An der Stickmaschine habe ich etwas über mich gelernt – und darüber, was Fehler in Lernen und Beziehung wirklich bedeuten.
Ein Fehler ist nicht das Ende
21. September 2026

Heute haben wir an der Stickmaschine gearbeitet.
Ich sass davor und war sofort fasziniert. Da ist diese Maschine, diese vielen Möglichkeiten, die Fäden, die Technik – und natürlich wusste ich nicht auf Anhieb, wie alles funktioniert.
Also habe ich ausprobiert.
Geschaut.
Nachgefragt.
Etwas eingestellt.
Wieder geschaut.
Und plötzlich habe ich gemerkt: Genau so lerne ich.
Ich bin ein Trial-and-Error-Mensch.
Erst versuchen, dann verstehen
Ich lerne nicht am besten, wenn ich erst alles theoretisch durchdringen muss, bevor ich einen ersten Schritt mache.
Ich brauche oft den Versuch.
Ich muss etwas anfassen, erleben, sehen, dass etwas nicht so funktioniert wie gedacht. Dann kann ich nachjustieren. Dann verstehe ich, warum etwas so ist, wie es ist.
Ein Faden, der nicht dort landet, wo ich ihn haben wollte, ist für mich nicht einfach ein Fehler.
Er ist Information.
Er zeigt mir etwas.
Ich kann genauer hinschauen. Ich kann eine Einstellung verändern. Ich kann es noch einmal versuchen.
Und irgendwann entsteht etwas, das vorher noch nicht da war.
So vieles darf ausprobiert werden
Vielleicht berührt mich meine Ausbildung gerade deshalb so sehr.
Wir dürfen so vieles nicht nur hören oder lesen, sondern selbst erleben.
Wir arbeiten in den Ateliers. Wir filzen, nähen, töpfern und sticken. Wir nehmen unsere Stimmen auf und bekommen Stimmbildung. Wir lernen Gitarre und singen im Chor. Wir bauen und programmieren mit LEGO. Wir gehen in den Kindergarten, erzählen Geschichten, werden dabei aufgenommen und bekommen Rückmeldung.
Bei all dem geht es nicht darum, dass wir es sofort können müssen.
Es geht darum, dass wir besser werden dürfen.
Die Aufnahme beim Singen ist nicht dazu da, mich zu bewerten. Sie hilft mir, meine Stimme besser kennenzulernen.
Das Video von mir beim Erzählen ist nicht dazu da, Fehler zu suchen. Es hilft mir, Gestik und Mimik bewusster einzusetzen.
Und wenn ein LEGO-Roboter etwas ganz anderes macht, als er soll, dann ist das kein Grund, alles hinzuschmeissen.
Dann beginnt das Lernen erst richtig.
Früher war ein Fehler nie nur ein Fehler
Ich habe Schule oft anders erlebt.
Ein Fehler fühlte sich nicht einfach wie ein nächster Schritt an. Er konnte sich anfühlen wie ein Beweis: Ich kann das nicht. Ich bin nicht gut genug. Ich muss aufpassen, mich nicht zu blamieren.
Und wenn Fehler mit so viel Angst verbunden sind, wird Lernen eng.
Dann versucht man vielleicht nicht mehr frei heraus. Man will erst ganz sicher sein. Man möchte nichts zeigen, das noch unfertig ist.
Ich merke gerade, wie sehr mich die Ausbildung an dieser Stelle entspannt.
Denn hier wird nicht erwartet, dass ich fertig bin.
Hier bin ich, um zu lernen.
Die Frage hinter jedem Fach
Das Schöne ist: Wir machen diese Dinge nicht einfach nur für uns.
Wir werden immer wieder dazu angeregt, zu reflektieren:
Wie könnte das mit Kindern gehen?
Was lernen sie dabei?
Welche Erfahrungen machen sie?
Wie begleite ich sie, wenn etwas nicht sofort klappt?
Das finde ich so wertvoll.
Denn ich merke am eigenen Körper, was ich Kindern später ermöglichen möchte.
Dass sie an einer Stickmaschine stehen und nicht denken: Ich darf nichts falsch machen.
Sondern: Ich probiere es aus.
Dass sie mit LEGO bauen und sich nicht schämen, wenn der Roboter in die falsche Richtung fährt.
Sondern: Was können wir verändern?
Dass sie eine Geschichte erzählen, sich vielleicht noch nicht ganz sicher fühlen und trotzdem erleben: Ich darf sichtbar sein. Ich darf üben. Ich bekomme Rückmeldung, die mir hilft.
Ich glaube, genau so hängt alles zusammen.
Die Stimme.
Die Hände.
Die Bewegung.
Die Sprache.
Die Technik.
Die Beziehung.
Und immer wieder die Frage: Wie schaffen wir einen Raum, in dem ein Kind sich entwickeln kann?
Auch in Beziehungen sind wir Lernende
Diese Erkenntnis begleitet mich gerade nicht nur im Studium.
Sie begleitet mich auch in Beziehungen.
Denn Menschen lernen verschieden.
Die eine Person braucht zuerst Sicherheit, Struktur und einen klaren Plan. Die andere lernt, indem sie ausprobiert und unterwegs herausfindet, was stimmig ist.
Beides ist nicht falsch.
Aber es kann Stress auslösen, wenn wir nicht darüber sprechen.
Wenn die eine Person einen Versuch macht und denkt: Wir schauen, was passiert.
Und die andere darin vielleicht schon ein Risiko sieht.
Wenn etwas noch nicht klappt und einer denkt: Gut, dann lernen wir daraus.
Während der andere denkt: Jetzt stimmt etwas Grundsätzliches nicht.
Dann kann ein kleiner Fehler plötzlich sehr gross werden.
Und manchmal führt nicht der Fehler selbst zu Distanz, sondern die Angst vor dem Fehler.
Ein Fehler muss nicht trennen
Ich finde es gerade unglaublich entlastend, mir selbst und anderen sagen zu dürfen:
Wir lernen noch.
Wir müssen es nicht sofort wissen.
Wir dürfen ausprobieren.
Wir dürfen nachfragen.
Wir dürfen korrigieren.
Wir dürfen etwas anders machen, wenn wir merken, dass es nicht passt.
Ein Fehler muss nicht bedeuten, dass etwas beendet ist.
Er muss nicht bedeuten, dass wir uns voneinander entfernen.
Er kann auch einfach ein Hinweis sein:
Hier brauchen wir noch etwas Zeit.
Hier dürfen wir genauer hinschauen.
Hier dürfen wir gemeinsam herausfinden, wie es weitergeht.
Hier geht es weiter
Vielleicht ist es das, was mich an dieser Ausbildung so überwältigt.
Sie zeigt mir nicht nur, wie ich später unterrichten könnte.
Sie lässt mich selbst erleben, wie es sich anfühlt, wenn Lernen nicht klein macht.
Wenn ich gefordert werde, ohne Angst haben zu müssen.
Wenn ich Rückmeldung bekomme, ohne mich dafür schämen zu müssen.
Wenn aus einem Versuch eine Erkenntnis wird.
Ich merke: Ich werde nicht nur ausgebildet, um Kindern etwas beizubringen.
Ich lerne gerade selbst etwas sehr Grundlegendes:
Ein Fehler ist nicht das Ende.
Er ist oft genau der Moment, in dem etwas weitergehen kann.
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