Zurzeit reist mein Leben rückwärts.
Ich bin zurzeit eine Zeitreisende
1. August 2026

Ich bin zurzeit eine Zeitreisende.
Nicht, weil ich beschlossen hätte, in meine Vergangenheit zurückzukehren. Sie hat selbst begonnen, sich zu zeigen.
Den Anfang machte das Klassentreffen einer Freundin. Wir waren nie gemeinsam zur Schule gegangen, ihr Wiedersehen hatte mit meiner eigenen Schulzeit nichts zu tun. Und doch öffnete es eine Tür. Während sie Menschen aus ihrer Vergangenheit traf, begann sich meine zu bewegen.
Vielleicht liegt es auch daran, dass ich im September mein Studium zur Primarschullehrerin beginne. Kaum hatte ich beschlossen, wieder in die Schule zu gehen, kam meine eigene Schulzeit zu mir.
Zuerst waren da nur die Ereignisse. Eine Mädelsclique. Ein Skilager. Die Theater-AG. Mein erster Freund. Brasilien. Meine erste große Liebe.
Ich wusste, dass all das geschehen war. Ich konnte davon erzählen. Aber die Erinnerungen fühlten sich an wie Bilder aus einem fremden Fotoalbum.
Dann kam das Gard-Gel.
Plötzlich lief ATB im Jugendzentrum, und ich wusste wieder, wie mein erster Freund gerochen hatte. Ich sah Kerzen hinter einer Theaterbühne und Perlen zwischen meinen Fingern. Mit den Bildern kamen Geräusche, Berührungen und Körperempfindungen zurück.
Meine Vergangenheit begann, ihre Farbe wiederzufinden.
Doch zuerst führte sie mich an einen Ort, an dem in mir alles eng wurde.
Im Skilager wurde mir vorgeworfen, ich würde mich an die Jungen heranmachen. Ich konnte mich in diesem Bild überhaupt nicht erkennen. Damals trug ich am liebsten meinen Limp-Bizkit-Pullover, Baggyhosen und möglichst weite Kleidung. Meinen Busen wollte ich darin eher verstecken als betonen. Dass mein Kontakt zu den Jungen trotzdem als Annäherungsversuch gelesen wurde, machte mich wütend.
Während der Auseinandersetzung sagte ich irgendwann zu einer Schulfreundin:
„Dann schlag mich doch.“
Vielleicht war es eine Provokation. Vielleicht hatte ich keinen anderen Ausdruck für die Spannung, die sich in mir aufgebaut hatte.
Sie schlug tatsächlich zu.
Mein Körper reagierte, bevor ich darüber nachdenken konnte, und ich drückte sie zu Boden.
Danach sprachen die anderen nicht mehr mit mir. Ich zog mich vollständig zurück, während sich in mir alles zusammenzog. Ich wusste nicht, was geschehen würde. Würden sie zu den Lehrern gehen? Meine Eltern anrufen? Mich nach Hause schicken?
Weil niemand mit mir sprach, bekam meine Angst unendlich viel Raum. Sie zog mich von innen immer enger zusammen, bis kaum noch etwas anderes in mir Platz hatte.
Im selben Skilager brach während einer Schneeballschlacht auch noch der bereits künstlich ersetzte Zahn meiner besten Freundin ab. Sie hatte sich auf mich fallen lassen, und plötzlich war der Zahn wieder weg.
Erneut kam das Schweigen.
Heute sehe ich Jugendliche vor mir, die mit Streit, Nähe, Wut und Verletzung umgingen, ohne dafür bereits viele Möglichkeiten zu haben. Damals kannte ich nur das Zusammenziehen. Sobald eine Verbindung abbrach, wurde meine innere Welt eng.
Vielleicht führt mich meine Erinnerung deshalb als Nächstes hinter eine Theaterbühne.
Dort war es dunkel, aber nicht eng.
Ich war 14 und hatte in der Theater-AG nur eine kleine Rolle. Die meiste Zeit arbeitete ich hinter den Kulissen. Ich zündete Kerzen für die nächste Szene an, stellte eine Box bereit oder hielt sie im richtigen Augenblick an ein Fenster.
Das Publikum sah mich nicht. Trotzdem fühlte ich mich nicht weniger wichtig.
Ich wusste, was zu tun war. Ich hatte eine Aufgabe, und die Szene auf der Bühne funktionierte auch deshalb, weil ich hinter ihr im richtigen Moment handelte. Zum ersten Mal musste ich nicht im Mittelpunkt stehen, um meinen Platz zu spüren.
Vielleicht lag darin die Magie des Theaters: Sichtbarkeit war nicht die Voraussetzung für Zugehörigkeit.
Aus der Dunkelheit hinter der Bühne kommt Musik.
ATB.
Ich bin 15, sitze mit meinem ersten Freund im Jugendzentrum und könnte ihn stundenlang küssen. Bis heute glaube ich, das Gard-Gel in seinen Haaren riechen zu können. Ich mochte seinen Körper, unsere Nähe und das, was wir miteinander machten.
Nur wusste ich nicht, ob das jenes Verliebtsein war, von dem die anderen Mädchen erzählten. Ihre Worte passten nicht ganz zu meinem Erleben.
Dann küsste er ein anderes Mädchen, und es verletzte mich sehr.
Da war also etwas. Mein Körper wusste längst, dass mir diese Verbindung etwas bedeutete. Nur mein Kopf fand noch keinen eindeutigen Namen dafür.
Diese Frage reiste mit mir nach Brasilien.
