Über eine Begegnung auf der Straße, die Angst vor der eigenen Größe und Menschen, die sich an mir erfreuen.
Ich rolle meine Flügel nicht mehr ein
10. September 2026

Heute Morgen sprach mich auf der Straße eine fremde Frau an.
Ich sähe aus wie ein Engel, der seine Flügel ausgebreitet hat, sagte sie. Dann erklärte sie sich ihr eigenes Bild damit, dass ich einen Rucksack auf dem Rücken trug.
Ich musste schmunzeln.
Denn ich kann meine Flügel gerade tatsächlich fühlen.
Vielleicht hat diese Frau nur meinen Rucksack gesehen. Aber ihre Worte kamen in einem Moment zu mir, in dem ich selbst immer deutlicher spüre, dass sich etwas in mir ausbreitet.
Etwas, das lange eng am Körper lag.
Damit niemand Angst vor mir haben muss
Vielleicht habe ich meine Flügel lange eingerollt und möglichst gut versteckt.
Nicht, weil sie nicht da gewesen wären. Sondern weil ich gelernt hatte, darauf zu achten, wie andere Menschen auf mich reagieren.
Ich wollte niemanden irritieren, überfordern oder erschrecken. Ich wollte nicht zu intensiv, zu schnell, zu lebendig oder zu groß sein. Wenn ich bemerkte, dass ein Mensch unsicher wurde, versuchte ich, mich so zu verändern, dass die Verbindung wieder möglich war.
Ich faltete etwas von mir zusammen.
Ich machte mich kleiner, leiser oder angepasster. Ich erklärte mich, kontrollierte meine Impulse und versuchte herauszufinden, welche Form von mir mein Gegenüber aushalten konnte.
Vielleicht glaubte ich, das sei Rücksichtnahme.
Doch wenn ich meine Flügel einrolle, damit niemand Angst vor mir haben muss, kann ich mich selbst irgendwann kaum noch bewegen.
Ich fühle meine Flügel
In den vergangenen Tagen ist etwas anders.
Ich spüre meine Flügel.
Nicht als Beweis dafür, dass ich besonders oder größer als andere bin. Sie sind für mich ein Bild meiner Lebendigkeit, meiner Kraft und von all dem, was durch mich in die Welt möchte.
Ich möchte lernen, schreiben, gestalten, singen, spielen und mit Menschen arbeiten. Ich möchte mich berühren lassen und andere berühren. Ich möchte meine Ideen nicht mehr vorsorglich begrenzen, bevor überhaupt sichtbar werden konnte, was aus ihnen entsteht.
Meine Flügel auszubreiten bedeutet nicht, mich über andere zu erheben.
Es bedeutet, den Platz einzunehmen, den ich brauche, um ich selbst zu sein.
Ich darf sichtbar werden.
Andere erfreuen sich an mir
Vielleicht habe ich lange vor allem mit den Menschen gerechnet, die sich von meiner Größe eingeschüchtert fühlen könnten.
Ich habe meine Flügel vorsorglich eingerollt, damit niemand Angst vor mir haben muss. Dabei habe ich etwas Entscheidendes übersehen:
Es gibt Menschen, die sich an mir erfreuen.
Menschen, die nicht möchten, dass ich mich kleiner mache. Die meine Lebendigkeit nicht als Bedrohung erleben und mein Leuchten nicht dimmen müssen, um selbst sichtbar zu sein.
Menschen, die mich ansehen und etwas Schönes entdecken.
Manchmal braucht es dafür nicht einmal eine tiefe Beziehung. Heute Morgen genügte eine fremde Frau auf der Straße. Sie sah meinen Rucksack – und in ihrer Wahrnehmung wurden daraus ausgebreitete Engelsflügel.
Vielleicht war es nur eine spontane Assoziation.
Aber sie sprach etwas aus, das ich selbst gerade erst zu fühlen beginne.
Was ich anderen nehme, wenn ich mich verstecke
Wenn ich mich verstecke, schütze ich vielleicht einige Menschen vor ihrer eigenen Irritation.
Aber ich nehme anderen auch die Möglichkeit, mich wirklich zu sehen.
Ich nehme ihnen die Möglichkeit, sich an meiner Lebendigkeit, meinen Gedanken, meiner Kreativität und meiner Wärme zu erfreuen. Und ich nehme mir selbst die Erfahrung, mit all dem willkommen zu sein.
Vielleicht war mein Blick zu lange auf diejenigen gerichtet, denen ich zu viel sein könnte.
Dabei gibt es so viele andere Menschen.
Menschen, die nicht zurückweichen, wenn ich mich zeige. Menschen, die neugierig werden, deren Augen zu leuchten beginnen und die selbst Lust bekommen, ihre Flügel auszubreiten.
Ich muss mich nicht länger an der größtmöglichen Angst im Raum orientieren.
Jeder trägt seine eigenen Flügel
Wenn ein Mensch Angst vor meiner Größe bekommt, bedeutet das nicht automatisch, dass ich mich wieder zusammenfalten muss.
Seine Reaktion darf zunächst bei ihm bleiben.
Vielleicht erinnert ihn meine Lebendigkeit an etwas, das er selbst noch nicht lebt. Vielleicht ist ihm meine Art tatsächlich zu intensiv. Vielleicht passen unsere Bewegungen einfach nicht zueinander.
Ich muss das nicht bewerten oder lösen.
Denn meine Flügel nehmen niemandem Platz weg.
Vielleicht entsteht sogar mehr Raum, wenn Menschen aufhören, sich gegenseitig klein zu halten. Wenn einer seine Flügel ausbreitet, kann ein anderer sich daran erinnern, dass auch auf seinem Rücken etwas lange zusammengerollt lag.
Dann muss niemand kleiner werden, damit ein anderer groß sein darf.
Die Frau mit dem Rucksack
Heute Morgen bin ich einfach mit meinem Rucksack durch die Straße gelaufen.
Eine fremde Frau blieb stehen und sah einen Engel.
Ich weiß nicht, was sie genau wahrgenommen hat. Vielleicht standen die Seitenteile meines Rucksacks tatsächlich ein wenig ab. Vielleicht war es nur ein freundlicher Gedanke, den sie spontan mit mir teilen wollte.
Aber ich weiß, was ihre Worte in mir berührt haben.
Ich rolle meine Flügel nicht mehr ein.
Nicht aus Trotz und nicht, um anderen meine Größe zu beweisen. Ich breite sie aus, weil sie zu mir gehören.
Manche Menschen werden das vielleicht nicht mögen.
Andere werden sich an mir erfreuen.
Und vielleicht darf ich mich von nun an ein wenig häufiger an den Menschen orientieren, deren Augen zu leuchten beginnen, wenn ich sichtbar werde.
Die Frau sah meinen Rucksack.
Ich fühlte meine Flügel.
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