Ich habe alle Zeit der Welt. Warum renne ich dann?

8. Oktober 2026

Ich habe alle Zeit der Welt. Warum renne ich dann?

Manchmal begegnet mir ein Thema immer wieder. In unterschiedlichen Situationen, mit unterschiedlichen Menschen und in völlig anderen Zusammenhängen. Und irgendwann merke ich, dass es vielleicht gar nicht um die einzelnen Erlebnisse geht, sondern um etwas, das sich darin zeigen möchte.

Diesmal ist es die Zeit.

Oder vielmehr die Geschwindigkeit, mit der ich durch mein Leben gehe.

Sprint oder Marathon?

In unserer Sportvorlesung beschäftigten wir uns mit unterschiedlichen Muskelfasertypen und damit, weshalb manche Menschen eher für kurze, explosive Belastungen geeignet sind und andere für ausdauernde Bewegungen.

Unser Professor meinte sinngemäss, dass wir häufig schon an dem, was wir gerne tun, erkennen können, welcher Typ uns eher entspricht.

Ich musste sofort schmunzeln.

Ich fahre täglich ungefähr 20 Kilometer Fahrrad. Zehn Kilometer morgens zur Hochschule und zehn Kilometer wieder zurück. Und neuerdings habe ich im Fitnessstudio das Rudern für mich entdeckt.

Ich liebe es!

Dieses gleichmässige, rhythmische Bewegen. Das Gefühl, immer weitermachen zu können. Ich könnte gefühlt ewig rudern.

Für mich war die Sache deshalb ziemlich eindeutig: Ich bin wohl eher der Marathontyp.

Doch kaum hatte ich diesen Gedanken gefasst, tauchte eine Erinnerung auf.

Natürlich. Wie sollte es auch anders sein?

Dieses Bild war mir erst vor Kurzem begegnet.

Eine Verbindung auf Langstrecke

Vor einiger Zeit bekam ich das Angebot, eine Verbindung auf Langstrecke aufzubauen. Nicht im Sprint.

Dieses Bild hatte mir damals schon unglaublich gut gefallen.

Denn ich hatte mich bereits damit beschäftigt, dass ich zwar sehr schnell sozialisiert bin, innerlich aber eigentlich ganz anders funktioniere.

Ich bin gar nicht so schnell.

Eigentlich bin ich sogar ziemlich langsam.

Ich brauche Zeit, um wahrzunehmen. Zeit, um nachzuspüren. Zeit, um das, was mir begegnet, innerlich zu bewegen.

Und ich mag das.

Ich mag es, wenn Dinge sich entfalten dürfen. Wenn ich nicht sofort wissen muss, was etwas bedeutet. Wenn eine Begegnung nicht gleich irgendwohin führen muss.

Trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich mich selbst antreibe.

Schnell noch dies erledigen. Schnell eine Antwort geben. Schnell eine Entscheidung treffen.

Aber warum eigentlich?

Wenn die Angst das Tempo bestimmt

Je mehr ich mich damit beschäftige, desto deutlicher erkenne ich, dass meine Geschwindigkeit häufig gar nichts mit meinem natürlichen Rhythmus zu tun hat.

Ich habe gelernt, schnell zu sein.

Schnell zu reagieren. Schnell zu verstehen. Schnell zu funktionieren.

Und manchmal ist es Angst, die mich antreibt.

Denn wenn ich langsamer werde, bekomme ich auch mehr von dem mit, was in mir passiert.

Meine Gefühle brauchen Zeit.

Manchmal scheint es, als würde mein Kopf längst weiterlaufen, während mein Inneres noch dabei ist, eine Erfahrung überhaupt zu begreifen.

Und wenn ich dann schon beim nächsten Schritt bin, obwohl der vorherige innerlich noch gar keinen Platz gefunden hat, wird es irgendwann zu viel.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, weshalb ich mich manchmal überfordere.

Nicht unbedingt, weil ich zu viel erlebe.

Sondern weil ich mir zu wenig Zeit lasse, das Erlebte auch wirklich zu fühlen.

Wenn ich langsamer werde, kann mein Inneres mitkommen.

Was für eine einfache Erkenntnis.

Und gleichzeitig eine, die für mich so viel verändert.

Die Sache mit der Zeit

Auch in meiner letzten Aufstellung war Zeit ein Thema.

Dort begegnete mir wieder diese Vorstellung, dass Zeit für viele Menschen etwas unglaublich Wichtiges ist. Etwas, das begrenzt ist. Das genutzt werden muss. Das irgendwann abläuft.

Ich erlebe das anders.

In meinem spirituellen Weltbild endet das, was ich bin, nicht einfach mit diesem einen Leben. Und wenn ich mein Dasein aus dieser Perspektive betrachte, entsteht für mich auch nicht dieser Druck, unbedingt in diesem Leben mit allem fertig werden zu müssen.

Womit eigentlich fertig?

Mit dem Lernen? Mit dem Erleben? Mit dem Wachsen?

Ich empfinde mein Dasein nicht als eine Aufgabenliste, die ich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt abgearbeitet haben muss.

Für mich fühlt sich Zeit manchmal gar nicht so an, wie wir sie messen.

Und plötzlich fällt mir auf, wie merkwürdig das eigentlich ist.

In meinem Inneren habe ich alle Zeit der Welt. Und im Aussen renne ich, als würde sie mir davonlaufen.

Vielleicht ist es genau dieser Widerspruch, den ich gerade beginne aufzulösen.

Denn wenn ich tief in mir keinen Zeitdruck empfinde, warum sollte ich dann ständig so tun, als hätte ich welchen?

Wenn meine Ruhe auch anderen guttut

Gestern durfte ich im Kindergarten gemeinsam mit einer Kommilitonin einen Postenlauf anleiten.

