Über Selbstwert, das Beziehungs-Gitter von Terry Real und die Entdeckung, dass die Seele größer ist als jede Rolle, die endet.

Der Mensch steht in der Seele

28. August 2026

Der Mensch steht in der Seele

In den vergangenen Tagen habe ich etwas verstanden: Viele meiner Beziehungsthemen führen zurück zu meinem Selbstwert.

Das Beziehungs-Gitter von Terry Real beschreibt zwei Achsen. Auf der einen bewegen wir uns zwischen Minderwertigkeit und Überlegenheit, auf der anderen zwischen Grenzenlosigkeit und Abmauerung. In der Mitte begegnen sich zwei Menschen auf Augenhöhe: verbunden, aber eigenständig; offen, aber nicht schutzlos.

Das Beziehungs-Gitter von Terry Real – The Relationship Grid

Diese Mitte kenne ich.

Es gibt in meiner Partnerschaft ruhige, harmonische Phasen, in denen wir uns tief verbunden fühlen. Dann muss keine von uns die andere retten, kontrollieren oder abwehren. Unsere Beziehung ist nicht permanent toxisch.

Doch wenn mein Selbstwert einbricht, verliere ich meinen Platz in dieser Mitte. Dann mache ich mich kleiner, stelle mich über den anderen, verliere meine Grenzen oder ziehe mich zurück.

Das Gitter zeigt mir deshalb nicht, dass ich keine gesunde Beziehung führen kann. Es zeigt mir, was geschieht, wenn ich meinen eigenen Wert nicht mehr spüre.

Als mein äußeres Gerüst zusammenbrach

Der Super-GAU für meinen Selbstwert war die Trennung nach einer achtjährigen Partnerschaft.

Ich arbeitete damals bei einem namhaften Unternehmen, verdiente gutes Geld und wohnte in Herrsching am See. Meine Partnerin war Ärztin und ein großer Teil unseres Freundeskreises bestand ebenfalls aus Ärztinnen und Ärzten. Ich machte viel Sport und hatte auch über meinen Körper das Gefühl, mein Leben im Griff zu haben.

Nichts davon war falsch. Doch all diese Dinge waren unbemerkt zu äußeren Beweisen für meinen Wert geworden:

Ich bin erfolgreich. Ich gehöre dazu. Ich bin begehrenswert. Mein Leben zeigt, dass ich jemand bin.

Dann zerbrach die Beziehung – und mit ihr fast das gesamte Gerüst.

Die Partnerin war weg, die Wohnung war weg, ein großer Teil des Freundeskreises war weg. Ich strandete zunächst bei Freunden und versuchte, die Scherben meines Lebens zusammenzukehren.

Besonders schmerzhaft war meine damalige Deutung: Meine ehemalige Partnerin kämpfte in meinen Augen nicht um unsere Beziehung. Also musste es bedeuten, dass ich es ihr nicht wert war.

Zunächst wurde danach nichts besser.

Mein innerer Kritiker wurde unerträglich. Perfektionismus hoch 3000 war angesagt. Ein zwanghafter Anteil gewann so viel Raum, dass ich zeitweise kaum noch das Haus verlassen konnte. Bei mir wurde eine soziale Phobie diagnostiziert.

Vielleicht sollte die Kontrolle ersetzen, was ich verloren hatte:

Wenn ich nur alles richtig mache, kann mich niemand mehr ablehnen.

Aber dieser Versuch machte mein Leben immer enger.

Kaffee auf dem Küchenboden

Irgendwann schrieb ich eine Liste mit den Dingen, die ich gern mit meiner ehemaligen Partnerin gemacht hatte. Mein Ziel war, sie irgendwann auch mit mir allein genießen zu können.

Wir hatten morgens gern auf dem Küchenboden gesessen, Kaffee getrunken und miteinander geredet. Also begann ich, mir liebevoll Kaffee zuzubereiten und beim Tagebuchschreiben mit mir selbst zu sprechen.

Wir hatten beim Kochen und im Badezimmer getanzt. Also wollte ich lernen, allein in meiner Wohnung zu tanzen.

Ich meditierte, betrachtete Bäume und begann, Ruhe auszuhalten.

Später reiste ich allein mit dem Rucksack nach Guatemala und Sri Lanka. Ich lief barfuß, trug drei kurze Hosen und sechs Shirts im Wechsel, kein Make-up, nicht einmal Unterwäsche.

Eat, sleep, surf, repeat.

Ich liebte diese Freiheit. Und gleichzeitig bin ich immer wieder an meiner Einsamkeit beinahe gestorben. Ich weinte, stand am nächsten Morgen wieder auf und kümmerte mich um mich.

