Über meine Fische-Sonne, die Sehnsucht nach Erlösung und die Erkenntnis, dass mein Verstand vielleicht genau dort zum Problem wird, wo er mich vor dem Leben beschützen möchte.
Ich verabschiede mich von meinem Verstand
10. August 2026

Vor ungefähr drei Wochen stand ich in einer Aufstellung für eine junge Fische-Frau.
Und plötzlich konnte ich mich an etwas in mir anschließen, das ich zwar kenne, aber offenbar nie wirklich verstanden habe.
An meine Fische-Sonne.
Ich musste nichts herausfinden.
Nichts einordnen.
Nichts kontrollieren.
Ich habe einfach mitgeschwungen.
Bin geschwommen.
Mit dem, was da war.
Mit den Bewegungen im Feld.
Mit den Impulsen, die kamen.
Wenn eine Bewegung kam, habe ich mich bewegt.
Wenn ein Satz kam, habe ich ihn gesagt.
Wenn nichts kam, war da nichts zu tun.
Es gab keinen Plan.
Und trotzdem fühlte es sich nicht orientierungslos an.
Es war klar.
Diese Erfahrung ist mir geblieben.
Vielleicht, weil ich dort für einen Moment etwas über mich verstanden habe, das weit über diese Aufstellung hinausgeht.
Ich funktioniere über Impulse
Je genauer ich mich beobachte, desto deutlicher wird mir:
Ich funktioniere gar nicht über meinen Verstand.
Ich funktioniere über Impulse.
Da ist plötzlich der Impuls, mich bei jemandem zu melden.
Etwas auszusprechen.
Irgendwohin zu gehen.
Etwas zu tun.
Zu bleiben.
Zu gehen.
Der Impuls selbst ist meistens erstaunlich unspektakulär.
Er ist einfach da.
Für mich fühlt es sich an, als käme er aus meiner Seele.
Und meine Seele erklärt sich nicht.
Sie sagt mir nicht, warum dieser Impuls jetzt kommt.
Sie zeigt mir nicht, was daraus entstehen wird.
Sie liefert mir auch keine Begründung dafür, weshalb etwas sinnvoll sein könnte.
Und vor allem kennt sie für mich nicht diese Moral, die mein Verstand kennt.
Das macht man.
Das macht man nicht.
Jetzt bist du aber mal nicht dran.
Du solltest dich zurückhalten.
Das gehört sich nicht.
Sei vernünftig.
Meine Seele scheint sich darum nicht zu kümmern.
Sie bewegt sich.
Sie schwingt mit.
Sie schwimmt.
So wie ich in dieser Aufstellung.
Und dann kommt mein Verstand
Ein Impuls kann vollkommen klar sein.
Melde dich.
Und wenige Sekunden später ist mein Verstand da.
Du hast dich doch schon gemeldet.
Jetzt ist der andere dran.
Was, wenn wieder keine Antwort kommt?
Dann kommt die Scham.
Die Ablehnung.
Der Schmerz.
Lass es lieber.
Und genau dort entsteht die Enge.
Nicht im Impuls.
Sondern in allem, was mein Verstand darum baut.
Er erinnert sich an das, was schon einmal wehgetan hat.
Er nimmt die Vergangenheit und legt sie auf die Zukunft.
Er kennt sämtliche Regeln darüber, wie man sich verhalten sollte, damit man möglichst würdevoll und unverletzt durchs Leben kommt.
Und ich sehe inzwischen, was dahintersteht.
Er möchte mich beschützen.
Mein Ego hat Schutzmauern gebaut.
Nicht grundlos.
Es hat gelernt, wo es wehgetan hat.
Und aus diesen Erfahrungen wurden Regeln.
Da gehen wir nicht noch einmal hin.
Da zeigen wir uns nicht noch einmal so.
Da warten wir.
Da halten wir uns zurück.
Da brauchen wir erst Sicherheit.
Ich habe lange innerhalb dieses Systems nach Lösungen gesucht.
Ich habe analysiert.
Verstanden.
Zusammenhänge gesucht.
