Seelenworte
Über Eros und Psyche, das Licht im Beziehungsdunkel – und warum ich mich gerade blitzgescheit an mir selbst erfreue
14. August 2026

Ich sitze gerade an etwas, das mich völlig fasziniert.
Ich habe angefangen, an einer Sachbuchreihe zu schreiben. Ein Band soll sich mit Philosophie in der Aufstellungsarbeit beschäftigen – mit der Frage, wie die Seele eigentlich spricht. Weil sie eben nicht in klaren, rationalen Sätzen spricht, sondern in Bildern, Symbolen, Geschichten, Parabeln und Mythen.
Ich mache es dabei ein bisschen wie der Hirnforscher Gerald Hüther, der einmal erzählt hat, dass er Bücher schreibt, um sich selbst Fragen zu beantworten.
Genau so fühlt es sich bei mir an.
Ich möchte eine wirklich gute Therapeutin sein. Und dafür merke ich immer mehr: Ich brauche Bildung. Nicht im Sinne von „Ich muss möglichst viel wissen, damit ich schlau wirke“. Sondern ich möchte verstehen, was mir Menschen in Aufstellungen eigentlich zeigen. Woher diese Bilder kommen. Welche menschlichen Erfahrungen sich darin vielleicht schon seit Jahrtausenden ausdrücken.
Gestern war ich beim Höhlengleichnis von Platon. Heute bei Eros und Psyche.
Und ich bin absolut fasziniert davon, welche zeitlose Weisheit in diesen alten Geschichten steckt.
Die Tragik, wie wir oft Beziehungen führen
Bei Eros und Psyche dachte ich irgendwann: Das erzählt so viel darüber, wie wir Beziehungen leben.
Psyche und Eros lieben sich – aber ihre Beziehung kann zunächst nicht im Licht bestehen. Im Licht bedeutet für mich: im Bewusstsein. Er zeigt sich ihr nur in der Dunkelheit der Nacht. Sie stellt keine Fragen, sie sieht ihn nicht wirklich. Sie versucht zu vertrauen, ohne zu wissen, mit wem sie es eigentlich zu tun hat.
Und plötzlich dachte ich: Wie oft machen wir das? Wir wünschen uns Nähe und bleiben gleichzeitig im Schatten. Wir möchten gesehen werden und spüren gleichzeitig die Vorsicht davor, was sichtbar wird, wenn Licht darauf fällt.
Als Psyche die Lampe nimmt, tut sie das nicht aus Bosheit. Sie tut es, weil eine Form von Sicherheit fehlt.
Aber da liegt noch etwas Viel-Tieferes:
Sie nimmt die Lampe und schaut ihn an – anstatt erst einmal herauszufinden, wer sie selbst eigentlich ist.
Sie sucht die Orientierung und die Halt gebende Wahrheitsfindung im Außen, beim anderen. Und in dieser Bewegung entgleitet die bisherige Form der Verbindung. Die Kerze tropft, Eros zieht sich zurück. Diese erste, unbewusste Phase der Liebe verändert sich grundlegend.
Bewusstsein und Entscheidung
Aber Eros ist darin genauso eingebunden. Er liebt sie – und kann sich ihr in diesem Moment noch nicht zeigen. Er wünscht sich Vertrauen, ohne sich selbst im Licht zu offenbaren.
Diese Geschichte erzählt für mich nicht davon, dass Psyche einfach hätte weitermachen sollen wie bisher.
Sondern sie zeigt etwas ganz anderes:
Liebe entfaltet sich am Ende im Bewusstsein.
Sie darf ins Licht treten. Sie lädt ein zu Wahrheit, zu Fragen, zu Verletzlichkeit. Und aus diesem Licht heraus entsteht der Raum für eine echte Entscheidung.
Damit so eine Entscheidung überhaupt möglich wird, beginnt für Psyche ein eigener Weg. Ein Weg, auf dem sie entdeckt, wer sie ist – jenseits der Erwartung an den anderen.
Die Aufgaben der Psyche – als innere Seelenbewegungen
Auf diesem Weg begegnen Psyche vier Aufgaben. Und als ich mir diese Bilder angeschaut habe, spürte ich, wie sehr sie innere Reifungsprozesse beschreiben, die wir auch in unseren Verbindungen wiederfinden können:
1. Das Sortieren der Samen
Psyche steht vor einem riesigen Haufen vermischter Samen.
Für mich erzählt das von Differenzierung:
Manchmal stehen wir in Beziehungen vor einem Geflecht aus Gefühlen, alten Prägungen und Wahrnehmungen. Es geht darum, leise hinzuschauen und zu entwirren: Was spüre ich gerade aus meiner eigenen Geschichte, und was gehört zu dem Raum zwischen uns?
2. Die goldene Wolle sammeln
Sie holt die goldene Wolle nicht durch Kampf von den wilden Widdern, sondern sammelt geduldig die Fäden auf, die im Gestrüpp hängengeblieben sind.