Darin lag die eigentliche Erfahrung:

Auch wenn niemand bei mir ist, verlasse ich mich nicht.

Wieder endet eine äußere Rolle

Heute stehe ich erneut an einem Übergang.

Mein letzter Arbeitstag war am vergangenen Freitag. Ende August endet mein Arbeitsverhältnis offiziell und am 7. September beginnt mein Studium.

Diesmal wurde mir nichts weggenommen. Ich habe selbst gekündigt und mich bewusst für einen neuen Weg entschieden.

Trotzdem fällt mit dem Beruf wieder etwas weg, das mir Struktur, Zugehörigkeit, Einkommen und eine klare Rolle gegeben hat. Das Alte ist beendet und das Neue noch nicht gelebt.

Vielleicht beschäftigt mich der Selbstwert deshalb gerade so intensiv.

Doch ich bin müde davon, immer noch weiter in die Vergangenheit zu schauen und hinter jeder Bewegung eine weitere alte Wunde zu suchen. Vielleicht muss ich diesmal nicht herausfinden, woher alles ursprünglich kommt.

Vielleicht genügt es zu erkennen:

Eine äußere Identifikation löst sich. Deshalb wird mein innerer Boden vorübergehend unsicher.

Ein Video zur richtigen Zeit

Heute sah ich ein astrologisches Video über die Zeit zwischen zwei Finsternissen. Darin ging es um alte Identifikationen, die sich lösen, um die Mondknotenachse zwischen Löwe und Wassermann und um Menschen und Lebensbereiche, deren Zeit möglicherweise erfüllt ist.

Ein Gedanke hat mich besonders getroffen: Nicht unser Strahlen sei anstrengend. Anstrengend seien all die Mechanismen, mit denen wir unser eigenes Licht kleinhalten.

Vielleicht bin ich nicht nur müde vom Zurückschauen.

Vielleicht bin ich müde davon, meinen Wert kontrollieren und absichern zu wollen.

Mein Perfektionismus und mein innerer Kritiker haben jahrelang sehr viel Kraft gebunden:

Mach keinen Fehler. Sei gut genug. Sorge dafür, dass niemand einen Grund hat, dich zu verlassen.

In meinem Horoskop liegt der Löwe im ersten Haus und der Wassermann im siebten. Das erste Haus steht in der astrologischen Bildsprache für das Ich, die eigene Identität und die Art, wie ich in die Welt trete. Der Löwe berührt meine Würde und Sichtbarkeit.

Das siebte Haus beschreibt das Gegenüber und die Partnerschaft. Der Wassermann steht dort für mich für eine Verbindung zwischen zwei eigenständigen Menschen – für Freiheit, Augenhöhe und ein Wir, in dem beide sie selbst bleiben dürfen.

Diese Achse stellt mir genau die Frage, die mir auch im Beziehungs-Gitter begegnet:

Wie bleibe ich ich, während ich mit einem anderen Menschen verbunden bin?

Im Video wurde außerdem von einem Zyklus von ungefähr 18,5 Jahren gesprochen. Vor etwa 18,5 Jahren war ich mit meiner ersten Freundin zusammen – und mit ihr hatte ich erst kürzlich wieder Kontakt.

Ich möchte daraus kein kosmisches Gesetz ableiten. Aber die zeitliche Übereinstimmung berührt mich. Vielleicht kehrt nicht einfach ein alter Mensch zurück. Vielleicht kehrt eine alte Frage zurück, der ich heute mit einem anderen Bewusstsein begegne:

Was geschieht mit meinem Wert, wenn ein Mensch mich wählt – oder nicht wählt?

Menschen dürfen gehen

Früher konnte das Gehen eines Menschen in mir zu einem Urteil werden:

Ich war nicht wichtig genug. Ich hätte mehr tun müssen. Ich bin es nicht wert.

Heute bemerke ich, dass ich Menschen ziehen lassen kann, ohne ihren Abschied auf mich zu beziehen.

Das bedeutet nicht, dass sie mir nichts bedeutet haben. Ich muss sie weder entwerten noch unsere Verbindung nachträglich für unwahr erklären. Aber ich muss auch nicht mehr hinterherlaufen.

Menschen dürfen gehen.

Ihre Entscheidung nimmt mir meinen Wert nicht.

Vielleicht ist genau das eine Bewegung in die Mitte: verbunden bleiben zu können, ohne festzuhalten, und loszulassen, ohne sich abzumauern.

