Über Astrologie, Projektionsflächen und das Recht auf Leben – und die Entdeckung, dass ich im stillen Auge des Orkans stehen kann.
Im Auge des Orkans
5. September 2026

Gestern hatte ich einen wunderbaren Termin mit einer Astrologin. Seit mittlerweile sechs Jahren beschäftige ich mich intensiv mit meinem Horoskop. Und obwohl es natürlich immer dasselbe Horoskop bleibt, entdecke ich darin immer wieder etwas Neues – je nachdem, an welchem Punkt meines Lebens ich gerade stehe.
Für unseren Termin hatte ich ihr mein eigenes Horoskop geschickt, das meiner Partnerin und das einer Begegnung, die in den vergangenen Monaten sehr intensiv für mich gewesen ist. Es fasziniert mich, was die Astrologin darin alles erkennen konnte. Ich war wie ein offenes Buch für sie. Und ich spürte eine große Erleichterung darüber, gesehen zu werden.
Ich gerate immer wieder in Stress, wenn ich nicht einordnen kann, was in mir oder um mich herum geschieht. Dann tut es mir ungemein gut, ein Gegenüber zu haben, das meinem inneren Erleben Worte gibt und mir bestätigt: Ja, das, was du wahrnimmst, ist da.
Die Astrologin konnte in meinem Horoskop erkennen, dass eines meiner bisherigen Lebensthemen darin besteht, ein Parkplatz für die Projektionen anderer Menschen zu sein. Ich stelle mich ihnen und ihrer spirituellen Entwicklung zur Verfügung. Dabei werde ich jedoch häufig nicht um meiner selbst willen gesehen.
Doch wie sollte das auch geschehen, wenn ich mich bisher selbst kaum zeigen konnte?
Wenn bereits das Recht auf Leben, das Recht auf Glück und das Recht auf Zugehörigkeit infrage stehen, ist es kaum möglich, selbstverständlich den eigenen Platz einzunehmen. Vielleicht konnte ich mich der Astrologie deshalb erst wirklich öffnen, als ich begriffen hatte, dass es nicht darum geht, mich durch mein Horoskop festlegen zu lassen.
Astrologie bedeutet für mich nicht: „So bin ich eben.“
Das Horoskop zeigt mir nicht nur, was in mir angelegt ist. Es enthält ebenso Hinweise darauf, worüber ich hinauswachsen und wohin ich mich entwickeln kann. Es ist kein Urteil und kein festgeschriebenes Schicksal. Es ist eine Landkarte voller Möglichkeiten.
Und dann saß mir diese 80-jährige Dame gegenüber und sagte einen Satz, der mich zum Lachen brachte. Wir hatten darüber gesprochen, dass Erika einmal meinte, ich sei möglicherweise aufgrund des Männerhasses einer Urgroßmutter lesbisch geworden.
Die Astrologin betrachtete das offenbar sehr viel unkomplizierter:
„Dem Wassermann ist es relativ egal, welches Geschlecht in seinem Bett liegt.“
Wie befreiend kann Astrologie sein, wenn sie nicht nach einer Ursache sucht, die etwas erklären oder sogar reparieren soll. Vielleicht muss meine Liebe gar nicht aus einem alten Familienschicksal hergeleitet werden. Vielleicht ist sie weder Folge noch Symptom. Vielleicht entspricht es einfach meinem Wesen, einen Menschen zu lieben – unabhängig davon, welchem Geschlecht er angehört.
Auch darin liegt für mich ein Recht auf Leben: mich nicht länger erklären zu müssen, um so sein und lieben zu dürfen, wie ich bin.
Sie sagte mir außerdem, wie gut mir meine Partnerin tut, weil sie mich erdet. Auch das einmal zu hören, war wunderschön. Wenn ich unsere Horoskope betrachtet habe, sind mir bisher vor allem die Herausforderungen ins Auge gefallen – die Spannungen, die Gegensätze und das, woran wir uns aneinander entwickeln sollen.
Dabei hatte ich beinahe übersehen, was sie mir längst schenkt: Boden unter den Füßen.
Vielleicht brauche ich gerade als Mensch, der zu jeder Zeit überall und mit allem verbunden sein kann, ein Gegenüber, das mich nicht noch weiter hinausführt, sondern mich zurück auf die Erde holt. Eine Partnerin, durch die ich mich im Leben verankern kann.
