Über Einsamkeit, das Leuchten und die Insel, die vielleicht gar kein Ort der Trennung ist.

Die Insel in mir

5. Oktober 2026

Die Insel in mir

Heute fühle ich mich einsam.

Diesen Satz zu schreiben, fühlt sich verletzlich an. Vielleicht, weil Einsamkeit schnell so klingt, als würde man um Trost bitten. Um Nähe. Um Mitleid.

Aber darum geht es mir nicht.

Ich möchte nicht, dass jemand dieses Gefühl für mich wegmacht. Ich möchte auch nicht, dass jemand mit mir mitleidet.

Ich möchte nur nicht so tun müssen, als wäre es gerade nicht da.

Vielleicht ist Einsamkeit nicht immer das Fehlen von Menschen.

Vielleicht ist sie manchmal das Gefühl, hinter einer inneren Wand zu stehen und das Leben nur durch sie hindurch zu sehen.

Menschen sind da.

Ich sehe sie. Ich spreche mit ihnen. Ich kann lachen, lernen, arbeiten, zuhören.

Und trotzdem erreiche ich sie innerlich manchmal nicht.

Oder sie mich nicht.

Dieses Bild einer inneren Wand kenne ich schon länger. Ich bin ihm einmal in einer Geschichte begegnet: einem Mädchen, dem es schwerfällt, sich mit dem Leben zu verbinden. Und ausgerechnet mit einem Oktopus gelingt etwas, das mit Menschen so schwierig scheint: Verbindung.

Dieses Bild ist bei mir geblieben.

Vielleicht, weil ich dieses Gefühl kenne.

Nicht wirklich allein zu sein und mich trotzdem manchmal zu fühlen, als wäre zwischen mir und dem Leben etwas Unsichtbares.

Die, die leuchten

Auch in meiner Aufstellung ging es viel um Einsamkeit.

Dort zeigte sich noch etwas anderes.

Mein Leuchten.

Dass meine Art, die Welt wahrzunehmen, für andere manchmal ungewohnt sein kann. Dass ich Dinge anders fühle, anders verbinde, vielleicht auch anders sehe als viele Menschen um mich herum.

Und dass genau das manchmal trennt.

Die Lösung in der Aufstellung war aber nicht, dieses Leuchten kleiner zu machen.

Sie war:

Verbinde dich mit denen, die auch leuchten.

Dieser Satz arbeitet seitdem in mir.

Denn vielleicht besteht Zugehörigkeit gar nicht darin, überall hineinzupassen.

Vielleicht geht es darum, die Menschen zu erkennen, bei denen ich mein Erleben nicht ständig erklären muss.

Menschen, die selbst auf ihre Weise leuchten.

Ich denke dabei zum Beispiel an meine Mum. Für mich ist sie so ein Mensch. Jemand, der die Welt ebenfalls anders wahrnimmt als viele andere.

Vielleicht bin ich also gar nicht allein mit meiner Art, durch diese Welt zu gehen.

Vielleicht gibt es mehr von uns.

Philoctetes und seine Insel

Heute habe ich nach einem Mythos gesucht, der etwas von diesem Gefühl in sich trägt.

Und so bin ich bei Philoctetes gelandet.

Philoctetes gehört zu den griechischen Helden, die nach Troja aufbrechen. Auf dem Weg wird er von einer Schlange gebissen.

Die Wunde heilt nicht.

Sie schmerzt. Sie entzündet sich. Seine Schreie werden für die anderen kaum noch auszuhalten.

Schließlich lassen seine Gefährten ihn auf der Insel Lemnos zurück.

Die Schiffe fahren weiter.

Philoctetes bleibt.

Mit seiner Wunde.

Und mit dem Bogen des Herakles.

Jahre verbringt er auf dieser Insel. Er jagt mit seinem Bogen und hält sich damit am Leben.

Später erfahren die Griechen, dass sie Troja ohne Philoctetes und seinen Bogen nicht erobern können.

Also kehren sie zurück.

Zu dem Mann, den sie einst aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen haben.

Und während ich diese Geschichte gelesen habe, waren plötzlich vier Bilder da:

Die Schlange. Die Wunde. Die Insel. Der Bogen.

