Über anderthalb Wochen an der Uni, die plötzliche Leichtigkeit in einer Clique und die Erkenntnis, warum bindungssichere Menschen selten in Therapie-Seminaren zu finden sind.

Aufwachen aus einem alten Albtraum

17. September 2026

Aufwachen aus einem alten Albtraum

Ich bin jetzt seit knapp anderthalb Wochen an der Uni. Und wenn ich ehrlich bin, ist immer noch alles unglaublich surreal für mich.

Das kann man sich von außen wahrscheinlich gar nicht so richtig vorstellen. Und vielleicht klingt es für jemanden, der das nie vermisst hat, sogar total arm. Aber ich bin seit gestern einfach so in einer Clique aufgenommen worden.

Ich musste mich nicht anstrengen. Ich musste mich nicht beweisen. Ich musste keine Leistung erbringen, nicht brav sein, nicht funktionieren. Nichts. Ich bin einfach da – und ich passe dazu.

Die Erkenntnis über die Orte, an denen wir suchen

In den letzten Tagen ist mir plötzlich ein Licht aufgegangen. Eine Erkenntnis, die so simpel ist und mir gleichzeitig wie Schuppen von den Augen fiel:

Die 70 Prozent an bindungssicheren Menschen, die da draußen durchs Leben gehen – die sind schlichtweg nicht an den Orten zu finden, an denen ich mich all die Jahre aufgehalten habe.

Sie sitzen nicht in Therapiegruppen, nicht auf Selbsterfahrungs-Seminaren und nicht an Orten, die primär der Heilung dienen. Eigentlich ist das absolut logisch. An diesen Orten befinden sich natürlich vor allem Menschen mit schweren Verletzungen, Traumata und komplexen Schicksalen. Und genau diese Menschen haben eben oft massive Themen mit Bindung, Vertrauen und Nähe.

Es fühlt sich für mich gerade an, als wäre ich aus einem jahrelangen Albtraum aufgewacht. Einem Albtraum, in dem ich mich so oft einsam, unverstanden und wie eine Außenseiterin gefühlt habe, die verzweifelt versucht hat, irgendwie dazuzugehören. Aber egal, was ich tat: Irgendetwas hat nie gepasst.

Der „Drahtseilakt“ und die Leichtigkeit natürlicher Bindung

Erst vor Kurzem hat mir wieder jemand geschrieben, dass der Kontakt zu mir ein „Drahtseilakt“ sei und es „maximaler Aufmerksamkeit bedarf“, mit mir im Austausch zu sein.

Natürlich kenne ich den schlau klingenden Abreißkalender-Spruch, dass so eine Aussage mehr über den anderen aussagt als über mich. Und trotzdem: Es tut weh, so etwas geschrieben zu bekommen. Im ersten Augenblick kam da wieder dieser riesige, alte Schmerz hoch. Die alte, giftige Frage: Was stimmt bloß nicht mit mir?

Umso heilsamer ist das, was ich jetzt erleben darf.

Es tut so unfassbar gut, mit Menschen zusammen zu sein, die schlichtweg kein Problem mit Nähe und Distanz haben. Sie tragen keine alten Verstrickungen in jede Alltagssituation hinein – und genau deshalb sind sie so entspannt im Umgang. Wir gehen einfach zusammen Kaffee trinken (ich kenne inzwischen den besten Kaffee-Spot in ganz Chur!) und das Gespräch plätschert unkompliziert vor sich hin.

Oder diese kleine Szene neulich: Wir sprachen übers Töpfern und eine Kommilitonin erzählte, dass zwei Freundinnen von ihr gerade ein Atelier eröffnet haben. Ich meinte nur voller Begeisterung: „Boah geil, ich suche schon ewig nach einem Kurs für Töpfern an der Drehscheibe!“ Sie sagt ganz entspannt: „Gib mir kurz deine Nummer, ich schicke dir den Link.“ Und abends schickt sie ihn einfach fertig.

Sowas bin ich schlichtweg nicht gewohnt. Ja, wie traurig das klingt, weiß ich selbst. Ich hatte in der Vergangenheit so unglaublich viel Drama in zwischenmenschlichen Beziehungen, dass man es sich kaum vorstellen kann.

Echte Blicke statt Fernbeziehungen

Meine letzte Strategie vor dem Studium war im Grunde schon fast eine Verzweiflungstat. Ich dachte mir mit einer gehörigen Portion Galgenhumor: „Gut, dann habe ich ab jetzt eben nur noch Therapeuten als Freunde!“

Das Blöde daran war nur: Die wohnen alle weit weg.

Und so wertvoll diese Kontakte auch sind – es ist einfach nicht dasselbe. Es ist nicht derselbe echte, lebendige Kontakt wie jetzt hier an der Uni. Wenn mir eine Person gegenübersteht, mich anlächelt, mir in die Augen schaut, wenn ich ihre Stimme spüre und wir im selben Raum sind.

Kein Drahtseilakt. Kein Überlegen, was man sagen darf. Kein Verbiegen.

Einfach nur Kaffee trinken, Töpfer-Links teilen, lachen und ankommen.

Danke an die Susann, die durchgehalten hat

Mitten in all dieser neuen Leichtigkeit spüre ich immer wieder eine so tiefe, ergreifende Dankbarkeit in mir aufsteigen.

Eine Dankbarkeit dafür, dass ich überlebt habe. Dass ich durchgehalten habe. Dass ich – obwohl ich so unglaublich oft aufgeben wollte und die Last kaum noch tragen konnte – am Ende doch nicht aufgegeben habe.

Ich bin stehengeblieben. Ich bin weitergegangen. Und heute darf ich die Ernte dafür einfahren.

Ich dachte so oft, ich sei falsch. Aber ich war nicht falsch – ich war nur am falschen Ort. Heute stehe ich im warmen Licht meiner neuen Realität und weiß: Das Durchhalten hat sich gelohnt.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

Schreib mir

Diese Website verwendet notwendige Cookies und – mit deiner Einwilligung – Google Analytics zur anonymisierten Reichweitenmessung. Details in der Datenschutzerklärung.