Über das Ankommen im richtigen Element, alte Spannungen im Körper und Beziehungen, in denen niemand sich verbiegen muss.

Jetzt beginnt mein eigenes Leben

8. September 2026

Jetzt beginnt mein eigenes Leben

Am Montag hat mein Studium begonnen.

Und wenn ich ehrlich bin: Ich könnte die ganze Zeit einfach nur weinen. Vor Freude und vor tiefer Berührung darüber, wo ich gerade stehe.

Von außen lässt sich vielleicht nur schwer nachvollziehen, wie groß dieser Wechsel für mich ist. Ich komme aus einer Wirtschaftswelt, die ich häufig als konkurrenzorientiert und wenig verbunden erlebt habe. Besonders an meinem letzten Arbeitsplatz hatte ich immer wieder das Gefühl, vorsichtig sein zu müssen. Man drehte sich um – und schon wurde schlecht über einen gesprochen.

Das ist nicht die gesamte Wirtschaft. Es ist die Wirtschaftswelt, wie ich sie erlebt habe.

Als ich am ersten Morgen in die Aula kam, war diese alte, vertraute Angst zunächst noch da. Mein System schien weiterhin davon auszugehen, dass ich aufpassen muss.

Dann realisierte ich plötzlich:

Hier musst du keine Angst haben.

Die Menschen um mich herum haben sich für einen sozialen Beruf entschieden. Sie möchten mit Kindern arbeiten, sie begleiten und in ihrer Entwicklung unterstützen. Sie interessieren sich für Bildung, Gemeinschaft und ein Miteinander.

Natürlich werden auch hier nicht immer alle einer Meinung sein. Trotzdem spürte ich eine andere Grundausrichtung.

Und darüber musste ich plötzlich laut lachen.

Nicht, weil etwas besonders lustig gewesen wäre, sondern weil mein Körper für einen Moment begriff, dass er sich nicht mehr am alten Ort befindet.

Wessen Leben lebst du eigentlich?

Noch am vergangenen Freitag wurde ich in einem Termin gefragt:

Wessen Leben lebst du eigentlich?

Diese Frage ist in mir geblieben.

Wenn tief in mir der Glaubenssatz wirkte, kein Recht auf Leben zu haben – wie hätte ich mir dann erlauben sollen, meine tatsächliche Berufung zu leben? Wie hätte ich selbstverständlich erwarten können, dass Arbeit Freude machen, mich nähren und meinem Wesen entsprechen darf?

Vielleicht musste nicht die gesamte Wirtschaft anders werden. Vielleicht musste ich mir erlauben, einen anderen Ort zu wählen.

Und nun bin ich hier.

Ich darf töpfern. Ich lerne Gitarre spielen. Ich gehe abends ins Theater. Am Freitag machen wir eine Stadtführung zum Thema Streetart in Chur, auf die ich mich riesig freue.

Es sind erst wenige Tage. Trotzdem spüre ich bereits, wie viel Leben in mir zurückkehrt.

Ich habe nicht einfach nur meinen Beruf gewechselt. Ich beginne, mein eigenes Leben zu leben.

Und aus tiefstem Herzen taucht ein Satz in mir auf:

Ich habe ein Recht auf Leben.

Was mein Körper noch festhält

Beim Chor geschah dann etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.

Wir machten eine Übung, bei der es darum ging, die Lippen und den Kiefer zu lockern. Bei mir ging beinahe nichts. Mein Kiefer war vollkommen starr.

Ich kannte diese Spannung bereits. Vor einigen Jahren hatte ich eine Bekanntschaft mit einer Zahnärztin, die sie sofort bemerkte. Sie massierte damals meinen Kiefer und spürte, wie viel Anspannung ich dort festhielt.

Nun begegnete sie mir ausgerechnet beim Singen wieder.

Während sich in meinem Leben gerade so viel öffnet, trägt mein Körper noch Erfahrungen in sich, die nicht allein deshalb verschwinden, weil ich eine neue Entscheidung getroffen habe. Mein Kiefer weiß offenbar noch etwas von all den Jahren, in denen ich mich zusammengenommen, angepasst oder nicht vollständig ausgedrückt habe.

Das hat mich erschrocken.

Gleichzeitig arbeitet mein Körper nicht gegen mich. Er zeigt mir, was noch unbeweglich ist. Ich muss ihn nicht mit Gewalt öffnen. Vielleicht darf er langsam begreifen, dass er nicht mehr alles festhalten muss.

In Deutsch. Was sonst.

Heute haben wir bereits unsere erste Prüfung geschrieben.

In Deutsch. Was sonst.

Und natürlich war mein altes Erleben sofort wieder da:

Fuck. Rechtschreibung war noch nie meine Stärke.

Plötzlich sollte ich Rechtschreibfehler erkennen, Zeiten bestimmen und mich wieder an Plusquamperfekt und Futur I erinnern. Ein Teil von mir war sofort überzeugt, dass ich das alles längst können müsste.

Aber ich bin nicht an der PH, weil ich bereits eine fertige Lehrerin bin.

Ich bin dort, um eine zu werden.

Ich darf Deutsch lieben und trotzdem Rechtschreibfehler machen. Ich darf später Kindern etwas beibringen und heute selbst noch einmal nachschlagen, was genau das Plusquamperfekt vom Futur I unterscheidet.

Eine Schwierigkeit bedeutet nicht automatisch, dass ich am falschen Ort bin. Sie zeigt mir zunächst nur, was ich noch lernen darf.

Ein Diplom ist noch keine Kompetenz

Der Rektor hat bei der Begrüßung etwas gesagt, das mich sehr angesprochen hat.