Die Schlange

Für mich ist die Schlange ein Bild von Transformation.

Sie häutet sich.

Etwas Altes wird abgestreift.

Wir sprechen gern über Transformation, als wäre sie etwas Schönes.

Wachstum. Entwicklung. Zu sich selbst finden.

Aber vielleicht fühlt sich Transformation von innen manchmal ganz anders an.

Vielleicht passen alte Rollen irgendwann nicht mehr.

Beziehungen verändern sich.

Menschen gehen.

Das, worüber man sich einmal definiert hat, trägt plötzlich nicht mehr.

Man weiß vielleicht schon ziemlich genau, wer man nicht mehr ist – und noch überhaupt nicht, wer man gerade wird.

Und irgendwo dazwischen kann es sehr einsam werden.

Vielleicht ist das etwas von dem, was mit dem Bild der dunklen Nacht der Seele beschrieben wird.

Das Alte trägt nicht mehr.

Und das Neue leuchtet noch nicht hell genug, um den ganzen Weg erkennen zu können.

Die Insel im Meer

Und da sitzt Philoctetes.

Auf einer Insel.

Je länger ich dieses Bild anschaue, desto stärker wird für mich auch das Meer.

Denn eine Insel ist nicht einfach nur ein Stück Land, das von anderen getrennt ist.

Sie ist umgeben von Wasser.

Und Wasser ist für mich Gefühl.

Tiefe.

Unbewusstes.

Etwas, das tragen kann und gleichzeitig überwältigen.

Vielleicht ist meine Insel deshalb nicht nur ein Bild von Einsamkeit.

Vielleicht ist sie ein Stück festen Boden inmitten von sehr viel Gefühl.

Ein Ort, an dem ich versuche, mich zu halten.

Und vielleicht ist genau das manchmal das Schwierige an Verbindung:

Nicht, weil in mir zu wenig ist.

Sondern weil so viel da ist.

So viel Wahrnehmung.

So viel Gefühl.

So viel, das gleichzeitig mitschwingt.

Vielleicht entsteht die innere Wand manchmal genau dort.

Nicht aus Gefühllosigkeit.

Sondern weil irgendwo ein Schutz entsteht, wenn die Welt und das eigene Innere gleichzeitig sehr laut werden.

Die eigentliche Wunde

Auch die Wunde von Philoctetes sehe ich inzwischen anders.

Da ist natürlich seine körperliche Verletzung.

Aber mich berührt darunter noch etwas anderes:

Ausgeschlossen zu werden.

Nicht mehr Teil der Gemeinschaft zu sein.

Zurückzubleiben, während die anderen weiterziehen.

Das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören.

Keine Sicherheit in Gemeinschaft zu spüren.

Sich manchmal zu fühlen wie ein Alien auf dieser Erde.

Das kenne ich.

Dieses Gefühl, die Welt anders wahrzunehmen und nicht genau zu wissen, wo man mit all dem eigentlich hin soll.

Vielleicht berührt mich deshalb auch Chiron so sehr.

Der verwundete Heiler.

Mein Chiron steht im Krebs.

Wenn ich Astrologie als Bildsprache betrachte und nicht als festgelegte Wahrheit, führt mich dieses Bild zu Zugehörigkeit, Geborgenheit, emotionaler Sicherheit und dem Gefühl von Zuhause.

Und dann ist da meine Fische-Sonne.

Dieses starke Wahrnehmen.

Dieses Mitschwingen.

Diese großen inneren Räume.

Und irgendwann taucht die Frage auf:

Wo kann ich mit all dem, was ich wahrnehme und fühle, wirklich dazugehören?

Die Antwort kommt überraschend klar:

In mir.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Bewegung.

Nicht zuerst einen Ort im Außen finden, an dem alles von mir hineinpasst.

Sondern selbst der Ort werden, an dem nichts von mir ausgeschlossen werden muss.

Meine Gefühle.

Meine Wahrnehmung.

Mein Leuchten.

Meine Fremdheit.

Meine Angst.

Meine Bilder.

Meine Intensität.

Alles darf in mir dazugehören.

Und vielleicht verändert sich von dort aus auch die Verbindung zu anderen.