Nicht jede Spannung bedeutet, dass etwas nicht stimmt. Manches, was sich zwischen zwei Menschen herausfordernd anfühlt, kann zugleich genau das sein, was ihnen Halt gibt. Und so tat es gut, unsere Verbindung für einen Moment nicht als Aufgabe zu betrachten, sondern als etwas, das mich trägt.
In den vergangenen Monaten erlebe ich besonders intensiv, wie stark ich mich als Projektionsfläche zur Verfügung stelle. Der Schmerz darüber, nicht wirklich gesehen zu werden, ist groß. Gleichzeitig erkenne ich langsam meinen eigenen Anteil daran: Ich bin gerade erst dabei, meine eigene Energie zu finden. Erst wenn ich selbst darin stehe und mich aus ihr heraus zeige, kann ein anderer Mensch mich überhaupt wahrnehmen.
Wie unmittelbar sich dieses Thema bereits im Außen zeigt, erlebte ich heute Morgen beim Frühstück mit meinem Papa. Er erzählte mir, dass er in mir seine Schwester sieht, mit der er noch ungelöste Themen hat. Gleichzeitig weiß er, dass ich seine Tochter bin, und spürt deshalb selbst seine Irritation.
Es hat mich tief berührt, dass er das erkennen und aussprechen konnte. Zum ersten Mal zeigte sich ganz konkret im Außen, was bisher nur eine innere Erkenntnis gewesen war: Ein Mensch kann etwas Eigenes in mir sehen und gleichzeitig wissen, dass ich jemand anderes bin.
Überhaupt ist es gerade sehr schön mit meinen Eltern. Unser Miteinander fühlt sich entspannt und wertschätzend an.
Die Astrologin sprach außerdem davon, dass ich vermutlich ein großes Thema mit einem verlorenen Zwilling in mir trage. Damit verbunden sei möglicherweise die Erfahrung: Liebe bedeutet, verlassen zu werden.
Auch das war spannend für mich. Denn zum ersten Mal konnte ich deutlich fühlen, dass ich an diesem Punkt gerade nichts weiter tun muss. Vielleicht hat sie ein anderes Bild davon und geht davon aus, dass es sehr lange dauert, eine solche Erfahrung zu verarbeiten. In mir fühlt es sich jedoch so an, als sei dieses Thema bereits gut bearbeitet.
Ich muss nicht jede Tür noch einmal öffnen, nur weil jemand anderes sie in meinem Inneren entdeckt.
Meine gegenwärtige Bewegung führt mich an einen anderen Ort: in ein autonomes Leben. Es geht darum, mich aus Abhängigkeiten zu lösen und meinen eigenen Platz einzunehmen.
Die Astrologin sagte außerdem, dass ich krisensicher sei. In meinem Horoskop liege das Potenzial, selbst durch Kriege hindurchzugehen.
Als ich diesen Satz hörte, wusste ich, dass darin etwas Wesentliches liegt. Denn ich musste durch viele Krisen hindurchgehen. Oft war ich dem Tod näher als dem Leben. Vielleicht konnte ich überhaupt nur deshalb an den Punkt gelangen, an dem ich heute stehe. Meine Stärke besteht nicht darin, dass ich vom Leben verschont geblieben bin. Sie ist daraus entstanden, dass ich immer wieder weitergegangen bin.
Krisensicher zu sein bedeutet für mich deshalb nicht, unverwundbar zu sein. Es bedeutet auch nicht, dass mich das Erlebte nicht erschüttert hätte. Im Gegenteil: Vieles hat mich zutiefst erschüttert. Aber offenbar gibt es in mir etwas, das selbst dann nicht vollständig verloren geht. Etwas, das durch den Krieg, durch die Krise und durch die Nähe zum Tod hindurchgeht und irgendwann wieder zum Leben findet.
Vielleicht spüre ich gerade deshalb so deutlich, wie sehr ich leben will.
Während unseres Gesprächs gab mir die Astrologin das Bild, dass ich in einem Orkan stehe – ohne eine schützende Hand über mir. Merkwürdigerweise fühlte sich dieses Bild für mich nicht bedrohlich an. Im Gegenteil. Ich konnte plötzlich spüren, dass ich im Auge dieses Orkans stehe.
Dort ist es still.
Dort brauche ich keine schützende Hand.
