Von einem Wochenende, in dem mir das Aussen gezeigt hat, was innen auf mich wartet.
Ein Vollwaschgang mit offenen Schubladen
25. Oktober 2026

Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich vor einem Aufstellungswochenende einfach nicht zurechnungsfähig bin.
In dieser Woche hatte ich intensive Gefühlsachterbahnen, die ich nicht zuordnen konnte. Also habe ich mir in meinem Kopf irgendwelche persönlichen Geschichten dazu gesucht. Am Wochenende sind diese Gefühle dann in Aufstellungen aufgetaucht – und hatten scheinbar gar nichts mit mir zu tun.
Also ja, nicht ganz.
Wenn etwas in mir zu schwingen beginnt, hat es durchaus etwas mit mir zu tun. Mir scheint, dass jede Rolle, in der ich Stellvertreterin bin, sehr viel mit mir persönlich zu tun hat. So bin ich mir zum Beispiel am Donnerstag noch selbst auf den Leim gegangen und habe erkannt, dass ich in meiner Partnerschaft diejenige bin, die sich nicht entscheidet. Und voilà: Am Freitagabend stehe ich in einer Rolle, in der es um die Ursache meiner Angst vor einer Entscheidung geht.
Auch das Mann-Frau-Thema tauchte dort wieder auf. Ich bin immer wieder fasziniert davon. Wenn man diese Tür einmal öffnet und sich anschaut, was in der Tiefe darunter liegt und weshalb man im Heute so oder so reagiert, möchte man sie nicht mehr schliessen. Es ist so unglaublich. Mit dem normalen Menschenverstand lässt sich das kaum erörtern. Rückblickend ergibt es trotzdem sehr viel Sinn.
In dieser Arbeit kann sichtbar werden, dass eine Frau einmal eine «falsche» Entscheidung getroffen oder dem «Falschen» vertraut hat – und dass daraus ein Schicksal wie eine Massenvergewaltigung entstanden ist. So etwas kann in den nachfolgenden Generationen nachwirken. Und dann kann es passieren, dass ich in meinem heutigen Leben Schwierigkeiten habe, mich für einen Menschen zu entscheiden – und mich auch für mein Frausein zu entscheiden.
Unglaublich.
Daran merke ich immer wieder, dass ich einem Menschen sein Verhalten kaum übel nehmen kann. Sehr oft würde er sich, wenn ihm bewusst wäre, was in ihm geschieht, gerne anders verhalten. Aber er kann einfach nicht – und weiss oft selbst nicht, warum er das tut.
Das ist auch der Grund, weshalb ich gar nicht mehr anders kann, als mit diesem Weltbild durchs Leben zu gehen: Das Aussen spiegelt mir immer auch das Innen. Mein Gegenüber hilft mir, etwas zu erkennen. Manchmal schlüpft es unbewusst in eine schwierige Rolle, damit etwas in mir aufwachen kann. In Aufstellungen habe ich schon oft erlebt, dass ein Partner brutal oder auf andere Weise schwierig ist – als Ausdruck eines Schicksals, das der Partner nicht ansehen kann.
Wenn du heiraten willst, deine Partnerin aber plötzlich nicht, heisst es in der üblichen Lesart vielleicht: Dann geh, wenn sie dich nicht wertschätzt. Dass sie dich vielleicht nur schont, weil du selbst kein Recht auf Leben hast und Heiraten für dich Leben bedeuten würde – darauf kommt kaum jemand. Genau das fasziniert mich an der Haltung dieser Arbeit, die ich von Erika Schäfer gelernt habe.
Sie war die erste Erwachsene, die Dinge ausgesprochen hat, die ich vorher nur diffus wusste. Die Erwachsenen verhielten sich so anders, und ich verstand gar nichts mehr. Ich war verwirrt. Das fängt ja schon damit an, dass Erwachsene oft nicht sagen, was sie denken und fühlen. Manchmal merken sie selbst nicht einmal, dass sie anders fühlen, als sie sagen.
Meine Hände wissen vielleicht schon etwas
Letzte Woche habe ich wieder darüber nachgedacht, dass ich eigentlich auch etwas mit meinen Händen machen muss. Mein Dad fragte mich schon, als ich jünger war, ob ich nicht Masseurin werden sollte.
Man muss dazu sagen: Mein Dad ist ein Spürmonster und hellsichtig, auch wenn er das selbstverständlich niemals zugeben würde. Ein Professor hat ihm sogar bestätigt, dass er auf keinen Fall die Tür dorthin öffnen sollte. Innen wie Aussen, räusper, räusper.
