Über den Unterschied zwischen Goodbye und Aua – und warum der erste Schritt für mich kleiner und mutiger ist, als ich lange dachte.

Aua sagen

20. September 2026

Aua sagen

Ich habe lange etwas verwechselt.

Ich dachte, für mich einzustehen bedeute, einen Kontakt beenden zu müssen. Ein endgültiges Goodbye zu sagen. Stark zu sein, eine Tür zuzumachen und nicht zurückzuschauen.

Heute ahne ich: Der erste Schritt ist kleiner. Und vielleicht viel mutiger.

Er lautet nicht Goodbye.

Er lautet: Aua. Hör auf damit.

Der Satz, der mich getroffen hat

Ich habe einen Satz gelesen, der seitdem in mir arbeitet. Es ging darum, dass Kontakt mit mir eine Drahtseilwanderung sei. Dass er viel Aufmerksamkeit und Präsenz brauche. Dass da, neben allem Potenzial, ein Grund-Risiko bleibe.

Ich weiss, dass Menschen einander herausfordern können. Ich weiss auch, dass Nähe nicht immer einfach ist. Aber als ich das las, fühlte ich mich nicht als Gegenüber gesehen. Ich fühlte mich wieder auf einem Prüfstand.

Als wäre ich das Risiko.

Als müsste ich mich so verhalten, dass der andere in Beziehung bleiben kann.

Nicht zuerst Wut kam hoch. Eher Scham. Und ein alter Satz, den ich viel zu gut kenne:

Es tut mir leid, wenn ich nicht genug bin, dass du in Beziehung bleiben kannst.

Als wäre es meine Aufgabe, genug zu werden. Angenehm genug. Ruhig genug. Einfach genug. So angepasst, dass der andere nicht irritiert ist und bleibt.

Ich habe nicht Aua gesagt

Im Grunde konnte lange viel mit mir gemacht werden. Menschen konnten mich missverstehen, ihre Themen an mir abladen, mich auf Abstand halten oder mich in eine Rolle drücken.

Und ich habe nicht richtig Aua gesagt.

Ich habe erklärt. Ich habe Verständnis gesucht. Ich habe mich gefragt, ob ich etwas falsch gemacht habe. Ich habe versucht, die andere Person und ihre Gefühle mitzudenken.

Alles, nur nicht diesen einen schlichten Satz:

Das tut mir weh.

So möchte ich nicht behandelt werden.

Vielleicht hatte ich Angst, damit die Verbindung zu verlieren. Vielleicht dachte ein Teil von mir, ich dürfe erst protestieren, wenn ich absolut sicher bin, im Recht zu sein.

Aber ich muss nicht erst einen Prozess gewinnen, um eine Grenze zu haben.

Ich bin kein Risiko

Ich möchte nicht behaupten, dass ich immer leicht bin. Ich nehme viel wahr. Ich spüre Spannungen, Unausgesprochenes und Zusammenhänge, die ein anderer vielleicht gerade lieber nicht anschauen möchte.

Früher dachte ich dann: Ich habe den Elefanten in den Raum gestellt.

Heute glaube ich: Ich habe ihn nicht hineingebracht. Ich habe ihn nur gesehen.

Manchmal spreche ich ihn nicht einmal an. Und trotzdem verändert sich etwas. Nicht, weil ich etwas verursache, sondern weil ich nicht mehr vollständig bei einer stillen Verleugnung mitmache.

Das kann irritieren. Aber die Irritation eines anderen Menschen ist nicht automatisch meine Schuld und auch nicht meine Verantwortung.

Meine Verantwortung liegt darin, respektvoll zu bleiben. Wahrnehmungen nicht als Wahrheit über den anderen festzuschreiben. Grenzen zu achten. Doch ich bin nicht dafür verantwortlich, mich so klein zu machen, dass niemand mehr etwas an sich selbst spüren muss.

Ich bin kein Risiko, das man vorsichtig umschiffen muss.

Ich bin ein Mensch.

Wenn sich ein Weg verändert

Vielleicht trifft mich das alles so tief, weil ich lange geglaubt habe: Wenn ich meinen eigenen Weg gehe, verliere ich Verbindung.

Wenn ich nicht mehr in einen gemeinsamen Kontext passe. Wenn ich andere Vorstellungen habe. Wenn ich nicht so bin, wie der andere mich gern hätte oder wie es für ihn bequem wäre.

Dann verliere ich scheinbar nicht nur einen Weg. Dann verliere ich Zugehörigkeit.