Der Mensch steht in der Seele

Dann fiel in dem Video ein Satz, der mein Bewusstsein gesprengt hat:

Der Mensch ist in der Seele – nicht die Seele im Menschen.

Bisher hatte ich mir die Seele vielleicht wie einen kostbaren, aber kleinen Kern in meinem Körper vorgestellt. Etwas, das ich finden, heilen und zum Leuchten bringen muss.

Doch in diesem anderen Bild ist die Seele groß.

Nicht sie befindet sich in mir.

Ich befinde mich in ihr.

Mein Körper, meine Persönlichkeit, meine Beziehungen, meine beruflichen Rollen und meine Ängste stehen in einem viel größeren seelischen Raum.

Dieses Bild verändert meine Vorstellung von Selbstwert.

Wenn ich in meiner Seele stehe, muss ich meinen Wert nicht herstellen. Ich muss ihn weder durch Erfolg noch durch eine Partnerschaft beweisen.

Ein Beruf kann enden, ohne dass meine Seele kleiner wird.

Ein Mensch kann gehen, ohne dass mit ihm mein Wert verschwindet.

Vielleicht entsteht ein Selbstwerteinbruch in dem Moment, in dem ich mich mit einem kleinen Ausschnitt meines Lebens verwechsle und glaube, mit dessen Verlust gehe auch ich verloren.

Doch ich bin größer als die Rolle, die gerade endet.

Nicht größer als andere Menschen.

Aber größer als jedes einzelne Bild, das ich von mir erschaffen habe.

Der Mensch, der offen ist

Während ich über all das nachdachte, sagte meine Partnerin heute, was sie besonders an mir schätzt: wie viel ich in unsere Partnerschaft investiere und dass ich ein so großes Herz habe.

Ihre Worte haben mich tief berührt.

Nicht, weil sie meinen Wert erst erschaffen. Sie spiegeln mir etwas, das bereits zu mir gehört.

Und ich bin sehr dankbar, Irene an meiner Seite zu haben.

Nach meiner früheren Trennung konnte ich mir kaum vorstellen, wie ein Mensch ohne meine Ausbildungen mit mir zusammen sein sollte. Wie sollte mich jemand verstehen, der sich nicht auf dieselbe Weise mit Karma, unbewussten Dynamiken und der Seele beschäftigt hatte?

Vielleicht glaubte ich, eine Partnerin müsse meine gesamte innere Landkarte kennen.

Meine Schwester wünschte mir damals etwas viel Wesentlicheres: einen Menschen, der offen ist.

Das ist Irene.

Sie muss nicht dasselbe wissen wie ich. Sie muss meine Weltsicht auch nicht in jedem Punkt teilen. Aber sie hört zu, lässt sich berühren und ist bereit, sich mit mir und mit unserer Beziehung zu entwickeln.

Wissen allein schafft keine Verbindung.

Offenheit kann eine schaffen.

Ich darf ihre Liebe empfangen, ohne sie zur Grundlage meines Wertes zu machen. Selbstwert bedeutet nicht, dass ich keine Bestätigung mehr annehmen darf. Es bedeutet nur, dass die Worte eines anderen Menschen meinen Wert spiegeln können, aber nicht erschaffen müssen.

Heute sitzt jemand neben mir

Damals musste ich lernen, allein mit mir auf dem Küchenboden Kaffee zu trinken.

Heute darf wieder ein Mensch neben mir sitzen.

Nicht, damit sie mir meinen Wert gibt.

Nicht, weil sie dieselben Ausbildungen gemacht hat oder jedes meiner spirituellen Bilder teilt.

Sondern weil wir beide unsere Verbindung nähren möchten.

Vielleicht ist das die Bewegung zwischen Löwe im ersten und Wassermann im siebten Haus:

Ich darf ich sein. Du darfst du sein. Wir müssen nicht denselben Weg gegangen sein. Wir begegnen uns in unserer Verschiedenheit – und bilden trotzdem ein Wir.

Menschen dürfen gehen.

Menschen dürfen bleiben.

Ich stehe in meiner Seele.

Sie ist groß genug, dass ich niemanden festhalten muss.

Und sie ist offen genug, dass ich den Menschen, der an meiner Seite steht, aus ganzem Herzen lieben kann.


Zum Weiterlesen

Das im Text erwähnte „Relationship Grid" wurde vom amerikanischen Paartherapeuten Terry Real im Rahmen der Relational Life Therapy entwickelt. Es verbindet die Dimensionen Selbstwert und persönliche Grenzen und beschreibt vier ungesunde Beziehungspositionen sowie eine gesunde Mitte: Terry Real – The Relationship Grid Explained.

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