Über zwei Kulturen in einem Inneren, eine verdeckte Sprache, die wieder Licht bekommt – und die Frage, was innere Heimat wirklich bedeutet.

Das Elsass in mir

3. September 2026

Das Elsass in mir

Ich bin gerade in Strassburg.

Für mich verkörpert das Elsass vieles von dem, was ich in meinem Inneren trage: die deutsche und die französische Kultur. Zwei Sprachen, zwei unterschiedliche Lebensgefühle und zwei Geschichten, die sich nicht immer friedlich nebeneinander entfalten durften.

Es ist nicht so einfach, mit zwei Kulturen in sich zu leben.

Von aussen kann das bereichernd aussehen. Zwei Länder, zwei Sprachen, zwei Zugänge zur Welt. Aber innerlich bedeutet es nicht automatisch, dass sich beide Seiten gleichermassen zeigen können. Manchmal wird eine von ihnen lauter. Manchmal passt sich die andere an. Und manchmal wird eine Seite so sehr verdeckt, dass man beinahe vergisst, dass sie überhaupt da ist.

Das Französische unter dem Deutschen

In einer Aufstellung wurde dieses innere Verhältnis einmal sehr deutlich sichtbar.

Das Französische war vom Deutschen vollständig verdeckt.

Dieses Bild ist mir geblieben.

Es bedeutete nicht, dass meine deutsche Seite falsch oder schlecht wäre. Aber sie stand so im Vordergrund, dass vom Französischen kaum noch etwas zu sehen war.

Vielleicht war das Deutsche in meinem bisherigen Leben selbstverständlicher verfügbar. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, habe dort gearbeitet und mich in deutschen Strukturen bewegt. Diese Seite musste nicht eigens gesucht werden. Sie war da, wurde angesprochen und hatte einen festen Platz.

Das Französische war ebenfalls in mir. Aber es war weniger sichtbar.

Während meines Urlaubs in Frankreich habe ich gemerkt, dass sich daran etwas verändert. Es fühlt sich an, als hätte ich meine französische Seite in den vergangenen Tagen regelrecht gegossen.

Nicht theoretisch. Nicht indem ich mir sagte, dass ich schliesslich auch Französin bin.

Ich habe sie durch mein Erleben genährt: durch die Sprache, die Städte, die Kunst, das Essen, das Sich-treiben-Lassen und die Art, wie ich mich hier durch den Tag bewege.

Etwas in mir, das lange verdeckt war, bekommt plötzlich wieder Licht.

Eine Fahrt durch Strassburg

Heute sass ich in Strassburg auf einem Schiff.

Während wir durch die Stadt fuhren, wurde von der Germanifizierung des Elsass erzählt und davon, dass Französisch zeitweise nicht mehr gesprochen werden durfte.

In diesem Moment musste ich an meinen Grossvater denken.

Er durfte später in Deutschland mit seinen eigenen Kindern kein Französisch sprechen.

Plötzlich standen diese beiden Geschichten nebeneinander.

Im Elsass sollte das Französische dem Deutschen weichen. In der Geschichte meines Grossvaters durfte die französische Sprache ebenfalls keinen selbstverständlichen Platz haben.

Die Zeiten, Orte und genauen Umstände waren andere. Aber in mir berührten sich die Geschichten an einem Punkt:

Eine Sprache darf nicht gesprochen werden. Ein Teil der Herkunft soll zurücktreten. Etwas Eigenes muss unsichtbar werden, damit Zugehörigkeit möglich bleibt.

Vielleicht hat mich die Erzählung auf dem Schiff deshalb so getroffen. Ich hörte nicht nur etwas über die Geschichte dieser Region. Ich erkannte eine Bewegung wieder, die auch durch meine Familie und mein Inneres geht.

Das Elsass war in diesem Moment nicht irgendein Reiseziel.

Es wurde zu einem Bild für mich selbst.

Wenn Sprache verschwindet

Eine Sprache besteht nicht nur aus Wörtern.

Mit ihr verbinden sich Erinnerungen, Gesten, Melodien, Humor und eine bestimmte Art, die Welt zu betrachten. Es gibt Empfindungen, die sich in einer Sprache anders ausdrücken als in einer anderen. Manchmal verändert sich sogar die eigene Stimme.

Wenn eine Sprache nicht gesprochen werden darf, verstummt deshalb mehr als ein Kommunikationsmittel.

Ein ganzer Zugang zum Leben kann leiser werden.

Ich frage mich, was über die Generationen hinweg verloren geht, wenn Eltern nicht in ihrer eigenen Sprache mit ihren Kindern sprechen dürfen. Welche Geschichten werden nicht erzählt? Welche Zärtlichkeit klingt plötzlich anders? Welche Seite eines Menschen findet keinen Ausdruck mehr?

Und was geschieht mit den Nachkommen?

Vielleicht tragen sie etwas weiter, für das ihnen zunächst die Worte fehlen. Sie spüren eine Zugehörigkeit, können sie aber nicht selbstverständlich leben. Etwas ist da und bleibt trotzdem verdeckt.

In meiner Aufstellung hatte dieses Verdeckte eine Form bekommen:

Das Französische stand hinter dem Deutschen.

Hier in Frankreich beginnt es, wieder hervorzutreten.