Später habe ich entdeckt, dass ich vor allem meine Partnerinnen sehr gerne massiere. Dabei komme ich in eine Art meditativen Zustand. Ich spüre die Energiebahnen und merke, wo etwas ins Stocken geraten ist. Vor ein paar Jahren war ich sogar bei Tantra-Massagen und habe eine Zeit lang überlegt, ob ich eine Ausbildung machen möchte. Innerhalb einer Partnerschaft kann ich mir das allerdings kaum vorstellen. Ganz ehrlich ich weiss nicht, ob eine Partnerschaft das aushält, wenn ich anderen Frauen Tantra-Massagen gebe.
Bei den Tantra-Massagen kamen Gefühle in mir hoch, an die ich sonst gar nicht herangekommen wäre. Die Masseurin erklärte mir, dass im Schossraum die Traumatas von Frauen stecken - macht Sinn. Damals habe ich noch heftiger geweint als sonst, wenn ich in einer Aufstellung für jemand anderen stehe. Und wer mich schon einmal in einer Aufstellung erlebt hat, weiss: Ich habe da keine Hemmung. Ich gehe voll rein.
Letzte Woche kam ich durch ein Gespräch wieder auf das Thema und fing an, nach Massageausbildungen zu schauen. Eine klassische Massage sollte für eine Partnerschaft kein Problem sein. Und ich spüre, dass mit meinen Händen irgendetwas anders ist. Ich berühre auch einfach sehr gerne mit ihnen.
Jedenfalls stand ich am Samstag prompt für eine Frau, die Masseurin ist.
Da soll einer mal durchblicken.
In der Aufstellung ging es darum, wie sie in Beziehung geht. Habe ich nicht in meinem letzten Artikel noch darüber geschrieben, wie mein innerer Mann und meine innere Frau in Beziehung gehen – und dass sich das manchmal nicht vereinbar anfühlt?
Oh Mann. Das war die Essenz dieser Aufstellung: Gegensätze und von denen gibt es sehr viel in mir sind vereinbar. Zumindest für die Klientin – und dadurch auch für mich. Ich konnte sehr viel mit dem Bild anfangen, das ich für sie bekam. Sie macht ein Lagerfeuer.
Die Dame hat ihren Mond im Löwen. Ich habe neben meinem Löwe-Aszendenten auch noch weitere Löwenanteile in mir und der sagt ich bin ok so wie ich bin. Ich habe ein grosses Herz und viel Wärme zu geben. Jeder ist eingeladen, sich zu mir ans Lagerfeuer zu setzen. Jeder darf kommen und gehen, wie er will. Ich bin also auch total selbstständig und frei.
Ich hatte es nur vergessen.
Ich bin gar nicht gemeint
Danach kam eine Aufstellung zum Thema Selbstwert. Tja, was soll ich sagen: Ich habe ein riesiges Geschenk erlebt. Zum ersten Mal durfte ich erfahren, dass die Abwertung eines anderen Menschen aus dessen Mangel an Selbstwert entstehen kann. Und dass mein Gefühl, wertlos zu sein, schlicht und ergreifend ein Missverständnis ist.
Ich bin gar nicht gemeint.
Ich habe in diesem Leben schon viel Abwertung erfahren. Halleluja. Plötzlich fällt das alles von mir ab.
In der Aufstellung ging es um eine Frau, die viel zu geben hatte. Wer mich kennt, weiss: Ich bin sehr grosszügig und habe auch sehr viel zu geben. Die Frau hatte ein Schicksal erlebt und zugemacht. Sie war im Schock und konnte nicht fassen, wie so etwas passieren kann, wenn man so viel zu geben hat.
Und es war einfach eins zu eins, wie ich es schon so oft erlebt habe: Ich bin offen, gehe auf einen Menschen zu und habe viel zu geben – und bam, gibt es eins auf die Rübe. Zuletzt weil ich ein Geschenk gemacht habe, das viel zu teuer ist.
Oh Mann, ja klar. Wenn der andere sich selbst nicht wert ist, gerät die Person in Stress, wenn ich sage: Doch, du bist wertvoll.
Das macht so Sinn.
Ich habe damals nicht verstanden, wie mein Gegenüber mein Geschenk bezahlen wollte, weil es zu teuer war. Ich dachte: Hä, wie kann man sich über ein Geschenk nicht freuen? Aber ja, ich kenne das von mir selbst.
