Ein Text über den Tag, an dem alles in mir klein wurde – und darüber, was Selbstwert wirklich heißt.

Ich muss nicht groß sein

18. August 2026

Ich muss nicht groß sein

18. August

Ich habe in einer Arbeit schon einmal gesehen, dass mein Selbstwert jedes Mal vollständig zusammenbricht, sobald ich darin einen Entwicklungsschritt mache.

Warum das geschieht, habe ich noch nicht herausgefunden.

Aber mir scheint, dass es gerade wieder passiert.

In mir kommt eine Wucht an Bedürftigkeit und Angst hoch, wie ich sie noch nie erlebt habe. Zumindest glaube ich das. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Gefühle wirklich neu sind oder ob ich sie bisher nur sehr gut weggesperrt und vor mir selbst verborgen habe.

Vielleicht waren sie die ganze Zeit da.

Sicher eingeschlossen hinter meinem Funktionieren, meinem Denken, meiner Selbstständigkeit und meiner Fähigkeit, mich irgendwie allein durch alles hindurchzubringen.

Ich erinnere mich an eine Situation mit einer Frau, die ich damals sehr toll fand. Ich stand kurz vor einer Panikattacke. Sie sah mich an und sagte in einem Ton, der bei mir wie Spott ankam:

„Da sitzt jetzt aber eine ganz kleine Susann neben mir.“

Möglicherweise wollte sie sich gar nicht über mich lustig machen. Ich weiß es nicht. Doch was mich erreichte, war Herablassung.

Oh, schau mal.

Da sitzt eine ganz kleine, bedürftige Susann.

37 Jahre alt und braucht so viel Aufmerksamkeit und Nähe wie ein kleines Kind.

Wie peinlich.

Dieser Satz hat sich in mir festgesetzt. Nicht nur als Erinnerung an diese Frau, sondern als Stimme, mit der ich heute selbst auf mich schaue.

Da ist sie wieder.

Die kleine Susann.

Die erwachsene Frau ist plötzlich kaum noch zu finden. All ihr Wissen, ihre Erfahrungen, ihre Erkenntnisse und die viele innere Arbeit scheinen verschwunden zu sein. Übrig bleibt ein Kind, das verzweifelt versucht, sich irgendwo festzuhalten.

Fuck.

Es fühlt sich an, als würde ich einen Berg hinunterrutschen.

Ich greife nach Ästen, Steinen und Wurzeln, aber alles, was ich berühre, löst sich ebenfalls. Auf meinem Weg nach unten begegne ich Menschen. Manche strecken vielleicht sogar die Hände nach mir aus. Doch ich bin zu schnell. Inzwischen habe ich so viel Geröll mitgerissen, dass niemand mehr an mich herankommt, ohne selbst von der Bewegung erfasst zu werden.

Zumindest fühlt es sich so an.

Fuck, ich muss das wieder allein machen.

Vielleicht ist dieser Satz älter als der Berg.

Es gab schon einmal eine solche Nacht. Das ist ungefähr sechs Jahre her. Damals lebte ich noch in Landsberg.

Ich war körperlich angeschlagen und konnte kaum etwas zu essen bei mir behalten. Seit Tagen hatte ich nicht richtig geschlafen. Ich war erschöpft und so verzweifelt, dass ich tief in meinem Inneren nicht mehr sicher war, ob ich diese Nacht überleben würde.

Rational betrachtet erschien das absurd. Es bestand keine offensichtliche akute Lebensgefahr. An mir war zwar schon nicht mehr besonders viel dran, aber nicht so wenig, dass ich unmittelbar hätte sterben müssen.

Mein Verstand wusste das.

Mein Inneres wusste es nicht.

In einer Playmobil-Aufstellung zeigte sich damals ein Bild, als würde ich anfangen, mich aufzuspalten. Kurz zuvor hatte ich Kontakt zu einer Frau mit einer dissoziativen Identitätsstörung gehabt. Zu dieser Zeit deutete ich mein Erleben so, als hätte ich etwas von ihr übernommen.

Ob das tatsächlich so war, weiß ich heute nicht.

Sicher weiß ich nur, dass ich mich nicht mehr als zusammenhängend erlebte. Meine Träume waren verstörend. Darin tauchten zerstückelte Körperteile auf, als würde auch dort etwas auseinanderfallen, das eigentlich zusammengehörte.