Für mich erzählt das von sanfter Kraft:
Eigene Klarheit und Würde entstehen nicht durch Härte oder Abgrenzungskämpfe. Es ist eine ruhige, weiche Präsenz, die die eigene Kraft zu sich zurückholt, ganz ohne Druck.
3. Das Wasser aus der Quelle schöpfen
Das Wasser fließt aus steilen Abgründen – erst der Blick des Adlers von oben ermöglicht es ihr, an das Wasser zu gelangen.
Für mich erzählt das von der Weite des Blickwinkels:
Wenn ein Prozess sich verstrickt, hilft oft der Schritt heraus aus dem Verstand und hinein in eine höhere Wahrnehmungsebene. Zu schauen, welche größere Bewegung in der Seele hier gerade eigentlich stattfindet.
4. Der Weg durch die Tiefe
Psyche geht tief in sich, begegnet ihren eigenen dunklen Räumen und lernt, bei sich zu bleiben, statt sich in jedem Impuls im Außen zu verlieren.
Für mich erzählt das vom Ausstieg aus der Anpassung:
Es geht um das Erkennen der eigenen Tiefe. Und darum, aufzuhören, die eigene Wahrnehmung aufzugeben, nur um zu gefallen oder gehalten zu werden.
Eine neue Form von Begegnung
Erst nachdem Psyche diesen Weg gegangen ist – nachdem sie aufgehört hat, den Blick nur auf Eros zu richten, und ihre eigene Wahrnehmung, Kraft und Eigenständigkeit entdeckt hat –, begegnen sich die beiden auf einer völlig neuen Ebene.
Sie treffen sich nicht mehr aus einer Unbewusstheit heraus, sondern als zwei eigenständige Wesen, die sich im Licht sehen können. Und nun wird eine echte, freie Entscheidung füreinander möglich.
„Alter, Susann, was denkst du da eigentlich?“
Ich muss gerade wirklich so laut lachen, wenn ich mir das hier nochmal durchlese.
Alter, Susann, was denkst du da gerade bitte alles?! 😂
Es gab da mal eine Aufstellung, in der meine Stellvertreterin immer und immer wiederholt hat: „Ich bin blitzgescheit. Also ehrlich ey, ich bin sowas von blitzgescheit!“
Damals konnte ich das noch gar nicht richtig greifen. Ich muss daran denken, wie oft ich früher in Eisenbuch bei Erika gesessen habe und fast ein bisschen neidisch auf die tollen Wassermann-Menschen geschaut habe. Oder auf die Waage-Betonten, von denen es immer hieß, wie wichtig sie für die Zukunft sind.
Und zum allerersten Mal erfreue ich mich gerade so dermaßen an meinem eigenen Horoskop! An all meinen ganz persönlichen Ressourcen:
An meinem vielen Zwilling, der genau diese Zusammenhänge verknüpft und begreift,
an meinem vielen Löwen, der sich endlich traut, damit sichtbar zu werden,
und an dem Steinbock mit seiner glasklaren Struktur.
Wie sich das plötzlich alles fügt, sodass ich so etwas schreiben kann!
Das fühlt sich überhaupt nicht an wie dieses alte „Schau mal, wie toll ich bin“ oder der Wunsch, etwas Besonderes sein zu müssen. Ich bin einfach ehrlich fasziniert von mir selbst und von meiner Arbeit gerade.
Daraus entsteht ein ganz neues Selbstbewusstsein.
Nicht: Ich brauche jemanden, der mir bestätigt, dass ich besonders bin.
Sondern: Ich entdecke mich.
Was trägt mich, wenn es keine Wirbelsäule ist?
Und ich glaube, ich habe dabei sogar ein altes Bild aus einer früheren Aufstellung verstanden.
Da war dieses Bild, dass da, wo bei anderen eine Wirbelsäule ist, bei mir irgendwie keine war.
Ich glaube inzwischen: Ich brauche diese Wirbelsäule gar nicht in der Form, wie wir sie damals interpretiert haben. Meine Stabilität fühlt sich anders an.
Ich fühle meine Energie. Und ich fühle sie immer stärker in mir selbst.
Nicht als starres Rückgrat, das mich krampfhaft aufrecht halten muss, sondern eher wie etwas, das mich von innen durchströmt und trägt.
Vielleicht war das Bild gar nicht: „Susann hat keine Wirbelsäule.“
Vielleicht war die Frage immer: Was trägt Susann eigentlich, wenn es nicht diese Art von Wirbelsäule ist?
Ich glaube, genau das beginne ich gerade herauszufinden.
Es ist meine eigene Energie.
Mein Denken.
Mein Wahrnehmen.
Meine Neugier.
Meine Fähigkeit, Zusammenhänge zu sehen.
Und vielleicht auch immer mehr dieses ganz ruhige Gefühl: Ich kann mir selbst glauben.
Das ist gerade ziemlich schön.
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