Heute beginne ich, meine Gedanken im Internet zu veröffentlichen.
Früher schrieb ich Tagebuch
27. Juli 2026

Heute beginne ich, meine Gedanken im Internet zu veröffentlichen. Unter meinen Texten gibt es bewusst eine Kommentarfunktion – einen Raum, in dem andere Menschen mir antworten dürfen. Dazwischen liegt mehr als der Wechsel von einem Medium zu einem anderen. Es ist mein Weg von einem geschützten Raum, in dem mich niemand bewerten konnte, zu einem Raum, in dem andere Menschen mich sehen und innerlich bewegen dürfen.
Ich schrieb nie täglich Tagebuch. Es war kein Ritual, das ich morgens oder abends pflichtbewusst erfüllte. Es gab Phasen, in denen ich viel schrieb, und andere, in denen die Seiten leer blieben. Meistens griff ich zum Stift, wenn der Wellengang in mir hoch war. Wenn die Gedanken laut, chaotisch und unsortiert wurden und ich nicht mehr wusste, welcher Gedanke zu welchem Gefühl gehörte.
Das Tagebuch war mein Ventil. Dort durfte alles hin: ungefiltert, ungeordnet und widersprüchlich. Ich musste nichts schön formulieren, nichts erklären und niemanden schützen. Manchmal wurde der Sturm dadurch leiser, manchmal nur erträglicher. Aber fast immer entstand zwischen all den Sätzen irgendwann eine Spur. Ein Gefühl bekam einen Namen, ein Gedanke löste sich aus dem Knäuel. Lange blieb dieser Schreibraum nur meiner.
Als das Tagebuch nicht mehr antworten konnte
Später begann ich, persönliche E-Mails an Menschen zu schreiben, denen ich vertraute. Ich mochte diese Form, weil sie mir Zeit gab, mich meinen eigenen Gedanken anzunähern, bevor ich sie einem anderen Menschen übergab.
Wenn ich heute darauf zurückblicke, möchte ich diesen Übergang nicht reifer darstellen, als er damals war. Ich schrieb nicht nur, um jemanden an meinen Gedanken teilhaben zu lassen. Ich war am Anfang eine Ertrinkende. Ich wollte hören, dass mit mir alles in Ordnung ist, dass ich nicht falsch bin und mit meinen Gefühlen und Widersprüchen so sein darf, wie ich bin. Vielleicht suchte ich keine konkrete Lösung, aber ich wollte gehalten und bezeugt werden. Das Tagebuch konnte meine Gedanken aufnehmen. Ein vertrauter Mensch konnte mir antworten.
Eine Welt, in der ich sein durfte
Als ich meine Ausbildung in Eisenbuch begann, eröffnete Erika Schäfer mir eine Welt, in der ich erfahren durfte, dass alles da sein darf und ich so sein darf, wie ich bin. Dort begegnete ich Menschen, mit denen ich ein Verständnis von Eigenverantwortung und Projektion teilen konnte. Ihnen schrieb ich immer offener über das, was sich in mir bewegte.
Sie verstanden, dass meine Texte zunächst Ausdruck meines inneren Prozesses waren. Selbst wenn unsere Begegnung darin vorkam, mussten sie nicht jeden Satz unmittelbar als Aussage über sich verstehen. Anfangs wollte ich mich durch ihre Reaktion noch immer sicherer fühlen. Doch langsam erlebte ich, dass ein Mensch meinen Prozess bezeugen kann, ohne ihn für mich lösen zu müssen.
Mein Sein ist zunächst absichtslos
Das Thema Projektion ist mir bis heute wichtig. Nicht, weil ich glaube, dass ich nicht mehr projiziere. Ich bin mir nicht sicher, ob wir jemals vollständig damit aufhören. Aber es hilft mir zu wissen, dass eine Gefühlsregung, die ein anderer Mensch in mir auslöst, nicht zwangsläufig nur etwas über ihn erzählt. Vielleicht berührt sein Verhalten eine alte Erfahrung, eine Angst oder eine Wunde in mir. Ebenso kann mein Sein in einem anderen Menschen etwas auslösen, das nicht meiner bewussten Absicht entspricht.