Anschliessend gab mir meine Praxislehrperson eine Rückmeldung, die mich sehr berührt hat.

Sie hatte beobachtet, wie ruhig ich während der Anleitung geblieben war. Und sie fand das richtig schön.

Ich selbst hatte ebenfalls den Eindruck, dass meine Ruhe den Kindern gutgetan hatte.

Erst später wurde mir bewusst, was für eine besondere Erfahrung das eigentlich war.

Ich war offensichtlich bei meinem Tempo geblieben.

Ohne mich anzutreiben. Ohne das Gefühl, alles möglichst schnell erledigen zu müssen.

Und es war gut so.

Vielleicht sogar gerade deshalb.

Das beschäftigt mich auch in meinem Studium zur Primarlehrerin. Wir lernen unglaublich viel darüber, wie Kinder sich entwickeln, wie sie lernen und wie wir sie dabei begleiten können.

Aber immer wieder frage ich mich auch, wie viel Raum wir ihnen eigentlich lassen.

Kinder haben ihr eigenes Tempo. Manche brauchen Zeit, um eine Situation zunächst zu beobachten. Andere probieren sofort etwas aus. Manche möchten wieder und wieder dasselbe tun, bevor sie sich dem nächsten Schritt zuwenden.

Natürlich brauchen Kinder Orientierung, Struktur und manchmal auch klare Ziele.

Aber müssen wir deshalb immer gleich weiter?

Vielleicht ist es manchmal viel wertvoller, einen Moment länger bei etwas zu bleiben.

Zu beobachten, was gerade entsteht.

Und auszuhalten, dass Entwicklung nicht immer nach unserem Zeitplan verläuft.

Dabei erkenne ich eine Verbindung zu mir selbst.

Wie soll ich Kindern erlauben, in ihrem eigenen Tempo zu lernen, wenn ich mir selbst dieses Tempo nicht zugestehe?

Und was ist eigentlich mit dem Ziel?

Je länger ich über Sprint und Marathon nachdenke, desto mehr merke ich, dass mir an diesem Bild noch etwas nicht ganz stimmig erscheint.

Denn sowohl beim Sprint als auch beim Marathon gibt es eine festgelegte Strecke.

Und ein Ziel.

Man läuft darauf zu. Man möchte ankommen.

Aber muss ich eigentlich irgendwo ankommen?

Da fällt mir das Bogenschiessen ein.

Auch dort gibt es natürlich ein Ziel. Sogar ein ziemlich sichtbares.

Und trotzdem war es für mich nie nur das Treffen, das mich daran fasziniert hat.

Es war vielmehr der ganze Vorgang.

Der ruhige Stand. Das bewusste Atmen. Das Spannen des Bogens. Das Wahrnehmen meines Körpers. Die Konzentration auf diesen einen Augenblick.

Und schliesslich das Loslassen.

Alles geschieht langsam. Achtsam. Fast meditativ.

Natürlich möchte ich den Pfeil auf die Scheibe bringen. Aber der eigentliche Wert liegt für mich im Erleben.

Vielleicht geht es gar nicht darum, ohne Ziel zu leben.

Sondern darum, dass das Ziel nicht wichtiger wird als der Weg dorthin.

Dass ich mich nicht ständig mit dem nächsten Schritt beschäftigen muss, während ich den gegenwärtigen noch gar nicht richtig erlebt habe.

Vielleicht bin ich einfach ein Fisch

Als Fische-Sonne kann ich mir natürlich auch hier ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Vielleicht entspricht dieses langsame Nachspüren einfach meinem Wesen.

Nicht als wissenschaftliche Erklärung dafür, wie ich funktioniere, sondern als Bild, in dem ich mich wiedererkenne.

Fische schwimmen schliesslich auch nicht ständig gegen die Uhr.

Sie bewegen sich mit dem Wasser.

Mal schneller. Mal langsamer.

Und vielleicht ist genau das der Punkt.

Ich muss nicht immer langsam sein.

Ich darf schnell sein, wenn ich Lust darauf habe. Ich darf voller Begeisterung loslegen, wenn mich etwas mitreisst. Ich darf Energie haben, mich ausprobieren und Dinge in Bewegung bringen.

Aber ich möchte nicht mehr schnell sein müssen, nur weil ich Angst habe, sonst nicht hinterherzukommen.

Ich möchte den Unterschied wieder spüren können.

Zwischen Bewegung aus Freude und Bewegung aus Angst.

Zwischen einem natürlichen Impuls und einem erlernten Antreiben.

Zwischen meinem Tempo und dem Tempo, von dem ich glaube, dass es von mir erwartet wird.

Alle Zeit der Welt

Vielleicht bin ich also tatsächlich eher der Marathontyp.

Mein Körper scheint die Ausdauer zu lieben.

Aber mein Inneres möchte eigentlich weder einen Sprint noch einen Marathon laufen.

Es möchte erleben.

Nachspüren.

Manchmal verweilen.

Und manchmal einfach voller Freude losrudern.

Ohne dabei ständig auf die Uhr zu schauen.

Ich glaube, ich beginne gerade, etwas wiederzuentdecken, das schon lange in mir ist.

Meine eigene Langsamkeit.

Nicht als Schwäche. Nicht als etwas, das ich überwinden muss. Sondern als eine Qualität, die mir erlaubt, tiefer wahrzunehmen.

Und vielleicht muss ich auch gar nicht lernen, langsamer zu werden.

Vielleicht darf ich einfach aufhören, mich ständig zu beschleunigen.

Ich habe alle Zeit der Welt.

Warum also sollte ich rennen, wenn ich gerade viel lieber das Wasser spüren möchte?

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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