Vergangenheit aufgearbeitet.
Noch eine Schicht angeschaut.
Und noch eine.
Das war nicht falsch.
Aber gerade wird mir etwas anderes sehr klar:
Vielleicht kann mein Verstand dieses Problem gar nicht lösen.
Weil ein großer Teil des Problems genau dort entsteht.
Ich hätte einfach gerne eine Erlösung
Besonders deutlich merke ich das, wenn ich in der Schwebe bin.
Ich kenne dieses Dazwischen sehr gut.
Da ist ein Mensch.
Da ist etwas zwischen uns.
Und gleichzeitig ist seine Aufmerksamkeit vielleicht gerade ganz woanders.
Bei seinen eigenen Themen.
In seinem eigenen Leben.
Bei etwas, das ihn beschäftigt und gar nichts mit mir zu tun haben muss.
Vielleicht nehme ich sogar sehr deutlich wahr, dass etwas gerade nicht bei mir liegt.
Und trotzdem bin ich davon betroffen.
Weil ich nicht weiß, wo ich stehe.
Weil keine klare Bewegung da ist.
Kein Punkt.
Kein Ende.
Keine Gewissheit.
Und dieses Dazwischen ist für mich unglaublich schwer auszuhalten.
Manchmal hätte ich einfach so gerne eine Erlösung.
Nicht einmal unbedingt die Antwort, die ich mir wünsche.
Einfach eine Antwort.
Etwas, das die Schwebe beendet.
Etwas, das mir sagt:
So ist es.
Hier stehst du.
Jetzt kannst du weitergehen.
Und genau dort beginnt mein Verstand zu arbeiten.
Er sucht.
In Worten.
In Begegnungen.
In Veränderungen.
In dem, was gesagt wurde.
Und in dem, was nicht gesagt wurde.
Er versucht, aus allem eine Bedeutung zu machen.
Nicht nur, weil er kontrollieren möchte.
Ich glaube, er sucht genauso verzweifelt nach Erlösung wie ich.
Er möchte diesen Zustand beenden.
Er möchte wissen.
Nur kann er mir dieses Wissen nicht geben.
Ich kann einen anderen Menschen nicht fertigdenken.
Ich kann seine Aufmerksamkeit nicht zu mir zurückdenken.
Ich kann nicht durch Analyse eine Klarheit herstellen, die im Außen gerade nicht existiert.
Ich kann hundert Zusammenhänge erkennen und trotzdem an genau demselben Punkt stehen:
Ich weiß es nicht.
Und manchmal möchte ich daraus auch keine schöne Erkenntnis machen.
Dann möchte ich nicht noch geduldiger werden.
Nicht noch bewusster.
Nicht noch eine Lektion über Vertrauen lernen.
Dann möchte ich einfach, dass diese Schwebe aufhört.
Vielleicht berührt mich deshalb das Gedicht meiner besten Freundin gerade so sehr.
Weißt du, wie es sich anhört, ständig sein Herz brechen zu hören?
Meine beste Freundin ist Reflektorin.
Und für mich steht sie mit ihren Worten manchmal nicht nur für sich.
Ich höre darin etwas von uns allen.
Von unseren Schutzschichten.
Von unserem Funktionieren.
Von unserem Schaffen und Wollen.
Von einer Gesellschaft, die so viel kontrollieren, absichern und verstehen möchte.
Ihr Gedicht beginnt mit einer Frage.
Und ich kann darauf inzwischen sagen:
Ja.
Ich weiß es.
Ich weiß, wie es ist, wenn der Impuls da ist, sich bei jemandem zu melden, und der Verstand sagt:
Lass es sein.
Denn wenn wieder keine Antwort kommt, kommen vielleicht die Scham, die Ablehnung und der Schmerz.