Denn vielleicht bin ich nicht schutzlos. Vielleicht trage ich meinen Schutz längst in mir – als die Erfahrung, dass ich durch Krisen hindurchgehen kann, ohne mich vollständig zu verlieren. Meine Sicherheit besteht nicht darin, dass jemand von außen den Sturm für mich beendet. Sie liegt darin, dass ich meine eigene Mitte finde und dort stehen bleibe, während sich um mich herum alles bewegt.
Das Gespräch war für mich zugleich wie eine Erlaubnis – eine Erlaubnis, die letztlich nur ich selbst mir geben kann. Ich brauche im Moment viel Raum für mich. Ich muss mich nicht ständig im Außen aufhalten. Ich darf mich zurückziehen und in meine eigene Tiefe gehen.
Ich merke, wie wichtig es für mich ist, in meiner eigenen Energie zu baden. Ganz allein zu sein, so wie jetzt. Zu schreiben. Meinem künstlerischen Ausdruck Raum zu geben. Mich nicht sofort wieder für etwas oder jemanden zur Verfügung zu stellen.
Und vielleicht werden mir gerade deshalb im Außen immer wieder Menschen geschickt, die mich prüfen. Menschen, durch die ich erneut mit der Erfahrung konfrontiert werde, dass mir das Recht auf Leben abgesprochen wird – vielleicht weil sie selbst so viel Angst vor dem Leben haben und meine Lebendigkeit etwas in ihnen berührt, das sie nicht aushalten können.
Derzeit scheinen sämtliche Schockerlebnisse meines Lebens noch einmal an die Oberfläche zu kommen. Diese Menschen verursachen sie nicht, auch wenn es sich im ersten Moment so anfühlen kann. Vielmehr werden sie zu Vermittlern: Durch sie wird etwas sichtbar, das schon lange in mir gespeichert ist und jetzt noch einmal gefühlt werden möchte.
Doch genau in diesen Momenten spüre ich plötzlich, wie sehr ich leben will.
Es ist wie ein ursprünglicher Impuls, vielleicht wie bei einer Geburt:
Ich will leben. Ich habe ein Recht auf Leben. Ich habe ein Recht auf Glück. Ich habe ein Recht darauf, hier zu sein.
Vielleicht liegt darin das Geschenk dieser Begegnungen. Nicht darin, dass diese Menschen mir meinen Wert oder mein Lebensrecht geben, sondern darin, dass etwas in mir aufsteht, sobald sie es infrage stellen. Meine Lebendigkeit ist nicht falsch. Sie ist auch nicht zu viel. Sie führt mich zurück zu mir und erinnert mich daran, dass ich leben will.
Und ja, es tut gut, wenn ein Mensch mein Horoskop betrachtet und zu mir sagt: „Du hast ein Horoskop zum Verrücktwerden.“
Denn genau davor habe ich immer wieder Angst.
Ich scheine zu jeder Zeit überall und mit allem verbunden zu sein. Vieles dringt zu mir durch. Ich nehme auf, verbinde, spüre und bewege mich zwischen verschiedenen Ebenen. Manchmal ist es schwer zu unterscheiden, was zu mir gehört und was ich lediglich für einen anderen Menschen trage.
Doch je mehr ich in meiner eigenen Energie bade, desto leiser wird es.
Je mehr Raum ich mir gebe, desto klarer kann ich mich wahrnehmen.
Je tiefer ich in mich zurückkehre, desto zentrierter stehe ich im Orkan.
Vielleicht brauche ich dann irgendwann auch die kleinen Krücken nicht mehr, die mir bisher geholfen haben: keinen weißen Ring um mich, keine violette Flamme der Transformation und vielleicht auch nicht mehr so viele Vorstellungen davon, wie ich mich vor der Welt schützen muss.
Vielleicht gehören diese Bilder noch zu einer alten Welt, in der ich glaubte, mich vor allem, was mich berührt, abschirmen zu müssen.
Heute entsteht in mir ein anderes Bild.
Ich muss nicht aus dem Orkan fliehen. Ich muss ihn nicht bekämpfen und auch nicht verhindern, dass sich das Leben um mich herum bewegt. Ich darf mich in seine Mitte stellen. Nicht als Parkplatz für die Projektionen anderer. Nicht als Raum, in dem andere ihre Geschichten weiterschreiben.
Sondern als ich selbst.
In meiner Energie. In meinem Leben. In meinem Recht, hier zu sein.
Und im stillen Auge des Orkans.
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