Er sprach vom Unterschied zwischen einem Lehrdiplom und wirklicher Kompetenz. Wir hätten uns den schönsten Beruf der Welt ausgesucht, wenn wir bereit seien, uns die dafür notwendigen Fähigkeiten anzueignen und uns vom Studium schleifen zu lassen. Ohne diese Kompetenz könne derselbe Beruf auch zum schlimmsten der Welt werden.

Ich möchte nicht einfach nur ein Diplom erhalten. Ich möchte, dass aus dem, was ich lerne, eine wirkliche Fähigkeit in mir entsteht.

Der Rektor sprach dabei auch über künstliche Intelligenz. Er unterschied zwischen drei Formen des Arbeitens:

  • Arbeit ohne KI,
  • Arbeit mit KI als Ko-Kreation,
  • und „Mach-KI“ – die KI einfach machen lassen.

Die dritte Form, sagte er, führe nicht dazu, eine eigene Kompetenz zu entwickeln.

Das leuchtet mir ein.

KI kann mir helfen, Gedanken zu sortieren, Fragen zu stellen und im gemeinsamen Prozess etwas entstehen zu lassen. Aber sie kann mir das Lernen nicht abnehmen. Wenn ich alles an sie abgebe, entsteht vielleicht ein Ergebnis – aber noch keine Fähigkeit in mir.

Kompetenz muss ich selbst erwerben, erproben und verkörpern.

Ich stelle mich nicht mehr zur Verfügung

Während ich mich in dieses neue Leben hineinbewege, verändert sich auch etwas in meinen Beziehungen.

Ich stelle mich nicht mehr zur Verfügung.

Dieser Satz fühlt sich für mich weder hart noch kämpferisch an. Ich muss dafür nicht laut werden. Ich muss niemanden beschuldigen, zurückweisen oder davon überzeugen, mich anders zu behandeln.

Es ist eher wie eine neue Körperintelligenz.

Wenn mich jemand festhält und ich mit aller Kraft dagegenziehe, bleibe ich über den Widerstand weiterhin gebunden. Meine gesamte Bewegung richtet sich noch immer an diesem Griff aus.

Inzwischen spüre ich eine andere Möglichkeit:

Ich drehe mich so, dass ich aus dem Griff herauskomme.

Ohne Kampf. Ohne den anderen besiegen zu müssen.

Lange wirkte in mir der Satz:

Liebe bedeutet, dass ich verlassen werde.

Aus dieser Angst heraus glaubte ich, für den Fortbestand einer Verbindung verantwortlich zu sein. Ich passte mich an, erklärte mich, machte mich nützlich oder versuchte noch eine Lösung zu finden.

Heute muss ich mich nicht mehr verbiegen, damit jemand bleibt.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine Verbindung enden muss. Vielleicht endet nur die Form, in der wir bisher miteinander verbunden waren.

Ich darf mich bewegen, ohne bereits zu wissen, was das für die Beziehung bedeutet.

Eine Verbindung darf sich entwickeln

Ich vertraue darauf, dass Menschen sich bewegen können.

Wir alle schauen zunächst durch unsere eigenen Erfahrungen, Ängste und Sehnsüchte aufeinander. Dabei begegnen wir manchmal mehr unserer Projektion als dem Menschen, der tatsächlich vor uns steht.

Doch Projektionen müssen nicht das letzte Wort haben.

Ein Mensch kann beginnen, seine eigenen Themen zu erkennen. Er kann Verantwortung für seine Wahrnehmung übernehmen und Stück für Stück von der Projektion herunterkommen. Vielleicht wird dadurch sichtbar, wer ich jenseits dessen bin, was er in mir gesucht, gebraucht oder befürchtet hat.

Ich möchte diese Entwicklung niemandem abnehmen. Ich kann sie nicht durch besondere Geduld, Anpassung oder die richtige Erklärung herbeiführen. Aber ich kann offen dafür bleiben, dass sie geschieht.

Manche Menschen werden ihren Weg in eine andere Richtung fortsetzen. Andere gehen ihre eigenen Schritte und kommen auf neue Weise mit mir mit.

Ich muss heute nicht entscheiden, wer zu welcher Gruppe gehört.

Meine Aufgabe ist es nur, meinen eigenen Weg nicht mehr zu verlassen, damit eine Verbindung bestehen bleibt.

Vielleicht begegnen wir uns neu – nicht mehr innerhalb der alten Rollen und nicht mehr über einen Griff. Sondern als zwei Menschen, die beide beweglich geworden sind und einander deshalb tatsächlich sehen können.

Ich muss dich nicht zurücklassen. Ich muss nur aufhören, mich selbst zurückzulassen, während ich auf dich warte.

Der Schwan schwimmt

Ich muss an das Märchen vom hässlichen Entlein denken.

Vielleicht war ich wie ein Schwan, der an Land versuchte, besonders gut zu laufen. Ich strengte mich an, beobachtete die anderen und fragte mich, weshalb mir ihre Bewegungen nicht ebenso leichtfielen.

Dabei war ich vielleicht einfach nicht in meinem Element.

Nun bin ich im Wasser.

Dort muss ich niemandem beweisen, dass ich an Land laufen kann. Ich muss das Land nicht verurteilen und auch nicht gegen meine Vergangenheit kämpfen.

Ich darf mich bewegen.

Und ich darf darauf vertrauen, dass es Menschen gibt, die sich ebenfalls bewegen und mit mir kommen.

Der Schwan kämpft nicht mehr an Land.

Er schwimmt einfach.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

Schreib mir

Diese Website verwendet notwendige Cookies und – mit deiner Einwilligung – Google Analytics zur anonymisierten Reichweitenmessung. Details in der Datenschutzerklärung.