Mein französisches Lebensgefühl

Ich liebe meine französische Energie.

Damit behaupte ich nicht, dass alle Französinnen leicht sind oder dass es in der französischen Kultur keine Schwere gibt. Ich spreche von meiner ganz persönlichen inneren Zuordnung.

In meiner französischen Seite sitzt mein Savoir-vivre.

Dort finde ich die Fähigkeit, mich dem Leben hinzugeben, Schönheit nicht als Nebensache zu behandeln und einen Tag nicht ausschliesslich danach zu beurteilen, was ich erledigt habe.

Diese Seite kann sich treiben lassen.

Sie kann in einem Café sitzen, Menschen beobachten und den Augenblick geniessen, ohne sofort wissen zu müssen, wozu das gut ist. Sie lässt sich von einem Gemälde, einer Fassade, einem Gespräch oder einem Essen berühren. Sie kennt Genuss nicht nur als Belohnung nach getaner Arbeit, sondern als Teil des Lebens.

In ihr lebt meine Leichtigkeit.

Und ich merke, dass ich mich über diese Seite auch leichter an mein Frausein anschliessen kann.

Nicht an eine festgelegte Vorstellung davon, wie eine Frau sein soll. Es geht nicht um Kleidung, Rollen oder eine äussere Inszenierung. Es geht um mein eigenes Empfinden von Weiblichkeit: um Sinnlichkeit, Empfänglichkeit, Schönheit, Bewegung und die Erlaubnis, mich berühren zu lassen.

In Frankreich muss ich diese Seite weniger herstellen.

Sie ist plötzlich einfach da.

Zwei Kulturen bedeuten nicht zwei Hälften

Lange dachte ich vielleicht, ich müsste herausfinden, wohin ich eigentlich gehöre.

Bin ich deutsch oder französisch? Welche Seite ist stärker? Welche ist wahrer? Wo bin ich wirklich zu Hause?

Doch zwei Kulturen in sich zu tragen bedeutet nicht, aus zwei unvollständigen Hälften zu bestehen.

Ich bin nicht halb deutsch und halb französisch.

Beides hat sich in mir verbunden und etwas Eigenes hervorgebracht. Trotzdem sind die beiden Seiten nicht immer gleich gut erreichbar. Das Deutsche konnte viel Raum einnehmen, während das Französische dahinter verschwand.

Vielleicht geht es deshalb zunächst gar nicht um ein vollkommenes Gleichgewicht.

Ich muss die beiden Kulturen nicht gerecht aufteilen. Ich muss auch noch nicht genau wissen, was meine deutsche Seite mir gibt und wie beide am Ende zusammengehören.

Im Moment geschieht etwas Einfacheres:

Ich lasse das Französische wieder sichtbar werden.

Ich gebe ihm Raum, ohne dafür das Deutsche fortschicken zu müssen.

Nicht noch einmal verbieten

Vielleicht besteht meine Aufgabe nicht darin, den Konflikt zwischen zwei Ländern in mir endgültig zu lösen.

Diese Geschichte ist grösser als ich. Sie reicht durch Grenzen, Kriege, politische Entscheidungen und Familien hindurch. Ich kann nicht rückgängig machen, welche Sprache zu welcher Zeit an welchem Ort unerwünscht war.

Aber ich kann heute entscheiden, wie ich mit beiden Seiten in mir umgehe.

Ich muss die alte Bewegung nicht fortsetzen.

In mir soll keine Sprache mehr verboten werden.

Das Deutsche darf da sein. Das Französische muss sich nicht länger dahinter verstecken. Beide dürfen einen eigenen Klang haben, ohne sich gegenseitig zum Schweigen zu bringen.

Vielleicht bedeutet innere Heimat nicht, sich endlich für eine Seite entschieden zu haben.

Vielleicht entsteht sie dort, wo alles, was zu mir gehört, sichtbar werden darf.

Das Elsass als innere Landschaft

Deshalb berührt mich Strassburg so sehr.

Ich sehe französische und deutsche Einflüsse nebeneinander. Ich höre von wechselnden Zugehörigkeiten und von Menschen, deren Sprache durch politische Macht bestimmt wurde. Ich bewege mich durch eine Landschaft, die nicht sauber in eine einzige kulturelle Erzählung passt.

Und darin erkenne ich mich.

Auch ich bin keine eindeutige Geschichte.

Ich trage verschiedene Prägungen, Sprachen und Lebensgefühle in mir. Sie bilden nicht immer eine harmonische Einheit. Manches war lange sichtbar, anderes verdeckt. Manches kenne ich gut, anderes hole ich gerade erst zu mir zurück.

Während dieser Reise habe ich meine französische Seite gegossen.

Ich habe ihr zugehört, sie genährt und mich von ihr daran erinnern lassen, wie viel Leichtigkeit, Sinnlichkeit und Lebensfreude in mir liegt.

Vielleicht muss ich mich nicht entscheiden, ob ich deutsch oder französisch bin.

Vielleicht besteht meine Aufgabe darin, dafür zu sorgen, dass in mir keine der beiden Sprachen mehr verboten wird.

Und gerade fühlt es sich an, als würde etwas, das lange hinter mir stand, langsam neben mich treten.

Nicht gegen das Deutsche.

Sondern endlich sichtbar.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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