Danke, dass du mitfährst

4. August 2026

Danke, dass du mitfährst

Über das Nehmen, die Eigenverantwortung und eine Dankbarkeit, die kein Muss sein soll.

Warum muss ich Danke sagen?

Heute Morgen sagte meine Partnerin zu mir, ich könnte vielleicht auch einmal Danke sagen, statt zu kritisieren.

Danke dafür, dass sie all meine Achterbahnfahrten mitmacht. Denn das kostet auch sie viel Energie.

Überraschenderweise blieb ich ziemlich ruhig. Natürlich kam Ärger auf, doch ich holte für einen Moment meine Eiskönigin hervor. Sie friert meine Gefühle kurz ein, wenn sie drohen, mich zu überwältigen. Nicht, damit sie verschwinden. Sie verschafft mir Zeit, bevor ich aus ihnen heraus reagiere.

Unter dem Eis entstand eine Frage:

Warum muss ich dafür dankbar sein?

Es ging mir nicht darum, die Begleitung meiner Partnerin geringzuschätzen. Mich beschäftigte das Wort müssen.

Wie oft sage ich Danke, weil ich es wirklich empfinde? Und wie oft sage ich es aus sozialen Gründen, weil ich gelernt habe, dass man dieses Wort eben sagt?

Das Thema Projektion lasse ich an dieser Stelle bewusst außen vor. Es verdient einen eigenen Beitrag.

Während ich weiter über das Danken nachdachte, erinnerte ich mich an mein letztes Ausbildungsmodul. Dort beschäftigten wir uns mit dem Nehmen der Eltern.

Plötzlich standen zwei Fragen nebeneinander:

Warum muss ich Danke sagen?

Und kann ich wirklich nehmen, ohne dankbar zu sein?

Die Eltern und das Leben nehmen

In dem Verständnis, dem ich während des Moduls begegnete, können wir erst dann vollständig in unser erwachsenes Leben treten, wenn wir unsere Eltern und das Leben nehmen, das durch sie zu uns gekommen ist.

Ich bin aus meinen Eltern hervorgegangen. Sie leben in meinem Körper, meiner Geschichte und in vielem, was mich ausmacht. Wenn ich sie zurückweise, weise ich deshalb auch etwas von mir selbst zurück.

Meine Eltern zu nehmen bedeutet für mich, sie vollständig zu nehmen. Nicht nur die Seiten, mit denen ich einverstanden bin. Nicht nur das, was sich liebevoll oder angenehm angefühlt hat.

Ich nehme auch das, was geschehen ist.

Ich heiße es gut, weil es Teil des Lebens ist, das zu mir gekommen ist. In meinem Weltbild ist nichts falsch. Jede Erfahrung gehört zu der Vielfalt, die ich auf der Erde erleben kann.

Das Geschehene muss deshalb nicht nachträglich anders werden. Ich muss meine Eltern nicht korrigieren, bevor ich mein Leben nehmen darf.

Ich nehme sie, wie sie waren.

Und damit nehme ich mich.

In der systemischen Arbeit wird manchmal davon gesprochen, dass Kinder ihren Eltern gegenüber in einer „Schuld“ stehen, weil sie von ihnen das Kostbarste empfangen haben: das Leben.

Mit diesem Wort hadere ich. In meinem Weltbild gibt es keine moralische Schuld. Für mich beschreibt es eher eine unumkehrbare Richtung des Gebens.

Meine Eltern gaben mir das Leben. Ich kann es ihnen weder zurückgeben noch mit einer gleichwertigen Gegenleistung ausgleichen. Ich kann es nur nehmen, etwas daraus machen und es auf meine Weise weitertragen.

Darin liegt für mich auch eine Verbindung zum Erfolg. Wenn ich mich traue, das Leben zu nehmen, darf ich auch nehmen, was es mir anbietet: Freude, Möglichkeiten, Sichtbarkeit und Erfolg.

Oder bleibe ich innerlich ein Kind, das mit 37 Jahren darauf wartet, dass die Mutter zuerst etwas nachholt, bevor das eigene Leben beginnen darf?

Ich sehe darin eine mögliche Grenze bestimmter Formen der inneren Kindarbeit. Wenn sich alles ausschließlich darum dreht, was wir nicht bekommen haben, kann das innere Kind in einer wartenden Haltung bleiben. Es blickt weiterhin zu den Eltern und hofft, dass von dort endlich kommt, was damals gefehlt hat.

An diesem Punkt beginnt meine Eigenverantwortung.

Sie bedeutet für mich nicht, meine kindlichen Erfahrungen zu leugnen. Sie bedeutet, nicht länger von meinen Eltern zu verlangen, dass sie mein heutiges Leben möglich machen.

Das Leben wurde mir gegeben.

Jetzt liegt es bei mir, es zu nehmen.

Ich entscheide, was ich damit mache, wohin ich gehe und wie viel Erfolg, Freude und Lebendigkeit ich mir erlaube.

Vielleicht werde ich genau dort erwachsen: nicht wenn alle offenen Wünsche erfüllt sind, sondern wenn ich aufhöre, sie zur Voraussetzung für mein Leben zu machen.