Meine Gedanken wurden so dunkel, dass ich mich zwang, Ein Kurs in Wundern zu lesen.

Ich war todmüde. Meine Augen brannten, weil ich seit Tagen kaum geschlafen hatte. Gleichzeitig hatte ich Angst, sie zu schließen. Ich fürchtete, im Schlaf zu sterben oder von dieser Dunkelheit verschluckt zu werden.

Also las ich.

Seite um Seite.

Bis mir irgendwann die Augen zufielen.

Es war, als würde ich Licht in mich aufnehmen. Nicht, weil ich den Inhalt noch wirklich hätte verstehen können. Dafür war ich viel zu erschöpft. Aber ich wollte meinem Inneren etwas anderes zuführen als diese Bilder, diese Angst und die zerstörerischen Gedanken.

Ich brauchte Licht, damit die Dunkelheit mich nicht auffressen und mit in den Tod nehmen konnte.

Heute kommt die Erinnerung an jene Nacht zurück, weil ich dieselbe Energie wiedererkenne.

Diese kleine Susann.

Diese maßlose Angst.

Das Gefühl, innerlich den Zusammenhang zu verlieren.

Und die Überzeugung, dass mir am Ende niemand helfen kann und ich mich wieder allein retten muss.

Vielleicht liegt genau hier eine erste Antwort auf die Frage, warum mein Selbstwert ausgerechnet dann zusammenbricht, wenn ich einen Entwicklungsschritt mache.

Was, wenn das, was ich bisher Selbstwert genannt habe, teilweise darauf aufgebaut war, nicht bedürftig sein zu dürfen?

Ich bin wertvoll, solange ich klarkomme.

Ich bin stark, solange ich niemanden brauche.

Ich bin erwachsen, solange ich meine Gefühle regulieren kann.

Ich bin liebenswert, solange meine Bedürfnisse für andere nicht zu viel werden.

Ich bin sicher, solange ich alles allein bewältige.

Das wäre kein Selbstwert.

Es wäre ein Vertrag.

Ein Vertrag, der meinen Wert an Bedingungen knüpft.

Und womöglich gerät dieser Vertrag gerade ins Wanken.

Denn sobald ich beginne, meinen Wert nicht mehr nur aus Leistung, Kontrolle und Unabhängigkeit zu beziehen, erscheint all das, was bisher keinen Platz darin hatte.

Die Angst.

Die Sehnsucht nach Nähe.

Der Wunsch, gehalten zu werden.

Die kleine Susann, die nicht vernünftig erklären kann, was mit ihr los ist. Die keine philosophische Erkenntnis anzubieten hat und aus ihrem Schmerz noch keinen schönen Zusammenhang herstellen kann.

Sie braucht einfach.

Und genau dafür verachte ich sie.

Nicht nur, weil ihre Not so groß ist. Sondern weil ich irgendwann gelernt habe, dass Bedürftigkeit etwas Erniedrigendes sei. Dass ein erwachsener Mensch sich schämen müsse, wenn er Aufmerksamkeit, Schutz oder Halt braucht.

37 Jahre alt und so klein.

Aber was wäre, wenn das Kleine nicht das Beschämende ist?

Was, wenn die eigentliche Verletzung darin liegt, dass jemand dieses Kind ansieht und über seine Not lächelt?

Vielleicht braucht die kleine Susann keine weitere Erklärung dafür, weshalb sie längst größer sein müsste. Sie braucht auch niemanden, der ihr vorrechnet, wie viele Jahre Therapie, Selbsterfahrung und innere Arbeit bereits hinter ihr liegen.

Sie möchte, dass endlich jemand neben ihr sitzt, ohne sie lächerlich zu machen.

Und möglicherweise bin diesmal ich dieser Mensch.

Das heißt nicht, dass ich mich in meiner Bedürftigkeit einrichte oder die Verantwortung für mich abgebe. Es heißt auch nicht, dass andere mich retten müssen.

Aber ich muss mich nicht zusätzlich demütigen, nur weil ich gerade Halt brauche.

Ein Erwachsener hört nicht auf, erwachsen zu sein, sobald sich ein kindlicher Teil in ihm zeigt.

Ich bin weiterhin 37.

Ich habe weiterhin all meine Erfahrungen, Fähigkeiten und Erkenntnisse.