Ich war 16 und flirtete mit einem Mädchen. Zwischen uns entstand ein Spiel, bei dem wir uns immer wieder fragten:
„What do you think?“
Eigentlich wusste ich längst, was sie dachte. Meine Wahrnehmung hatte unsere Anziehung früher verstanden als mein Kopf.
Eines Abends tranken wir genug, um uns zu trauen, und ich küsste sie. Nicht beim Flaschendrehen, nicht als Spiel und nicht, weil andere zusahen.
Wir küssten uns, weil wir es beide wollten.
Später in der Nacht kam sie zu mir. Am nächsten Morgen nahm sie meine Hand. Was zuvor zwischen Blicken und Fragen gelegen hatte, war plötzlich wirklich geworden.
Doch es gab kaum einen Raum, in dem diese Verbindung offen existieren durfte. Das Umfeld war stark katholisch geprägt, und in der Öffentlichkeit wollte sie sich weiterhin mit Jungen zeigen. Ich sagte ihr, dass mir das wehtat und ich damit nicht umgehen konnte.
Als sie für ihr Studium wegzog, begann ein Hin und Her. Kam sie zu Besuch, sagte sie mir manchmal nach genügend Alkohol, dass sie mich vermisste. Wir küssten uns, und kurz darauf stand wieder ein Mann als Alibi an ihrer Seite.
Lange glaubte ich, ich müsste mit ihr klären, was das zwischen uns gewesen war. Als könnte erst ihre Antwort meiner Erinnerung eine endgültige Form geben.
Jahre später sagte meine Therapeutin etwas, das mich sehr berührte: Wir brauchen den anderen Menschen nicht immer, um Klarheit und Frieden zu finden.
Vielleicht ist das eine der Möglichkeiten der Zeitreisenden: Ich kann an einen früheren Ort zurückkehren, ohne dort weiter auf jemanden warten zu müssen.
Meine Erinnerungen ziehen weiter.
An meinem 18. Geburtstag wurde mir ein Stripper geschenkt. Geblieben ist die Erinnerung an seine zarte Haut und an die Frage, die danach immer noch nicht beantwortet war: Wollte ich lieber einen Jungen oder ein Mädchen küssen?
Also küsste ich einen Jungen und ein Mädchen.
Im selben Lebensjahr begegnete ich meiner ersten Partnerin und damit meiner ersten großen Liebe. Auch dieser Anfang war nicht geradlinig. Nach unserem ersten Kuss schlief sie noch einmal mit ihrem Exfreund. Das tat mir unfassbar weh. Trotzdem ging ich nicht, weil ich sie sehr mochte. Irgendwann traute sie sich, sich auf uns einzulassen, und wir blieben zwei Jahre zusammen.
Wenn ich heute an sie denke, kehrt zuerst unser Lachen zurück.
Mit ihr konnte man Pferde stehlen.
Wir belegten Tiefkühlpizza mit einer gefühlten zehn Zentimeter dicken Schicht Käse. Wir bestellten Perlen, reinigten und sortierten sie. Ich liebte diese Perlen, und wir waren überzeugt, daraus ein gemeinsames Business machen zu können.
Dann sitzen wir mit einem Bollerwagen im Zug auf dem Weg zum Chiemsee Reggae Festival.
Lange waren das nur Geschichten, die ich über eine frühere Version von mir erzählen konnte. Ich wusste von der Pizza, den Perlen und dem Bollerwagen. Doch ich saß nicht mehr wirklich in diesem Zug.
Erst jetzt fällt mir auf, dass alles, was vor einer Trennung liegt, die fünf Jahre zurückliegt, in meiner Erinnerung wie schwarz-weiß geworden war. Nicht nur die schmerzhaften Erfahrungen. Auch eine der leichtesten und lebendigsten Zeiten meines Lebens hatte ihre Farbe verloren.
Jetzt kehrt sie zurück.
Ich rieche wieder das Gard-Gel. Ich höre ATB. Ich spüre, wie sich im Skilager alles in mir zusammenzieht, und sehe zugleich das Licht der Kerzen hinter der Theaterbühne. Vor mir liegen die Perlen, die wir reinigten und sortierten. Im Zug steht unser Bollerwagen.
Der Schmerz wird wieder persönlich.
Aber auch die Freude.
Vor einiger Zeit las ich Rosa von Anne Cathrine Bomann. Die Hauptfigur Vigga lebt hinter einer inneren Wand und findet nur schwer Zugang zu anderen Menschen. Etwas verändert sich, als der Oktopus Rosa einen Arm auf ihre Hand legt.
Keine Erklärung. Keine große Aussprache.
Eine Berührung.
Vielleicht berührt mich diese Begegnung deshalb so sehr. Auch meine Erinnerungen kommen nicht allein über Gedanken zurück. Sie erreichen mich über meinen Körper, über Gerüche, Musik und Berührungen.
Diesen unmittelbaren Zugang kenne ich auch von Katzen, Hunden und Pferden. Bei ihnen muss ich nicht zuerst erklären, wer ich bin oder was etwas in mir bedeutet. Ich kann wahrnehmen und mich wahrnehmen lassen.
Vielleicht braucht auch meine Vergangenheit gerade keine weitere Erklärung. Vielleicht möchte sie von mir nicht analysiert, sondern wieder berührt werden.
Ich dachte lange, Erinnern bedeute, erzählen zu können, was geschehen ist.
Jetzt entdecke ich etwas anderes.
Erinnern bedeutet auch, wieder diejenige zu sein, die dort saß, küsste, lachte, Angst hatte und Perlen durch ihre Hände gleiten ließ.
Meine Vergangenheit war nicht verschwunden.
Sie hatte nur ihre Farbe verloren.
Jetzt wird sie wieder mein Leben.
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