Dann suche ich nicht mehr nur jemanden, der mir Zugehörigkeit gibt.

Ich bringe meine Zugehörigkeit schon mit.

Der Bogen

Und dann ist da der Bogen.

An diesem Bild bin ich lange hängen geblieben.

Zuerst dachte ich, er müsse irgendeine Stärke symbolisieren. Etwas, das aus der Verletzung entstanden ist.

Aber inzwischen glaube ich, dass der Bogen für mich etwas anderes ist.

Er ist ein Ausdrucksmittel.

Philoctetes hat auf seiner Insel etwas, mit dem er handeln kann. Etwas, das ihm eine Richtung gibt.

Und vielleicht ist genau das für mich Kunst.

Ich habe große Gefühle oft nicht einfach als einen klaren Satz in mir.

Sie kommen als Bilder.

Als Verbindungen.

Als Symbole.

Als etwas, das sich erst einmal kaum greifen lässt.

Und dann fange ich an, mit Worten zu experimentieren.

Ich schreibe.

Ich verbinde Bilder miteinander.

Ich lege eine Insel neben eine innere Wand.

Eine Schlange neben Transformation.

Einen Oktopus neben Verbindung.

Einen Bogen neben Kunst.

Eine Laterne neben Menschen, die leuchten.

Vielleicht ist Schreiben für mich genau das:

den großen Gefühlen eine Form geben.

Nicht sie kleiner machen.

Nicht sie erklären.

Sondern etwas erschaffen, das sie tragen kann.

Vielleicht ist das meine Art von Bogen.

Meine Wortkunst.

Etwas, das ich benutzen kann, wenn in mir zu viel gleichzeitig ist.

Und vielleicht entsteht daraus manchmal sogar Verbindung.

Weil jemand anderes einen Text liest und darin plötzlich etwas Eigenes erkennt.

Dann ist das, was vorher nur in meinem Inneren war, nicht mehr ganz so allein.

Dort unten leuchten wir

Und dann fällt mir auf, wie seltsam passend noch etwas anderes in diese Woche hineingefallen ist.

Mein Gitarrenlehrer hat mir ausgerechnet jetzt mein Lieblingslied aus meiner Kindheit gegeben.

Ich gehe mit meiner Laterne, und meine Laterne mit mir. Dort oben leuchten die Sterne, hier unten leuchten wir.

Ich habe dieses Lied als Kind geliebt.

Damals hätte ich nicht erklären können, warum.

Heute sitzt da plötzlich dieser Satz aus meiner Aufstellung daneben:

Verbinde dich mit denen, die auch leuchten.

Dort oben leuchten die Sterne.

Hier unten leuchten wir.

Vielleicht sind Seelenbilder genau so.

Sie tauchen manchmal Jahrzehnte früher auf, als wir ihre Bedeutung verstehen können.

Ein Kinderlied.

Eine Laterne.

Ein Mädchen und ein Oktopus.

Eine Aufstellung.

Eine Schlange.

Eine Insel im Meer.

Eine Wunde.

Ein Bogen.

Und irgendwann liegen diese Bilder nebeneinander und beginnen, miteinander zu sprechen.

Nicht weil sie eine eindeutige Wahrheit erzählen.

Sondern weil etwas in mir darauf antwortet.

Vielleicht muss ich meine Einsamkeit heute deshalb gar nicht loswerden.

Vielleicht darf ich sie fühlen.

Vielleicht darf ich diese innere Wand wahrnehmen, ohne sie sofort einzureißen.

Vielleicht darf ich auf meiner Insel sitzen, umgeben von all diesem Wasser, und aus dem, was ich fühle, etwas machen.

Ein Bild.

Einen Satz.

Einen Text.

Vielleicht ist das bereits eine Form von Verbindung.

Und vielleicht muss ich auch gar nicht überall dazugehören.

Vielleicht geht es darum, in mir selbst dazuzugehören und zugleich die zu erkennen, die ebenfalls leuchten.

Die Menschen, bei denen ich nicht weniger werden muss, damit Verbindung möglich ist.

Und während ich diesen Text noch einmal Korrektur lese, kommt eine von denen, die leuchten, herein.

Sie küsst mich auf die Stirn.

Und es kommt an.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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