Während des Ausbildungsmoduls bekam diese Bewegung einen Körper.

Eine Frau stand als Stellvertreterin für meine Mutter vor mir. Ich sollte hinspüren, ob ich zu ihr gehen konnte.

Von außen sah das vermutlich sehr berührend aus. Ich ließ mir Zeit, spürte jeden Schritt und bewegte mich langsam auf sie zu. Schließlich nahm ich sie in den Arm.

Da war Nähe. Da war Wärme.

Dann löste ich mich wieder aus der Umarmung, sah ihr in die Augen und lächelte. Ich ging ein Stück zurück, um zu prüfen, wie es sich anfühlte, mich von ihr zu entfernen.

Unter dieser Bewegung lag eine Verunsicherung:

Darf ich wirklich gehen, wenn ich gehen möchte?

Braucht meine Mutter vielleicht doch noch?

Ich hatte nicht nur Angst davor, nicht gehalten zu werden. Ich traute meiner Mutter auch nicht zu, mich zu halten und anschließend wieder loszulassen. Vielleicht fürchtete ich, sie könne selbst nicht stehen bleiben, wenn ich gehe.

In diesem Moment wurde mir bewusst, dass Nehmen und Gehen keine Gegensätze sein müssen.

Ich kann meine Mutter nehmen, ohne bei ihr bleiben zu müssen.

Ich kann ihre Umarmung annehmen und mich anschließend lösen.

Ich kann das Leben nehmen und damit in meine eigene Richtung gehen.

Was ich meiner Partnerin zutraue

Vielleicht reicht diese Bewegung bis in meine Partnerschaft.

Wenn ich meine Eltern innerlich nicht nehmen kann, trage ich die offenen Fragen möglicherweise in meine Beziehungen. Dann soll der Mensch an meiner Seite halten, was ursprünglich zwischen mir und meinen Eltern entstanden ist. Er wird zur Projektionsfläche für Wünsche, Ängste und Erwartungen, die älter sind als unsere Begegnung.

Das kann für beide anstrengend werden.

Vielleicht traue ich meiner Partnerin manchmal ebenso wenig zu, mich in meinen Achterbahnfahrten halten zu können, wie ich es damals meiner Mutter zugetraut habe.

Ich sehe meine Intensität und weiß, wie turbulent es mit mir werden kann. Daraus kann der Gedanke entstehen, ich müsse meine Partnerin schützen, meine Bewegungen kontrollieren oder für sie entscheiden, was sie tragen kann.

Doch meine Partnerin ist erwachsen.

Wenn sie bleibt, ist das ihre Entscheidung. Sie kann wahrnehmen, was ihr möglich ist, eine Grenze setzen oder aus einer Umarmung treten, wenn sie gehen möchte.

Vielleicht achte ich ihre Größe gerade dann, wenn ich ihr zutraue, das selbst zu wissen.

Und vielleicht darf ich gleichzeitig sehen, dass ihre Entscheidung Kraft kostet.

Ich bin Künstlerin. Ich gehe all in, weil ich möglichst viele Ecken des Menschseins erfahren möchte. Das kann turbulent werden. Langweilig wird es mit mir vermutlich nicht, und ich habe in meinem Leben bereits unglaublich viel erlebt.

Lange wusste ich nicht, wohin mit all diesen Erfahrungen. Jetzt habe ich im Schreiben ein Ventil und eine Form gefunden – einen meiner vermutlich vielen künstlerischen Ausdrücke.

Meine Achterbahn bekommt dadurch Schienen.

Das bedeutet nicht, dass sie plötzlich zu einer gemütlichen Zugfahrt wird. Aber meine Intensität bewegt sich nicht mehr nur ungebremst durch Beziehungen. Sie kann zu Sprache, Bildern und Texten werden.

Meine Partnerin fährt trotzdem mit.

Nicht weil sie muss. Nicht weil ich für sie entschieden habe, dass sie es kann. Sie entscheidet sich selbst dafür – und setzt dabei ihre Zeit, ihre Aufmerksamkeit und ihre Energie ein.

Vielleicht löst sich genau hier meine Frage vom Anfang.

Ich muss nicht Danke sagen, weil man das so macht.

Ich möchte Danke sagen, weil ich sehe.

Ich sehe die Kraft, die es kosten kann, mit mir durch meine inneren Landschaften zu gehen. Ich sehe, dass meine Partnerin nicht einfach eine Funktion in meinem Leben erfüllt. Sie ist ein eigener Mensch, der sich immer wieder für die Verbindung entscheidet.

Das Wort selbstverständlich verändert dadurch seine Bedeutung.

Ich möchte ihre Liebe selbstverständlich nehmen dürfen, weil ich ihr vertraue.

Aber ich möchte sie nicht für selbstverständlich nehmen und darüber vergessen, sie wirklich zu sehen.

Vielleicht ist Dankbarkeit genau diese Bewegung: das Geschenk anzunehmen, ohne es zu übersehen.

Danke, dass du mitfährst.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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