An diesem Wochenende habe ich auch materielle Geschenke bekommen. Eine Freundin hat mir etwas aus dem Urlaub mitgebracht. Ich stand da wie ein Stoffel. Ich bin das nicht gewohnt. Ich bin diejenige, die Geschenke macht. Ich bin es nicht gewohnt, dass etwas zurückkommt – und vor allem nicht so von Herzen.
Auf der Karte waren Quallen. In meiner Praxis hängen lauter Bilder von Quallen. Und ich liebe Schildkröten. Sie hat mir einen Block mit Schildkröten mitgebracht. Ich war wie im Schock und konnte auch nichts mehr wirklich sagen und musste schnell weg. Mhmm... kenne ich irgendwoher das Verhalten. Hab ich so schon beobachten. Hahahaha
Tja und dann stehe ich auch noch für «Ich habe genug Geld». Das hängt ja alles zusammen. Darf Geld zu mir zurück fliessen oder nur rausfliessen? Ich habe schon öfter erlebt, dass Menschen es wertvoll finden, wie ich als Stellvertreterin bin. Teilweise haben sie extra auf mich gewartet oder ausdrücklich nach mir gefragt. Diesmal sagte der Klient vorher noch: «Das hat Druck, da braucht's die Susann.»
Ich finde es immer wieder interessant, wie unsinnig Bewertung eigentlich ist – in die eine wie in die andere Richtung. Manchmal habe ich grosse Mühe mit meiner eigenen Intensität an Gefühlen. Mein Intellekt bekommt das nicht immer unter ein Dach. Im richtigen Spielfeld eingesetzt, ist diese Intensität aber etwas "Gutes". Klientinnen und Klienten sind oft froh, wenn ich das für sie mache. Wenn ich stark ausdrücke, wozu sie sich selbst vielleicht nicht trauen.
Auch hier wieder ein Beispiel: Es ist vereinbar. Die Intensität bekommt in Aufstellungen ihren Ausdruck, und der Intellekt fasst es dann in Worte und in einen Kontext.
Voilà.
Der Krieg wollte, dass wir in Beziehung gehen
Am Samstagabend haben wir noch geforscht. Wir stellen dann allgemeine Themen auf, die die Gesellschaft beschäftigen. Aktuell beschäftigt viele ein möglicher bevorstehender Krieg. In diesem Feld standen zum Beispiel die Menschheit – der es sehr schlecht ging –, das Matriarchat, das Patriarchat, der Krieg, der Frieden, eine geschlechtsneutrale Struktur und das In-Beziehung-Gehen.
Es stellte sich heraus, dass der Krieg wollte, dass wir endlich wieder in Beziehung gehen. Es sah so aus, als bräuchte es Krieg, wenn wir nicht wieder anfangen, in Beziehung zu gehen.
Das war erschreckend. Und gleichzeitig macht es Sinn – im Grossen wie im Kleinen. Wie viele Kleinkriege führen wir in unseren Partnerschaften, mit Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen, mit Freunden und Bekannten? Unter den Geschlechtern? Und wie viele führen wir in uns selbst?
Wie oft gehen wir in den Separatismus statt in Beziehung? Wir machen dicht, gehen zu und wollen gar nicht wissen, was beim anderen passiert, was er erlebt.
Deshalb überlege ich gerade, wie ein Übungsraum aussehen könnte, in dem wir üben können, in Beziehung zu gehen.
Und genau deshalb ist diese Arbeit für mich so wichtig. Durch die Haltung dahinter haben wir keine andere Wahl, als in Beziehung zu bleiben. Wir können nicht einfach die Augen verschliessen, sagen: «Der andere ist ein Depp», und in die Trennung gehen. Wir müssen lernen, den Geist dahinter zu erkennen. Zu sehen, dass das Aussen ein Spiegel sein kann, wenn mich innerlich etwas berührt – so wie ich es hier beschreibe.
Sicherlich muss ich mir auch nicht jeden Tennisball anschauen, der mir entgegenfliegt. Keine Frage, das kann überfordernd werden. Trotzdem hat mir mein bester Freund einmal gesagt, dass er noch nie jemanden gesehen hat, der sich mit einer solchen Konsequenz alles rigoros reinzieht wie ich. Und ja, das ist eine Stärke von mir. Auch wenn sich dahinter manchmal ein Ausweichen verstecken kann, damit ich den Schmerz nicht fühlen muss, der halt einfach da ist.