Nur kann ich im Augenblick nicht auf alles gleichzeitig zugreifen.

Das kleine Mädchen hat die erwachsene Frau nicht ausgelöscht. Es sitzt neben ihr. Und selbst wenn die Erwachsene zeitweise kaum erreichbar ist, verschwindet deshalb nicht mein Wert.

Vielleicht fühlt sich der Entwicklungsschritt zunächst wie ein Zusammenbruch an, weil eine alte Konstruktion nicht mehr trägt. Mein bisheriges Selbstbild konnte die starke, denkende und unabhängige Susann aufnehmen. Für die ängstliche, haltlose und bedürftige Susann gab es darin keinen würdigen Platz.

Ein wirklicher Selbstwert müsste größer sein.

Er müsste beide halten können.

Die Frau, die Zusammenhänge erkennt und anderen Menschen Orientierung gibt.

Und das Kind, das einen Berg hinunterrutscht und verzweifelt nach etwas greift, das nicht unter seinen Händen abbricht.

Bei diesem Bild fällt mir eine weitere Situation ein.

Ich saß während eines Aufstellungswochenendes am Lagerfeuer. Irgendwann traute ich mich zu erzählen, dass ich selbst nicht richtig verstehe, in welche Zustände ich manchmal gerate. Dass ich dann Hilfe brauche, weil ich allein nicht mehr herausfinde.

Darauf bekam ich an den Kopf geknallt:

„Du glaubst nicht an deine eigene Größe.“

Es tat unfassbar weh.

Möglicherweise sollte dieser Satz mich aufrichten. Vielleicht wollte der Mensch mir meine Kraft zeigen. Bei mir kam jedoch vor allem die Härte in der Stimme an. Sie traf mich so heftig, dass sie mich beinahe umwarf.

Schon wieder schien jemand zu sagen: Du dürftest längst nicht mehr so klein sein.

Glaub an deine Größe.

Komm allein zurecht.

Sei stärker als dieser Zustand.

Hör auf, Hilfe zu brauchen.

Aber ich muss nicht groß sein.

Ich darf hilfsbedürftig sein.

Ich darf mit etwas so ganz und gar nicht klarkommen. Ich darf an einen Punkt geraten, an dem mein Wissen, meine Erfahrungen und meine bisherigen Strategien nicht ausreichen. Dann darf ich mir Hilfe holen – gerade weil ich nicht klarkomme.

Natürlich kann ich auch einmal die Zähne zusammenbeißen. Manchmal ist das notwendig. Manchmal trägt mich meine Willenskraft durch eine Situation, für die gerade keine andere Lösung erreichbar ist.

Aber die Zähne zusammenzubeißen darf kein Lebensprinzip werden.

Ich muss nicht verbissen darüber wachen, dass ich immer allein zurechtkomme. Meine Größe beweist sich nicht dadurch, dass ich niemanden brauche und alles aus eigener Kraft schaffe.

Und ganz ehrlich:

Ich will auch nicht immer groß und stark sein.

Ich bin nicht cool. Auch wenn ich das lange gern gewesen wäre.

Ich bin ganz und gar nicht cool.

Ich bin vielleicht sogar unkalt geworden.

Denn Coolness hat eben auch etwas Kaltes. Sie schafft Abstand. Ein cooler Mensch wirkt souverän, unberührt und unangreifbar. Er braucht scheinbar nichts. Ihm läuft nichts aus dem Gesicht, er schwitzt nicht, verzweifelt nicht und bittet nicht darum, gehalten zu werden.

Ich dagegen habe Pickel in der Fresse.

Ich werde unsicher. Ich brauche Menschen. Ich bin manchmal laut, peinlich, überwältigt und alles andere als lässig. Meine Gefühle passen nicht immer elegant in den Raum.

Auf meinen Rucksackreisen habe ich es gefeiert, jeden Tag dasselbe anzuziehen: barfuß, T-Shirt, kurze Hose, keine Unterwäsche, ungeschminkt.

Keine Inszenierung.

Kein ständiger Blick von außen auf mich.

Keine Frage, ob ich gerade schön, stark, erwachsen oder beeindruckend genug wirke.

Ich war einfach da.

Mein Körper durfte ein Körper sein. Mein Gesicht durfte aussehen, wie es eben aussah. Niemand musste glauben, dass ich mein Leben vollkommen im Griff hatte.