Mein Sein ist zunächst absichtslos. Das bedeutet weder, dass ich keine Wirkung habe, noch dass ich keine Verantwortung für mein Verhalten trage. In meiner Welt gehört dazu, anzuerkennen, dass in jedem von uns auch eine Kraft steckt, die verletzen, dominieren oder Grenzen überschreiten kann. Ich möchte sie nicht verleugnen. In meiner Arbeit mit Seelenbildern ist es sogar wesentlich, mich mit dieser Stärke zu verbinden – nicht, um sie gegen jemanden zu richten, sondern um den Raum halten zu können, wenn ein Klient in seinem Prozess Angst bekommt.
Absicht und Wirkung sind nicht dasselbe. Diese Unterscheidung nimmt niemandem die Verantwortung für das eigene Handeln, aber sie öffnet einen anderen Blick auf das, was zwischen Menschen geschieht.
Vom Rettungsring zum Impuls
Eine Zeit lang hatten einige vertraute Menschen und ich ein Abkommen: Wenn beim Lesen ein Impuls entstand, durfte er geteilt werden. Es musste keine Antwort kommen und niemand musste meinen Prozess lösen. Dieser Austausch wurde unglaublich befruchtend und inspirierend. Doch auch dorthin musste ich erst kommen.
Am Anfang empfand ich es schnell als bevormundend oder grenzüberschreitend, wenn jemand mir sagte, was er in mir wahrnahm. Durch meine innere Kindarbeit erkannte ich, dass ich in solchen Momenten unbewusst oft keinen erwachsenen Menschen vor mir sah, sondern einen Elternteil. Aus einem Impuls wurde dann ein Urteil, aus einer Wahrnehmung eine Belehrung. Etwas in mir wollte sich unterordnen, rechtfertigen oder verteidigen.
Ich durfte auch eine unbequeme Seite in mir erkennen: Manchmal begegnete ich selbst anderen Menschen nicht auf Augenhöhe. Ich glaubte, etwas in ihnen zu sehen, das sie noch nicht erkennen konnten, und hielt meine Wahrnehmung für wahrer als ihre eigene. Vielleicht fiel es mir auch deshalb so schwer, die Impulse anderer anzunehmen.
Heute glaube ich einem Menschen, dass er mich so wahrnimmt. Ich muss nicht sofort entscheiden, ob seine Wahrnehmung zu mir gehört oder stärker aus seiner eigenen Welt kommt. Ich lasse sie zunächst in meinen Raum und beobachte, was sie in mir auslöst. Das bedeutet nicht, dass ich mich seinem Bild unterwerfe. Es bedeutet, dass ich nicht alles abwehren muss, was mein bisheriges Selbstbild infrage stellt. Ein Impuls darf mich irritieren und eine Bewegung anstoßen, deren Richtung ich noch nicht kenne.
So wurde aus dem Rettungsring allmählich etwas anderes: ein Gegenüber, dessen Wahrnehmung mich berühren darf, ohne über meine Innenwelt zu bestimmen.
Ich muss nicht mehr allein in mich gehen
Wenn ich heute heftig auf etwas reagiere, das mein Gegenüber sagt oder tut, schaue ich mir diese Reaktion mit Methoden an, die nicht ausschließlich über den Verstand arbeiten. Denn mein Verstand kann sehr überzeugend erklären, warum ich recht habe, der andere falschliegt oder meine Reaktion vollkommen logisch ist. Doch eine schlüssige Erklärung ist nicht immer eine Erkenntnis.
Unter dem, was ich bewusst denke, kann eine alte Erfahrung, eine Angst oder ein inneres Bild liegen. Innere Kindarbeit, Seelenbilder, Aufstellungen oder Rückführungen eröffnen mir Zugänge zu solchen Ebenen. Das bedeutet nicht, dass ich heute alles erkenne. Es gibt weiterhin Themen, die ich noch nicht sehen will oder noch nicht sehen kann.
Früher hätte ich vielleicht behauptet, etwas bereits verstanden oder gelöst zu haben. Heute darf die ehrlichere Antwort lauten: Da ist etwas. Ich merke, dass es mich bewegt, aber ich bin noch nicht bereit, es vollständig anzuschauen. Auch das ist Wahrheit – nicht die endgültige Wahrheit darüber, was in mir vorgeht, sondern die Wahrheit darüber, wo ich gerade stehe. Ich darf anerkennen, dass etwas da ist, ohne so zu tun, als hätte ich es bereits durchdrungen.