Und dann lese ich ihre Worte:
Weißt du wie es sich anfühlt ständig sein Herz brechen zu hören? Nichts hilft. Nichts heilt. In Wahrheit bricht es mich auf. Nicht mein Herz. Meine Schale ist es. Ich werde berührbar. Mein Kern wird sichtbar, umspült von Schmerz tanzt er im Sonnenlicht der Freude. Will mich ausruhen in ihm. Tausend Jahre schlafen während ich lebendig bin und mich ihm hingeben. Jubelnd will ich rufen da bist du ja. Es krümmt mich. Innerlich. Äußerlich. Erschütternde Wahrheit die als Trauer getarntes Geschenk auftritt. Bittersüß sagt sie: du hast es immer geahnt aber verstehen tun wir es erst wenn wir mitten drin stehen. Das Auge des Sturms ist nicht ruhig. Es mahnt und erinnert dich ständig ans sein. Ans Mensch sein. Die Endlichkeit und Kostbarkeit des Augenblicks. Es erinnert an die Sackgasse in der wir alle stehen. Blind vor Gier und schaffen Wollen. Still wird es wenn die Wellen einen überrollt haben. Majestätisch flüstert der Wind. Die Welt ist voller Zauber. Nicht jeder scheint wie einer aber am Ende sind sie allen des gleichen ehrenvollen Ursprungs. Ich liebe mein Leben. In all seinen Facetten. Mit all seinen verfluchten Dämonen. Ich bin berührbar. Ich bin neu, immer wieder werde ich mich aus der Asche meiner selbst formen. Mit stolz meine alte Haut abstreifen und die neue kennen lernen. Wachsam für die, die wissen wovon ich spreche. Wir sind auf dem Weg. Nichts beruhigt mich mehr als diese Gewissheit
— Sarah Reisch
Nicht mein Herz. Meine Schale.
Dieser Satz bleibt bei mir.
In Wahrheit bricht es mich auf. Nicht mein Herz. Meine Schale ist es.
Vielleicht ist es genau das, was gerade geschieht.
Ich habe so lange geglaubt, mein Herz müsse geschützt werden.
Vor Ablehnung.
Vor Scham.
Vor Verlust.
Vor dem Nichtwissen.
Vor dieser Schwebe.
Und mein Verstand hat dafür eine ganze Welt aus Regeln erschaffen.
Was ich tun sollte.
Was ich nicht tun sollte.
Wann ich mich melden darf.
Wann der andere dran ist.
Wann ich mich zurückziehen müsste.
Wie viel ich zeigen darf.
Wie ein erwachsener Mensch sich verhalten sollte.
Wie ich meine Würde bewahre.
All diese Sätze sollen Sicherheit herstellen.
Nur beginnt etwas in mir zu verstehen:
Man kann mich vor dem Leben nicht beschützen.
Das Leben ist nicht bequem.
Es gibt keine Regel, mit der ich garantieren kann, dass mich nichts mehr berührt.
Ein Mensch kann gerade ganz woanders sein.
Ich kann trotzdem Sehnsucht spüren.
Ich kann mich melden und keine Antwort bekommen.
Ich kann etwas klar wahrnehmen und trotzdem nicht wissen, was es bedeutet.
Ich kann lieben und nicht wissen, wohin diese Liebe führt.
Mein Verstand kann daran nichts ändern.
Er kann nur versuchen, mich schon vor der Bewegung anzuhalten.
Und genau das wird für mich immer schmerzhafter.
Denn inzwischen spüre ich sehr schnell, wenn ein Impuls da ist und ich mich selbst zurückhalte.
Dann hat im Außen vielleicht noch überhaupt nichts stattgefunden.
Und trotzdem tut es bereits weh.
Weil etwas in mir schwimmen wollte.
Und ich es festhalte.
Vielleicht müssen meine Impulse gar keinen Sinn ergeben
Ich habe keine Ahnung, weshalb manche meiner Impulse so wichtig sind.
Vielleicht werde ich es irgendwann verstehen.
Vielleicht auch nicht.
Aber die Aufstellung hat mir etwas gezeigt.
Dort wusste ich ebenfalls nicht, warum eine Bewegung kam.
Ich musste ihren Sinn nicht kennen.
Ich musste sie nicht vorher verstehen.
Ich bin ihr gefolgt.
Und dadurch konnte etwas sichtbar werden.
Vielleicht ist mein Leben an manchen Stellen nicht so anders.
