ich meinen letzten Arbeitstag. Nun ist da kein Büro mehr, in das ich zurückkehren muss. Stattdessen werde ich morgen in Jeans und T-Shirt auf mein Fahrrad steigen und zur PH radeln. Ich werde mein mitgebrachtes Essen essen, vielleicht in der Sonne einen Kaffee trinken und – wenn ich Glück habe – neue Freunde finden.

Allein dieser Gedanke macht mich glücklich.

Ein Stundenplan, der sich nach mir anhört

Inzwischen habe ich meinen Stundenplan bekommen und liebe ihn jetzt schon.

Da stehen plötzlich Fächer wie (Be)greifbare Informatik, Kunst und Design in der Theorie oder Musik erfassen. Ich werde mich mit Sprache, Erziehung, Bildung und Sport beschäftigen.

Und Gitarre lerne ich jetzt auch.

Als wäre das alles nicht schon großartig genug, kam gerade noch eine Nachricht:

Hallo Susann Boileau, Sie wurden erfolgreich für den Kurs Diversity D5 angemeldet.

Diversity!

Ich flippe aus. Ich freue mich so sehr und habe so unglaublich viel Lust auf dieses Studium.

Seit Jahren beschäftige ich mich mit Identität und Zugehörigkeit, mit unterschiedlichen Lebensentwürfen und Kulturen und mit der Frage, wie Menschen in ihrer Verschiedenheit wirklich gesehen werden können. Bisher begegneten mir diese Themen in meinem persönlichen Leben, in meinen inneren Prozessen, in meinen Büchern und Blogbeiträgen.

Nun steht eines davon ganz offiziell in meinem Stundenplan.

In solchen Augenblicken denke ich:

Ja. Genau deshalb gehe ich jetzt diesen Weg.

Es fühlt sich an, als dürften all die Dinge, die mich ohnehin bewegen, plötzlich einen Platz in meinem Beruf bekommen. Nicht als etwas, das ich nebenher erforsche, sondern als Teil dessen, was ich einmal Kindern mitgeben kann.

Vielleicht geht es beim Unterrichten eben nicht nur darum, Wissen zu vermitteln. Vielleicht geht es auch darum, einen Raum zu schaffen, in dem Kinder erleben dürfen, dass sie dazugehören – ohne alle gleich sein zu müssen.

Ich habe so Bock

Ich habe natürlich längst den Unisport studiert.

Bouldern, Schwimmen, Modern Dance, Yoga, Segeln, Volleyball – alles, was das Herz begehrt. Ich kann mich kaum entscheiden. Wahrscheinlich wird es ein Mix werden, aber mindestens einen Sport möchte ich regelmäßig machen, um aktiv Menschen kennenzulernen.

Auch das ist neu.

Ich freue mich nicht nur auf die Inhalte des Studiums. Ich freue mich auf das ganze Leben darum herum: mit dem Fahrrad losfahren, zwischen Veranstaltungen einen Kaffee trinken, gemeinsam lernen, Musik machen, mich bewegen und Menschen begegnen, die ebenfalls etwas Neues beginnen.

Ich weiß nicht, wie es werden wird. Vielleicht wird es anstrengend. Vielleicht werde ich mich zwischendurch fragen, warum ich mir ein Vollzeitstudium antue. Vielleicht werde ich mich verlaufen, Räume nicht finden, Namen vergessen und am Anfang ein bisschen verloren zwischen all den neuen Menschen stehen.

Aber unter all diesen möglichen Unsicherheiten liegt gerade etwas sehr Klares:

Ich habe so Bock darauf.

Vom Weinen vor Lachen zum Weinen vor Glück

Vielleicht konnte diese Vorfreude auch deshalb so deutlich in mir auftauchen, weil ich am Wochenende noch einmal erlebt habe, worauf mein Leben eigentlich gebaut ist.

Gestern war ich mit meiner Schwester und ihrem Partner schwimmen. Eigentlich geschah nichts Spektakuläres. Wir waren einfach zusammen, haben geredet und denselben Quatsch gemacht wie früher.

Man muss dazu sagen: Meine Schwester ist die lustigste Person auf diesem Planeten. Hätte Martina Hill einen Zwilling, wäre es meine Schwester.

Während wir im Wasser waren, gab es plötzlich diesen Moment, in dem ich mich tief berühren lassen konnte. Ich fühlte mich vom Leben geliebt und mit den Menschen verbunden, die zu mir gehören.

Nicht, weil mir jemand eine große Erklärung gegeben oder etwas Besonderes für mich getan hätte. Wir waren einfach gemeinsam im Wasser. Für einen Augenblick musste nichts anders sein, als es war.

Später saßen wir noch mit meinen Eltern zusammen. Meine Mutter erzählte etwas so lustig, dass ich Tränen lachte. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal so sehr lachen musste.

In unserer Familie gab es schon immer diese Momente, in denen aus einer kleinen Geschichte plötzlich ein vollständiger Slapstick entsteht. Einer setzt noch etwas darauf, der Nächste spielt es weiter, und irgendwann bekommt sich niemand mehr ein.

Seit über einem Jahr trinke ich keinen Alkohol mehr. Es war also kein beschwingter Moment, der durch ein Glas Wein leichter geworden wäre. Ich war einfach vollkommen nüchtern, entspannt und glücklich.

Und irgendwann wurde aus dem Weinen vor Lachen ein Weinen vor Glück.

Bei allem, was wir als Familie bereits erlebt und getragen haben, können wir noch immer so miteinander lachen. Vielleicht sogar nicht trotz all dessen, sondern mit allem, was zu uns gehört.

Getragen in das Neue

Morgen beginnt mein Studium. Doch während ich mich auf den Weg in etwas vollkommen Neues mache, spüre ich gerade auch, was hinter mir steht.

Da sind die Menschen, mit denen ich im Wasser Quatsch machen kann. Da ist meine Schwester, die mich zum Tränenlachen bringt. Da sind meine Eltern und diese ganz besondere Form von Humor, die nur innerhalb einer Familie entstehen kann. Da ist meine Partnerin, die diesen neuen Weg mit mir erlebt. Und da bin ich selbst – mit all den Entscheidungen, Umwegen und Erfahrungen, die mich an diesen Punkt gebracht haben.

Ich verlasse eine Welt, in der ich mich auskannte, und betrete eine, über die ich noch sehr wenig weiß.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb ich mich gerade so lebendig fühle.

Ich muss noch nicht wissen, wie sich alles entwickeln wird. Ich muss heute noch nicht entscheiden, welchen Sport ich dauerhaft mache, welche neuen Freundschaften entstehen oder welche Lehrerin ich einmal sein werde.

Morgen muss ich zunächst nur aufstehen, meine Sachen nehmen und losfahren.

In Jeans und T-Shirt.

Mit dem Fahrrad zur PH.

Mit meinem Essen im Rucksack, einem Stundenplan voller überraschend passender Fächer und sehr viel Vorfreude im Bauch.

Vor mir liegen (Be)greifbare Informatik, Kunst, Musik, Gitarre, Bewegung und Diversity.

Vor mir liegt ein vollkommen neues Leben.

Und ich kann es kaum erwarten, dass es endlich beginnt.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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