Von einem Freitagabend, an dem ich merke, dass ich nicht auf etwas warte, sondern mich suche.
Manchmal, das Glück
30. Oktober 2026

Manchmal, das Glück,
stelle ich mir vor wie etwas,
das auf mich wartet.
Hinter dem nächsten Ziel.
Hinter dem nächsten «Nur noch».
Nur noch ein Buch.
Nur noch das Studium.
Nur noch ein Astralkörper.
Nur noch das Auslandssemester.
Dann bin ich erfüllt.
Dann habe ich, was ich suche.
Dann darf ich glücklich sein.
Nur noch.
Nur noch.
Nur noch.
Die Karotte läuft mit mir mit.
Vor meiner Nase.
Ich werde schneller.
Sie bleibt dort.
In einem Lied von Haller
wachsen die Wünsche immer weiter.
Bis selbst der Tod noch einen Wunsch bekommt.
Und dann geht dieser Mensch hinaus.
Eine Runde um den Block.
Licht auf dem Kopf.
Ein Gefühl, das ihm gefällt.
So klein kann es sein, denke ich.
So nah.
Und doch sitze ich hier
und frage mich,
warum dieser Moment
mir keine Freude macht.
Freitagabend.
Die Woche steckt mir noch im Körper.
Ich bin gern allein.
Ich bin gern mit mir.
Ich mag es, meinen Gedanken zu begegnen.
Bis ich ihnen folge
und mich selbst aus dem Blick verliere.
Dann bin ich fort,
ohne den Raum zu verlassen.
Bilder.
Gerüche.
Geschmack.
Eine andere Ebene,
die sich anfühlt wie Zuhause.
Und mein Körper?
Er sitzt hier.
Die Hände tippen.
Die Fingerkuppen wissen vielleicht noch,
was ich tue.
Ich dachte, ich suche nach Glück.
Dabei suche ich nach mir.
Auf meinem Arm ist ein Brunnen.
Ich habe ihn mir tätowieren lassen,
weil ich meine Quelle finden will.
Manchmal höre ich eine Kraft in mir:
Komm an.
Hör auf, dich wegzuträumen.
Komm zurück auf die Erde.
Schau hin.
Auf die Spannung.
Auf den Schmerz.
Auf das Menschsein.
Und eine andere Kraft in mir
will mich nicht verlieren.
Sie sagt:
Nicht alles auf einmal.
Nicht die ganze Welt
mit einem Atemzug.
Ich verstehe beide.
Die Träumerei gibt mir Abstand.
Sie nimmt mir für einen Moment
das Gewicht von der Brust.
Und manchmal hält sie mich so lange dort,
dass ich den Abschied hinausschiebe.
Dass ich das Leben draussen
nur aus der Ferne betrachte.
Dabei interessiert es mich.
Die äussere Wirklichkeit.
Wie mein Körper durch sie geht.
Wie meine Schritte den Boden finden.
Wie es ist,
als müsste ich neu laufen lernen.
Nicht leicht.
Nicht ohne Spannung.
Nicht sofort mit Freude.
Vielleicht suche ich mich nicht
hinter dem nächsten Ziel.
Vielleicht suche ich mich
hier.
In diesem Körper,
der sich durch eine Welt bewegt,
die nicht immer angenehm ist.
Und ich sitze da
und befrage den Augenblick:
Bist du jetzt Glück?
Warum nicht?
Was fehlt noch?
Schon steht die Karotte wieder vor mir.
Schon sagt mein Kopf:
Nur noch.
Aber ich will nicht mehr so tun,
als wüsste ich schon,
wo meine Quelle liegt.
Ich weiss nur:
Ich suche mich.
Der Brunnen auf meinem Arm
ist keine Antwort.
Er ist das Zeichen meiner Suche.
Manchmal, das Glück—
Ich kann den Satz nicht fertig sagen,
ohne dass mein Kopf
gleich ein «Dann» daraus macht.
Also lasse ich ihn offen.
Die Hände tippen.
Der Körper ist angespannt.
Die Woche ist vorbei.
Ich sitze hier.
Allein.
Mit mir.
Und ich suche mich.
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