Meine Mama sagte einmal zu mir, als sie mich mit meinem damaligen Weltbild nicht wirklich verstehen konnte: „In einer Stadt können mehrere Kirchen stehen.“

Dieser Satz hat mich tief berührt. Er erinnert mich an eine Möglichkeit, die ich immer wieder vergesse: Wir müssen nicht gleich sein, um verbunden zu bleiben. Unterschiedlichkeit ist nicht automatisch Exil. Ein gemeinsamer Kontext darf sich verändern, ohne dass die Verbindung zwangsläufig verloren ist.

Und gleichzeitig darf ich anerkennen, dass manche Menschen mich vielleicht nur in einer bestimmten Rolle begleiten können. Das tut weh. Aber es sagt nichts darüber aus, ob ich zu viel bin.

Eine andere Erfahrung von Liebe

Meine Partnerin sagt mir, dass ich etwas Besonderes bin. Und ich spüre, dass es für sie nicht davon abhängt, ob ich unkompliziert bin oder mich anpasse. Sie sieht mich nicht trotz meiner Eigenart, sondern auch darin.

Diese Erfahrung ist für mich noch nicht selbstverständlich. Sie zeigt mir aber, dass es Verbindungen gibt, in denen mein eigener Weg nicht als Angriff erlebt wird. In denen Nähe nicht davon abhängt, dass ich mich kleiner mache.

Für mich ist auch mein Horoskop eine Sprache für diese Erfahrung: Mit meiner Fische-Sonne und Venus im 8. Haus nehme ich viel von dem wahr, was unter der Oberfläche liegt. Mein Mond in Zwillinge möchte verstehen und Worte finden. Und mein Löwe-Aszendent erinnert mich daran, dass ich nicht unsichtbar sein muss, um geliebt zu werden.

Das ist keine Erklärung dafür, dass ich immer recht hätte. Es ist eine Einladung, meine Wahrnehmung behutsam zu halten – und mich dafür nicht mehr zu entschuldigen.

Nicht Goodbye – sondern Stopp

Ein Teil von mir möchte aus Verletzung sagen: Dann lass es doch. Wozu schreibst du überhaupt noch? Dann treffe ich die Entscheidung für uns beide und beende dieses Drama.

Diese Stimme ist nicht kalt. Sie will mich davor schützen, wieder in einer Schwebe zu hängen, während ein anderer Mensch darüber nachdenkt, ob ich ihm zu viel bin.

Aber ich möchte nicht für zwei Menschen entscheiden. Und ich möchte nicht wegstossen, bevor ich überhaupt gesagt habe, dass es weh tut.

Ich darf sagen:

Dieser Satz stellt mich auf einen Prüfstand. Er macht mich zu einem Risiko. Das tut mir weh.

Ich möchte keinen Kontakt, in dem ich mich fortwährend kontrollieren oder beweisen muss, damit Beziehung möglich bleibt.

Das ist kein Angriff. Es ist keine Drohung. Es ist ein Stopp.

Vielleicht kann der andere damit in Beziehung bleiben. Vielleicht nicht. Das ist nicht leicht. Aber es ist auch nicht mehr meine Aufgabe, mich selbst zurückzulassen, damit es leichter wird.

In die Kraft gehen, ohne zu kämpfen

Im Moment warte ich noch. Nicht, weil ich nichts zu sagen hätte, sondern weil ich klar werden möchte. Ich möchte erst sprechen, wenn ich so bei mir bin, dass ich meine Wahrheit nicht im nächsten Moment aus Angst wieder zurücknehme.

Die bevorstehende Aufstellung kann mir dabei vielleicht Rückenwind geben. Nicht indem sie für mich entscheidet, sondern indem sie mir zeigt, welcher Teil in mir sofort weglaufen oder für alle entscheiden möchte – und welcher Teil einfach stehen bleiben kann.

Ich denke dabei an Arwen aus Der Herr der Ringe. Für mich ist sie unglaublich weiblich und stark. Nicht laut. Nicht im Kampf gegen alles. Und doch klar in dem, was sie liebt und wofür sie steht.

Vielleicht ist das die Kraft, die ich lernen möchte.

Nicht: Dann geh doch, weil ich verletzt bin.

Sondern:

Ich zeige mich, wie ich bin.

Du darfst entscheiden, ob und wie du damit in Beziehung sein möchtest.

Aber ich werde mich nicht mehr verlassen, damit du bleiben kannst.

Was dich bewegt hat

Ein Raum, in dem du mir antworten darfst.

Noch ist dieser Raum still.

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