Vielleicht kommen Impulse gerade dort, wo etwas festgefahren ist.
In mir.
Zwischen Menschen.
In Beziehungen.
In einem Feld.
Vielleicht braucht Bewegung manchmal genau das:
Dass jemand aufhört, vorher wissen zu wollen, wie sie ausgehen wird.
Das bedeutet für mich nicht, jeden Impuls für eine absolute Wahrheit zu halten.
Aber ich möchte aufhören, ihn sofort vor das Gericht meines Verstandes zu stellen.
Denn wenn meine erste Reaktion auf jede innere Bewegung lautet:
Darf ich das?
Sollte ich das?
Was bedeutet das?
Was wird danach passieren?
dann bleibt irgendwann nichts anderes übrig als Stillstand.
Darin liegt meine Verantwortung
Dass ich über Impulse funktioniere, entbindet mich nicht von Verantwortung.
Für mich ist eher das Gegenteil der Fall.
Wenn ich einen Impuls wahrnehme, gehört er zunächst mir.
Wenn ich mich bei einem Menschen melden möchte, dann ist das meine Bewegung.
Was der andere damit macht, gehört ihm.
Er kann antworten.
Er kann gerade mit etwas anderem beschäftigt sein.
Er kann keinen Raum dafür haben.
Er kann sich freuen.
Er kann nichts damit anfangen können.
Seine Reaktion macht meinen Impuls nicht nachträglich richtig oder falsch.
Und mein Impuls verpflichtet ihn zu nichts.
Vielleicht liegt genau darin meine Verantwortung:
Meine Bewegung nicht auf einen anderen abzuwälzen.
Aber sie auch nicht aus Angst vor seiner möglichen Reaktion bereits in mir zu ersticken.
Ich möchte weder Opfer meines Verstandes noch Opfer eines anderen Menschen sein.
Ich möchte Verantwortung für meinen Teil übernehmen.
Und gleichzeitig akzeptieren, dass ich den Rest nicht kontrollieren kann.
Das ist unbequem.
Aber das Leben ist unbequem.
Vielleicht war genau diese Erkenntnis notwendig.
Ich verabschiede mich von meinem Verstand
Und deshalb fühlt es sich für mich tatsächlich wie ein Abschied an.
Nicht vom Denken.
Ich brauche meinen Verstand.
Zum Schreiben.
Zum Planen.
Zum Organisieren.
Zum Verstehen.
Ich verabschiede mich von seiner bisherigen Position.
Von der Vorstellung, dass er wissen muss, wie ich leben soll.
Von der Hoffnung, ich könnte nur lange genug analysieren und irgendwann eine Art Formel finden, mit der ich sicher durch dieses Leben komme.
Die gibt es nicht.
Mein Verstand darf mir sagen:
Das hat schon einmal wehgetan.
Er darf sich erinnern.
Er darf warnen.
Er darf Angst haben.
Aber vielleicht muss ich ihm nicht mehr folgen, nur weil er Angst hat.
Vor drei Wochen stand ich in dieser Aufstellung und habe für einen Moment erlebt, wie es sich anfühlt, wenn nichts zwischen mir und der Bewegung steht.
Ich habe mitgeschwungen.
Ich bin geschwommen.
Und ich war nicht orientierungslos.
Meine Fische-Sonne hatte nur eine andere Art der Orientierung.
Sie musste nicht wissen, wohin das Wasser sie als Nächstes trägt.
Sie hat wahrgenommen, was gerade da ist.
Und ist mitgegangen.
Vielleicht ist es genau das, was ich gerade wieder lerne.
Nicht, wie ich meinen Verstand endlich beruhigen kann.
Sondern dass er mich gar nicht führen muss.
Vielleicht wird die Schwebe dadurch nicht leichter.
Vielleicht wünsche ich mir trotzdem manchmal nichts sehnlicher als Erlösung.
Aber ich muss nicht mehr versuchen, sie in meinem Kopf zu finden.
Mein Verstand darf am Ufer stehen.
Ich glaube, ich gehe wieder ins Wasser.
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