Reifer bedeutet nicht bedürfnislos
Mit der Zeit veränderte sich mein Schreiben an andere Menschen. Ich wurde innerlich reifer. Nicht in dem Sinn, dass ich plötzlich niemanden mehr brauchte. Ich brauche Beziehung und Resonanz. Manchmal brauche ich Trost, Nähe oder jemanden, der etwas mit mir aushält.
Aber ich brauche seltener die Bestätigung, dass mit mir grundsätzlich alles in Ordnung ist. Ich kann mehr von dem, was in mir geschieht, selbst halten und meinen inneren Zustand weniger von der Reaktion meines Gegenübers abhängig machen. Der andere muss mich nicht mehr aus meinem Sturm retten. Er darf darin neben mir stehen.
Vielleicht bedeutet Reife, bewusster zu erkennen, was ich gerade brauche, und den anderen nicht vollständig dafür verantwortlich zu machen. Eine Antwort muss mich nicht nur bestätigen oder entlasten. Sie darf mich auch verändern.
Meine Wahrheit war voller Vorstellungen
Wenn ich meine alten E-Mails heute lese, fällt mir auf, wie häufig darin das Wort „Vorstellung" vorkommt: meine Vorstellung von Freiheit, Liebe, Beziehung und davon, wie ein Mensch sein sollte, wenn er wirklich bei sich angekommen ist. Damals gaben mir diese Bilder vermutlich Orientierung. Heute spüre ich darin vor allem Enge.
Vorstellungen legen fest, wie etwas sein, werden oder ausgehen soll. Sie können sich zwischen mich und die Erfahrung stellen, sodass ich nur noch prüfe, ob das, was geschieht, zu meinem Bild passt. In meinen damaligen Vorstellungen lag mehr Kontrolle, als mir bewusst war.
Sie waren Teil meiner damaligen Wahrheit, und ich muss sie nicht abwerten. Vielleicht brauchte ich sie, um mich orientieren zu können. Aber meine Wahrheit ist weitergezogen. Heute folge ich eher einem Impuls und schaue, was passiert. Früher wollte ich verstehen, bevor ich erlebte. Heute versuche ich öfter, zu erleben und erst danach zu verstehen.
Schreiben als Beziehungsraum
Mit der Zeit wurde das Schreiben für mich zu mehr als einem Ventil. Ich nehme etwas, das ich erlebt habe, und bewege es in mir. Ich frage, was darunter liegt und was es über Beziehung, Nähe, Angst, Freiheit, Verantwortung oder das Menschsein erzählen könnte. Dabei suche ich nicht unbedingt nach einer allgemeingültigen Antwort.
Ein Gedanke darf sich verändern, während ich schreibe. Manchmal widerspricht der letzte Absatz dem ersten. Manchmal erkenne ich erst durch die Worte, dass meine bisherige Wahrheit nicht mehr zu meinem heutigen Erleben passt. Ich muss am Anfang nicht wissen, wo ich am Ende ankommen werde. Der Text darf mich selbst mitnehmen.
Warum es unter meinen Texten Kommentare gibt
Mit Seelenworte öffne ich meinen Schreibraum nun weiter. Die Kommentarfunktion ist für mich kein technisches Anhängsel, sondern vielleicht der gewagteste Teil dieser Website. Im Tagebuch war ich sicher, weil niemand antworten konnte. In meinen E-Mails wählte ich genau aus, wer meine Gedanken lesen durfte. Hier können auch Menschen reagieren, die ich nicht kenne.
Ich möchte erfahren, was meine Worte in ihnen auslösen und welche Impulse zu mir zurückkommen. Dabei mache ich mir nichts vor: Bestätigende Worte können mich noch immer beruhigen, und Ablehnung kann mich treffen. Ich möchte nicht gleichgültig werden. Doch ich öffne diesen Raum heute nicht in erster Linie, um gerettet zu werden, sondern um Beziehung zuzulassen.
Ein Kommentar kann mich bestätigen, irritieren oder auf etwas aufmerksam machen, das ich selbst nicht gesehen habe. Ich möchte nicht vorher festlegen, was er in mir auslösen darf. Das heißt nicht, dass ich alles übernehmen muss, dass jeder Mensch recht hat oder dass es keine Grenzen gibt. Aber ich möchte die Tür nicht schon schließen, bevor überhaupt etwas bei mir angekommen ist.
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