Ich habe überhaupt keine Lust mehr, für andere supercool zu sein.

Wenn cool bedeutet, dass ich mich von mir selbst und meinen Bedürfnissen entfernen muss, dann bin ich lieber uncool.

Unkalt.

Warm. Berührbar. Unfertig. Manchmal bedürftig. Manchmal vollkommen überfordert. Sichtbar in all dem, was sich nicht kontrollieren und nicht schön verpacken lässt.

Wir sind soziale Wesen.

Wir beruhigen, tragen, schützen und orientieren einander. Das ist kein Fehler im System. Es ist unser System.

Warum sollte ausgerechnet mein Hilfebedarf beweisen, dass ich nicht an mich glaube?

Manchmal zeigt sich Selbstvertrauen gerade darin, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen. Zu erkennen: Hier komme ich allein nicht weiter. Ich brauche jemanden. Nicht weil ich wertlos, unfähig oder gescheitert bin, sondern weil ich ein Mensch bin.

Und womöglich muss nicht einmal darin eine besondere Größe liegen.

Ich darf einfach Hilfe brauchen, ohne daraus sofort eine Heldengeschichte über Mut, Reife oder Entwicklung machen zu müssen.

Bedürftigkeit braucht keine Rechtfertigung.

Not ist kein Charakterfehler.

Ich weiß noch nicht, wie ich diesen Absturz anhalte.

Möglicherweise kann man ihn gar nicht mit Gewalt stoppen. Die Aufgabe besteht zunächst darin, das Rutschen nicht auch noch als persönliches Versagen zu behandeln.

Und der Satz „Ich muss das wieder allein machen“ ist keine Tatsache.

Er ist die Sprache meiner Angst.

Die Hände, an denen ich vorbeirutsche, können mich womöglich nicht sofort auffangen. Aber sie können da sein. Jemand kann am Fuß des Berges warten. Jemand kann meinen Namen rufen, während ich falle. Jemand kann mich daran erinnern, dass ich noch existiere, auch wenn ich mich selbst kaum erreiche.

Damals in Landsberg habe ich Licht gelesen, bis meine Augen zufielen.

Heute schreibe ich.

Auch das ist eine Form, Licht aufzunehmen. Nicht, um die Dunkelheit zu besiegen oder mir einzureden, sie sei gar nicht da. Sondern um in ihr etwas erkennen zu können.

Und dann leuchtet plötzlich ein Satz von außen in diese Dunkelheit hinein.

Mein Herzmensch Sarah schreibt mir:

„Fühl dich am Herz gestreichelt.“

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas so Schönes geschrieben bekommen.

Dieser Satz verlangt nichts von mir.

Ich soll nicht an meine Größe glauben. Ich muss mich nicht zusammenreißen, aufstehen oder erklären. Sarah versucht nicht, meinen Absturz zu stoppen und mich mit Gewalt aus meiner Bedürftigkeit herauszuziehen.

Sie streichelt einfach mein Herz.

Nicht einmal mich als ganze Person, wenn mir das gerade schon zu viel wäre.

Nur mein Herz.

Ganz vorsichtig.

Vielleicht ist das eine Hand, die mich erreichen kann, während ich den Berg hinunterrutsche. Eine Berührung, die mich nicht festhält und trotzdem spüren lässt, dass ich nicht allein bin.

Danke, Sarah.

Du bist einfach unglaublich.

Ich weiß noch immer nicht genau, warum mein Selbstwert nach einem Entwicklungsschritt zunächst zusammenbricht.

Aber ich habe eine erste Spur.

Vielleicht bricht nicht mein Wert zusammen.

Vielleicht zerfällt die Bedingung, an die ich ihn so lange geknüpft habe:

Dass ich nur dann wertvoll bin, wenn ich niemanden brauche.

Die kleine bedürftige Susann ist kein Beweis dafür, dass meine Entwicklung gescheitert ist.

Möglicherweise ist sie genau diejenige, die bisher nicht mitkommen durfte.

Ich muss nicht groß, stark oder cool sein.

Und ich muss es auch nicht erst wieder werden, um wertvoll zu sein.

Heute lasse ich mir das Herz streicheln.

Ich muss nicht groß sein. Ich muss nur da sein.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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