Eine offene Schublade in der Sauna
So ein Wochenende ist gerne auch mal ein Vollwaschgang. Am Samstagabend war ich unerwartet supergut drauf in der Sauna mit einer Freundin. Und dann flog mir ein Thema, das ich schon wieder vergessen hatte, ohne Vorwarnung mitten ins Gesicht.
Sie sprach von einer Frau, die sie spannend findet.
Aber nicht anziehend.
Oh no. Bitte nicht dieses Thema. Das hatten wir schon. Es hat meinen Selbstwert in eine Million Einzelteile zerbröselt, die ich seither mühsam wieder zusammensetze. Vor einiger Zeit habe ich gesagt bekommen, dass ich nicht anziehend bin.
Diesmal war aber etwas anders. Ich habe aufgehört, mir Gedanken darüber zu machen, was anziehend ist und was nicht. Warum jemand jemanden anziehend findet oder eben nicht. Dieses Gedankenkarussell, mit dem ich versuche, aus dem Schmerz herauszukommen.
In einer Aufstellung durfte ich auch erkennen, dass es dieses Fischi-Träumen mit den Illusionen gibt, mit denen ich ausweiche. Und dass es ein Träumen gibt, das inspiriert. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich damals in irgendwelche Träumereien gegangen bin: Der andere merkt nur nicht, dass er sich selbst belügt, und so weiter.
Jetzt erkenne ich, dass es hilfreicher ist, die Realität anzuerkennen. Dann komme ich an den echten Schmerz. Und der ist: Ich finde mich selbst nicht anziehend.
Ich finde meinen Körper nicht anziehend.
Es gibt Frauen, die sich wahnsinnig gerne selbst anfassen und mega Spass mit sich haben. Ich gehöre nicht dazu.
Wenn mir jemand sagt, dass ich nicht anziehend bin, ist es für mich Unsinn, nur aus dem Kontakt zu gehen, weil ich den Schmerz nicht fühlen will. Es ist essenziell für mich, mir anzuschauen: Warum bekomme ich das im Aussen gespiegelt?
Manchmal heisst es auch, anzunehmen, was ist – und nicht daran zu arbeiten, dass die Situation anders wird. Ich erlebe oft, dass Menschen aufstellen und zurückführen, mich selbst eingeschlossen, damit sich eine Situation verändert. Aber darum geht es in dieser Arbeit nicht.
Hier heisst Heilung, dass ich annehme, was ist. Und das bedeutet in meinem Fall: Mich findet jemand, den ich toll finde, einfach nicht anziehend.
Punkt.
Nicht so einfach als 4 Fach Löwin. Da gefällt man nämlich sehr gerne anderen. Naja ich werde es überleben. Bleibt mir offen gestanden auch nichts anderes übrig, wa?!
Mit dieser offenen Schublade ging ich also am Sonntagmorgen ins Qi Gong. Und fuck, ich bin gestorben. Wenn man sich so langsam bewegen muss und alles mitkriegt – wie angespannt man ist und wie scheisse man den eigenen Körper findet –, ist das einfach nicht witzig.
Schon beim Yoga habe ich gemerkt, dass dieses «nur so weit, bis es weh tut» für mich nicht funktioniert. Es tut alles weh, weil ich total verkrampfe und wahnsinnig viel von mir erwarte und eigentlich permanent alles verkrampft versuche richtig zu machen. Leistung, Leistung, Leistung.
Für mich war es beispielsweise indiskutabel, am Sonntagmorgen nicht laufen zu gehen, nur weil es regnete. Nö. Da müssen mehr Kilos runter. Es kippt schon wieder.
Da war sie wieder: die Härte, die ich manchmal schön verdränge, dass sie da ist.
Das Seltsame war, dass ich eigentlich noch am Samstag in den Spiegel geschaut und zum ersten Mal mein Gesicht schön gefunden habe. Ich fand mich hübsch. What? Ich fand das Gesicht und die Augen, die mich da ansehen, hübsch.
Waaauuuuw.
Hat auch nur knapp 37 Jahre gedauert. Hahahaha.
Aber den Körper anziehend finden? Äh, nope.
Klar: Wenn man so verkrampft ist und das Gegenteil von locker, hat man auch nicht wirklich Lust, im eigenen Körper zu sein. Und so fahre ich mit offenen Schubladen nach Hause. Trotzdem glücklich über die vielen Geschenke, die ich an diesem Wochenende erhalten habe.
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